Wild Cards: Das Spiel der Spiele

Wild Cards
George R.R. Martin. Ein Name, den man eigentlich eher mit der High Fantasy-Reihe „Das Lied von Eis und Feuer“ oder der darauf basierenden TV-Serie Game of Thrones verbindet.
Aber natürlich hat Martin noch mehr auf dem Kasten als über Drachen, blutige Hochzeiten oder epische Schlachten zu schreiben, auch wenn er dafür sicherlich und zu Recht gefeiert wird. „Wild Cards – Das Spiel der Spiele“ ist der erste Teil einer neuer Serie, an der Martin mit anderen Autoren mitgeschrieben hat und deren Herausgeber er nun auch ist. In Amerika gibt es „Wild Cards“ schon seit den 80ern, „Das Spiel der Spiele“ ist allerdings nun der Auftakt einer neuen Reihe aus diesem Universum, die allerdings nicht ganz uneigenwillig ist.

Castingshows und Religiöse Verfolgung

Seit sich nach dem Zweiten Weltkrieg das sogenannte Wild-Card-Virus unter den Menschen ausgebreitet hat, hat sich die Welt sehr verändert. Nun gibt es nicht nur normale Menschen, sondern auch sogenannte Joker, die vor allem körperliche Mutationen aufweisen, und Asse, die unabhängig von physischen Veränderungen besondere Fähigkeiten besitzen.
Nun, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, sind auch Joker und Asse ein geradezu zynisches Beispiel dafür, wie die Schere zwischen der westlichen Welt und den arabischen Staaten immer weiter auseinander klafft. In Bagdad wird der Kalif des Großteils der islamischen Staaten Arabiens von einem Attentäter des britischen Geheimdienstes ermordet und ägyptische Joker, die für ihren Glauben an die altägyptischen Götter der islamischen Mehrheit sowieso suspekt sind, werden für den Mord verantwortlich gemacht, woraufhin in Kairo geradezu ein Genozid an Unschuldigen beginnt.

In den USA, genauer gesagt in Hollywood, beginnt dagegen American Hero, eine Castingshow für Asse, die zum Ziel hat, den ultimativen Superhelden zu finden. Wie für eine Reality-TV-Show üblich ist der Großteil nur Fassade, viele der Ränke und Intrigen genauso wie einige Freundschaften rein inszeniert, im Grunde kann da nur der gewinnen, der dieses Spiel am besten spielt. Nicht, wer sich als wahrer Held erweist. Da wären der immer sarkastische Journalist Jonathan „Bugsy“ Hive, der sich in Wespen verwandeln kann, die Latina Ana genannt „Earth Witch“, die die Erde kontrolliert, der große Metallmann Wally „Rustbelt“, unter dessen Händen Metall verrostet, die dicke „Bubbles“ alias Michelle, die Blasen unterschiedlicher Größe und Konsistenz produzieren kann, und noch einige mehr. Alle haben sie verschiedene Motive und verschiedene Ambitionen, aber alle wollen sie mehr oder weniger der American Hero werden.

„Wild Cards“ wird zwar laut der Kurzbiographie zum Autor im Buch vom Verlag als George R.R. Martins Lieblingsprojekt verkauft, was zunächst wie ein Gütesiegel erscheinen mag, aber im Grunde ist das natürlich nichtssagend. Denn auch wenn ich den Plot bzw. die Idee hinter dem Buch mag, „Wild Cards“ ist eindeutig eher ein Buch für Nerds, Geeks und Superhelden-Süchtige.
Wer eine epische Geschichte wie „Das Lied von Eis und Feuer“ erwartet, wird enttäuscht werden.
Nicht nur verlangt „Wild Cards“ viel mehr Aufmerksamkeit und Liebe des Lesers, sondern ist die Sache durch und durch eine Superheldengeschichte, auch wenn sie eher ungewöhnlich ansetzt.
Gleich zu Beginn bekommt man eine politische Kostprobe, nur damit 300 Seiten eher zäher Castingshow-Handlung folgen kann, die etwas von einem alten Kaugummi hat. Die Figuren werden vorgestellt, präsentieren sich alle auf die eine oder andere Art, bekommen alberne Superheldennamen verpasst und meistern ein paar Aufgaben der Show, wobei ihre Fähigkeiten zusätzlich noch einmal sich als mehr oder weniger nützlich erweisen.

Versammlung der Klischees

Und wie das nun einmal bei Superheldengeschichten nun einmal ist, vereint auch „Wild Cards“ sehr amerikanisch alle Klischees, die man sich vorstellen kann: Die Muslime sind die Bösen, Reality-TV und der Deutsche der Story kann sich in einen mittelalterlichen Ritter verwandeln und heißt Klaus alias Lohengrin. „Ziemlich Neuschwanstein“ (S, 148) wie Jonathan Hive findet.
Und auch Andeutungen über Lohengrins vorherige Heldentaten sprechen vor allem von Neuschwanstein, Biergärten und veralteten Stereotypen. Eben vor allem Dinge, die man wohl aus schlechten Reiseführern und noch schlechteren Filmen ziehen kann.

Zwar bin ich mir sicher, dass das Buch oder viel mehr seine Autoren versuchen mit diesen Klischees zu spielen, aber aufgrund der Fülle dieser Klischees geht die Rechnung in der Hinsicht vorne und hinten nicht mehr auf. Irgendwo ist es einfach zu viel des Guten. Da erreicht das Klischee ein Level wie man es nur noch in Popcornkino von Marvel zwei, drei Stunden aushalten kann, auch weil da in bester Actionfilmmanier ein paar Explosionen dazwischen kommen, aber nicht über 500 Seiten beziehungsweise eine ganze Buchreihe.
Besonders anstrengend sind diese Klischees – gerade im Bezug auf die Figuren – auf den bereits erwähnten ersten 300 Seiten, weil da nichts ernsthaft Wichtiges passiert und somit die Klischees sich ständig gegenüberstehen und so betonen.

Dann kippt die Stimmung innerhalb kürzester Zeit, manchmal etwas zu kurz und zu unerwartet, und die Spannung steigt. Inhaltlich wird auf den politischen Vorgeschmack des Anfangs zurück gegriffen und auch die Figuren machen zu einem großen Teil eine Wendung durch, mit einem Mal wird die Geschichte sehr politisch und damit interessant. Dann geht es mit einem Mal um Leben und Tod. Es ist also eine Frage des Durchhaltens oder nein, eigentlich eher eine Frage der Faszination mit Superheldengeschichten und Geschichten, die die bereits erwähnte besondere Aufmerksamkeit des Lesers benötigen, da man auch wenig gedankliche Stützen bekommt, wer sich jetzt noch einmal hinter welchem Superheldennamen aus der Show und welcher Fähigkeit verbirgt.

Das Problem mit einem großen Namen…

Kurz: „Wild Cards“ tut vor allem der Name George R.R. Martin groß auf dem Cover nicht gut, weil mit diesem Namen zu sehr für die Allgemeinheit taugliches Fantasy verbunden wird. „Wild Cards“ dagegen ist eindeutig nur ein Buch für eingefleischte Fantasy- bzw. gerne lesende Superhelden-Fans. Eine Geschichte, die zu komplex für einen Comic ist, zu viele Figuren für einen typischen Superhelden-Film hat und im Grunde gerade für viele deutsche bzw. europäische Leser, wo Superman, Batman & Co. (gerade in Comicform) nicht so eine Tradition und nicht so einen Kult-Status wie in Amerika haben, zu eigen sein dürfte, aber trotzdem etwas hat. Denn auch wenn sich Klischees ohne Ende unter den Figuren tummeln, gibt es genügend Auswahl, als dass jeder den einen oder anderen Liebling finden kann. Und im Grunde ist ja auch Heldentum ein einziges großes Klischee.

Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar.

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