Wenn Wissen nur von Männern gemacht wird: Wikipedia, der Buchhandel und das Konstruieren von Öffentlichkeit

Phantastik und Wissenskonstruktion am Beispiel der Wikipedia-Liste weiblicher Science Fiction-Autorinnen - Bild: Die edlen Ritter des Ordens zur misogynen Kartoffel müssen die Phantastik tapfer gegen die dunklen Mächte weiblicher Autorinnen verteidigen. (Symbolbild, basierend auf des angenommen Selbstbildes besagter Helden.)

Die edlen Ritter des Ordens zur misogynen Kartoffel müssen die Phantastik tapfer gegen die dunklen Mächte weiblicher Autorinnen verteidigen. (Symbolbild, basierend auf des angenommen Selbstbildes besagter Helden.)

Der andauernde Streit um eine Liste weiblicher Science Fiction-Autorinnen auf Wikipedia zeigt mal wieder vor allem eins: Wir leben in einer Welt, in der Wissen viel zu oft von viel zu homogenen Gruppen gemacht wird. Und die Phantastik an sich ist eigentlich ein sehr schönes Beispiel für die Strukturen, die dahinter stehen.

Seit einigen Monaten nun schon sieht man(n) sich bei der deutschen Wikipedia mit einer nie da gewesenen Bedrohung konfrontiert: Eine Frau hat eine Liste deutschsprachiger Science Fiction-Autorinnen angelegt und will die auch noch online behalten. Sogar noch mehr: Sie engagiert sich auch noch dafür, dass Personenlisten in Zukunft nach Geschlecht sortierbar sein sollen! Aber verzagt nicht, denn die edlen Ritter des Ordens zur misogynen Kartoffel sind natürlich längst zur Stelle und verteidigen das Abendland (oder was auch immer) gegen diese dunklen Mächte. (Oder versuch(t)en es wenigstens, denn aktuell ist die Liste online, auch wenn der erste Versuch für die Einführung der Sortierung gescheitert ist.) Das klingt so formuliert vielleicht sogar lustig und natürlich ist das auch meine Absicht. Denn ich weigere mich, so zu tun als hätten diese Leute ein legitimes Anliegen, wenn sie meinen, sich gegen so eine Liste oder eine simple Ergänzung einer Sortierung stellen zu müssen.

Gleichzeitig ist aber die ganze Sache im Grunde auch ein bitteres Paradebeispiel dafür, wie das Internet – und besonders Wikipedia im Speziellen – selbstverständlich nicht das demokratische und gleichberechtigte System ist, als das es manchmal angepriesen wurde und wird. Weder Technik noch digitale Medien werden gesellschaftlich oder politisch jemals irgendetwas retten – außer vielleicht bestehenden Machtstrukturen – solange analoge Strukturen beibehalten oder nachgeahmt werden. Das ist an sich eine Binsenweisheit und damit könnte das Thema an dieser Stelle auch beendet sein, aber der Streit um Wikipedia und z.B. die Liste deutscher Science Fiction-Autorinnen ist eine Art Mikrokosmos dafür, wie Wissen gemacht und kulturelle Macht ausgeübt wird.

Wikipedia ist klassischerweise die erste Anlaufstelle für Wissen unterschiedlichster Art im Netz. Ich brauche kurz die Lebensdaten irgendeiner historischen Persönlichkeit? Google und Wikipedia. Ich will wissen, was irgendein Fachbegriff bedeutet? Google und Wikipedia. Ich suche Beispiele für berühmte Autor*innen eines Genres? Google und Wikipedia. Denn egal, wie oft in Klassenzimmern und Seminarräumen gepredigt wird, dass Wikipedia eine problematische und nicht zitierfähige Quelle ist: Am Ende nutzen wir sie alle. Umso tiefer lässt es blicken, was für ein Aufstand es war, eine Liste für deutschsprachige, weibliche Science Fiction-Autorinnen zuzulassen und wie sehr man sich in der Community dagegen gewehrt hat. Nicht aus inhaltlichen Gründen, jedenfalls nicht wirklich, sondern schlicht und ergreifend, weil es um Frauen geht.

So weit, so unspektakulär, denn gerade der deutsche Wikipedia-Ableger hat ohnehin schon länger den Ruf, in gewissen Bereichen an einen Altherrenabend zu erinnern und sich gegen jeden Versuch, progressiven Strömungen auf der Seite Raum zu geben, mindestens zu sträuben. Selbst dass die Initiatorin besagter Liste, Theresa Hannig, sich inzwischen in der Diskussion anhören muss, sie sei ja nur auf PR für ihre eigene Arbeit als Autorin aus und hätte erst durch das Medienecho an Aufmerksamkeit gewonnen, ist genauso eklig wie wenig überraschend. Sie und andere, die sich an der Aktion beteiligen, haben damit direkt in ein frauenfeindliches Wespennest gestochen und jetzt schwirrt der aufgescheuchte Männerclub eben nervös durch die Gegend und sticht alles in Reichweite.

Gleichzeitig ist es ironisch und vermutlich sogar bitter, wie exemplarisch die Geschichte der Liste dafür stehen kann, dass wir uns auch im Jahr 2019 mit Phantastik in einer Welt bewegen, in der Wissen und Verbreitung von Autor*innen und ihren Werken so ‚gemacht‘ werden, dass ein weißer cis Mann immer als Norm gelten wird. Egal ob ich versuche, im Buchladen vor Ort oder online in den einschlägigen Listen irgendeines Onlinehändlers wie Amazon zu stöbern, schlagen mir immer erst einmal Regale- bzw. Seitenweise dieselben Namen entgegen: Tolkien, Martin, Heitz, vielleicht noch Hohlbein, King oder Paolini, und nur wenn ich viel Glück habe, mischen sich ein paar Titel von Rowling oder Canavan dazwischen. Das liegt zum Teil auch daran, dass ganze Reihen wie Martins „A Song of Ice and Fire“ aufgrund der bloßen Anzahl an Einzelbänden viel Platz wegnehmen können, zum Teil aber auch an der Art und Weise wie die entsprechende Auswahl (nicht) kuratiert wird. Im Amazon-Ranking machen sich die Autor*innen gut, die viele Bücher verkaufen, und viele Bücher verkauft man auch dadurch, zum einen bereits bekannt zu sein und zum anderen ohnehin viel in Einzelbände aufgeteiltes Material einer Geschichte haben. Bekannt werden und bleiben diese Leute durch gezieltes Verlagsmarketing auf der einen und Buchändler*innen auf der anderen Seite. Wenn man aber nun im Handel keine besseren Sortimente aufstellt als das, was ohnehin auf den ersten drei Seiten der „Fantasy“-Kategorie bei Amazon und anderen Händlern erscheint, dann brauchen wir uns auch nicht wundern, warum Phantastik als Genre von außen nicht immer ganz zu Unrecht als auffällig weißes und männliches Genre wahrgenommen wird, besonders in Deutschland.

Denn natürlich ist die Präsentation im Handel nicht das einzige Problem: Debatten, die so geführt werden als, ob sich z.B. Frauen nicht für Fantasy interessieren würden anstatt darüber zu reden, dass es schlicht anstrengend sein kann, ein weiblicher Phantastik-Fan zu sein, besonders männliche Autoren, die den Trope der „starken Frau“ offenbar nur als nettes Feature für ihre Arbeit sehen, deren Feminismus aber beim eigenen Romanende genauso vorbei ist, und, natürlich, auch die Wikipedia, die sich weigert (oder es wenigstens versucht), weibliche Autorinnen sichtbar zu machen. Dabei ist es eigentlich doch absurd: Wir führen hier am Beispiel der Wikipedia-Liste im Grunde eine Diskussion, die sich rund um weiße cis Frauen und damit eine Gruppe Menschen entwickelt hat, die verhältnismäßig viele Privilegien genießt. Konsequent wäre es eigentlich, eine große oder sehr viele kleine Wikipedia-Listen anzulegen, die grundsätzlich Autor*innen hervorhebt, die nicht in die Kategorie der üblichen weißen, able-bodied, cis Männer fällt, deren reaktionärsten Vertreter offenbar die diversen phantastischen Genres noch immer fest in ihrer und nur ihrer Hand glauben. Nur so konsequent können wir im Augenblick nicht einmal diskutieren, weil schon die kleinste Barriere zu einer Hürde wird, die offenbar gewisse Kommentatoren mit Händen und Füßen verteidigen wollen.

Und da wird es vielleicht am deutlichsten klar, worum es hier wirklich geht: Macht. In kultureller und wissensorganisatorischer Sicht. Die Ablehnung und Bekämpfung der Liste deutscher Science Fiction-Autorinnen genauso wie die ewig gleichen, ewig männlichen Sortimente und Empfehlungen in Onlineshops sind im Grunde nichts anderes als ein Ausdruck von bestehenden Machtstrukturen, die mal mehr, mal weniger bewusst bewahrt werden. Im Falle der Wikipedia-Liste liegt inzwischen der Schluss mehr als nahe, dass da eine gute Portion böser Wille am Werk ist, den Buchändler*innen vermutlich nicht automatisch im Sinn haben. Nur tragen beide dazu bei, wie Wissen über Phantastik bzw. das Genre als literarische Öffentlichkeit konstruiert wird. Wenn Leute, die keine weißen cis Männer sind, aktiv unsichtbar und damit quasi irrelevant gemacht werden, dann brauchen wir uns nicht darüber zu wundern, dass z.B. viele Autorinnen gerne mal auf Young Adult, New Adult oder direkt Romance mit phantastischen Elementen ausweichen. Denn alle drei haben eine traditionell sehr weibliche Zielgruppe, was wiederum bedeutet, dass es nicht nur für Autor*innen einfacher sein kann, in diesem Bereich Fuß zu fassen, sondern auch, dass sie vielleicht sogar die Geschichten über Leute wie sie leichter erzählen können und dürfen.

Diese Aufteilung spiegelt sich auch zum Teil in den Regalen von Buchhandlungen wieder und ist in ihrer Existenz natürlich ebenfalls problematisch, aber auch das Ergebnis einer scheinbar endlosen Debatte, die nach wie vor fragt, ob gewisse Autor*innen überhaupt entsprechenden Raum haben dürfen, anstatt zu fragen, warum andere diesen Raum denn ganz automatisch haben sollen. Diese Machtstrukturen, so sehr wir auch daran rütteln, werden sich erst wirklich ändern, wenn alternativlose Mainstream-Kanäle wie Wikipedia, Amazon und lokale Buchhandlungen aktiv dagegen vorgehen und benachteiligte Autor*innen aktiv sichtbar machen. Nicht weil z.B. Frauen automatisch besser schreiben als Männer, sondern weil aktuell ein mittelmäßiger Mann nach wie vor sehr viel leichter im Rampenlicht (oder auf entsprechenden Empfehlungslisten) landet als eine brillante Frau. Dabei könnte die Phantastik noch so einige brillante Frauen mehr gebrauchen.

Artikelbild via Unsplash.

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