Von „Gamer Girls“, Romance und internalisierter Misogynie

Artikelbild Gamer Girls und internalized misogyny
Es gab eine Zeit, da war ich fest überzeugt, Romance als Genre nicht zu mögen. Klar, als jemand, die um 2008 ein Teenager und inmitten der Vampirwelle nach Twilight, Fantasy-Jugendromane geradezu verschlungen hat, gab es für mich eine kurze Phase, in der ich im Grunde nur Romance in verschiedenen Subgenres gelesen und geschaut habe, aber in dem Moment, in dem ich den Vampiren entwachsen bin, schien sich auch das zu legen. Ich wurde erwachsen und begann, „erwachsene“ Literatur zu lesen, „erwachsene“ Filme zu gucken und „erwachsene“ Spiele zu spielen.

Das bedeutete nicht, dass alles plötzlich intellektuell anspruchsvoll war, aber statt vor allem Vertreter von Genres zu rezipieren, die auf die eine oder andere Weise eigentlich immer ein Subgenre von Liebesromanen bedienten, fand ich mich plötzlich von Büchern, Filmen und Spielen umgeben wieder, die vor allem dann gut waren, wenn überhaupt keine Liebesgeschichte vorkam. Denn Liebesgeschichten waren eigentlich immer etwas Schlechtes. Was ich damals noch nicht verstand, war, dass das nicht an Romance als Genre lag, sondern an zwei Dingen, die unterschiedlich und doch gleich sind: Autor*innen, die alles mögliche können, aber definitiv keine emotionsgetriebenen Handlungsstränge zu entwickeln, und simpler Misogynie.

Wird ein Kulturprodukt meistens einer besonders weiblichen Zielgruppe zugeschrieben, dann ist es häufig fast automatisch weniger wert. Fanfictions, Sims, Barbie, Twilight, Boybands – Die Liste lässt sich beliebig erweitern. Fanfictions sind keine echte Literatur, denn das ist ja „nur“ Erotik und Romance. Sims ist kein echtes Spiel, denn das ist ja im Grunde nur ein digitales Puppenhaus und wir hatten uns ja alle schon darauf geeinigt, dass Barbie ein kindisches Mädchenspielzeug ist. Und über „Twilight“ rümpfen wir alle auch zehn Jahre später noch die Nasen. Das bedeutet nicht, dass es an „Twilight“ eigentlich nichts zu kritisieren gäbe – ganz im Gegenteil – aber wenn die Kritik sich darauf beschränkt, dass „Vampire nicht glitzern“ und „Edward ein Waschlappen“ sei, den ja nur kleine Mädchen toll finden können, dann ist das keine Kritik, sondern Misogynie.

Denn natürlich geht es bei nichts davon wirklich um Qualität oder künstlerische Debatten, sondern um kulturelle Macht und Deutungshoheit. Das ist in Zeiten, in denen z.B. „Star Wars“-Fans sämtliche Schauspielerinnen der neuen Filme von ihren Social Media-Kanälen gejagt haben, inzwischen eine Binsenweisheit, an der im Grunde auch nicht zu rütteln ist. Es gibt Nerdräume, in denen schon mir als weiße cis Frau immer wieder sehr deutlich vermittelt wird, dass ich nicht erwünscht bin, denn in dem Moment, in dem ich oder Leute wie ich zu viel Raum einnehmen, wird es zu einer Frauensache und Frauensachen, das wissen wir spätestens seit dem schrecklichen Begriff des „Frauenromans“ oder seiner modernen Variante der „Chick Lit“, sind weniger wert als Männersachen. Männliches Fandom ist normal und kein Widerspruch zur Vollwertigkeit einer Person, weibliches Fandom ist meistens ein Fehler, der verlegen runtergespielt wird.

Ich ertappe mich selber viel zu oft dabei, wie ich die Dinge runterspiele, die ich mag, weil sie eben Mädchensachen sind. Lange habe ich gesagt, dass das erste Spiel, das ich gespielt habe, „Age of Mythology“ war, obwohl ich das erst angefasst habe, als ich schon jahrelang „Sims 2“ gespielt habe. Von einer ganzen anderen Reihe an Pferdespielen, die eine Weile bei den Mädchen meiner Grundschulklasse beliebt waren, ganz zu schweigen. Lange habe ich versucht, in männlich dominierten Gaming-Kreisen meine Begeisterung für die Spiele zu betonen, die als „richtige“ Spiele galten, d.h. meistens Gewalt beinhalteten. Und es gibt auch tatsächlich Spiele, in denen Gewalt eine zentrale Rolle spielt, die ich sehr liebe. Aber genauso gibt es Spiele, Filme oder Bücher, die dem vollkommen entgegen gehen und die ich damals nie erwähnt habe, weil ich das Gefühl hatte, dass das alles zu trivial sei. Nur sieht die Realität so aus, dass jedes „Assassin’s Creed“ im Grunde immer vollkommen trivial war und nie versucht hat, etwas anderes zu sein. „Assassin’s Creed“ war nie anspruchsvoller als „Sims“, aber in „Sims“ habe ich Leute dazu gebracht, sich zu verlieben und in den kitschigen Sonnenuntergang der Vorstadthölle zu reiten, und in „Assassin’s Creed“ haben meistens Männer irgendwelche Männersachen wie Politik gemacht.

Deshalb hat es mich auch nicht ganz losgelassen, als vor nicht ganz so langer Zeit ein Artikel in meinem Dunstkreis erschien, der vollkommen kontraproduktiv mit dem Begriff und Thema der „Gamer Girls“ umging. Der „Gamer Girl“-Begriff war von Anfang an eine Manifestation einer Kultur, in der Weiblichkeit bestraft und toxische Nerdmaskulinität belohnt wird. Kein „Gamer Girl“ zu sein und damit nicht zu weiblich aufzutreten, war gemäß der Logik besagter frauenfeindlicher Kultur schon immer einfach ein Weg, sich ein Minimum an Respekt und Würde zu erkämpfen. Wenn ich „one of the boys“ war, dann war ich zumindest geduldet und im besten Fall akzeptiert. Gab ich mich zu weiblich, war ich ein „Gamer Girl“ und hatte damit mein Recht auf Respekt verwirkt. Doch Weiblichkeit in Nerdräumen ist kein Fehler. Das war sie nie und wird sie nie sein.

Für mich war es ein langer und anstrengender Prozess, mir Dinge wie „Mädchenspiele“ wieder zu erlauben und meinen Spaß daran offen zuzugeben. Ich bin froh über das Ergebnis, weil es einmal mehr Freiheit bedeutet, aber ich werde auch nicht behaupten, dass er einfach war oder dass ich jetzt plötzlich auf alles eine Antwort hätte. (Ich bin mir noch nicht einmal sicher, ob der Prozess wirklich abgeschlossen ist.) Der Punkt ist allerdings der: Ich weigere mich, Weiblichkeit als kulturelles Konzept und damit besonders andere Frauen automatisch abzuwerten.

An „Gamer Girls“ ist nichts falsch außer, dass der Ausdruck im Grunde nur ein Kampfbegriff aus rechten Gamerkreisen ist. Und der Fehler ist nicht Weiblichkeit, sondern toxische Nerdmaskulinität.

Artikelbild via Unsplash.

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1 Kommentare

  1. Und jetzt atmen alle einmal tief durch, besinnen sich darauf, dass Gaming etwas ist das Spaß und Freude bringen möchte, egal ob in der Gruppe oder alleine.
    Dann denken alle mal darüber nach, warum es in Gamerkreisen immer noch passiert, dass Frauen abgewertet, sexualisiert und ausgeschlossen werden, in Dev Kreisen aber nur die Begeisterung und das Können zählen.

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