Orwell: The Investigator is watching you

Orwell Kritik Freedom Plaza
Kurz bevor am 12. April 2017 in der Freedom Plaza in Bonton eine Bombe explodiert, identifiziert eine Sicherheitskamera das Gesicht einer Passantin gerade als sie in einen Bus steigt. Nur für einen Moment ist Cassandra Watergate im Bild, aber das genügt bereits, damit sie ins Visier des geheimen Regierungsprogramms „Orwell“ gerät. In mein Visier, denn als frisch angeheuerter Investigator mache ich mich nun daran, mich durch ihren digitalen Fingerabdruck zu wühlen. In den nächsten Tagen sammle ich Postings, höre Telefonate mit und stöbere sogar in den Dateien auf den Computern und Smartphones meiner Verdächtigen. Und das alles legal. Denn Orwell sieht, hört und darf so ziemlich alles. Es liegt nun nur noch an mir, welche Informationen ich tatsächlich an meinen Vorgesetzten weiterreiche und so über Leben und Tod entscheide.

Ein juristisch korrekter Überwachungsstaat

„Orwell“ bedient eine genauso interessante wie wohl aktuelle Prämisse rund um die Frage, ob und wie weit es okay ist, wenn ein Staat in die Privatsphäre einzelner Bürger eindringt, um so vielleicht Terroranschläge und viele Tote zu verhindern. Interessant auch deswegen, weil das gesamte System von „Orwell“ und der Regierung des fiktiven Staates The Nation erstaunlich nah an der Gegenwart wirkt. George Orwells „1984“ bediente die Furcht vor einem Überwachungsstaat durch eine Diktatur – Das nach dem Autor benannte Spiel dagegen die, dass Angst vor Terror zu einer rechtlich sauberen Grundlage für eine andere Art von Überwachungsstaat werden könnte. Jedes neue Profil, in dem der Spieler Informationen über die einzelnen Verdächtigen sammeln kann, muss erst genehmigt werden, eine Festnahme kann erst geschehen, wenn genügend Beweise vorhanden sind, und jedes Verhör kann auch ins Nichts führen, wenn das gesammelte Material nicht reicht oder fehlerhaft ist. Das Programm, so übergriffig es auch wirkt, hat sogar eigene Ethikvorschriften und steht Dank der sogenannten „Safety Bill“ der Regierung sogar auf rechtlich einwandfreien Füßen. The Nation, das zwar fiktional sein mag, aber in seiner gesamten Aufmachung stark an ein westliches und demokratisches Land der Gegenwart erinnert, scheint auf den ersten Blick freiheitlich, während gleichzeitig die Freiheit der Bürger von staatlicher Seite ausgehöhlt wird. Und ich bin als Spieler mitten drin.

Orwell Kritik Cassandra Watergate

I am watching you

An dieser Stelle zeigt sich auch bereits der nächste interessante Kniff an „Orwell“: Die großen Themen des Spiels sind dieselben wie sie oft in Dystopien vorkommen – Freiheit, der Kampf von Einzelnen gegen einen allgegenwärtigen Staatsapparat, Digitalisierung und Internet – und gleichzeitig wird das wahrscheinlich gängigste Rollenmuster des Protagonisten gegen eine übermächtige Regierung nicht bedient. Statt „Big brother is watching you“ bin ich als Spieler der Große Bruder oder viel mehr sein verlängerter Arm. Dabei wirkt es spielmechanisch erstaunlich verführerisch, aber im Verlauf der Geschichte auch immer wieder trügerisch, dass ich als Investigator scheinbar weitgehend passiv vorgehe. Ich sammle schließlich nur Informationen. Was macht es schon, dass ich weitergebe, dass die alleinerziehende Mutter, die ich gerade beobachte, später ihren Sohn noch bei einer Freundin abholen will? Was macht es schon, dass mein Vorgesetzter jetzt weiß, dass zwei unserer Verdächtigen mal ein Paar waren? Oder dass es bei zwei anderen Figuren gerade kriselt? Nur sind es Kleinigkeiten, die so manches Mal zwischen Leben und Tod entscheiden. Das Spiel besteht daraus, dass ich als Regierungsangestellter im Privatleben von Fremden stochere, sie ausspioniere und intime Details zusammen suche, und innerhalb des mir präsentierten Weltenbaus ist das sowohl rechtlich als auch moralisch gerechtfertigt, aber gleichzeitig stößt die Handlung mich auch immer wieder mit der Nase darauf, wie übergriffig das alles ist, was ich hier eigentlich tue. Auf der einen Seite begrüßt mich der Login-Bildschirm mit „Thank you for ensuring the safety of The Nation’s people“ und auf der anderen Seite stellt sich mir im Spielverlauf aber auch eine ganz andere Frage: „Do you really think this system will help anyone?“

Für „Orwell“ ist jeder ist verdächtig

Dieses Spiel aus Legitimation und Hinterfragen ist auch der Grund, warum „Orwell“ – so simpel es spielmechanisch auch ist – so wunderbar funktioniert. Ähnlich wie bei Dave Eggers „Der Circle“ entfaltet sich die dystopische Wirkung nicht nur durch das, was geschieht oder gezeigt wird, sondern auch durch das, was im Kopf des Konsumenten geschieht. Es ist der Job des Spielers als Investigator Daten zu sammeln und  innerhalb von „Orwell“ wird das auch nicht hinterfragt, aber die Konsequenzen, die diese oder jene weitergegeben Daten auslösen können, hinterlassen doch ein schales Gefühl. Als stummer Protagonist kann ich nicht direkt eingreifen und die einzigen Figuren, die dieses Vorgehen kritisieren würden, werden von der Regierung wegen Terrorismus verdächtigt. Der Mechanismus ist vielleicht im Verhältnis recht einfach, aber er funktioniert wunderbar. Während sich viele andere Spiele normalerweise bei Themen rund um den digitalen Fingerabdruck eines Menschen eher in Hackerromantik ergehen, macht „Orwell“ es seinen Spielern bei weitem nicht so einfach. Und genau dadurch geht die Rechnung einer zeitgenössischen Dystopie so gut auf. Das bedeutet zwar auch, dass man ein bisschen Zeit und Ruhe mitbringen sollte, um sich auch wirklich die Texte und Postings durchzulesen, aber am Ende bleibt sowieso nur eine Erkenntnis: Ist ein Mensch erst einmal gläsern, dann werden die Beweise schon auftauchen. Niemand ist unschuldig. Man muss nur tief genug in Postings, E-Mails und Telefonaten graben.

Hier kommt ihr zur Website von „Orwell“.

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Über uns Geekgeflüster

Ich bin Aurelia und blogge seit 2012 über Gaming, Bücher, Filme, Serien und mehr. Kurz: Das hier ist mein Geekgeflüster.

Ein Kommentar

  1. Vielen Dank fürs Aufmerksam machen auf das Spiel! Tatsächlich hat die Einleitung an sich mich schon so gepackt, dass ich den Rest hier gar nicht mehr lesen und erstmal für mich spielen wollte.

    Das Prinzip klingt wirklich sehr interessant und auch, wenn die Einleitung nur aus ein paar Sätzen besteht, habe ich mich direkt unwohl gefühlt, wenn ich daran denke, dass ich es sein würde, der durch die persönlichen Unterlagen wühlt.

    Ich werde dann nochmal wiederkommen und den Rest lesen, wenn ich es auch gespeilt habe. 🙂

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