Herzenswelten: Der Scully-Effekt – Warum Dana meine Wonder Woman ist

Herzenswelten Scully
Zu Beginn dieses Beitrags steht ein Geständnis. Ich habe den Film „Wonder Woman“ nicht gesehen und bislang auch kein intensives Bedürfnis danach verspürt. Irgendwie haben die klassischen Superhelden-Filme für mich ein wenig an Reiz verloren, unabhängig vom Geschlecht ihrer Hauptfiguren. Nichtsdestotrotz habe ich die Etablierung einer weiblichen Superheldin auf der Kinoleinwand sehr begrüßt und auch die Rezeption in den Medien mit großem Interesse verfolgt. Der Deutschlandfunk sprach von einem „feministische[n] Befreiungsschlag“, die TAZ von einem „feministischen Meilenstein“. Es gäbe in der Fantasy zu wenig Identifikationsfiguren für Frauen und junge Mädchen, hieß es, „Wonder Woman“ hätte hier eine klaffende Lücke geschlossen.

'Herzenswelten'? Was ist das?
Wir alle kennen diese Welten, die uns nie ganz loslassen. Ein Film, an dem Kindheitserinnerungen hängen, ein Spiel, in dem wir fast schon peinlich viele Stunden versenkt haben, ein Buch, das vom vielen Lesen schon fast auseinander fällt. Manchmal entdecken wir eine Geschichte und vergessen sie nie wieder. In der Gastpostreihe „Herzenswelten“ auf Geekgeflüster haben bereits 2017 12 Blogger ihre persönlichen Geschichten zu ihren Lieblingsgeschichten und -franchises erzählt. 2018 wird diese Aktion fortgeführt, nur dieses Mal erzählt ein neuer Schwung Autoren von Figuren aus Büchern, Spielen, Filmen oder Serien, die sie lieben. Alle Posts der Reihe findet ihr hier und eine Gesamtübersicht mit weiteren Informationen hier.

Ich gebe zu: Superhelden und -heldinnen waren für mich nie eine gute Quelle der Identifikation. Ich fühlte mich ihnen nie nahe genug, um sie wirklich als Idole wahrzunehmen. Das mag daran liegen, dass ich mich mein Leben lang weder sportlich noch körperlich mächtig gefühlt habe. Das muss ich auch nicht, denn das sind keine Eigenschaften, die mich auszeichnen. Ich wollte nie Bad Ass sein, keine taffe Kämpferin, keine coole Amazone. Ich war eine Streberin, und bis heute bin ich damit sehr zufrieden. Deswegen widme ich diesen Beitrag der Frau, die für mich schon als junge Frau mehr Identifikationsfigur war als es Wonder Woman jemals sein könnte: Dana Scully.

Als Teenager habe ich Akte X immer heimlich geguckt. Es kam irgendwann in den späten Nachtstunden und meistens fand ich die Folgen auch so gruselig, dass ich danach nicht richtig einschlafen konnte. Erst im Studium habe ich meine Leidenschaft für die Serie wiederentdeckt und bin mittlerweile stolze Besitzerin der zehn Staffeln umfassenden Sammler-Box. Aber ich wollte ja über Dana reden.

Für alle, die mit Akte X nicht vertraut sind, hier kurz die relevanten Fakten: Dana Scully ist die weibliche Hauptfigur der Serie, eine Medizinerin und FBI-Agentin, die dem Protagonisten, dem Agenten Fox Mulder, zu Beginn als „Anstandsdame“ zur Seite gestellt wird. Sie soll seine Ermittlungen, die sich auf paranormale und übersinnliche Phänomene beziehen, überwachen und regelmäßig Bericht erstatten, um belastende Hinweise über ihn zu sammeln. Dana ist die Skeptikerin des Duos. Sie ist nicht bereit, unkritisch an Außerirdische, Monster oder mystische Kreaturen zu glauben, wie Mulder es tut, doch durch die Zusammenarbeit mit ihm öffnet sie sich zunehmend ihren paranormalen Erfahrungen und gerät dabei auch selbst in den Fokus außerirdischer Mächte und finsterer Verschwörungen.

Dana zeichnet sich genau durch jene Eigenschaften aus, die ich an Menschen – und insbesondere an Frauen – bewundere. Sie ist taff und selbstbewusst, eine Wissenschaftlerin durch und durch, die sich nur von Fakten leiten lässt. In Zeiten von Fake News erscheint mir diese Eigenschaft heute wichtiger denn je.

„Sometimes looking for extreme possibilities makes you blind to the probable explanation right in front of you.“
— Dana Scully

Trotzdem ist Dana nicht stur oder verbohrt. Sie hält an ihren Idealen fest, selbst an ihren religiösen Überzeugungen, die sie nie als Widerspruch zu ihrem Skeptizismus empfindet. Dabei erweist sie sich aber nie als fanatisch oder belehrend. Ihre Reflexionen am Ende der Folgen lassen erahnen, wie intensiv sie sich mit dem beschäftigt, was sie sieht oder erlebt. Trotz ihrer konservativen Erziehung ist sie zunehmend bereit, das Übersinnliche, mit dem sie konfrontiert wird, zu akzeptieren, ohne dabei in den Fatalismus ihres Kollegen Fox Mulder zu verfallen. Sie bleibt kritisch, aber wohlwollend. Abgeklärt, aber trotzdem emotional. Sie übernimmt die Rolle der Skeptikerin, eine Aufgabe, die bislang traditionell männlichen Parts zugeschrieben wurde, und verliert trotzdem nicht an weiblichem Esprit.

„I’m afraid that God is speaking and no one is listening.“
— Dana Scully

Dana war für mich immer der Inbegriff einer starken Frau, und damit stehe ich nicht alleine. In der Liste der „25 women who shook sci-fi“ erreichte sie Platz 4 (leider gibt es die Liste online nicht mehr) und vielfach wurde Dana als bedeutendste und zentralste Figur der Akte-X-Serie rezipiert, obwohl sie – vermeintlich – nach Agent Mulder nur die zweite Geige spielt.

Sie behauptet sich in einer Männerdomäne, aber nicht durch körperliche Kraft, derbe Sprüche oder Bad-Ass-Verhalten, sondern durch Intellekt, Vernunft und eine hohe Auffassungsgabe. Sie ist eine Karrierefrau, aber keine jener skrupellosen Vertreterinnen, die ihren Ethos, ihre Femininität und ihre persönlichen Wertvorstellungen für ihre Karriere opfern. Sie bleibt ihrer Familie und ihrer Persönlichkeit treu und bewahrt sich einen trockenen, zynischen Humor. Vereinfacht gesprochen verbindet ihre Figur typisch weibliche Attribute mit typisch männlichen, und das auf eine subtile, überzeugende Art und Weise jenseits typischer Rollenklischees.

„I love it when women come up to me and tell me I’m a positive influence on their lives and the lives of their young daughters. That’s a great feeling.“
— Gillian Anderson talking about the reaction to Dana Scully from female fans

Es überrascht daher nicht, dass die Rolle der Dana Scully eine enorme Wirkung auf ihr Publikum ausgeübt hat, vor allem auf das weibliche. In den 90er und 2000er Jahren gab es eine regelrechte Welle von jungen Frauen, die sich für Medizin oder Naturwissenschaften einschrieben und ihre Entscheidung mit ihrem persönlichen Idol begründeten – Dana Scully. Die Medien sprachen sogar vom „Scully-Effekt“. Er beweist, dass die Zuschauerinnen derselben Faszination erlagen wie ich. Dana zeigte ihnen, wie sexy und anziehend eine wissenschaftliche Karriere sein kann, dass eine erfolgreiche Frau mit beiden Beinen im Leben stehen kann, ohne eine eiskalte Femme fatale oder eine schwertschwingende Amazone zu werden. Auf einmal war es cool, ein Streber zu sein.

Ob ich Psychologie studiert hätte, wenn Scully nicht gewesen wäre? Vermutlich. Meine Entscheidung fiel, ehe ich mich wirklich intensiv mit Akte X beschäftigt habe. Trotzdem ist Dana bis heute mein Idol geblieben und wenn ich mir etwas wünschen könnte, dann, dass es mehr Frauenfiguren wie sie in der Fantasy und der Science Fiction gibt. Frauen, die durch ihren Intellekt bestechen, durch ihren Ehrgeiz und ihre Geradlinigkeit. Karrierefrauen, die sich nicht den Idealen ihrer männlichen Konterparts annähern müssen, um als kompetent wahrgenommen zu werden. Frauen, die jungen Mädchen ein reales Vorbild sein können.

Zeichnen wird den Bogen zurück zu „Wonder Woman“. Zweifellos wurde hier eine starke, emanzipierte Figur geschaffen, die Frauen in der ganzen Welt beeindruckt hat. Eine feministische Ikone, die lange überfällig war. Trotzdem darf man nicht vergessen, dass es sie schon vorher gab, diese starke Frauenfiguren in der Phantastik. Sie sind weniger vehement, ruhiger, verhaltener, aber gerade darum in meinen Augen das ideale Vorbild. Ich wünsche mir nicht mehr Wonder Women auf dieser Welt – ich wünsche mir mehr Danas.

Über die Autorin

Elea Brandt ist Fantasyautorin und leidenschaftlicher Nerd. Ihre Romane sind stark vom Rollenspiel inspiriert und die authentische Darstellung der Figuren liegt ihr besonders am Herzen. Zu ihrem Blog und ihrer Facebook-Seite.

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