Herzenswelten: The Coens

Herzenswelten Popcorn Coen Brüder

Foto: „Katja Jakob“ / www.jugendfotos.de, CC BY 3.0

Dafür, dass ich mich schon lange für Filme interessiere, habe ich die Coen Brüder erst ziemlich spät entdeckt. Irgendwie schade, aber vielleicht war es auch gut so. Denn möglicherweise musste ich erst ein wenig Wissen und Erfahrungen sammeln, um zu verstehen, was die Filme von Ethan und Joel Coen für mich bedeuten. Nicht nur zu wissen, dass sie für mich etwas Besonderes sind, sondern auch warum. Denn sie sind für mich zu einer Herzensangelegenheit geworden, die nur eines in mir auslöst: Glück.

'Herzenswelten'? Was ist das?

„The Coens like to isolate individuals, trapping them in situations that they really have no control over“, sagt Tony Zhou von Every Frame a Painting. Und das passt. Dieses Gefühl, irgendwo zwischen unangenehm und lustig, ist genau das, was ich bei den Coens mittlerweile suche und liebe – und von dem ich nicht wusste, dass ich es vermisst habe, bis ich es zum ersten Mal spürte. Das war, soweit ich mich erinnere, in „O Brother Where Art Thou?“ Ich kenne noch nicht die ganze Filmographie von Joel und Ethan Coen, aber mittlerweile sind es immerhin zehn Filme und keiner von ihnen hat mich enttäuscht.

Tony hat in seiner Analyse über die Coens ein Charakteristikum der Coen Brüder gut herausgestellt: Sie sind Meister des Dialogs und unterstützen das durch simple, aber präzise Shots. Die Kamera befindet sich dabei normalerweise zwischen den Charakteren, sodass jeder seinen eigenen Shot bekommt – und nicht, wie man es sonst so häufig sieht, einen „Over-the-Shoulder-Shot“. Dabei fühlt sich der Zuschauer nämlich als eben das: ein Zuschauer, eine Art Spion.

Bei den Coens aber nimmt der Zuschauer immer auch die Position des Charakters ein. Das gibt den Figuren die Möglichkeit, den Raum komplett für sich einzunehmen und sich nicht nur durch das Gesagte auszudrücken, sondern auf einem ganz anderen Level zu wirken. Sicher: Mimik, Gestik und die Umgebung tragen auch in anderen Dialogszenen zum Verständnis bei, aber achtet mal darauf: bei den Coens bekommen Dialogszenen eine ganz andere Wirkung. Und das ist der erste Punkt, der ihre Filme so besonders macht und mich gleichermaßen fasziniert, glücklich macht und für das Filmemachen begeistert.

Einer guter Film lebt, meiner Meinung nach, auch von einem guten Kameramann. Und All-Time-Favourite der Coens ist Rodger Deakins. Er fasst sehr gut zusammen, wie es ist mit den Brüdern zu arbeiten: „Whereas, on the other side, with Joel and Ethan [Coen], everything is very well worked out in pre-production. You go on set, you rehearse with the actor in the morning like you would on any set, but it’s kind of worked out how you’re going to shoot it well before hand. […] But it’s much more formal, in a way, their whole style is much more a sort of formal way of making film.“ und „I would say a number of sequences in „The Man Who Wasn’t There,“ are cinematically as good as it gets. But that was completely down to Joel and Ethan. Their concept was just so brilliant.“

Joel und Ethan Coen planen ihre Shots, die Szenen sorgfältig durch, sie erstellen präzise Storyboards – und das merkt man ihren Filmen an. Ich habe das Gefühl, keine Szene, keine Sequenz ist verschwendet, alles ist – wie man so schön sagt – „on point“. Das kann man wirklich nicht von vielen Filmen behaupten. Und was die Coens hier so besonders macht ist nicht nur der Winkel, in dem sie (Dialog-)Szenen aufnehmen, sondern der Schnitt.

Seit ich Filme der Coens sehe, wünsche ich mir nichts sehnlicher als im nächsten Leben Film-Editor zu werden. (Regisseure wie Hitchcock, Anderson und Villeneuve trugen ebenfalls zu diesem Wunsch bei, aber die sind ja nicht Thema dieses Artikels) Mit dem richtigen Rhythmus schaffen es die Brüder, nonverbale Momente zu transportieren, die andere Regisseure weder suchen noch finden. Das gibt ihren Filmen eine Tiefe, eine Authentizität und wiederum etwas Komisches und gleichzeitig Unangenehmes, das ich so schwer in Worte fassen kann, weil ich es als so einzigartig empfinde.

Die Coens schaffen es, Tragödie und Komödie perfekt zu vereinen. Und das in Filmen, die von ihrer Geschichte her nicht unterschiedlicher sein könnten: Fargo. The Big Lebowski. Inside Llewyn Davis. Burn After Reading. A Serious Man. Und viele weitere. Allein die unterschiedlichen Thematiken dieser Filme zeigt, dass es nicht nur darauf ankommt, was eine Geschichte erzählt, sondern auch, wie sie erzählt wird.

Ich habe kurz überlegt, ob ich diesem Artikel eine „Meine liebsten Filme der Coens“-Liste hinzufüge, habe versucht, irgendwie eine Reihenfolge, eine Rangliste zu erstellen – aber es ging nicht. Wie sollte das auch möglich sein? Wie sollte ich einen durch und durch skurrilen Thriller wie „Fargo“ mit einem Western wie „True Grit“ vergleichen? Wie sollte ich eine Komödie wie „O Brother…“ mit einem Gangsterfilm wie „Miller’s Crossing“ vergleichen? Und wie, verdammt noch mal, sollte ich einen Film über den anderen stellen, wenn sie doch alle so gut und einzigartig sind?
Vielleicht empfindet der ein oder andere meinen Beitrag als zu analytisch oder zu beschreibend. Vielleicht steckt da für einen Außenstehenden zu wenig Herz drin für einen Artikel in der „Herzenswelten“-Reihe, aber dem ist nicht so. Denn wenn ich einen Film der Coen Brüder sehe, dann geht mein Herz auf. Ihre Präzision, ihr Rhythmus, ihre Dialoge, alles, was sie durch ihre Bilder erzählen – das alles gräbt sich tief in mein Herz und macht mich so unfassbar glücklich. Glücklich darüber, solche Filme erleben zu dürfen.

Über die Autorin

Katie ist 28 Jahre alt, lebt in Berlin und arbeitet als Online Redakteurin. Seit 2011 bloggt sie über Themen aus der Popkultur und dem Alltag, bis vor kurzem auf frau-margarete.de, seit Neuestem auf franklymydear.de. Außerdem hat sie unter ihrem Pseudonym Katie Kling im März 2017 ihren ersten Roman veröffentlicht.

Artikelbild: „Katja Jakob“ / www.jugendfotos.de, CC BY 3.0

2 Kommentare

  1. Schöner Artikel und schönes Plädoyer für das Werk der Coen-Brüder!

    Ich würde mich selbst auch als leidenschaftlichen Filmfan bezeichnen. Mit den Coens bin ich trotzdem leider nie richtig warm geworden.

    Dass sie es handwerklich drauf haben, würde ich nie bestreiten. Aber ich komme auf ihre Art von Humor nicht klar.

    Ich kann mich gut erinnern, wie ich zum Beispiel bei „A Serious Man“ im Kino saß und der ganze Saal gebrüllt hat vor Lachen und über meinem Kopf nur die WTF-Zeichen schwebten…

    Das Blöde ist: Ich würde sie gerne mögen. Und ich habe es oft versucht. Aber ich bin leider daran gescheitert.

    Ihr Stil ist halt speziell. Das selbe gilt denke ich z.B. auch für Tarantino, den ich sehr verehre. Da kenne ich auch Leute, die mit seiner Art zu erzählen und seinem Humor null klarkommen. Vielleicht ist es bei mir und den Coens genauso.

    Aber immerhin: Ich war immer der Meinung, dass sie handwerklich gut arbeiten und durchaus in der Lage sein müssten, mal einen Film zu machen, der mir gefällt. Das haben sie mit „True Grit“ dann bei mir eingelöst. Wenigstens das 😉

  2. Pingback: Meine liebsten Filme der Coen Brüder - Frankly, my dear...

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