Warum Chaos „Crusader Kings 2“ gut tut

Crusader Kings 2 Pferd als Kanzler Glitzerhuf
„Euer Pferd schien euch schon immer eine besonders vertrauenswürdige Kreatur zu sein – was Ihr von Euren Ratsmitgliedern leider nicht immer sagen konntet. Höchste Zeit für etwas frischen Wind zu sorgen! Euer treues Ross soll Euer neuer Kanzler werden.“

Einen Moment blinzle ich überrascht, dann lese ich die Meldung noch einmal. Nein, ich habe mich nicht vertan. König Indulf II. von Schottland hat gerade im Jahr 1077 sein Pferd Glitzerhuf zum Kanzler gemacht. Einfach so. Ohne dass ich Einspruch erheben könnte. Immerhin mag das Tier seinen König, was man nicht von allen Ratsmitgliedern meines aktuellen Spiels in „Crusader Kings 2“ sagen kann. Trotzdem: Warum um alles in der Welt ernennt jemand sein Pferd zum Kanzler?

Die Antwort ist relativ einfach: König Indulf II. war wahnsinnig, was mit dem „Conclave“-DLC von „Crusader Kings 2“ eine mögliche Charaktereigenschaft für Figuren im Spiel ist. Das ist grundsätzlich einmal vollkommen unspektakulär, denn davon gibt es eine Menge. Herrscher können gestresst, depressiv, attraktiv, gerissen oder vieles mehr sein. Und eben auch wahnsinnig (im Englischen „lunatic“). Diese Eigenschaft im Speziellen kann ein paar ganz besonders absurde Events wie einen Erlass zum Ende jeder Gewalt im Reich triggern, hat aber auch die Folge, dass wahnsinnige Herrscher eine ganz besondere Beziehung zu ihrem Lieblingspferd, Glitzerhuf, haben.

Von wahnsinnigen Monarchen und ihre Pferden

Die Idee, dass verrückte Herrscher ihre Pferde mit Ehrungen überschütten, ist dabei grundsätzlich alt und diese Verbindung als solche wird schon seit der Antike und dem römischen Kaiser Caligula gezogen, der sein Lieblingspferd Incitatus prunkvoll zum Essen eingeladen hat und angeblich sogar zum Senator ernennen wollte. Inzwischen wird zwar auch schon angezweifelt, ob beide Aktionen wirklich ein Zeichen für Wahnsinn waren und nicht eher eine politische Botschaft, aber das tut hier nichts zur Sache. Warum konkret diese Events in „Crusader Kings 2“ so grandios sind, ist das: Sie sind merkwürdig, chaotisch und sie entziehen mir als Spielerin ein gutes Stück meiner scheinbar allumfassenden Kontrolle.

Was „Wahnsinn“ sein soll und was nicht, ist an sich eigentlich ein komplexes Thema, aber das Lieblingspferd als politischen Würdenträger einzusetzen, dürfte in den meisten Fällen trotzdem in diese Kategorie fallen. Gleichzeitig ist die Aktion unglaublich absurd und widerspricht jeder Logik des Spiels. Glitzerhuf freut sich zwar, jetzt in besonderer Position am Hof zu sein – wer weiß, vielleicht gibt’s auch nur eine Extraportion Heu? – hat aber keinerlei Macht und die Ernennung verärgert nur sämtliche Vasallen. Ach ja, und außerdem ist ein Pferd als Kanzler auch noch vollkommen unfähig. Ein hundertprozentiges Verlustgeschäft also. Und genau deshalb liebe ich es.

Spiele und das Scheitern an sozialer Interaktion

Videospiele mit historischem Setting oder historischer Inspiration – gerade solche, in denen es um Politik geht – funktionieren oft streng logisch. Formelhaft und streng kausal. Damit vergeben sie auch manchmal wertvolle Chancen, das abzubilden, was Geschichte für mich eigentlich erst interessant macht: Chaos. Ereignisse, die nicht ganz logisch erscheinen, weil sie eigentlich nur Notlösungen waren. Fehler. Missverständnisse. Oder einfach schlichte Unfähigkeit. Dass ein wahnsinniger Herrscher einfach so, ohne dass ich als Spielerin dem widersprechen könnte, schlicht Mist baut, schlägt im Grunde in diese Kerbe. Das ist nicht nur unterhaltsam, sondern haucht der manchmal etwas sehr sterilen Spielwelt mit ihrer immer auf das Optimum ausgerichteten Politik-Formel etwas Leben ein.

Denn Politik, das sind ja eigentlich auf ganz abstrakter Ebene nur menschliche Beziehungen, die eben nicht immer streng kausal funktionieren. Wir reden hier also über zutiefst soziale Vorgänge. Vorgänge, an denen viele Spiele im Allgemeinen bisher immer wieder gescheitert sind und es noch tun. Denn etwas Komplexes und manchmal Zufälliges wie soziale Interaktion abgesehen von zuvor klar gescripteten Szenen auf das Medium zu übertragen, ist zugegeben schwierig. Wenn mir ein Spiel dann die Geschichte eines Herrschers erzählt, der eben zufällig sein Pferd wirklich sehr mag und meint das reicht, um es zum Kanzler zu machen, ist das dagegen zufällig, politisch schlicht dumm und verbreitet nur Chaos. Denn Glitzerhuf wird ab diesem Zeitpunkt als Mitglied des Hofs angesehen und kann damit auch Ehrentitel erhalten und sogar zum Regenten in Krisenzeiten oder für minderjährige Erben ernannt werden. Und so übertrieben dieses Beispiel auch ist: Dieses Chaos ist wunderbar, eben weil es jeder politischen Logik entbehrt und den Regeln des Spiels eigentlich entgegen geht.

An Glitzerhuf kommt in „Crusader Kings 2“ niemand vorbei

Sogar noch mehr: Plötzlich bin auch ich, die Spielerin, machtlos, denn was der König will, das will er eben. Und wenn er Mist bauen will, will er Mist bauen. Obwohl ich in „Crusader Kings 2“ im wahrsten Sinne des Wortes in der Vogelperspektive auf die Karte blicke und Pläne über mehrere Generationen und Jahrhunderte hinweg schmieden und durchführen kann: An Glitzerhuf komme ich nicht vorbei. Selbst wenn ich direkt im Anschluss einen neuen Kanzler ernenne, bin ich im ersten Moment doch machtlos. Ehefrauen ermorden, Kinder einkerkern, Rivalen demütigen – Alles kein Problem. Nur wenn das Pferd jetzt eben in den Rat berufen wird, sind mir die Hände gebunden. Ja, das ist irgendwo sehr ironisch, aber eben auch wunderbar.

Ein historisch inspiriertes Setting ohne solche chaotischen, merkwürdigen kleinen Geschichten zu konstruieren, ist eine vertane Chance. Denn seit wann sind Menschen schon einfach nur aneinander gereihte Fakten und kausale Zusammenhänge ohne einen ebenso großen Anteil an Fehlern, Dummheiten und bloßer Unfähigkeit? Und ja, als Spieler können solche Kontrollverluste auch frustrieren und nerven. Ein bisschen mehr Chaos und Katastrophen, wären manchmal trotzdem gar nicht schlecht, und genau deshalb bleiben die wahnsinnigen Herrscher einfach mit das Beste an „Crusader Kings 2“. Damit dringt das Spiel schlicht in Bereiche unter der Oberfläche der „Game of Thrones“-Romantik vor. Bereiche, die in Erinnerung bleiben und ungewöhnlich sind. Die große Stärke von „Crusader Kings 2“ sind sowieso nicht penibel zusammen getragene historische Fakten, sondern die Geschichten, die sich zufällig und willkürlich ergeben. Genau dann, wenn diese konstruierte Logik nicht mehr greift.

Und überhaupt: Wer weiß, ob Glitzerhuf nicht doch verborgene Talente als Regent hat? (Wohl eher nicht, aber das Pferd hat trotzdem Potential für einige witzige Konstellationen.)

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