Verliebt in eine Buchfigur?

Verliebt Buchfigur
Vor kurzem hat die liebe Tasmin von Tasmetu auf ihrem Youtube-Kanal (den zu abonnieren sich übrigens lohnt, just sayin‘) ein ganz interessantes Video zum Thema des Schwärmens oder gar Verliebtseins im Bezug auf Charaktere in Büchern hochgeladen. Kurz: Sie wundert sich darin ein bisschen über ein Verhalten des Anhimmelns von Buchfiguren, das ihr v.a. in der Buchblogger- und Booktuberszene zuletzt aufgefallen ist. Ich war gerade dabei, einen Kommentar zum Video zu tippen, da wurde der Text immer länger und länger, weshalb ich beschlossen habe, direkt einen ganzen Post daraus zu machen.

Groß, gefährlich, attraktiv

Spoiler: Im Grunde kann ich Tasmin eigentlich nur zustimmen.
Ich habe selber bisher für genau zwei Buchfiguren wirklich geschwärmt. Zum einen ist das Akkarin aus Trudi Canavans „Gilde der schwarzen Magier“ – wobei mir bei dem noch kein weibliches Wesen untergekommen ist, das Band 3 gelesen hat bzw. die Reihe mochte und den nicht toll fand – und der andere Herr ist Edward Cullen aus der „Twilight“ bzw. „Bis(s)“-Reihe.

Beide sind im Grunde recht unterschiedliche Figuren, gerade im Bezug auf das Setting ihrer Geschichten, ihre Partnerinnen und selbstverständlich auch die Zielgruppe des Buchs, aber gleichzeitig sind sie beide ein ähnlicher Figurentyp: Als Love Interest der Protagonistin sind sie beide groß, gefährlich (Jedenfalls mehr oder weniger) und attraktiv.

Ein Trio, das, gerade im YA-Bereich, oft als Erfolgsrezept dient. Beispiele dafür gibt es en masse: Patch aus Becca Fitzpatricks „Engel der Nacht“, Ky in Ally Condies „Cassia und Ky“, Julien aus Lynn Ravens „Dämon“-Reihe und noch eine ganze Menge mehr funktionieren nach diesem Schema. Ja, selbst der Hype um Loki (Tom Hiddleston) im Marvel-Universum ist nichts anderes als das.

Kurz: Solche Typen – egal wie paradox das jetzt klingt – laden dazu ein, für sie zu schwärmen. Paradox deswegen, weil die Zielgruppe dieser Geschichten oft klar weiblich ist, zugleich aber dabei oft ein Frauen- und Beziehungsbild vermittelt wird, das zum Schreien und Weglaufen ist. (Ihr glaubt mir nicht? Lest Skys Analyse zum Thema. ‚Nuff said.)

Warum diese Paradoxie trotzdem aufgeht? Ich denke (und damit stimme ich Tasmin zu) das hängt mit einer weiteren wichtigen Parallele zusammen, die Edward und Akkarin (in meinem Fall) aufweisen. Eine, die rein gar nichts mit den Büchern bzw. Geschichten als solche zu tun hat: Das Alter, in dem ich war, als ich die Buchreihen, in denen sie auftreten, gelesen habe.

Zwischen Boybands und fiktiven Love Interests

Als ich mit der „Bis(s)“-Reihe angefangen habe, muss ich etwa zehn oder elf gewesen sein, jedenfalls erinnere ich mich, dass ich schon Feuer und Flamme war, als ich mit gerade zwölf im ersten Film im Kino war. Dieser Zustand der Begeisterung hielt auch ein paar Jahre an, mit zwölf/dreizehn/vierzehn habe ich die Bücher und Filme geliebt. Und habe damit auch für unseren liebsten Vampir-Stalker Edward „Sparkle“ Cullen geschwärmt. Die Schwärmerei für Akkarin begann etwas später, lief aber dann zumindest eine Weile parallel und hat nur den einen entscheidenden Unterschied, dass ich Edward inzwischen creepy finde, Akkarin dagegen mich noch immer auf der Ebene einer interessant gestalteten Figur fasziniert. (Außerdem hat mir sein Tod am Ende beim Lesen das Herz gebrochen.)

Damit war ich keine großartige Ausnahme. Irgendwann zwischen zwölf und sechzehn haben die meisten Mädels (keine Ahnung, ob das bei den Jungs auch so ist, ich habe das, als ich in dem Alter war, v.a. bei den Mädchen bemerkt) irgendeine Phase der Schwärmerei für jemanden, den sie ohnehin nicht erreichen können. Da ist es eigentlich egal, ob es sich dabei um Edward Cullen, Justin Bieber oder einen Youtuber handelt. Für irgendwas schwärmt da jeder einmal. Und mein Umfeld war da auch nicht anders. Für Edward und/oder Jacob haben die meisten mal etwas übrig gehabt. (Oder wenigstens für die Schauspieler der Filme.)

Der springende Punkt, der für mich da aber bleibt, ist und bleibt das Alter: Mit vierzehn für einen Schauspieler o.ä. zu schwärmen, das ist „normal“ und hängt denke ich auch ein gutes Stück damit zusammen, dass die meisten irgendwann in dem Alter damit beginnen, sich selbst zu suchen, sich Vorbilder, Träume und Ziele stecken, die absolut unrealistisch bis unmöglich sind und nach dem greifen wollen, das auf den ersten Blick am meisten glitzert.
Um zu begreifen, dass nicht alles alles, was glänzt, auch Gold ist, braucht es dann meistens ein bisschen Zeit der Entwicklung mehr.

Und danach?

Da ist irgendwann der Punkt erreicht, an dem für mich sogar schon die Schwärmerei und erst Recht das Verliebtsein in eine Buchfigur – auch wenn gerade die künstliche Nähe, die auch dadurch entsteht, dass man beim Lesen meistens im Kopf der Partnerin des ach-so-begehrenswerten Love Interests steckt, dazu einlädt – ein Ende findet.
So wie bei einigen anderen Mädels in meinem Umfeld die Boyband- oder Justin Bieber-Phase vorbei gegangen ist, habe ich meine Twilight-Phase durchgestanden und danach nie wieder für eine Buchfigur geschwärmt. Ich habe welche bewundert, mich manchmal auch mit ihnen identifiziert und mit ihnen innerhalb der Story gelitten, aber nie wieder hat diese Schwärmerei die Buchseiten verlassen.

Oder anders formuliert: Inzwischen bin ich oft ein Fan bestimmter Figuren, bin fasziniert von ihrer Psyche oder ihrer Geschichte, aber diese Faszination beschränkt sich inzwischen immer auf die Konstellation der Figuren und ihr Verhalten innerhalb des Buchs (bzw. jedes anderen Mediums auch). Mir bricht ihr Tod im Kontext der Geschichte vielleicht das Herz, ich freue mich darauf, mehr von ihnen zu lesen oder zu sehen und verehre die eine oder andere Figur auch, aber für mich ist das immer eng mit dem fiktiven Universium, aus dem diese Figur stammt, verbunden.
Ein Beispiel: Ich bin kein sonderlicher Marvel-Fan, habe aber die Thor-Filme wegen Loki ganz gern geguckt. Ich bin fasziniert von der Figur als einen vielseitigen und zwiespältigen Antagonisten, dessen gesamter Konflikt sich mit etwas Anerkennung seines Umfelds hätte verhindern lassen können, aber damit ist auch schon wieder Schluss. Schon z.B. einer Fanfiction rein über Loki könnte ich nicht mehr viel abgewinnen, gerade weil die oft in eine reine Zelebrierung und romantische Anbetung der Figur abdriften, die mir eher fremd ist.

Um auf den Punkt zu kommen…

Kurz: Habe ich fiktive Figuren bewundert? Oft. Für welche geschwärmt? Manchmal. In eine verliebt? Nein, nie. Und vielleicht ist da auch ganz gut so.
Denn bei aller Liebe für Fiktion ist eine gesunde Distanz dann doch nicht schlecht. 😉

 

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