The Banner Saga: Ein interaktives Graphic Novel

Es gibt Spiele, die zockt man nur kurz an und vergisst dann dass man sie je gespielt hat.
Und es gibt Spiele, deren Geschichten mich packen, mitreißen und am Ende mein Herz zu Kleinholz und meine Gefühlswelt zu Hackfleisch verarbeiten bis ich verzweifelt vor meinem Computer sitze und mich nicht entscheiden kann, ob ich den Entwicklern danken oder sie anschreien will.
„The Banner Saga“ gehört eindeutig in letztere Kategorie.

Das gesamte Spiel erinnert stark an einen digitalisierten Fantasyroman: Das Setting ist eine im wahrsten Sinne des Wortes kalte, an der nordischen Mythologie inspirierte Welt mit weiten Schneeebenen und dichten Wäldern, in der das Überleben der Menschen ohnehin nicht so richtig einfach ist. Menschen und Riesen mit großen Hörnern auf den Köpfen, die Varl, haben sich angesichts der Bedrohung durch die Wüter, agressive Steinwesen, zusammen geschlossen und kämpfen einen Krieg, den sie scheinbar nur verlieren können.
Die Figuren, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird, wechseln, doch unterm Strich treffen wir immer wieder alte Bekannte, die alle nur das gleiche wollen: Überleben.

Um das zu erreichen, schlüpft der Spieler in die ihm gerade zugeteilte Rolle und führt in den Schuhen dieser Figur eine Karawane durch die Spielwelt. Damit kommt allerdings auch eine große Verantwortung, denn die Karawane will mit Nahrung versorgt werden, manchmal nimmt man die falschen Leute auf, die sich später als Feinde erweisen oder gar trifft man auf Wüter und es kommt zum Kampf.
Dabei setzt das Spiel ganz klar auf Entscheidungsfreiheit für den Spieler und knüpft damit auch irgendwo in digitaler Form an Bücher in diesem Stil an wie ich sie noch als Zwölf- oder Dreizehnjährige gelesen habe: Willst du diese Menschen mit aufnehmen? Dann lese weiter auf Seite 14. Der Unterschied ist natürlich nur, dass man während des Spielverlaufs von „The Banner Saga“ nicht so einfach zurück gehen und eine Entscheidung wiederholen kann.
Dazu kommt noch das im Verhältnis zu dem sonst eher zweidimensionalen Spielstil ungewöhnlich komplexe Kampfsystem, das sich ebenfalls recht glatt in den Rest der Handlung einfügt, auch wenn es eine Weile dauert bis man begreift, wie komplex all das eigentlich angelegt ist.

Und wenn ich ehrlich bin, dann weiß ich eigentlich gar nicht, wo ich mit „The Banner Saga“ anfangen soll. Denn im Grunde macht das Spiel so viel richtig, dass die wenigen Mankos darin praktisch vollkommen untergehen.

Eine Grafik zum Verlieben

Am auffälligsten ist die wunderschöne Grafik, die an Graphic Novels etc. angelehnt wirkt und auf der einen Seite durch ein durch und durch gelungenes Figurendesign sowie die ebenso schönen Hintergründe brilliert. Selbst Städte wie Strand (vgl. Bild unten), die nur als Hintergrund für die eigentlichen Spielaktionen dienen, sehen einfach schön illustriert aus. Allein für diesen Augenschmauß lohnt sich „The Banner Saga“ bereits.
Zwar ist es etwas schade, dass bei kleineren Zwischensequenzen, in denen der Spieler noch zwischen verschiedenen Antwortmöglichkeiten wählen kann, die Zeichnungen der Figuren immer gleich bleiben und normalerweise nicht einmal die Haltung wechseln, aber das bleibt ein Detail in der Optik, über das man auch hinweg sehen kann.

Die Stadt Strand, in der die Handlung des Spiels auch startet (Wallpaper via stoicstudio.com)

Die langsam, aber schön erzählte Story

Hier knüpfe ich an das an, was ich schon in den ersten Zeilen dieses Posts angedeutet habe: „The Banner Saga“ erzählt nicht nur eine Geschichte, sondern hat zumindest mich geradezu in sie hinein gesaugt, obwohl es eigentlich eine ganze Weile, sprich einige Kapitel, dauert bis die Handlung wirklich dramatisch wird. Schon nach ein paar Tagen hatte ich die erste Runde durchgespielt und dann hatte ich gleich wieder Lust auf eine zweite. Gerade zum Schluss hatten mich Welt, Figuren und Geschichte so sehr in ihren Bann gezogen, dass ich sie noch nicht wieder verlassen wollte. (Außerdem hatte ich das Ende noch nicht verwunden, aber das ist eine andere Geschichte.)
Zwar ist das dicke Knäul an Figuren, Wesen, Orten, Sagen etc. gerade zu Beginn so unübersichtlich, dass man kaum noch durchsteigt, aber auch das bessert sich mit der Zeit, gerade wenn man länger mit den einzelnen Figuren unterwegs ist und die eine oder andere Schlacht geschlagen hat. Die Verbindung baut sich aber weniger aufgrund der Figurentiefe auf – denn die ist eher flach und viele Hintergrundgeschichten werden nur angerissen – sondern aufgrund der Geschichte, die man als Spieler mit den Figuren erlebt. So wuchs mir z.B. Rook mit seinen diversen Versuchen, seine Tochter zu beschützen ans Herz, ein großer Teil der grobschlächtigen Varl ging auf einer emotionalen Ebene allerdings vollkommen an mir vorbei.

Die Karawane auf der Reise

Leider habe ich nur den Eindruck, dass „The Banner Saga“ zugleich in dem Punkt der Entscheidungsfreiheit nicht so richtig hält, was es verspricht. Zwar erscheint direkt zu Spielbeginn ein knapper Hinweis, dass der Verlauf von den Entscheidungen des Spielers abhängt, aber der Rahmen bleibt klar abgesteckt. Leben und Tod einiger Nebenfiguren hängt von variablen Ereignissen ab, (So gibt es z.B. eine Steam-Errungenschaft, die man damit freischaltet, indem Egil, einer unserer Begleiter, trotz allem den gesamten Weg überlebt.) allerdings sind das eher Nebenäste, die es zwar recht reizvoll machen, ein zweites Mal den Weg von Rook & Co. zu beschreiten, um die gesamte Welt in sich aufzusaugen, aber unendlich ist die Sache mit der Entscheidungsfreiheit auch in „The Banner Saga“ nicht.

Das recht anspruchsvolle Kampfsystem

Und damit sind wir auch gleich schon bei dem nächsten Pluspunkt, den das Spiel bietet: Das für ein so stark erzählendes Spiel ziemlich anspruchsvolle Kampfsystem.
Es ist ein Rundenbasiertes, das mit drei grundsätzlichen Faktoren arbeitet: Physische Kraft, die der Angriffskraft und den Lebenspunkten entspricht, Rüstung und Willenskraft, die u.a. zur Verstärkung von Angriffen oder zum Benutzen von speziellen Fähigkeiten verwendet werden kann. Das Schlachtfeld gliedert sich dabei im Schachstil in einzelne Felder, wobei größere Figuren mehrere Felder einnehmen, Nahkämpfer nur direkt vor dem Gegner angreifen, während Fernkämpfer aus der Entfernung z.B. Pfeile abschießen können etc.
Sobald die Karawane ein Lager aufgeschlagen hat, lassen sich außerdem die Helden „befördern“, also upleveln, womit sie widerstandsfähiger und stärker werden.

Die Einzelübersicht für einen Helden, in der er upgelevelt sowie mit verzauberten Gegenständen ausgerüstet werden kann.

Die große Stärke des Kampfsystems, nämlich seine Komplexität, ist dabei auch siene größte Schwäche: Die Hälfte der Möglichkeiten und Strategien, die man sich zurechtlegen kann, wenn man planender kämpft als ich, habe ich erst relativ spät im Spiel bemerkt, gerade weil die Schlachten so logisch linear angelegt sind. Deshalb finde ich den Schachvergleich auch besonders passend, gerade weil dieses System am meisten Spaß macht, wenn man es erst einmal durchschaut hat und die Stärken und Schwächen von Gegnern und Helden ganz gezielt auszunutzen beginnt.

Eine Schlacht in „The Banner Saga“

Last but not least: Die Atmosphäre

„The Banner Saga“ lebt von der Geschichte, die das Spiel erzählt, und von ihrer Inszenierung.
Und auch die ist recht sauber gelungen. Der Soundtrack ist wunderschön anzuhören, online recht bekannte Stimmen wie Peter Hollens oder Malukah passen wunderbar in die kalte, düstere Welt des Spiels, kleine Details wie Alettes Widerspruch innerhalb einer Schlacht, nicht töten zu wollen, und das Eigenleben mancher Verbündeter aus dem Nichts fügen sich sehr schön zusammen.
Schade ist nur, dass selbst die Zwischensequenzen nicht einmal auf Englisch eingesprochen sind. Es gibt nur eine Erzählerstimme, die auf Englisch mit einem starken skandinavischen Akzent immer mal wieder ein paar Sätze einwirft, es gibt aber leider keine Identifikationsstimmen zu den Figuren, was das Spiel recht textlastig macht. Das ist im Grunde nicht sonderlich schlimm, aber irgendwo schade, weil die Entwickler da (vermutlich aus Kostengründen) eine Chance zur Abrundung des Spielgefühls vergeben haben.

Fazit

Unterm Strich ist „The Banner Saga“ ohne Zweifel faszinierend und eines der besten Spiele, die ich seit einer Weile gespielt habe, auf jeden Fall das beste RPG in diesem Stil, das mir bisher unter gekommen ist. Es ist nicht perfekt, aber insgesamt eine runde Sache, die Spielern mit einer Vorliebe für erzählende Games Spaß machen dürfte und mit knapp 20€ bei Steam auch preislich vertretbar ist.

Was haltet ihr von erzählenden Spielen wie „The Banner Saga“ oder „Life is strange“? Ist das etwas für euch oder mögt ihr das gar nicht?

Über uns Geekgeflüster

Ich bin Aurelia und blogge seit 2012 über Gaming, Bücher, Filme, Serien und mehr. Kurz: Das hier ist mein Geekgeflüster.

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