Mein Schönstes Scheitern: Wie Nathan Drake mir beibrachte, geduldig zu sein

Nathan Drake Uncharted Gastgeflüster

Bild: Naughty Dog

Eine neue Runde Gastgeflüster geht los, und ich freue mich enorm, auch dieses Jahr mit dabei sein zu können. Ich möchte euch heute an einen ganz speziellen Tag, oder vielmehr Abend mitnehmen, an dem ich immer und immer wieder scheiterte, Wut und Tränen inklusive. Der Hauptdarsteller dieses erinnerungswürdigen Abends? Nathan Drake, Abenteurer und Schatzsucher.

Das Drama fand am Vorabend meines Geburtstages statt. Mein Partner und ich hatten für diesen Tag einen Zoobesuch geplant und uns darauf geeinigt, nicht zu spät ins Bett zu gehen. Ein Vorsatz, den wir sowieso nie in die Tat umsetzen würden, weswegen er sich am frühen Abend mit ein paar Freunden traf. Das sollte mir recht sein, denn ich hatte mich zwei Tage vorher bereits selbst großzügig beschenkt: Die Uncharted Collection hatte mir bereits ein paar schöne Stunden beschert. Und so wollte ich auch den Vorabend meines Geburtstages nur zu gerne in trauter Zweisamkeit mit Nathan Drake verbringen.

Soweit kam ich auch gut zurecht. Ich habe mir schon seit einigen Jahren angewöhnt, Spiele generell auf leichterem Schwierigkeitsgrad zu spielen, zumindest dann, wenn es gilt, eine Story zu verfolgen. Wenig stresst mich mehr, als an einem spannenden Punkt in einer Geschichte von Monsterhorden aufgehalten zu werden. Uncharted: Drake’s Fortune faszinierte mich trotz einiger wirklich nerviger Passagen, in denen Horden von Gegnern auf mich einstürmten. Ich versank schnell in der Geschichte und kletterte, sackte Schätze ein, schlich und schoss, was das Zeug hielt. Aus spätem Nachmittag wurde Abend und aus Abend wurde Nacht, und noch immer saß ich mit dem Controller in der Hand auf der Bettkante und manövrierte Nathan Drake durch die einzelnen Kapitel des Spiels. Jeder Gedanke an das geplante, frühe Aufstehen am nächsten Morgen war wie weggewischt, und auch mein Partner war noch immer unterwegs, also konnte es ja unmöglich so richtig spät sein.

Dann begann allerdings Kapitel 19, „Unliebsame Gäste“ und genau davon möchte ich euch heute erzählen. Für alle, die das Spiel bisher nicht gespielt haben, ein kurzer Überblick über das Szenario: Man betritt einen Generatorraum und muss in zwei daran angrenzenden Räumen jeweils einen Schalter umlegen, bevor man weitergehen kann. So weit, so gut, was soll daran schon problematisch sein? Die Horde fieser Ghule beispielsweise, die ab einem gewissen Zeitpunkt den Raum flutet. Man rennt also in den einen Raum, legt den Schalter auf einer Plattform um, schießt ein paar Monster um, rennt in den anderen Raum, legt den zweiten Schalter um und killt mehr Monster. Danach gilt es, aus dem Generatorraum zu entkommen. Klingt einfach, hat mich aber vermutlich mindestens zwei Lebensjahre gekostet.

Ich steuerte also in den ersten der beiden Räume, die Taschen vollgepackt mit der Munition, die großzügig überall herumlag. Der Weg zurück in den Hauptraum gestaltete sich für mich schon schwierig, denn die Flut an Monstern wollte nicht abnehmen. Gut eine halbe Stunde musste ich immer und immer wieder versuchen, aus dem ersten Raum zu entkommen, bis ich einen Weg gefunden hatte, der für mich funktioniert. Der Controller schien mit meinen Händen zu verschmelzen und ich saß hochkonzentriert auf der Bettkante. Ich wollte nun sicher nicht an dieser Stelle aufgeben müssen, ich musste doch wissen, wie die Geschichte weitergehen würde! Nachdem ich also die Route aus dem ersten Raum perfektioniert hatte, stand ich vor dem nächsten Problem: Der zweite Raum entpuppte sich als nicht weniger tückisch. Rettete ich mich auf eine Plattform, so zogen sich die Gegner zurück. Ich musste mich also ins Getümmel stürzen, wenn ich weiterkommen wollte.

Unwelcome Guests Uncharted Gastgeflüster

Bild: Naughty Dog

So zogen die Minuten also dahin, immer und immer wieder starb ich. Spätestens, wenn ich im großen Raum war, überrannten mich die Gegner, mir ging die Munition aus, ich wurde in Ecken gedrängt. Ich glaube, ich habe in diesen insgesamt zweieinhalb Stunden jede Art, in diesem Spiel zu sterben, durchgemacht. Nach zweieinhalb Stunden Tortur entschloss ich mich, eine Pause zu machen. Oder besser gesagt: Ich musste eine Pause machen, weil ich mittlerweile vor lauter Wut über meine eigene Unfähigkeit und die Unlösbarkeit dieser Situation an dem Punkt war, wo Tränen flossen. Natürlich war exakt dies dann auch der Moment, in dem mein Freund nach Hause kam, das Zimmer betrat, zu einem freudigen „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag“ ansetzte und mich im Bett vorfand, den Controller noch immer in der Hand, Taschentücher in einem Kreis vor mich hingelegt und mit knallroten, verheulten Augen. Ein Bild des Elends also. Dann der rettende Vorschlag: „Magst du nicht mal irgendwo nachlesen, wie man den Abschnitt spielen muss?“ Gesagt, getan. Knappe drei Minuten später war ich schlauer. Und die Lösung für mein Problem war so dermaßen banal, dass auf den Heulanfall aus Hilflosigkeit gleich ein kleines Wutgeheul folgte. Man sollte einfach beide Schalter umlegen und dann die Beine in die Hand nehmen und durch die Tür rennen, während man all die Gegner einfach ignoriert. Es klappte im ersten Versuch, ich konnte das Kapitel beenden und rührte das Spiel danach für eine Woche nicht mehr an, obwohl ich ja unbedingt wissen wollte, wie es weitergehen würde.

Natürlich spielte ich dann irgendwann trotzdem weiter und landete auch recht zügig im zweiten Teil. Als Nathan Drake dort beiläufig in etwa sagte, er hoffe, im nächsten Raum seien keine Ghule, legte ich den Controller allerdings erstmal wieder beiseite. Zu tief saß das unangenehme Gefühl, an einer Stelle in einem Spiel einfach nicht weiterzukommen. Im Nachhinein habe ich aus dieser Situation sicher einiges gelernt. Dass manchmal der offensichtliche Weg nicht der richtige Weg ist. Dass man mit Abkürzungen auch ans Ziel kommen kann. Dass es sich lohnt, an manchen Dingen einfach dranzubleiben. Vor allem habe ich für mich selbst entdeckt, wie sehr es mich stresst, wenn ich sozusagen fair spielen will, damit aber nicht weiterkomme. Und natürlich, dass es einfach niemals gut geht, wenn man sich in ein solches Szenario so reinsteigert, wie ich es an diesem Abend getan habe. Hätte ich nach der ersten halben Stunde ohne Weiterkommen eine Pause gemacht, vielleicht wäre mir der Ärger danach erspart geblieben. Seitdem mache ich jedenfalls eine Pause, wenn ein Spiel mich zu sehr frustriert. Vielleicht sollte ich mich für diese Erkenntnis bei Naughty Dog bedanken?

Über die Autorin

Sandra war mal Journalistin, hat in der Zwischenzeit aber ihr Glück in einem für seine bunten Artikel bekannten Seifengeschäft gefunden. In der Freizeit podcastet sie, reist umher, spielt Games und steckt die Nase ab und an mal in ein Buch.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.