Der Circle: Eine beängstigend greifbare Dystopie

Der Circle Dave Eggers Kritik
Mae Holland ist überglücklich: Sie hat einen Job ergattert, für den so mancher töten würde, und darf jetzt beim Internetriesen „Der Circle“ arbeiten. Der Konzern ist jung, modern und inszeniert sich als die Zukunft von allem. Ein paar der klügsten Köpfe der Welt arbeiten hier und feilen an den neusten Technologien, die die Welt verändern werden. Aber der Konzern hat auch eine eigene Dynamik und ohne es zu merken wird Mae immer tiefer dort hinein gezogen.

Ein Buch, das die Thematik von Internet und dem „gläsernen Menschen“ behandelt und in den Pressestimmen, mit denen der Verlag unter dem Klappentext wirbt, als „großer aufklärerischer Akt“ (Juli Zeh, Deutschlandradio) gelobt wird? Kann das gutgehen ohne ständig dem Leser mit dem erhobenen Zeigefinger in der Nase zu bohren? Ja. Und das auf ganzer Linie.

Denn „Der Circle“ ist subtil, klug inszeniert und Dave Eggers beweist immer wieder, dass er ein Gespür dafür hat, wie er seine Figuren gegen- und miteinander ausspielt, um beim Leser ein seltsames Gefühl zu hinterlassen. Denn im Grunde ist „Der Circle“ eher zweitrangig ein Buch über die Gefahren des Internets oder Social Media, sondern vor allem ein Buch über eine ganz seltsame Eigendynamik, die die relativ abgeschlossene Gemeinschaft, die Community, des „Circle“ entwickelt. Ratings hier, Zings, ständige Posts und Nachrichten da und der absolute Anspruch, die Welt transparent besser zu machen. Der „Circle“ ist Arbeitsplatz, soziales Umfeld und Religion in einem. Den Mitarbeitern werden gewisse Werte und Normen, Regeln und Gesetze genauso wie Weltanschauungen vorgegeben, nichts ist privat und alles von der Community geordnet.

„Der Circle“ – Mehr Sekte als Unternehmen

Dabei erinnert der „Circle“ mehr an eine Sekte als an ein Unternehmen und darin liegt auch die Genialität des gesamten Romans verborgen: Der „Circle“ ist unglaublich verführerisch mit seinen Idealen, viele der Ideeen, wie z.B. weltweit Kameras aufzustellen, um die Verbrechensrate zu senken, wirken auf den ersten Blick so plausibel und gut gemeint, dass man sie am liebsten mit Mae glauben möchte. Nur sobald sich Mae außerhalb dieser abgesteckten Ideen, Ideale und Regeln bewegt, beginnt das verführerische Bild zu flackern, fällt manchmal sogar fast vollkommen in sich zusammen. Das sind die Szenen, in denen den sich so sozial gebenden „Circlern“ außerhalb ihres Social Media- und Unternehmenskosmos jegliche Empathie abgeht.

Da ist in tatsächlichen Notsituationen ein Social Media-Ranking wichtiger als der Rest der Welt und diese Szenen sind es auch, die mich als Leserin genauso irritiert wie fasziniert zurückgelassen haben. Die Protagonistin selbst ist dafür oft blind, diese Momente kommen oft nur beim Leser an. Selbst die anderen Figuren hinterfragt kaum einer offen die Politik des „Circle“. Und wenn doch zeigt die sich daraus ergebende Dynamik immer wieder sehr schön, in was für einer sektenähnlichen Situation Mae längst steckt. Sie kommuniziert, aber hört nicht mehr zu und was nicht mehr den Regeln des „Circle“-Universums entspricht, kann sie nicht mehr verstehen oder akzeptieren.

Sie selbst merkt das nicht, aber der Leser und das macht den gesamten Roman so subtil spannend, weil es eben unausweichlich auch die Frage aufwirft, ob ich nicht selbst schon eine Version von Mae bin und meinen eigenen Circle gar nicht mehr bemerke. Und das wiederum führt zu einer spannenden Art von Paranoia beim Lesen, die auch den so genialen Kniff an dem Roman darstellt: Der „Circle“, das ist keine ferne dystopisch-diktatorische Zukunft wie sie gerne Young Adult-Dystopien heraufbeschwören, sondern eine eigentlich sehr freiheitlich gedachte Zukunft, die im Kontext der Gegenwart beängstigend nah wirkt. Eine Zukunft, die man glauben kann, weil sie meistens nur ein wenig die Gegenwart überzeichnet und aber genau so unglaublich bedrohlich und dystopisch wirkt. Und genau das macht „Der Circle“ zu einem so genialen Roman, der perfekt an unsere Zeit angelehnt ein gut durchdachtes und realistisches, aber genauso beängstigendes Zukunftsszenario aufzeigt. Ein grandioses Konzept, das auch erzählerisch gekonnt, wenn auch nicht umwerfend, inszeniert ist.

 Kaufen?

Hier kommt ihr zu „Der Circle“ auf der Verlagswebsite.

 

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