Ich fürchte mich nicht: Verblüffende Sprache, aber…

Ich fürchte mich nicht Tahereh Mafi
Seit Juliette denken kann, verursacht ihre Berührung anderen Menschen Schmerzen und bringt manchmal sogar den Tod. Sie hält sich für ein Monster, ein Ungeheuer, das nur verletzen kann und das nicht einmal von seinen eigenen Eltern geliebt werden konnte. Ein Mädchen, das praktisch sein gesamtes Leben in Jugendgefängnissen und geschlossenen Psychatrien verbracht hat und so lange erzählt bekommen hat, dass es verrückt sei bis sie angefangen hat, es selbst zu glauben. Aber dann bekommt sie einen Zellengenossen, Adam, der sie plötzlich doch berühren kann, und die Ereignisse beginnen sich zu überschlagen. Warner, ein junger Mann, der Dank seines einflussreichen Vaters einen ganzen Sektor des Reestablishments befehligt, lässt sie aus ihrem letzten Gefängnis holen und will Juliette für seine eigenen Zwecke nutzen. Aber dafür müsste Juliette das tun, was sie immer vermeiden wollte: Anderen weh tun.

Nachdem die gesamte „Shatter Me“-Reihe von Tahereh Mafi mir schon ein paar Mal untergekommen ist und mir immer wieder empfohlen wurde, war ich ehrlich gesagt schon etwas skeptisch, ob die Bücher dem Lob, das ich immer wieder gehört habe, würden entsprechen können. Das Ergebnis? Ein gezieltes Jein.

Denn auf der einen Seite hat die Autorin zwar mit dem ersten Band der Trilogie eine runde Story geschrieben, die auch sprachlich immer wieder verblüfft, auf der anderen Seite sind aber weder Plot noch Figuren wirklich etwas Besonderes. Zielgruppengerechte Heldin trifft auf wahnsinnig tollen Typen, der sie trotz aller Widrigkeiten liebt und trotz aller Hindernisse mit ihr zusammen sein will. Das habe ich in den letzten Jahren seit „Twilight“ immer und immer wieder gelesen, manchmal – wie bei „Ich fürchte mich nicht“ – geht die Strategie innerhalb der Story auf, manchmal – wie beim ersten Band von „Cassia & Ky“ – auch nicht. Mir persönlich waren bei Mafis Geschichte gerade die Protagonistin und ihr Love Interest streckenweise etwas zu langweilig, beide waren mir auf einer charakterlichen Ebene etwas zu makellos bzw. Juliette zugleich noch etwas zu verheult und über den Antagonist des Buchs, Warner, hätte ich dagegen liebend gern noch mehr erfahren. Stattdessen blieb auch diese Figur fast etwas lieblos eindimensional und auf einen Typus des irren Arschlochs reduziert. Natürlich kann es sein, dass die Autorin alle drei im Laufe der beiden Folgebände noch ausbaut, aber fürs Erste sind sie mir alle eher als fast schon unangenehm einfach aufgefallen.

Das macht aber ehrlich gesagt zugleich auch erstaunlich wenig, denn wenn die Autorin etwas kann, dann schreiben. Die Sprache des Buchs ist wunderbar, voller Metaphern und ab und zu mit der Prise Philosophie, die ich eigentlich ganz gern habe.

Meine Welt ist ein Gewebe aus Wörtern, die meine Glieder, meine Knochen und Sehnen, meine Gedanken und Visionen verknüpfen. Ich bin ein Wesen aus Buchstaben, eine Figur aus Sätzen, eine Ausgeburt der Fantasie.
–  Tahereh Mafi: „Ich fürchte mich nicht“, Kapitel 12

Diese Sprache, die mir als Leserin wunderbare Bilder in den Kopf malt und mich komplett an dem Buch festgesaugt hat, ist auch das, was mir an der gesamten Geschichte so gefällt. Die eigentliche Handlung ist zwar dramaturgisch sauber und spannend erzählt, die Figuren haben ab und an auch einmal ihre komischen Momente, aber die Sprache ist es, womit sich Mafis Buch von den meisten YA-Romanen, die ich in letzter Zeit gelesen habe, abhebt.

„Sie wollen, dass ich Menschen für Sie foltere?“
Ein strahlendes Lächeln tritt auf sein Gesicht. „Das wäre ganz wunderbar.“
–  Tahereh Mafi: „Ich fürchte mich nicht“, Kapitel 9

Alles in allem würde ich damit „Ich fürchte mich nicht“ als einen ausgesprochen spannenden, wenn auch nicht perfekten Auftakt zu der Trilogie um Juliette und Adam bezeichnen, der die bereits erwähnte unglaubliche Stärke der Sprachgewalt der Autorin, aber auch die nicht zu verachtende Schwäche der etwas einfach gestrickten Figuren aufweist. Alles in allem ein gutes Buch, dessen Folgebände ich mir sicher noch vornehme.

„Ich fürchte mich nicht“ auf der Verlagswebsite.

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