Videospiele und die Deutungshoheit über Geschichte

Battlefield V Deutungshoheit über Geschichte in Spielen
Akkuratesse, Authentizität, Realismus, „Das war halt so“. Unter diesen und ähnlichen Begriffen und Phrasen wird nun schon eine Weile über Videospiele mit historisch inspiriertem Setting gestritten. Und obwohl das durchaus wichtige und interessante Debatten sind: Manchmal geht es nicht wirklich um Geschichte.

Ein Trailer zu “Battlefield V” erscheint und auf Youtube stehen die Kommentare in Flammen, weil darin eine weibliche Soldatin zu sehen ist. Noch mehr: Sie ist wohl eine Protagonistin des Spiels. Dass das genug ist, um eine sehr laute und sehr frauenfeindliche Minderheit der Spieler zu verärgern, ist nichts Neues und im Grunde wäre damit diese Geschichte in ihrer Alltäglichkeit vielleicht leider nicht einmal der Rede wert – Wenn „Battlefield V“ nicht im Zweiten Weltkrieg spielen würde. Denn eines der zentralen Argumente, das am nächsten Morgen von allen Seiten durch meine Social Media-Feeds waberte, war das: Historische Akkuratesse. Wahlweise auch als „Korrektheit“, „Authentizität“ oder ein simples „Das war halt (nicht) so“ bezeichnet kam scheinbar eine Debatte auf, wie viele Frauen im Zweiten Weltkrieg gekämpft oder angeblich nicht gekämpft haben. Ich kann diese Debatte als solche – auch wenn ich persönlich wenig von Akkuratesse-Diskussionen in Bezug auf Fiktion halte – auch durchaus nachvollziehen. Nur geht sie vollkommen am eigentlichen Thema vorbei.

Geschichten statt Geschichte

Fiktion, die sich mit historischen Ereignissen welcher Art auch immer beschäftigt, hat im Verhältnis herzlich wenig mit Geschichte als viel mehr mit Geschichten zu tun. Uns als Publikum kommt normalerweise das realistisch vor, was wir schon irgendwie kennen. Sei es aus Filmen, Spielen oder dem Geschichtsunterricht. In „Battlefield 1“ z.B. nahmen so Spieler eine bestimmte Rüstung als vollkommen überzogen und nicht authentisch war, obwohl sie tatsächlich historisch belegt ist, während die Geschlechterbilder von „Kingdom Come: Deliverance“, dessen Entwickler mit einem authentischen Ansatz geworben hatten, grob in die Kategorie dessen passen, was in mittelalterlich inspirierten Szenarien häufig als realistisch aufgefasst wird, aber mehr mit dem 21. als dem 15. Jahrhundert zu tun hat. Das alles hat oft genug weniger mit historischen Fakten und einer Belegbarkeit von Details zu tun, sondern damit, was die Zielgruppe an Vorwissen mitbringt oder auch nicht. Und schon allein weil Geschichte auch identitätsstiftend ist für eine bestimmte Gemeinschaft, ist dieses Vorwissen oft genug mythenbehaftet und weit weg von irgendwelchen Fakten. Das ist an sich auch nicht „schlimm“, bedeutet allerdings, dass ohnehin jeder Anspruch von irgendeiner akkuraten Abbildung von Geschichte schon vor allen Fragen nach Recherche oder Ressourcen eines Entwicklerteams im Zweifelsfall schon an der Authentizität für die eigene Zielgruppe scheitern kann und vermutlich oft genug auch wird, wenn ein Spiel auch unterhalten soll.

Das bedeutet allerdings auch im Umkehrschluss: Viele Diskussionen, die wir über Realismus und Geschichte in Videospielen führen, basieren lose darauf, was sich für uns als Einzelperson jeweils „richtig“ anfühlt. Wie nah an welcher Realität dieses Gefühl wirklich ist, steht auf einem anderen Blatt. Wenn also eine Gruppe Spieler wie bei „Battlefield V“ sich beschwert, dass eine Frau im Zweiten Weltkrieg nicht realistisch wäre, geht es in erster Linie maximal um ein diffuses Gefühl von Authentizität und sehr viel mehr um Frauenfeindlichkeit. Darauf mit historischen Fakten zu antworten, spricht einer sexistischen Position viel zu viel Legitimation zu und selbst sicher gut gemeinte Postings und Artikel wie z.B. dieser hier auf Screaming Pixel schaden da am Ende mehr als sie nutzen. Dabei finde ich diesen konkreten Text als solchen nicht einmal schlecht, er nimmt allerdings den falschen Anlass. Zu suggerieren, solche frauenfeindlichen o.ä. Ausfälle, wären mit historischen Fakten und Akkuratesse verbunden, ist schlicht gefährlich und verbindet zwei getrennte Probleme.

Ein diffuses Gefühl von Frauenfeindlichkeit

Denn natürlich kann und soll man das Thema der Akkuratesse oder der Authentizität in Videospielen diskutieren, wenn allerdings Geschichte als Argument auf Basis eines diffusen Gefühls von „Das war halt so“ ins Feld geführt wird, dann geht es nicht mehr um historische Fakten, sondern um Deutungshoheit über und Verhandelbarkeit von Geschichte. Denn Geschichte als solche ist im Grunde immer politisch. Sie ist die Interpretation dessen, was sich auf die eine oder andere Weise aus im besten Fall zeitgenössischen Zeugnissen ablesen lässt, und schon dadurch oft eine Frage der Perspektive. Greift ein Mensch bei diesem Interpretationsvorgang nur noch auf das zurück, was er oder sie mehr oder weniger diffus über eine Zeit weiß, dann greift diese Person sehr viel mehr auf sich selbst und ihr Weltbild als das zurück, was wir als historisch gesichert sehen würden. Und gerade weil die Vergangenheit einer Gesellschaft immer identitätsstiftend für die Gegenwart ist, greift diese Person eigentlich nur auf sich selbst zurück. Die Frage ist also nicht, was historisch „richtiger“ ist, sondern dass eine Gruppe ihr diffuses Gefühl von Geschichte über Fakten genauso wie das vielleicht ebenso diffuse Gefühl anderer stellt und so eine Deutungshoheit für sich beansprucht, die nichts mit der Vergangenheit, sondern mit der Gegenwart zu tun hat.

Im Grunde ließ sich bei dem Protest zu „Battlefield V“ gerade also beobachten, wie eine Minderheit von Spielern sich frauenfeindlich benommen und dabei vordergründig über Geschichte, aber tatsächlich nur über sich selbst geredet hat. Das war weder das erste noch das letzte Mal und ist damit vielleicht einfach nur typisch. Was es allerdings nicht ist, ist eine historische Debatte oder eine Frage historischer Fakten, zumal ohnehin die tatsächliche Erreichbarkeit von Akkuratesse auch unter Historikern stark angezweifelt wird. Das bedeutet nicht, dass frauenfeindliche Äußerungen unwidersprochen stehen bleiben sollten – ganz im Gegenteil. Sie sollten nur auch als frauenfeindliche Äußerungen behandelt werden, nicht als historisch begründete.

4 Kommentare

  1. Hi Aurelia!

    Hier der Autor des SP-Artikels. Danke erstmal für die Erwähnung und ja, du hast recht, tatsächlich ist der Anlass ein wenig weit gegriffen gewesen und ich verstehe deinen Ansatz. Es war aber in keinster Weise mein Ziel, den Sexismus der Fraktion #NotMyBattlefield in irgendeiner Weise zu legitimieren. Ich hab in der Debatte eher einen Anlass gesehen, den ganzen Trend rund um die „historische Akkuratheit“ aufzugreifen. Dass der – trotz guter Intention, wie du ja auch sagst – auch nach hinten ausschlagen kann, stimmt natürlich.

    Kernpunkt sollte aber sein: Scheißen wir auf historische Akkuratheit, die nur alte Muster beschönigt, und machen lieber inklusive Spiele oder solche, die Probleme *wirklich* zeigen und nicht nur daran vorbeiarbeiten.

    Beste Grüße aus Österreich
    Florian Born

    • Hi Florian,

      danke für deinen Kommentar und wie gesagt, ich fand deinen Artikel an sich auch gut bzw. halte ich es auch für wichtig, dass man immer mal wieder gut verständlich auch solche Themen angeht. (z.B. wie die Frage, warum diese Akkuratesse vielleicht sowieso nie zu 100% erreichbar ist etc.) Der Text war für mich im Prinzip nur ein Beispiel für viele Postings und Artikel und damit einen größeren Reaktionsmechanismus, die ich immer wieder (nicht nur bei Battlefield, sondern auch sonst, z.B. auch im Kontext der Diskussion um „Kingdom Come: Deliverance“ u.a.) immer wieder beobachte. Deinem Kernpunkt schließe ich mich aber sehr gerne an. 😀

      Schöne Grüße,
      Aurelia

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