Assassin’s Creed Unity: Eine Spielwelt zum Verlieben

Assassin's Creed Unity Paris Dächer
Es ist früher Morgen und hoch über den Dächern von Paris geht die Sonne auf. Wir schreiben das Jahr 1789, die Revolution hat gerade begonnen und in der Haut von Arno Dorian streife ich durch eine Stadt im Umbruch. Täglich werden wieder Adelige getötet, auf den Straßen herrscht Chaos. Später treffe ich zufällig eine Frau, die sich als Madame Tussaud vorstellt und mir aufträgt, die abgeschlagenen Köpfe von berühmten Edelleuten zurück zu bringen. Sie soll Wachsfiguren nach ihrem Abbild machen, aber Revolutionäre haben ihr die Vorlagen gestohlen. Am Abend treffe ich an einer Straßenecke direkt an der Seine auf eine Gruppe tanzender und singender Leute, die das Ende der Monarchie feiern, direkt nachdem ich den Nachmittag bei den Reichen und Schönen verbracht habe, die noch immer darauf warten, dass diese Unruhen einfach vorbei gehen. Paris ist gespalten. Und es sieht wunderbar dabei aus.

Eine Spielwelt zum Verlieben

„Unity“ sieht gut aus. Verdammt gut, in dem Sinne, dass es nicht nur auf den Promo-Screenshots oder während der Cutscenes und Missionen mal ganz cool wirkt, sondern, dass jede Gasse des revolutionären Paris schön anzusehen ist. Meine ersten Spielstunden in Freiheit unabhängig von der Hauptstory habe ich zu einem großen Teil nur damit verbracht, die verschiedenen Aussichtspunkte und ein paar Anfangsmissionen auf den Straßen von Paris abzuklappern, um dabei einfach nur diese wunderbare Spielwelt zu genießen. Denn selbst wenn man alles andere scheiße finden sollte, dann sind die einzelnen Stadtteile noch immer mit einer großen Liebe zum Detail gestaltet. An der einen Ecke treffe ich auf einen wütenden Mob, ein paar Straßen weiter tanzen die Leute auf den Straßen und wieder weiter stehe ich plötzlich vor einem herrschaftlichen Park und die Stadt scheint von der Revolution auf seltsame Weise unberührt zu sein. Kaum ein Viertel sieht aus wie eine andere und in jedem Fall sind dieses Mal nicht nur die Aussichten von den Dächern oder die Wahrzeichen toll anzusehen. Denn beides sieht ja meistens in Assassin’s Creed cool aus, sondern dieses Mal wirkt auch das Treiben auf der Straße unglaublich lebendig und schön. So schön, dass sogar ich, die ich mich in „Assassin’s Creed“ eigentlich aus Prinzip nur über die Dächer fortbewege, tatsächlich ab und zu auch mal bewusst die Straßen entlang gegangen bin und diese Schönheit genossen habe.

Assassin's Creed Unity Paris Straße

Denn ein bisschen habe ich dabei wieder das alte Assassin’s Creed-feeling, das ich seit Ezio bzw. während den amerikanischen Spielen nicht mehr gespürt habe. Das Setting passt einfach und die Optik dann erst recht. Auch insgesamt scheint „Unity“ der Versuch zu sein, zu dem zurück zu kehren, was Assassin’s Creed mal ausgemacht hat, während gleichzeitig ein paar neue Elemente dazu gekommen sind. Das gefällt mir ein Stück weit, weil das unter anderem beinhaltet, dass mir in Paris Templer und Assassinen mit Tradition begegnen und so die gesamte Idee eines Kredos etc. mit den klaren, institutionalisierten Strukturen der Bruderschaft wieder Sinn ergibst, andererseits schwebt ganz besonders zu Beginn der Schatten von Ezio schwer über der Handlung des Spiels.

Eine Story, die nur langsam an Spannung gewinnt

Das beginnt schon beim Protagonisten selbst: Arno ist – gerade am Anfang – schlicht Ezio 2.0. Er ist jung, kommt aus halbwegs reichen Verhältnissen und will eine Vaterfigur rächen. Okay, kann man machen, ist nur eben nichts Neues. Das Problem beginnt dabei, dass Arnos Geschichte mit nur ein paar Jahren Handlungsrahmen sehr dicht erzählt ist und die Figur dementsprechend keine großartige Entwicklung durchmacht. Das Racheklischee kann also kaum gebrochen oder aufgelöst werden, die Handlung bleibt im besten Fall langweilig, im Schlimmsten vorhersehbar. Dafür gibt es zu viele Elemente, in denen Arno und Ezio auffällig parallel laufen. Und die waren bei Ezio nicht nur einfach schonmal da, sondern auch besser erzählt.

Spannend ist Arnos Geschichte eigentlich erst dann, wenn sie sich von diesem Erbe löst: Denn obwohl die Fronten zwischen Templern und Assassinen klar abgesteckt sind, bewegt sich Arno wie kein anderer Protagonist der Reihe in zwischen den beiden Gruppen. Nicht nur weil er persönliche Verbindungen zu den Templern hat und den Tod eines Großmeisters der Templer rächen will, sondern auch weil man mit ihm zum ersten Mal einen Assassinen spielt, dessen Loyalität zwar grundsätzlich bei der Bruderschaft liegt, der sich aber auch bewusst ist, dass es Grauzonen zwischen den beiden Parteien gibt und damit ein für die Reihe ungewöhnlich differenziertes und kompliziertes Bild des gesamten Kampfes zwischen Templern und Assassinen hat. Überhaupt ist „Unity“ das wohl inhaltlich selbstkritischste Spiel der Reihe, das – sobald die Haupthandlung richtig Fahrt aufgenommen hat – eigentlich im Kern um die Frage kreist, was es eigentlich bedeuten soll Templer oder Assassine zu sein und was das berühmt-berüchtigte Kredo „Nichts ist wahr, alles ist erlaubt“ eigentlich zu bedeuten hat.

Assassin's Creed Unity Arno Élise

Der entscheidende Grund für Arnos Blick auf diese Grauzonen ist – natürlich – eine Frau, seine große Liebe Élise, die ganz offensichtlich der große Test war, um sich vorsichtig an die Möglichkeit einer weiblichen Protagonistin heranzutasten, wie sie dann mit „Syndicate“ tatsächlich auch spielbar geworden ist. Denn über weite Strecken ist die Hauptstory nicht nur einfach Arnos Geschichte, sondern auch ihre. Das ist interessant, auch weil Élise im Gegensatz zu Arno Ecken und Kanten hat und obendrein als Templerin eigentlich ein absolutes Tabu ist. Damit ist sie auch der erzählerische Tritt in den Hintern, den der ansonsten weitgehend langweilige und charakterlich recht blasse Arno immer wieder gebrauchen kann. Denn selbst wenn Handlung und Protagonist nichts hergeben: Élise sorgt für ungewohnt witzige und sarkastischer Dialoge und rettet so manche langweilige Zwischensequenz.

„Geh, und eliminiere XY!“ – „Ääääh, wen?“

Trotzdem bleibt das erzählerische Problem, das schon die letzten Spiele der Reihe fast alle hatten: Die fehlende Zeit. Gerade Arnos Feinde werden zum größten Teil viel zu kurz aufgebaut. Wie schon vorher bei „Black Flag“ habe ich relativ oft mit einer Mission begonnen, ohne wirklich zu wissen, wer die Zielperson jetzt genau in der Story nochmal war. Von den meisten Figuren, die eigentlich sehr wichtig sein sollten, habe ich mir nicht einmal den Namen merken können, weil sie so austauschbar waren, egal, wie zentral sie hätten sein müssen. Der Assassine Bellec z.B. hat eine Funktion als Arnos Mentor, aber im Verhältnis dazu verbringt man in den Missionen viel wenig Zeit mit ihm, was wiederum für mich als Spielerin die gesamte Mentoren-Schüler-Beziehung nicht nachvollziehbar macht. Statt „Show, don’t tell“, einer ganz simplen Grundregel des Erzählens, wird einfach viel zu oft nur gesagt, was gerade an emotionalem Potential aufgebaut werden sollte. Das erzeugt statt Spannung nur eine Reihe „Äh, wer?“-Momente, wenn mir jetzt wieder ein neues Ziel vorgesetzt wurde, bei dem ich aber schon wieder vergessen hatte, warum diese Person jetzt für die Story wichtig war.

Aber gut, mit einer Hauptstory, die eine Weile braucht, um interessant zu werden, ist ja „Unity“ a) unter den „Assassin’s Creed“-Spielen und b) überhaupt unter vielen anderen Spielen nicht allein. Und genauso wenig damit, dass die Handlung außerhalb des Animus nicht der Rede wert ist. Geschenkt, z.B. an „Assassin’s Creed: Black Flag“ hatte ich auch viel Spaß, obwohl die Haupthandlung absolut unterirdisch war, was auf „Unity“ trotz aller Startschwierigkeiten nicht zutrifft. Aber so wie „Black Flag“ ein gutes Piraten-, aber maximal ein mittelmäßiges Assassinenspiel war, so hat Unity ein anderes Einseitigkeitsproblem.

Unmengen an Nebenquests, aber wenig Neues

Denn wo „Assassin’s Creed“ draufsteht, da ist auch „Assassin’s Creed“ drin und die mit Nebenquests gespickte Karte bringt da wenig Neues. Das Pendant zu Monteriggioni in „Assassin’s Creed II“ oder Edwards Schiff in „Black Flag“ ist jetzt ein Gesellschaftsclub, das „Café Théâtre“, den man renovieren und dann mit weiteren Renovierungen, Quests und Fundstücken hochleveln kann. Zusätzlich lassen sich auch noch in anderen Stadtteilen solche Gesellschaftsclubs wieder herrichten, die noch ein paar weitere Quests freischalten, aber ansonsten keine weiteren Modifikationen bringen. Die Einnahmen gehen dann in jedem Fall an Arno, mit dem man dann neue Ausrüstung, Waffen oder Renovierungen für das Café kaufen kann. Für jemanden wie mich, die eigentlich immer viel Spaß daran hat, solche Besitztümer in „Assassin’s Creed“ auszubauen, war das Café aber eher eine Enttäuschung. Die meisten Renovierungen hatte ich schon gekauft bevor überhaupt die Hauptstory richtig in Fahrt kam und dass die anderen Gesellschaftsclubs im Grunde nur ein paar weitere, noch dazu eher mittelmäßige Missionen, aber keine Möglichkeit zum individuellen Ausbau freischalten, war schade.

Assassin's Creed Unity Arno

Auch die anderen Quests sind sehr schnell sehr langweilig und komplett nach Schema F gestrikt. Ein Ziel eliminieren, etwas stehlen, einen Informanten warnen oder retten, jemanden beschützen oder verfolgen. Die Schwierigkeitsgrade ergeben sich dabei in erster Linie durch die Anzahl von Wachen oder ihr Level, aber mit einem halbwegs gezielten Einsetzen von Arnos Waffen wie der Phantomklinge und Fähigkeiten kriegt man bei den meisten dieser Nebenquests relativ schnell raus, welchen Weg nach drinnen das Spiel eigentlich erwartet. Viel ist Gerenne von A nach B, was ich wegen der bereits erwähnten Spielwelt allerdings noch mochte, und der Rest ist dann doch nur wieder Vorbeischleichen oder gezieltes Meucheln von Wachen im Weg. Das ist ganz nett für eine schnelle Partie, wird aber auch genauso schnell langweilig. Gleichzeitig komme ich als Spielerin auch nicht an diesen Quests vorbei, weil das der einzige Weg ist, um Arno auf das nötige Level der Hauptmission zu bekommen. Die sind normalerweise deutlich spannender, aber vorher ist eben diese Beschäftigungstherapie einer Open World auf Gedeih und Verderb dran.

Was dagegen Spaß macht, ist der Stealth-Teil des Spiels. Die Möglichkeiten, die das Schleichen und der Parkourlauf, ganz besonders bei den Missionen der Haupthandlung bieten – Jedenfalls wenn man mit Arno ungefähr auf demselben Level wie dem Schwierigkeitsgrad der Mission ist. Ersteres, weil es in mir meinen Ehrgeiz weckt, möglichst ungesehen an den Wachen vorbei zu kommen und wenn dann Wachen heimlich aus der Deckung heraus oder eben mit lautlosen Waffen wie der Phantomklinge zu töten, und letzteres, weil es einfach ganz neue Fluchtmöglichkeiten z.B. nach dem Beenden von Massenereignissen eröffnet. Da dann nur einen Haken zu schlagen und im nächsten Moment eine Treppe hinauf und durch ein Fenster auf die Dächer zu türmen, hat durchaus was. Die neuen Einstiegs- als auch Fluchtmöglichkeiten in Form von offenen Fenstern bieten außerdem die schöne Herausforderung nach genau dem richtigen Fenster zum Einstieg zu suchen, der mich bei einer Mission möglichst nah an mein Ziel bringt, wodurch ich mich nur noch an ein paar wenigen Wachen vorbeischleichen muss. Zwar belohnt das Spiel diese Strategien nur begrenzt, aber sie machen trotzdem viel Spaß.

Nur die diversen in irgendeiner Form getimten Missionen kommen auch bei „Unity“ direkt aus der Hölle. Ich mag es grundsätzlich nicht, wenn mir ein Spiel vorschreibt, etwas in einer bestimmten Zeit zu tun und in Unity gab es ein paar dieser Verfolgungs- u.ä. Quests, die mich komplett in den Wahnsinn getrieben haben und die ich immer in „Assassin’s Creed“ nicht leiden kann, weil sie mich dazu zwingen, genau den Weg herauszufinden, der für dieses Level vorgesehen und mit dem es gut machbar ist, während alle anderen Wege fast unmöglich sind. Das ist nichts Neues in der Reihe, aber noch immer genauso stupide und obendrein durch ihre Häufung noch nerviger als in jedem einzelnen „Assassin’s Creed“ davor.

Und trotzdem: „Assassin’s Creed: Unity“ macht Spaß

Und trotzdem: Wie „Black Flag“ mir schon trotz seiner Fehler viel Spaß gemacht hat, so macht mir auch „Unity“ trotz der bereits erwähnten Einseitigkeit Spaß. Denn das, was nicht gut läuft, ist in dem Moment direkt wieder vergessen, wenn ich irgendwo hoch oben auf den Dächern von Paris stehe und die Sonne durch den leichten Nebel über der Seine bricht. Oder wenn ich durch die Straßen laufe und mir einfach die sich mir bietende Szenerie ansehe. In keinem „Assassin’s Creed“ war die Schnellreisefunktion so überflüssig, schlicht weil die Welt so wunderschön ist und keine Spielwelt der Reihe hat so sehr zum Flanieren und Staunen eingeladen wie Paris. Da ist es egal, dass die Nebenquests oft repetitiv sind oder ich eine ganze Weile brauche, um mit der Haupthandlung warm zu werden, denn das Gefühl, das ich schon im ersten Assassin’s Creed und in den Ezio-Spielen so gemocht habe, nämlich das Gefühl, dass sich vor mir eine Spielwelt und eine Geschichte ausbreitet, die mich interessiert, ist wieder da.

Sieht man von der Schönheit der Spielwelt einmal ab, dann bleibt nur leider nicht viel übrig. Das ist keine Einseitigkeit, die ich wirklich schlecht finde, denn wie gesagt, die Optik der Spielwelt macht unglaublich viel Spaß und ist wunderschön, aber sie ist eben auch ein wenig allein gelassen, weil sie eine große Brandbreite an Möglichkeiten suggeriert – was auch auf den ersten Blick mit den vielen Missionen auf der Karte bestätigt zu sein scheint – aber am Ende eben doch nur einen Bruchteil davon tatsächlich erfüllt.

Damit schlägt „Assassin’s Creed: Unity“ in Setting, Optik und Story sowohl „Assassin’s Creed III“ als auch „Black Flag“ mit links und ist das beste Assassinenspiel der Reihe seit dem Ende der Ezio-Trilogie. Überhaupt hat mich die Hauptstory seit dem Ende von Ezios Geschichte zum ersten Mal wieder wirklich gepackt, was einigermaßen überraschend kam, weil ich nicht nur meine Startschwierigkeiten hatte, sondern auch eigentlich dem Protagonisten nicht die nötige Entwicklung zugetraut habe. Das alles läuft im Verhältnis unglaublich gut bei „Unity“, aber trotzdem kann es v.a. mit seiner Open World und den damit verbundenen Spielmechaniken z.B. mit „Black Flag“ nicht mithalten. Das ist okay, denn theoretisch geht es ja bei „Assassin’s Creed“ in erster Linie um die Hauptstory – oder viel mehr sollte es das gehen, ich verstehe bis heute nicht, warum ein Titel aus dieser Reihe eigentlich auf Gedeih und Verderb eine Open World braucht – aber im Vergleich mit seinen Vorgängern fällt das bei „Unity“ eben auf.

 

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Über uns Geekgeflüster

Ich bin Aurelia und blogge seit 2012 über Gaming, Bücher, Filme, Serien und mehr. Kurz: Das hier ist mein Geekgeflüster.

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