Yes, all gamers.


Wann immer Gamer in Kritik geraten, dauert es nicht lange bis die „not all gamers“-Rufe folgen, mit denen ein angeblich doch in weiten Teilen offener und freundlicher Raum Gaming im Allgemeinen beschworen wird. Und genau das ist vielleicht ein schöner Gedanke, bleibt am Ende aber ein Mythos.

Der Anschlag in Halle und die anschließende Diskussion über die Verbindungen zwischen Rechtsextremismus und Gaming haben ein ganzes Meer an alten Debatten wieder hochkommen lassen. Killerspiele, digitale Gewalt, Sexismus und Rassismus ganz genauso wie die Behauptung, dass es in Gaming-Subkulturen ja quasi keine rechten Strömungen gäbe. Also so gar nicht. Und wenn dann selbstverständlich nur bei einer extremen Minderheit. Unabhängig von den Diskussionen, die konkret am aktuellen Anlass des Attentäters von Halle hängen, ist gerade das gefährlich. Die rechten Strömungen im Gaming waren nie nur ein Problem einer lauten Minderheit und jeder „not all gamers“-Ruf hat nur einen einzigen Zweck: Die, die sich jetzt schon für die „Guten“ halten, können das weiter tun ohne über den Kontext nachdenken zu müssen, in dem auch sie sich bewegen.

Es lässt sich kritisch diskutieren, welche Communities und Subkulturen mit Gaming-Bezug besonders schlimm sind und/oder in einer Debatte über rechte Strömungen im Gaming priorisiert werden sollten. Es lässt sich sogar diskutieren, ob man den Begriff „Gamer“ nicht doch reclaimen kann, auch wenn ich persönlich das für unmöglich halte. Was sich nicht diskutieren lässt, ist, dass diverse dieser Subkulturen ein Problem mit digitaler Gewalt, Sexismus, Rassismus und mehr haben. Und es lässt sich auch nicht darüber diskutieren, dass all das in vielen mit Gaming verbundenen Räumen selten weiter als einen Tweet und Chat entfernt ist. Genauso wenig lässt es sich auch diskutieren, dass gerade diese Dinge dadurch so normal und alltäglich sind, dass sie bis weit in die Bereiche strahlen, die sich selbst als „Mitte“ und die „Guten“ wahrnehmen.

Es war nur eine Frage der Zeit bis Gaming – oder wenigstens bestimmte Strömungen – zurück in der allgemeinen politischen Debatte auftauchen würde. Und ja, es war auch klar, dass von außen dann wieder die Killerspiele-Debatte aufgewärmt werden würde, ganz egal, wie unkonstruktiv und überholt diese Diskussion ist und es auch schon vor zehn Jahren war. Edgelordtum von Gaming-Größen, Hasskampagnen gegen Feminist*innen, Reviewbombing und Boykottaufrufe für Spiele, die angeblich linke Propaganda seien, rechte Memes und Dogwhistles, die explizit Bezug auf Gaming und seine Stars nehmen, und nicht zuletzt eine Hassbewegung, von der aus sich international Verbindungen zu diversen neuen Rechten ziehen lassen – Die Existenz des Problems lässt sich schon lange nicht mehr leugnen und wer das tut, wirft schlicht besonders Frauen und Marginalisierte vor den nächstbesten Bus. Nicht mehr und nicht weniger.

Deshalb spricht es jetzt auch Bände, wie viele Leute sich am letzten Wochenende bemüht haben, immer und immer wieder zu betonen, dass es ein Problem einer lauten Minderheit sei, die für dieses Gift verantwortlich seien. Gleichzeitig hat die Community eines bekannten Gaming-Youtubers, die noch dazu nicht einmal als besonders toxisch gilt, erneut eine Feministin belästigt, inklusive Usern, die offen zugaben, ganz gezielt Stimmung gegen diese Frau gemacht zu haben. Es erzählt auch viel über die Prioritäten der Leute, die sich bei jeder Gaming-Kontroverse darum bemühen, zu betonen, dass ja weite Teile des Gamings super offen und gar nicht toxisch seien. Denn während die unendlich viel Energie darauf verwenden, diesen Mythos vom safe space Gaming immer und immer wieder und besonders Feminist*innen zu erzählen, ertrinken dieselben Feminist*innen regelmäßig im Hass. Wo sind sie dann, die so oft beschworenen „guten Gamer“? Wo ist dann die Solidarität, die häufig u.a. Frauen dringend bräuchten?

Die frustrierende Wahrheit ist die: „Not all gamers“ ist ein hastig vorgehaltener Schild mit wenig Substanz. Yes, all gamers. Denn Hass und Gift im Gaming sind omnipräsent. Das bedeutet nicht, dass es all das nur im Gaming und es dort nicht auch gute oder auch nur erträgliche Communities gibt oder dass irgendwer das behauptet. (Genauso wie es nicht bedeutet, dass alle Spielenden oder selbst alle Gamer rechtsradikal wären oder das alles ein Problem nur im Gaming wäre.) Allerdings sind diese Art von echten safe spaces, die es eben doch geben kann und wenn sie noch so klein sind, normalerweise von einigen wenigen Leuten hart erkämpft und noch härter verteidigt. Solche Räume funktionieren nur mit uneingeschränkter Solidarität und absolut keiner Toleranz für die Art Gift, das unter Gamern so alltäglich ist. Und dieser Schutz ist selten, viel zu selten. Die Gründe dafür sind komplex, vielschichtig und kann auch an Banalitäten wie uneindeutiger Moderation liegen, aber das entschuldigt nicht das Problem als Ganzes, und es ist inzwischen nur noch lächerlich, wie oft eben dieser Hass als solcher zu leugnen versucht wird.

Denn machen wir uns nichts vor: Gaming hat ein klares Problem mit toxischer Maskulinität und das wissen wir alle auch nicht erst seit gestern. Jedes Gehabe über „echte“ Spiele, jedes Gatekeeping um Schwierigkeitsgrade, jede Vergewaltigungsdrohung gegen Frauen, die Darstellungen von Gender in Spielen kritisieren, strotzt nur so davon. Ein extremer Ausläufer davon sind z.B. Nazis auf Steam, die ihre Anknüpfungspunkte in Gaming-Subkulturen finden, aber die subtileren Folgen tauchen auch schon häufig in scheinbar gemäßigten Räumen auf. Und ja, eine Folge sind auch die „not all gamers“-Rufe, die das Potential, zu Unrecht diffamiert zu werden jederzeit gegenüber dem Schutz von Einzelnen vor Angriffen von rechts priorisieren, obwohl sie ja angeblich diese Angriffe selbst ablehnen.

Gerade so als ginge es ja gar nicht darum, dass Gaming ja wirklich so offen sei, sondern darum, dass Feminist*innen zu laut werden und damit die Illusion des immer toleranten Raum Gaming stören. Gerade so als wäre „not all gamers“ nur Derailing, weil sich zu viele Leute nach wie vor nicht dem stellen wollen, was für ein Spießroutenlauf sehr viele Communities und Diskussionen für andere sind. Gerade so als wäre „Gamer“ ein verbrannter Begriff. Gerade so als würden viele lieber jederzeit Betroffene im Stich lassen anstatt sich eine andere, unverbrannte Selbstbezeichnung zu suchen, mit der sie die tolerante Utopie aktiv eintreten könnten, die sie ständig beschwören.

Gerade so als wäre das Problem ein Strukturelles.

Weiterführend zum Thema Gaming und Rechtsextremismus: Polyneux spricht, Vol. 61 (Nazis-raus-Edition) und Genderswapped Podcast: Gaming und die Gamerszene

Artikelbild via Unsplash.

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6 Kommentare

  1. Danke – auch für deine Bereitschaft, diese Debatte immernoch und weiterhin zu führen. Auch wenn ich nicht mit KNT HLZ Shirt durch die Gegend laufe (aber auch nicht mit Immanuel) bin ich für klare Kante gegen Rechts und gegen Gamergate und alle die sich auf diese Haterbewegung positiv beziehen (im Literaturbereich dann noch die Puppies – andere Meute, selbe Idee). Als straight white nonfemale gehöre ich keiner Minderheit an (bzw einer die in meinem Teil des Landes so normalisiert ist dass man damit Ortsvorsteher, OB oder Ministerpräsident werden kann, aber ich kann mich an andere Zeiten an anderen Orten erinnern – und feministisch gesehen auch an Zeiten wo in meinem progressiven Verein zwei Flügel von Männern sich stritten und Frauen unterstützen aber nicht zuviel mitreden sollten. (War ja heute Anlass, an meine Teenagerzeit zu denken.) Heute wie damals Rollen-spielende Person, würde mich aber nie zu den Gamern sondern zu den Weltenbastelnden rechnen – und öfter als im LARP (und fast so oft wie in Discord) sieht man mich im Theater.

    Xex hat ein Recht, finde ich, mit „zu viele“ antworten zu wollen wenn jemand „Not all Gamers“ sagt – und verfällt eben nicht darin, das explizit selbst zu sagen.

    Dir stimme ich jedoch darin zu, dass das eigentliche Problem der Szene grösser ist als die Gefahr mit einer im Gatekeeping abgrenzenden Selbstbezeichnung mitkritisiert zu werden, obwohl man doch nur an toxischer Männlichkeit nichts schlimmes findet, aber selbst noch nie ein Problem hatte. ..

    Wer wegschaut macht mit, das gilt auch für Bullying in den Fandoms, ob es Cosplay (heute wieder eine „hab dich nicht so wenn wir dich ätzend niedermachen“ fatshaming Debatte in Animexx gesehen) , P&P (eher „meine Szene“ und es gibt sonst nette Männer die „wertfrei“ über das Arier-Szenariorollenspiel eines nordischen Neonazis reden wollen) oder Computergames sind…

    Bin übrigens über das Interviewgespräch im „Genderswapped“ Podcast hier , den noch mehr Leute hören sollten.

  2. Ich muss gestehen, dass ich Bauchschmerzen habe mit der Ansage „alle“. Schon wegen der Absolutheit. Meine persönliche Erfahrung zeigt: sind alle schuld, trägt keiner Verantwortung.

    Das Argument „nicht alle“ (nicht nur hier beim Gaming) ist ein schwaches Argument und sollte eher durch „zuviele“ gekontert als durch „alle“ gekontert werden.

    Denn wer ist Gamer? Jeder, der eletronisch unterstützte Spiele spielt? Konsolen-, Computer-, Automaten, Mobiltelefonspiele? Das wäre ein guter Prozentsatz aller Menschen in Deutschland (und wohl auch in anderen Ländern). Sind dann alle Feinde des Feminismus, die elektr. Spiele stehen, weil alle Gamer schuldig sind?

    Das elektronische Spielen hat sich schon Ende der 80er soweit differenziert, dass viele „Gamer“ auch nach 2 Jahrzenten intensivem Spielens durchaus nie einmal in der gleichen Community oder beim gleichen Spiel aktiv gewesen sein müssen.

    Im Kern besteht natürlich das tatsächliche Probleme des toxischen Verhaltens. Nicht nur Frauen oder vermuteten Frauen gegenüber. Grieve Play hat die Spiele selbst verändert, weil es zuviele Spieler gab, die Spaß am Stören anderer hatten. Auch Belästigungen haben unzweifelhaft enorme Auswirkungen. Ich habe Spiele erlebt, in denen die meisten weiblichen Spieler männliche Charaktere gespielt haben. Die Zahl der Griever war in mir bekannten Beispielen eigentlich immer in der Minderheit. Der Mehrzahl war es aber egal, soweit sie nicht selbst betroffen waren. Das ist ein Problem. Und die Macher der Spieler, deren Moderatoren etc. hatten nicht immer ein glückliches Händchen. Dieses antisoziale Verhalten ist ein ernstes Problem. Und es schwankt zwischen den Spielen stark. Es sind unterschiedliche Communities, aber praktisch alle kennen grundsätzlich das Problem. Dennoch sind nicht alle schuldig im Sinne von schuldhaftem Tun oder Unterlassen.

    Lassen wir diese wichtige Diskussion nicht durch Absolutismen und Verantwortungsdiffusion ausfasern. Da mittlerweile so ein großer Teil der Menschen auch Spieler sind, sind Probleme im einen Bereich auch Probleme im anderen Bereich.

    Und wer allen die Schuld gibt, sollte im Detail mit der Gefahr der Täter-Opfer-Umkehr aufpassen. Viele Opfer, insbesondere der frauenfeindlichen Spieler sind Frauen, die spielen. Sie alle sind Gamer, die Täter und die Opfer. Daher halte ich die Argumentation mit Alle sind schuld so unpassend.

    • No offense, aber du tust mit diesem Kommentar genau das, was ich kritisiere. Du hängst die Möglichkeit, potentiell durch eine Überschrift diffamiert zu werden, höher als die Angriffe gegen Frauen und Minderheiten, was nichts anderes ist als nicht vor der eigenen Haustüre kehren zu wollen. Ich stelle in dem Text klar, dass „Yes, all gamers“ eine Antwort ist, mit der ich Derailing-Argumentation wie „not all men“ bzw. hier eben „not all gamers“ aufgreife und umkehre. Ich schreibe buchstäblich, dass es natürlich auch safe spaces und offene Räume/Subkulturen im Gaming gibt und dass meine Kritik natürlich nicht bedeutet, dass alle Leute, die Spiele spielen, oder alle Gamer rechtsradikal wären. Mein Punkt ist, dass das Problem strukturell ist und dementsprechend strukturell angegangen werden muss, was wiederum bedeutet, dass „Niemand ist schuld“ nur bedeutet, dass niemand dazu gezwungen wird, Verantwortung zu übernehmen und es damit an Betroffenen hängen bleibt, sich zu schützen. Das ist exakt die Haltung, die uns die aktuellen Probleme mit beschert hat. Und natürlich ist das Problem nur teilweise ein gegendertes, aber auch das ist mein Punkt: Gaming-Subkulturen können zutiefst toxisch sein und das trifft alle, aber die, die es am härtesten trifft, sind zuerst Frauen und Marginalisierte. Es ist z.B. keine Lappalie, wenn ich regelmäßig „begründen“ soll, warum Angriffe gegen mich nicht okay sind. (Und auch um das noch einmal klarzustellen: Mich trifft es garantiert aus verschiedenen Gründen nicht ansatzweise so hart wie andere, was überhaupt einer der Gründe ist, warum ich noch den Nerv für Diskussionen und solche Artikel wie diesen hier habe.) Es gibt zu genau diesen Phänomenen noch keine Gegenbewegung, die konsequent und laut genug solidarisch mit Betroffenen ist, stattdessen werden immer und immer wieder Leute verteidigt, die rechtsradikales Gedankengut normalisieren oder/und mit Rechten kuscheln. Solange diese Bewegung nicht existiert und Leute, die sich „Gamer“ nennen oder einfach in ihrer Freizeit Spiele spielen, konsequent und auf breiter Basis den Vereinnahmungen und Angriffen von rechts entgegenstellen, statt gegen Leute zu schießen, die das kritisieren, sind tatsächlich alle oder wenigstens die Mehrheit nach wie vor in der Verantwortung, das aktiv und sichtbar zu ändern. Jedenfalls, wenn sie für sich beanspruchen möchten, darauf hinzuarbeiten, dass ihr Hobby auch wirklich der offene und tolerante Raum ist, als den sie es darstellen.

  3. Pingback: Spiele und der Terror – Was zu kurz kommt, ist der Diskurs - CROSSMEDIACULTURE

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