Roman Godfrey („Hemlock Grove“): Liebe Drehbuchautoren, was habt ihr getan?!

Roman Godfrey Hemlock Grove
Vor einer Weile habe ich – auf der Suche nach etwas spannend Fantasy für gemütliche Fernsehabende – damit angefangen, der Dauerempfehlung aus meiner Watchlist zu folgen und „Hemlock Grove“ zu gucken. Die Serie ist eine der eher düstereren Eigenproduktionen von Netflix und eigentlich war der Auslöser für meine Neugier, dass Bill Skarsgård eine Hauptrolle darin spielt, dessen Brüder ich aus Serien wie „True Blood“ und „Vikings“ kannte. Seine Rolle, Roman Godfrey, war dann auch einer der Hauptgründe, warum ich trotz der z.T. etwas langatmigen Züge der ersten Folgen der Serie zunächst dabei geblieben bin. Trotzdem ist weder die Serie selbst noch die Figur von Roman selbst perfekt, was in diesem Fall nicht charakterlich, sondern rein von einer Perspektive des Schreibens gemeint ist. Nicht alles ist so logisch und rund wie es sein könnte, was auch der Grund ist, warum ich mich nicht so ganz entscheiden kann, ob ich „Hemlock Grove“ bzw. Roman jetzt interessant oder nur noch verstörend finde.

Spoilerhinweis

Grundsätzlich merkt man Roman Godfrey an, dass er ganz klar als Antiheld konzipiert ist: Er will der Gute sein, der Ritter auf dem weißen Pferd und ist innerhalb der ersten Staffel auch komplett vernarrt in den Gedanken, ein Krieger bzw. ein Held zu sein, steht sich dabei nur selbst im Weg und schafft es nicht, diese Rolle zu erfüllen. Sein Gegenpart in dem Duo der beiden Hauptfiguren, um die es vorrangig geht, Peter, ein Werwolf, dagegen ist erzählerisch das komplette Gegenteil, die beiden ergänzen sich wie ein Puzzle. Peter kommt aus einfachen bzw. armen, aber wohl halbwegs glücklichen Verhältnissen, während Roman reich geboren wurde, seine Familie (v.a. Dank seiner Mutter) aber nur noch creepy und gelinde gesagt zerrüttet ist. Peter ist ein Werwolf aus einer „Zigeunerfamilie“ (wobei bei der Gelegenheit gleich mal alle möglichen Klischees von Wahrsagerei und Magie bedient werden), in der man aber relativ offen über seine eventuell übernatürlichen Fähigkeiten spricht, während Romans Mutter ihre gesamte Vergangenheit verbirgt und auch erst kurz vor knapp ihrem Sohn überhaupt mitteilt, dass er ein Upir (im Grunde ein Vampir, warum es einen eigenen Namen gebraucht hat, ist mir ehrlich gesagt schleierhaft) ist. Beide „Jungs“ (auch wenn die Schauspieler deutlich zu alt für High School-Schüler aussehen, aber darüber sehen wir jetzt einfach mal weg) spiegeln sich gegenseitig: Der nach außen so schön und toll wirkende Roman und der ständig verdächtigte, aber im Grunde recht anständige Peter. Dazu kommen noch ein paar Parallelen in Lebenslauf und Figurenkonstellation (z.B. sind beide alleine von ihrer Mutter großgezogen worden und haben ein sehr enges Verhältnis zu ihren Cousinen bzw. schwesterähnlichen Bezugspersonen, aber das nur am Rande) und fertig ist das treibende Dreamteam der Serie.

Antiheld um jeden Preis

Für mich war dabei Peter für sich genommen zwar der Held, aber Roman der Interessantere der beiden. Peter soll beim Zuschauer Sympathiepunkte sammeln (was ihn auch dementsprechend langweilig macht), während Roman sie ständig verspielt. Gut, geschnallt, nehmen wir so hin. Und hey, es funktioniert ja auch: Roman ist der Archetyp der verwöhnten, reichen Muttersöhnchens. Er raucht, säuft, nimmt Drogen und macht so ziemlich alles falsch, was man falsch machen kann und am Ende haut seine noch einmal deutlich gefährlichere und eiskalte Mutter ihn wieder raus. Dazu kommt, dass er arrogant, manipulativ, aufbrausend, selbstgerecht und in so ziemlich jeder Hinsicht impulsiv ist. Also im Grunde einfach mal alles, was einem in einem kitschigen Teenie-Urban-Fantasy-Roman als attraktive Fähigkeiten verkauft werden sollen, nur mit dem Unterschied, dass diese Eigenschaften hier in „Hemlock Grove“ als der unkontrolliert negative Teil von Romans Wesen dargestellt werden. (Was ja auch die realistischere Variante ist.)

Grundsätzlich mag ich solche Antihelden, wenn sie denn (wie Roman) als solche auftreten, denn die folgen normalerweise einfach dem Prinzip, dass Konflikt eine Story macht. Ohne Konflikt auch keine Entwicklung und damit keine Geschichte, fertig. Solche Figuren kämpfen bei allen äußeren Bedrohungen in erster Linie einmal mit sich selbst, das macht sie meistens sehr echt und das ist z.B. auch einer der Gründe, warum ich Jessica aus „Jessica Jones“ so interessant finde. Das Problem, das ich mit Roman habe, ist das, dass seine Entwicklung trotz dieses Ausgangspunktes als eine sehr schwierige Figur praktisch ausbleibt.

Als Zuschauerin wird mir so gut wie nur diese oberste Schicht des arroganten Arschlochs präsentiert, die nur ganz selten aufgebrochen wird, und wenn dann geschieht das meistens nur durch Romans Schwester Shelley, die ihrerseits das Ergebnis eines Wiederbelebungsexperiment ist und damit vor allem körperlich stark eingeschränkt ist und z.B. verstümmelte Finger hat und nicht sprechen kann. Selbst Letha, seine Cousine, für die er gerne den Beschützer spielt, bringt diese zweite Schicht nicht so sehr hervor – auch wenn ich zu Letha noch kommen werde – und das ist schade. Denn so bleibt Roman weitgehend sehr eindimensional, wo eine Figur viel Potential hätte. Da hilft es auch nicht, dass Miranda ihn Anfang der zweiten Staffel mal als „byronschen Held“ (Sprich: Reich, schön, aber unglaublich düster und voller Wut unter der Oberfläche) bezeichnet. Denn nur nachträglich die Etiketten „Antiheld“ und „Zitat“ auf etwas zu kleben, was vorher schon auf so vielen Ebenen falsch gegangen ist, rettet nichts mehr. (Das wirkt nur noch wie der verzweifelte Versuch, sich nach Storyentscheidungen der Staffel davor zu rechtfertigen.)

Vergewaltigungen, weil eben… äh…?

Und dann ist da noch dieser gesamte Vergewaltigungsplot, der mir am meisten Bauchschmerzen bereitet. Als würde Romans Drang zur Selbstverletzung, der auf mysteriöse Weise offenbar niemanden auffällt oder gar kümmert und komplett unkommentiert bleibt, nicht schon genug Irritation in die Serie rein bringen, sind in der ersten Staffel gleich zwei Vergewaltigungen in die Story geschrieben worden. Eine davon geschieht Onscreen in Folge 7, die andere wird nur aufgedeckt und ist rein von der Chronologie schon vor Beginn der eigentlichen Handlung geschehen.
Sprechen wir einmal zunächst über die chronologisch frühere der beiden: Die von Romans Cousine Letha durch ihn, aus der auch eine Schwangerschaft resultiert, auch wenn Letha später behauptet, dass ein Engel der Vater ihres Kindes sei. Zunächst einmal gibt es dabei zwar den interessanten Kniff ist, eine ganz unscheinbare narrative Klammer dadurch aufzubauen, dass der Vergewaltigungsverdacht schon relativ früh geäußert wird, aber abgesehen davon ist vieles von diesem Plot zu beliebig und vor allem folgenlos. Lethas Vater Norman vermutet zwar, als er von der Schwangerschaft erfährt, direkt gegenüber Romans Mutter Olivia, dass er (schließlich ist er ein Psychologe) die Engelerklärung seiner Tochter für einen Schutzmechanismus ihres Verstandes als Reaktion auf einen Übergriff bzw. eine Vergewaltigung im Sommer halten würde, aber bis zum Schluss wird das nie wieder angesprochen. Zum Ende der Staffel erfährt man zwar als Zuschauer, dass Olivia (die alle Klischees einer femme fatale unter den Vampiren erfüllt) ihren Sohn zu dieser Vergewaltigung manipuliert und ihm bei der Gelegenheit auch die Erinnerung daran genommen hat, aber von Roman fehlt mir jegliche Reaktion. (Die erste Szene, in der die Figur Onscreen darüber reflektiert, kommt in der dritten Staffel.)
Letha, zu der er eigentlich wie gesagt ein enges Verhältnis hatte, stirbt bei der Geburt ihres gemeinsamen Kindes und auch wenn Roman ganz offensichtlich um sie trauert, wird die Verbindung der Vergewaltigung erzählerisch komplett übergangen. Zwar hätte ich der Figur auch jetzt nicht so wirklich zugetraut, Schuldgefühle deswegen zu haben, aus der Logik des gesamten Konzepts der Figur hätte es mehr Sinn gemacht, dass er in diesem Speziellen Fall seine Mutter die Schuld gegeben hätte, aber nicht einmal das kommt raus. Zwar wirft er ihr bei ihrem ersten Wiedersehen in der zweiten Staffel vor, dass sie ihn dazu verführen wollte, sein eigenes Kind zu töten, aber nicht, dass sie ihn zu der Vergewaltigung manipuliert hätte. Nicht einmal die faule „Er ist eben jetzt ein Upir und die haben eben nur begrenzt Gefühle“-Karte wird gespielt.

Dazu kommt noch die zweite Vergewaltigung im Zuge der ersten Staffel: Wieder ist es Roman, der eine Schulkameradin, Ashley, vergewaltigt und wieder ist erzähltechnisch so viel grundlegend falsch gelaufen. Das beginnt schon beim Kontext: Roman beginnt zu begreifen, dass zwischen Peter und Letha etwas läuft und als Reaktion darauf nimmt er Drogen, wickelt sein Auto um einen Baum und kriecht dann bei Ashley unter, die ihn, als er seinen emotionalen Tiefpunkt erreicht hat, versucht aufzumuntern und zuerst auch Sex mit ihm haben will, als die Szene aber dann komplett in eine Vergewaltigung kippt. Der absolut irritierendste Moment an dieser Szene war dann noch, dass Roman am Schluss sie noch manipuliert, jetzt etwas Schönes zu träumen. Wait, what?

An diesem Punkt ist meine innere Feministin sowieso schon mit Zeigestab und Powerpoint bereit, einen Vortrag über Frauen als Hintergrundstaffage in Fiktion zu halten, aber es kommt noch schlimmer: Diese Vergewaltigung hat – genauso wie die erste (abgesehen von dem Kind) – keinerlei Folgen für Roman. Weder von außen z.B. durch eine Anklage oder einfach nur überhaupt eine Reaktion seiner Umgebung noch innerlich, z.B. durch Schuldgefühle oder im Falle von Letha wenigstens Wut auf seine Mutter. (Das heißt: Roman ist wütend auf Olivia, aber aus anderen Gründen.) Die Szene passiert und ist dann komplett vergessen, Ashley bastelt sogar noch eine „Gute Besserung“-Karte, als Roman im Koma liegt. Gut, rein aus der Logik der Story heraus kann man durch die Manipulation auch vermuten, dass Ashley vielleicht gar nichts mehr von dem Übergriff weiß, aber Roman bleibt so vollkommen reaktionslos darauf, dass ich am liebsten schreiend im Kreis laufen will.

Liebe Drehbuchautoren, was habt ihr getan?!

Denn damit bin ich wieder mal an diesem Punkt, der mich regelmäßig (in verschiedenen Formen der Fiktion, das beschränkt sich eindeutig nicht nur auf Film und Fernsehen) ärgert: Man kann ja schon über das Maß an Gewalt im Fernsehen allein diskutieren, wobei ich immer finde, dass, solange die Altersfreigabe angemessen ist, erst einmal (im Sinne der Kunstfreiheit) das meiste möglich sein muss und die Macher im Zweifelsfall einfach den Shitstorm der Kritiker und im Netz einstecken müssen, aber Gewalt, nur um Gewalt darzustellen und damit vielleicht zu schocken, ohne von irgendwelchen Konsequenzen zu erzählen… Das ist nicht einmal mehr faul oder (wie in diesem Fall) frauenfeindlich, sondern einfach sehr viel grundlegender erzählerisch dämlich. (Einfache Regel: Alles, was Onscreen passiert, muss eine Bedeutung haben. Sonst verschenkt mal Zeit und Handlungsspielraum.) Zumal hier „Hemlock Grove“ noch dazu das schwierige Thema Vergewaltigung so beiläufig bedient, als wäre nichts dabei. Der Umstand, dass Christina, die in psychologischer Behandlung ist, behauptet, dass Peter ein Werwolf sei, hat für Peter mehr Konsequenzen als zwei Vergewaltigungen für Roman. Nicht einmal psychisch. Roman wacht aus seinem Koma auf und Ashley ist komplett vergessen. Die Geschichte läuft weiter, als wäre nie etwas gewesen. Gab es da verschiedene Drehbuchautoren? Haben die die Skripte der vorhergehenden Folgen nicht gelesen? Oder was sollte eine Vergewaltigungsszene, die weder den Plot voranbringt noch irgendetwas auslöst, sondern nur um ihrer selbst willen existieren zu scheint?

Damit ist für mich auch die Figur Roman praktisch kaputt geschrieben. Auch wenn selbst das wieder ein diskutables Klischee gewesen wäre, hätte man mit Romans diversen gewaltvollen Eskapaden eine Entwicklung der Figur anstoßen können, selbst das hätte ich wohl nicht als eine gute Lösung empfunden, aber die Strategie, beide Übergriffe zuerst in die Geschichte zu schreiben und dann komplett zu übergehen, das ist die denkbar schlechteste Option. (Zumal auch hier eine gewisse Doppelmoral an den Tag gelegt wird: Romans Blutdurst in der zweiten Staffel bietet zumindest die Gefahr von Konsequenzen bzw. eine psychische Belastung für ihn, Onscreen gezeigte Gewalt gegen Frauen nicht.)

Und das ist – vorsichtig formuliert – schade, denn wie gesagt mag ich eigentlich Antihelden und kantige Figuren und gerade nach den so sanften Szenen mit Shelley hätte man aus Romans Figur so viel machen können, nur bleibt das leider durch solche narrative Katastrophen aus. Da hilft es auch nicht, dass rückblickend viele Auflösungen bereits sehr früh relativ beiläufig angedeutet werden (wie z.B. mit der bereits erwähnten Vermutung von Lethas Vater Norman) und die Geschichte als Ganzes immer wieder in ihrer (manchmal ein bisschen zu sehr) betont düsteren Art und ihren Twists durchaus faszinieren kann.

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Über uns Geekgeflüster

Ich bin Aurelia und blogge seit 2012 über Gaming, Bücher, Filme, Serien und mehr. Kurz: Das hier ist mein Geekgeflüster.

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