Mein Schönstes Scheitern: Alleine mit den Credits (The Witcher 3)

The Witcher 3 Ciri
Ich hatte Tränen in den Augen. 88 Stunden in diesem Spiel und ich sah sie ins Licht gehen. Sie würde nicht zurückkehren. Ich hatte versagt.

The Witcher 3 hatte es mir angetan. RPGs und Open World Games haben mir meist eher Angst gemacht, anstatt mich zu reizen. Doch ich entschloss mich dazu es anzugehen und wurde belohnt. Bis heute ist The Witcher 3 für mich objektiv gesehen das beste Spiel aller Zeiten. Sowohl vom technischen Aspekt her, als auch vom Storytelling. Das Spiel funktioniert. Es fesselte mich für Stunden. Umso bitterer die Niederlage nach fast 100 Stunden Spielzeit. Doch vielleicht sollte ich euch erst mal ein wenig mit in diese Welt nehmen.

The Witcher 3 erzählt die Geschichte von Geralt, er ist ein Hexer. Sein Mündel Ciri, auch eine Hexerin, verschwindet. Die Wilde Jagd, eine radikale Truppe von Mördern, ist hinter uns und Ciri her. Deswegen kommt es zu einem Rennen gegen die Zeit. Wer Ciri zuerst findet, wird sie wohl behalten dürfen. Also reisen wir durch das Land, durch Weißgarten, Velen, Novigrad, Skellige und viele andere Orte. Reiten durch Wälder, kämpfen mit Trollen, besiegen Waldschrate, erleben Verat, ersteigern Bilder und machen ganz, ganz, ganz viele Nebenquests. All das in einer atemberaubenden Welt, unterlegt mit einem grandiosen Soundtrack. Kein Wunder, dass mein Scheitern so sehr geschmerzt hat.

Nach einer gewissen Zeit gelang es mir dann Ciri ausfindig zu machen und sie war endlich wieder an unserer Seite. Doch sie war misstrauisch. Ich hatte sie lang nicht gesehen, sie fühlte sich im Stich gelassen, alles sehr verständlich. Ich spielte einige Quests mit ihr selbst, führte Dialoge. Ciri ist wild, jung und naiv. Ich versuchte stets liebevoll zu ihr zu sein, aber auch bestimmt, ein guter Ziehvater. Wollte sie nicht mit verrückten Illusionen in die Welt schicken, doch wollte auch ihre Träume bewahren. Es kam zu einem Teil der Geschichte, indem ich Ciri zu ihrem Vater zurückbrachte. Ich hatte zwar die Wahl direkt nach Velen zu reisen, doch ich dachte, dass wir müssen. Der Kaiser bevormundete uns und ich dachte tatsächlich, ich würe ihm unterliegen und müsste dort hin. Der Kaiser bat Geralt mit Nachdruck darum. Von ihm kam auch der Auftrag sie zu finden. Auch, wenn ich selbstverständlich selber meine „Tochter“ zurückwollte. Ciri verachtete ihren Vater. Konnte es ihm nie verzeihen, dass er sie als Mündel weggeschick hatte. Doch die Quest will, was die Quest will. Es kam also zu einem peinlichen Treffen und einem noch peinlicheren Dialog. Denn der Kaiser gab uns Geld dafür, dass wir Ciri zurückgebracht hatten. Und dann kam mein Scheitern. Weil ich eine Vollidiotin bin. Ich hielt mein Handy in der Hand (nicht im Spiel, selbstverständlich), scrollte vermutlich durch Twitter und akzeptierte das Geld. Dann erschien Ciri, machte eine Show, beleidigte mich und zog ab. Ich war super genervt und suchte einen alten Speicherstand. Doch auch nach gefühlt zehn Versuchen gelang es mir nicht den Stand zu bekommen BEVOR ich das Geld nahm. Das Spiel lud immer genau in der Sekunde wo ich zugesagt hatte. Irgendwann akzeptierte ich es. Und das war mein Fehler.

Das Spiel ging noch einige Zeit weiter. Ich versuchte Ciri wieder zu meiner Freundin zu machen. Versuchte immer das Richtige zu tun. Nach weiteren, sehr emotionalen Stunden kam dann der vermutlich schlimmste Moment meiner Videospielkarriere. Eine super dramatische Quest, an deren Ende Ciri ihre Konsequenzen zog. Das war der Moment, in dem ich verstand, dass jede meiner Taten relevant waren. Sie schaute mich an. Mit Tränen in den Augen. Ich spürte die Last des Geldes des Kaisers, spürte ihre Enttäuschung. Und Ciri, Ciri ging ins Licht.

Sprachlos hielt ich den Controller in der Hand. Meine Augen waren feucht. Ich wartete, dass irgendwas passierte. Dass Ciri aus dem Licht kam. Doch der Bildschirm blieb schwarz. Dann erschien eine Hütte im Wald. Ich war alleine. Keine Frau, keine Ciri. Ich wartete auf den Moment, in dem Ciri durch die Türe kam. Doch sie kam nicht. Ich saß im Sumpf. Dem beschissensten Gebiet des ganzen Spieles. Und dann kamen sie. Und ich war alleine. Sie griffen mich an. Dann liefen die Credits.

Scheitern in Videospielen fühlt sich häufig recht normal an. Es passiert einfach. Das „You Died“ auf dem Bildschirm gehört schon fast ein bisschen dazu. Doch dann starten wir halt neu. Dann probieren wir es noch mal. Das ist doch das Schöne an Scheitern in Videospielen. Es weckt den Ehrgeiz. Doch der Witcher schaffte es, genau das komplett auszuhebeln. Ich war nicht ehrgeizig. ich war enttäuscht von mir. ICH hatte versagt. Nicht die Mechanik des Spiels, nicht irgendwelche Random Incounter oder NPCs oder Bugs. Ich war Schuld. Und ich spürte diese Schuld. Ich spürte die Last auf mir. Meine Entscheidungen sind etwas wert und Videospiele können zeigen, dass genau das wichtig ist.

Denn moralisch zu entscheiden sollten wir alle lernen. Jeder von uns. ich will immer nur das Beste. Und das bekam ich nicht. Ich bekam das Schlechteste. Das schlechteste Ende des Spiels. Nach fast 100 Stunden Spielzeit. Und das stinkt. So richtig. Doch es war mein Ende. Es waren meine Entscheidungen. Es war meine Verantwortung. Es war mein Scheitern.

Über die Autorin

Caro Autorenfoto
Caro ist 23, studiert Journalismus und schreibt in ihrer Freizeit, wenn sie nicht gerade Videospiele spielt, Sport macht, Musik macht oder allgemein viel zu viele Dinge macht.

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