The Witcher 3: I’m a lonesome Cowboy!

The Witcher 3 Geralt
Ein weißhaariger Krieger reitet durch die grüne Landschaft Velens. Er ist kein Adeliger und auch kein Ritter, aber dennoch bestreitet er seine persönliche Queste. Geralt von Riva, legendärer Monsterjäger und Hexer, ist auf der Suche nach seiner Ziehtochter Ciri. Nur ist er damit nicht allein: Auch die geisterhafte „Wilde Jagd“ ist ihr dicht auf den Fersen und damit beginnt für Geralt auch ein Wettlauf gegen die Zeit. Wenn er sein Mündel retten will, dann muss er sie vor ihren Verfolgern finden, aber das stellt sich als schwieriger heraus als gedacht.

Darf ich vorstellen? Geralt von Riva, einsamer Cowboy

Mit „The Witcher 3“ wird ein für High Fantasy wahrscheinlich eher ungewöhnlicherer Protagonist präsentiert: Geralt von Riva ist ein Krieger, aber kein Ritter in glänzender Rüstung, sondern eher ein Söldner, der schon zu viel gesehen hat. Ihn kümmert die große Politik seiner Welt nicht, er will nur Ciri finden und in Sicherheit wissen. Auf dem Weg zu diesem Ziel reitet er immer alleine und nur von seinem treuen Pferd begleitet durch die Gegend und folgt den Spuren seiner Tochter. Alles ein wenig edgy und betont düster, weg vom Heldenkomplex des klassischen High Fantasy, ganz im Stil des Dark Fantasy, des widerborstigen Cousins von „Der Herr der Ringe“ und all seinen Nachfolgern.

So edgy, dass ein Teil von mir dabei ständig in schallendes Gelächter ausbrechen will, weil ich diese übertriebene Cowboy-Romantik nicht mehr ernst nehmen kann, mit der mir das Spiel seinen Helden verkaufen will. So erfrischend ich Geralt von Riva als etwas raueren Protagonisten in einem Genre finde, in dem es sonst vor Auserwählten in strahlender Rüstung und auf dem weißen Ross nur so wimmelt, so albern ist es auch, wie traditionell diese weniger traditionelle Figur inszeniert wird. „Weißer Wolf“ hier, „Schlächter von Blaviken“ da, (fast) alle Zauberinnen fliegen auf ihn und wo wir schon dabei sind: Irgendwie stolpert er ständig über mächtige oder bekannte Leute, die ihn kennen oder mit denen ihn sogar eine gemeinsame Geschichte verbindet. Fast als hätte sich die gesamte (Ex-)Elite der Welt auf einen Kaffeeklatsch mit Geralt in der Pampa verabredet. Und alle wollen sie etwas von unserem Hexer vom Dienst.

Das mag nichts Besonderes und im mittelalterlich inspirierten Fantasy, das oft von Heldenromantik lebt, schlicht normal sein, das Problem beginnt bei „The Witcher 3“ aber an dem Punkt, an dem Geralt nun einmal kein Auserwählter und kein strahlender Ritter ist. Theoretisch dürfte sich das „The Witcher“-Universium nicht komplett um ihn drehen, aber die Nebenquests – so gut sie auch teilweise gemacht sind – hinterlassen genau diesen Eindruck. Da fehlt es nur noch, dass im nächsten Moment irgendwer „I’m a lonesome cowboy“ singt, während Geralt mal wieder in den Sonnenuntergang reitet, um den ganzen Kitsch des einsamen Wolfs auf der Suche nach seiner (Zieh-)Tochter endgültig zum Überlaufen zu bringen. Und wenn der „Weiße Wolf“ dann auch noch zugibt, dass er einfach jedes Pferd, das er jemals besitzt oder besessen hat, „Plötze“ nennt, dann fehlt wirklich nicht mehr viel zum Wilden Westen.

The Witcher 3 Ciri

Und das hört bei Geralt nicht auf: Die Haupthandlung hätte für mich kaum uninteressanter sein können und viele der Nebenfiguren – ganz besonders Ciri und Yennefer, bei denen es besonders schade war – wirkten auf mich viel zu blass und konturlos, gerade so als hätte jemand bei der Planung beschlossen, dass eine zentrale Eigenschaft genug für den Charakter einer Figur ist. Das Spiel scheitert vor lauter Spielmechanik und Open World vollkommen daran, seine eigene Geschichte zu etwas Emotionalem oder einfach nur halbwegs Persönlichem zu machen. Immer und immer wieder wird mir in der Geschichte nur mitgeteilt, dass eine Beziehung oder Gefühle zwischen den Figuren so sind wie sie sind, während die Frage nach dem Warum vollkommen ausgeklammert wird. Die Figuren wirken hölzern, die Geschichte flach und immer wieder vorhersehbar. Das ist für ein Videospiel sicher nicht ungewöhnlich, macht es aber nicht weniger langweilig.

Ups, wir hatten schon wieder 4 Stunden ohne Brüste!

Dazu kommt, dass ich diesen Text – egal wie ich es drehe und wende – einfach nicht schreiben kann, ohne auch das Thema des plumpen Sexismus in „The Witcher 3“ anzusprechen. Es gibt keine weibliche Figur ohne lächerlich alberne Hüftschwunganimation, es ist leichter die Frauen aufzuzählen, die keine Kleidung mit einem Ausschnitt bis zum Bauchnabel tragen, als die, die es tun, und dass genau das an einem Punkt von einer männlichen Figur kritisiert wird, wirkt im besten Fall halbherzig und im schlimmsten Fall auf eine bittere Weise ironisch. Ganz zu schweigen davon, dass es gefühlt alle vier Spielstunden der Hauptstory wieder eine Szene mit weitgehend nackten jungen Frauen geben muss. („Game of Thrones“ sends its regards.) Und die gleichgültige Normalität, mit der Sexismus und Gewalt gegen Frauen dargestellt wird, hat mich sowieso mehr als einmal den Controller für ein paar Stunden zur Seite hat legen lassen.

Das Problem ist dabei nicht, dass „The Witcher 3“ eine Welt hat, die bewusst düster gehalten werden soll und Themen wie Gewalt gegen Frauen anspricht, sondern dass sie zwar nicht immer, aber oft ganz beiläufig abgehakt werden. Grausam ermordete und gefolterte Frauen gehören zu der Basis der Welt, in der Geralt sich bewegt. Sie sind Hintergrundrauschen, das irgendwann banal wirkt. Ist eine (normalerweise männliche) Figur böse, gibt es oft eine Szene, in der er eine austauschbare Frau quält, einfach um zu zeigen, wie böse er doch ist. Ein Stilmittel, das vielleicht einmal funktioniert, aber inflationär verwendet wird, wodurch es seine Bedeutung verliert. Dazu kommen die verschiedenen Monster wie Sirenen, Harpyien oder Wasserweiber, die ganz eindeutig weiblich und auf diese Weiblichkeit auch ganz eindeutig reduziert sind und immer wieder als eine Art Kanonenfutter für Geralt herhalten müssen, ganz im Sinne des Klischees, dass es genügt, wenn Weiblichkeit als Zustand in etwas Schreckliches und Abstoßendes verkehrt wird, um als Gegner zu genügen, während Männer durch ihre moralisch verwerflichen Taten zu den Bösen werden. Und um dem noch die Krone aufzusetzen, darf sich ingame zur selben Zeit ein Mann, der betrunken seine Frau verprügelt, wodurch sie ihr Kind verliert, dafür rechtfertigen und wird so fast sympathisch dargestellt oder zumindest in diese Richtung gerückt.

The Witcher 3 Geralt Stadt

Und damit ist es noch nicht vorbei: Denn selbst wenn man dieses Hintergrundrauschen als Teil des Weltenbaus hinten anstellt, vielleicht sogar vollständig ignoriert, weil es schlicht auch zu erwarten war, und sich auf das Herz von „The Witcher 3“, seine Hauptquest, und die Frauen darin konzentriert, ist das Ergebnis ernüchternd. So trägt Ciri, die eigentlich so wunderbar badass ist, Stiefel mit Absätzen, eine Bluse, deren mittlerer Knopf immer offen ist und den Ansatz eines BHs erkennen lässt, und scheint auf magische Weise keinerlei Rüstung zu brauchen. Jemals. Gleichzeitig darf Geralt von Anfang an eine zweckmäßige Rüstung tragen. Kann man machen, scheiße ist der ganz offensichtliche „männliche Blick“ – also ein Design, Beschreibung oder Kameraführung, die unter der Annahme eines heterosexuellen, männlichen Zuschauer, Frauen zu sexuellen Objekten degradiert – trotzdem.

Diese Liste ließe sich noch eine ganze Weile fortsetzen, auch mit verwandten Themen wie der (fehlenden) Diversität, aber das würde zu weit führen. Der Punkt ist der: „The Witcher 3“ steckt voller – oft problematischer – Klischees und erzählerischer Faulheiten, die nicht nur mit Blick auf die Frauenfiguren stören, sondern schlicht auch unkreativ und abgenutzt sind. Und am Ende leiden sowohl Weltenbau als auch Geschichte auf ganzer Linie darunter.

Schöne Grafik, nicht viel dahinter

Eigentlich ist „The Witcher 3“ leider vor allem eins: Hübsch. Die Grafik macht etwas her und in einem Genre, das diese möglichst greifbare Illusion einer schier unendlichen Fantasy-Welt irgendwo auch braucht, kann diese Grafik sehr viel retten. Es macht Spaß, die Welt zu durchstreifen, Monster anzusehen, das Treiben auf der Straße zu beobachten und zu genießen, wie toll das alles aussieht, aber jenseits dessen wird es sehr schnell sehr dünn. Die Nebenquests sind ohne Frage gut gemacht, die Spielmechanik interessant und ich kann verstehen, warum man vielleicht auch mehrere hundert Stunden in diesem Spiel versumpfen kann, aber das ist eben nur ein Teil und noch dazu recht mager.

Zu unübersichtlich waren Dinge wie das Levelsystem, zu unintuitiv die Steuerung und zu berechenbar das Storytelling. Hat man einmal die Prämisse der Geschichte und des Weltenbaus erfasst, gibt es wenige Überraschungen und wenn ich ehrlich bin, dann hätte ich „The Witcher 3“ mit schlechterer Grafik vermutlich nach den ersten dreißig Stunden abgebrochen. Denn dafür geben weder die Geschichte noch die Atmosphäre für mich genug her. Der Drang, diese Welt erkunden zu wollen, verfliegt zu schnell, weil sie am Ende eben doch relativ generisch und klischeebehaftet ist. Das ist okay und es funktioniert ein Stück weit, aber es ist auch gerade etwas zu wenig, um das Spiel tatsächlich gut oder umwerfend sein zu lassen. Es ist okay, ja, hat aber auch sehr viele Probleme, die sich einfach zu deutlich bemerkbar machen, wenn man von der Hauptstory oder der Immersion der Welt nicht gepackt wird.

 

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