Queerbaiting – Der trügerische Schein einer Repräsentation

Queerbaiting Regenbogenflagge Gastartikel
Nach fünf Staffeln mitfiebern, scheint es endlich soweit. Der Zeitpunkt ist gekommen. Sie tun es endlich! Die Regenbogenflagge ist schon auf das Gesicht gepinselt, man ist bereit für den großen magischen Moment. Regenbogenflaggen flattern im Wind. KÜSST EUCH, VERDAMMT! Und dann? Passiert mal wieder nichts. Ha! Du wurdest geprankt! Oder auch: Willkommen beim Queerbaiting!

Repräsentieren von LGBTQs

Wenn es um Repräsentation in Medien geht, haben LGBTQs einen schweren Stand. Queers in Film und TV bleiben Mangelware, sodass die Sehnsucht der Community nach Figuren, die ihnen ähnlich sind und mit denen sie sich identifizieren können, bis heute ungestillt bleibt. Sie müssen nehmen, was sie kriegen können, und die Auswahl ist eingeschränkt. Wie die Annenberg School for Communication and Journalism 2016 herausfand, waren von 11.194 Sprechrollen in Film und Fernsehen, nur 229 Queers mit dem größten Anteil bei homosexuellen weißen Männern . Sowohl Sexismus und Rassismus funktionieren also hervorragend in der Darstellung von Homosexualität, zumal diese ziemlich mickrige Zahl hauptsächlich von Formaten getragen wird, die für ein queeres Publikum von LGBTQs selbst produziert werden. Außerhalb des Indiesektors wird es eng für Queers. So sieht GLAAD in ihrem jährlichen Bericht über die Repräsentation von LGBTQs in Filmen, die von großen Filmstudios publiziert werden, Nachholbedarf bei der Darstellung von Queers. Über die Jahre hinweg hat sich die Lage nur geringfügig gebessert und ein neuer Negativtrend zeichnet sich ab. Schafft es der ein oder andere händeabknickende Schwule mit Nasalstimme auf die Leinwand, bleiben sie oft nur ein lustiges und sehr überzeichnetes Gimmick, über das man sich lustig machen kann. Wenn sie nicht gerade der quirlige gay best friend sind und einen Fashionkompass besitzen, sind sie eben Opfer ihrer eigenen Sexualität.

Um sie in die Opferrolle zu versetzen, werden LGBTQ-Figuren in einen negativen Kontext gesetzt, dem sie ausgeliefert sind. In einem Umfeld bewegend, dass von devianten Verhalten geprägt ist, scheint der einzige Weg des Queerseins Abdriften in schädliche Subkulturen, die ohne Drogenmissbrauch und Sex mit starker Fetischisierung kaum auskommen. Ein solches Leben im Untergrund der Gesellschaft bleibt natürlich nicht ohne Konsequenzen. So bleibt erzählerisch nur der Niedergang der LGBTQ-Figur mit einem Leben in Isolation mit Depression, Ausgrenzung durch den Bekanntenkreis und – im schlimmsten Fall – endet es mit dem eigen verschuldeten Tod. Als Strafe inszeniert – oft durch andere LGBTQs oder auch Mord durch queerphobe Menschen –, entsteht der Eindruck, dass die scheinbare Wahl zur Sexualität außerhalb der Heteronormativität ein Weg ist, der nur negative Konsequenzen zulässt und daher zu vermeiden ist.

Wenn einem nur die Wahl zwischen Victim Tropes und der der schlechten Karikatur bleibt, schafft das Risiken für unsere Gesellschaft. Nicht nur glauben Menschen, die sich und ihre Identität suchen, dass das die Wahrheit ist – nicht jede*r hat die Möglichkeit sein Umfeld zu befragen und die Realität kennenzulernen –, sondern verinnerlichen diese Strukturen und nehmen sie sich als Vorbild. Wer sich darin nicht sieht, wird sich wiederum verstecken und schweigen, wenn nicht sogar versuchen seine eigentliche Identität aufzugeben mit fatalen Folgen für die Psyche. Auch der oder die Heterosexuelle verbindet Homosexualität schließlich mit den Klischeebildern, die durch Film und Fernsehen in Regelmäßigkeit reproduziert werden. Eine Konfrontation von Heterosexuellen mit der Realität endet dann meist in Missverständnissen und Konflikten, die aus der Unverständnis entstehen, dass ihnen ein Scheinbild vorgeführt wurde. Woher sonst kommt wohl das Image, dass lesbischen Beziehungen doch nur ein Übergang sind? Es gibt es nur zwei Möglichkeiten für Lesben: Sie sind entweder so erotisch inszeniert, dass sie quasi in einem Softporno mitspielen oder sie warten insgeheim nur auf den richtigen Mann in ihrem Leben.

In einer Zeit in der nicht nur die Stimmen von LGBTQs lauter werden, sondern auch Medien über offene Feindlichkeit gegenüber Minderheiten berichten, bleibt eine Veränderung nicht aus. Bei solcher Kritik kann sich auch die Medienlandschaft nicht erwehren neue Strategien zu entwickeln, um gleichzeitig Repräsentation zu schaffen und nicht zu schaffen. LGBTQs zählen dabei zu Konsumenten, die für die Quote gehalten werden sollen ohne gleichzeitig Gruppen mit fehlender Heteronormativität zu verschrecken. Um den Drahtseilakt zu meistern, bleibt nur eins: So tun als ob! Eine Strategie, die schon immer gut funktionierte. Das Kredo: Fake it till you make it. Und so erschuf der Mediengott Queerbaiting.

Der Haken der vermeintlichen Homoerotik

Queerbaiting ist ein Phänomen, dass einen nicht nur Repräsentation von LGBTQs vorgaukelt, sondern sie auch noch ins Lächerliche zieht. Allen voran Film- und Serienproduzenten zeigen hier so richtig wie es funktioniert Minderheiten zu zeigen, dass sie keinen Wert besitzen. Nur eben nicht offensiv wie zuvor, sondern subtil und für manchen unbewusst. Das Kunstwort aus den Begriffen „queer“, ein Sammelbegriff für das sexuelle Spektrum außerhalb der Heterosexualität, und „baiting“, was nichts anderes als Köder bedeutet, beschreibt den Prozess wie heutige Medien auf eine geheime Darstellung von LGBTQ-Strukturen setzen, z. B. Lebensweisen von gleichgeschlechtlichen Paaren porträtieren, aber eine explizite Repräsentation vermeiden. Die angebliche Repräsentation lebt allein vom Subtext.
Queerbaiting fängt meist ganz harmlos an.

Nehmen wir einen männlichen Hauptcharakter und seinen besten Freund. Kodieren wir diese Beziehung als heterosexuell, verstehen sich die beiden gut, tauschen sich aus und wirken sehr vertraut. Eine Freundschaft, die durchaus auch eine Umarmung aushält, wenn der andere in einer Lebenskrise steckt, Liebeskummer hat oder Hilfe in seinem Leben braucht. Eine perfekte Bromance, die bei einem Bier begossen wird.

Nur besteht ein Text nicht nur alleine aus dieser expliziten Ebene. Es gibt Subtext, eine implizite Bedeutungsebene, die unter dem Gezeigtem liegt. Subtext spielt vor allem im Theater und der Kunst eine wichtige Rolle, führt sie eben zur Interpretationsfähigkeit eines Textes. Im Bereich des Queerbaitings sind Darstellungen bewusst so inszeniert, dass dieser Subtext entsteht mit dem Fokus LGBTQs anzusprechen. Möchte man nun nicht nur ein heterosexuelles Publikum überzeugen, wird die Bromance zur unterbewussten Liebesziehung umgeschrieben. Durch den Subtext werden die Blicke zwischen den beiden Männern nun verlängert, die Umarmungen intimer gestaltet und Andeutungen gemacht, dass hinter dieser Freundschaft mehr stehen könnte. Es entwickeln sich gezielt Szenen in denen homosexuelle Tendenzen gezeigt werden – durch Blicke und Einstellungen geprägt – oder das Thema selbst wird in der Serie aufgegriffen, teils mit humoristischen Unterton, um die Option einer homosexuellen Beziehung abzuschwächen.

Sherlock & Watson in love! Oder nicht?

Ein Beispiel für diesen Subtext findet sich in der BBC-Serie „Sherlock“. Die Beziehung zwischen Sherlock und Watson besaß in den Büchern einen Hang zur Homoerotik, in der Serie, die ins heutige London verlagert wird, wird dies aber umso deutlicher. So ist die Beziehung zwischen den beiden eine Verbindung, die über Freundschaft hinauszugehen scheint. Sie folgt Mustern einer tatsächlichen Liebesbeziehung: Die beiden Partner haben Streitigkeiten, stehen sich sehr nah und profitieren stark voneinander. So können sie auch bei Trennungen kaum ohne den Anderen sein. Im Gegensatz dazu werden ihr Zusammenleben und auch Gefühle zueinander gerne als Running Gag thematisiert. So kommt es vor, dass sie in einer Unterkunft der Portier als Paar betrachtet und daher fragt, ob sie ein gemeinsames Zimmer wollen. Watson lacht diese Option weg. Auch dass zwei Männer in einer Wohnung leben wird kritisch beäugt und ins Lächerliche gezogen, obwohl der Umstand einer Wohngemeinschaft im heutigen London keine Seltenheit ist. Auch später in der Serie, als John Watson verheiratet ist, sagt seine Frau Mary selbst, dass Sherlock und Watson ein Paar sind. Trotz allem bleiben es Andeutungen und die Serie wagt nie den Schritt in die Realität zu gehen. Den losen Faden müssen die Fans fertig spinnen. So flüchten sich LGBTQs in Fan Fictions, die den Köder schlucken und sich ihre queere Sherlock-Welt einfach selbst bauen. Mit teils obskuren Entwicklungen, um sich ihr Recht von Repräsentation einzufordern.

Queerbaiting ist aber nicht allein ein Phänomen von Filmen und Serien. J. K. Rowling zeigt wie es auch in der magischen Welt der Literatur funktioniert. Jahre nach Vollendung der Buchreihe um Harry Potter, outete sie den Rektor von Hogwarts als homosexuell. Allerdings ohne je eine explizite Darstellung in Büchern einfließen zu lassen. Auch in den Verfilmungen lässt sich kaum eine Andeutung zu seiner tatsächlichen Sexualität finden, die zumeist schlicht nicht zur Sprache gebracht wird. Vielleicht lassen sich kleinste Hinweise entdecken, sodass eine Beziehung zwischen dem damals noch jungen Albus Dumbledore und den bösen Zauberer Grindelwald möglich gewesen wäre, aber auch die hat es ja bis heute in keinen der neuen Filme geschafft. Nicht umsonst sind die queeren Fans der Reihe verärgert, dass ihnen die explizite Repräsentation im Harry Potter-Kosmos versagt wird. Noch dramatischer verhält es sich im Theaterstück „Harry Potter and the Cursed Child“. Die beiden Jungs sind definitiv zueinander hingezogen, aber mehr als zur freundschaftlichen Umarmung reicht es dann aber dann wohl nicht, sonst hätte man die heteronormative Welt verlassen. Der finanzielle Hintergrund kann hier schwerlich von der Hand gewiesen werden, gab es schon im Vorfeld Kritik an einer schwarzen Hermine, was darauf schließen lässt, dass das als offen bekannte Harry-Potter-Fandom auch sehr konservative Mitglieder besitzt. Ob es jemals eine tatsächliche Darstellung homosexueller Liebe – trotz des öffentlich propagierten Supports von LGBTQs durch Rowling – geben wird, bleibt fraglich. Vielleicht geht sie schlussendlich im Meer von Andeutungen unter.

Das Geheimnis Sexualität

Aber egal ob nun Film, Serie oder Buch, die Wirkung bleibt gleich und die Botschaft scheint klar: Andere Sexualitäten sind okay, solange sie niemand sehen muss. Das alte Prinzip: Don’t ask, don’t tell – aus Selbstschutz, um Verfolgung zu entgehen – greift hier wieder zu, sodass LGBTQs im stillen Kämmerlein bleiben sollen. Die Geheimhaltung der Sexualität kreiert ein Narrativ, dass den Eindruck erweckt, dass Gefühle zwischen Gleichgeschlechtlichen ein Risiko bürgen, dass es zu schützen gilt. Und Geheimnisse bleiben ein schmutziges Business unter dem die Geheimnisträger nicht selten zusammenbrechen zu drohen und wenn es doch öffentlich wird, wissen sie dank der Darstellung mit welchen negativen Konsequenzen sie zu rechnen haben.

Queerbaiting macht das Leben LGBTQs nicht leichter und stärkt weder die Toleranz gegenüber ihnen noch das Selbstbewusstsein von LGBTQs selbst. Es schadet nur allen und am Ende sind die Minderheiten wieder die, die sich aus dem Subtext ihre eigenen Welten bauen müssen, weil die Medienwelt es nicht versteht ihnen Raum zu geben.

Anders formuliert: Es ist der letzte Strohhalm sich als Teil einer Welt zu fühlen, aus der man offensichtlich exkludiert wird. Auch wenn viele gerne danach greifen, in der Hoffnung es würde sich doch noch ändern. So schalten LGBTQs ein – wider besseren Wissens – und werden zu Cash Cows der Medienindustrie. Für den Rest gibt es Tumblr.

Dabei würde eine vernünftige Repräsentation nicht nur LGBTQs helfen, sich selbst mehr zu verstehen und akzeptieren, sondern auch ihnen den Stempel des Seltsamen nehmen. Hass wird auch durch Medien reproduziert und ihr Einfluss ist in heutiger Zeit nicht abzustreiten. Wäre die Medienwelt offen für eine Darstellung von LGBTQs, die sie in einen positiven Kontext setzen, wären allen geholfen und die Toleranz in unserer Gesellschaft würde steigen. Ansonsten bleibt Queerbaiting der traurige Gipfel von Repräsentation.

Artikelbild: Jon Tyson via Unsplash

Über den Autor

Sky (@theskytales) ist ein Student mit einer Vorliebe für Kaffee und Literatur. Wenn er nicht gerade mit einem Buch verschwindet, backt und kocht er auf SKY VS THE HUNGER.

7 Kommentare

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  4. Danke für den interessanten Kommentar! Das ist fast schon eine Sache an sich wirklich nochmal genauer zu betrachten lohnt. Und ich stimme dir in manchen Punkten auch zu, aber es geht nicht so sehr um eine krampfhafte Forderung von Repräsentation als vielmehr um den Umstand Vorurteile abzubauen.

    Natürlich bleibt Subtext eine Sache der Interpretation und auch die Beziehung zwischen Watson und Sherlock kann auch anders gelesen werden. Es darf Filme und Serien, die mit Uneindeutigkeit spielen und damit auch Vielfalt präsentieren und doch dabei zum Teil im verborgen bleiben. Ich streite das nicht ab, schließlich tragen wir auch nicht alle unsere selbst gewählten Bezeichnungen über dem Kopf, damit sie jeder mitbekommt. Auch muss nicht systematisch in Film und Fernsehen ein Diversitätskatalog abgearbeitet werden. Repräsentation muss eben auch gut gemacht sein, wenn sie erfolgt. Aber zum Problem wird es, wenn mit der Uneindeutigkeit so gespielt wird, dass es die Gefühle verletzt oder Darstellungen einen negativen Beigeschmack bekommen. Bei Queerbaiting ist dem leider so.
    Im Falle von Sherlock betrifft es nicht nur alleine die Beziehung zwischen den beiden, sondern viele Figuren der Serie enthalten homosexuelle Elemente mit denen gespielt wird und aber auch in ins Negative verschoben werden. So sind fast alle Gegenspieler als mindestens homosexuell kodiert. Die einzige queere Figur, die eindeutig gezeigt wird ist Irene Adler und auch diese erweckt den Eindruck einem Klischeebild hinterher zu rennen, da sie einerseits wohl eine Liebe zu Sherlock pflegt, obwohl sie vorher nur als lesbisch auftritt. Sie wird für den Retter in die Hetereosexualität gedrängt – leider auch ein Trope der viel zu oft genutzt wird.
    Wenn wir jetzt die verborgenen queeren Figuren nehmen, die wir nur durch Andeutungen kennenlernen sind sie (z. B. Moriaty, der bei Konfrontationen Sherlock gerne mit einer gespielten Sehnsucht verhöhnt) trotz allem hauptsächlich negativ verbunden. Psychologisch denkt der Mensch in Kategorien. In seinen kognitiven Strukturen ist er so angelegt, dass er in Reihen denkt. Für ihn gehören schlussendlich negative Charakterezüge und Homosexualität dann zusammen. Dafür muss er oder sie sich das Lernen nicht mal bewusst sein. Die Witze, die aber erst aus der Uneindeutigkeit besteht, macht es aber auch nicht angenehmer für LGBTQs, die sich auch im Alltag diesem Hohn aussetzen müssen. Die gleichen Mechanismen dann in Film und Fernsehen zu verwenden und zu ironisieren sorgt kaum für Verständnis.
    Ich fordere auch keine eindeutige Zuschreibbarkeit, sodass jede*r Figur sein Stempel aufgedrückt wird. Zielführend wäre dies ebenso wenig, als alles nur im Vorborgenen zu lassen. Sexualität im Allgemeinen ist kein Katalog, sondern ein weites Spektrum. Wenn wir dieses aber immer nur in Uneindeutigkeit lassen statt anfangen konkreter in der Darstellung zu werden, bleiben wir bei Geheimniskrämerei, die überall in unserer Gesellschaft schon herrscht und gerne mal belächelt wird, sodass viele LGBTQs einfach gar nichts sagen und schweigen. Es braucht nicht mal die absolute Eindeutigkeit, aber Toleranz und Verständnis anstelle von Witzen über die Möglichkeit einer solchen Beziehung.

    • Dito. Mein kleines aktionistisches Herz würde ja gern sofort im Dieter-Thomas-Kuhn-Kostüm die BBC stürmen und dort so lange und so falsch Vicky-Leandros-Songs singen, bis sie sich für ihre Heteronormativität entschuldigt haben, aber eben aus ganz persönlichen und keinen systematischen Gründen.
      Das Problem bleibt bestehen: Das „Spiel mit Uneindeutigkeit“ siehst du nur dann, wenn du eine Brille aufziehst, nämlich die Brille, dass du die Charaktere konnotieren willst. Du siehst nur dann bspw. ein Spiel mit einer potentiell homosexuellen Beziehung, wenn du 1. der Tatsache Bedeutung beimisst, dass der Charakter eine Sexualität hat und 2. dich aus welchen Gründen auch immer für die Lesart entscheidest, dass genau dieses Thema hier verarbeitet wird.
      Das Problem liegt dann weniger darin, dass dort womöglich gewisse Lebensformen gebaitet werden, sondern dass uns als Gesellschaft die Konzepte fehlen für mehr als „platonische Freundschaft“ und „sexuelle Beziehung“ und dass wir gewisse Merkmale exklusiv diesen Beziehungstypen zuordnen.
      Das geht auch anders bis hin zu dem Punkt, an dem man sich bspw. von der Vorstellung verabschieden muss, dass Sex und Lebensform nicht viel miteinander zu tun haben. Ich bin fest davon überzeugt, dass sich viele schwule Paare durch glückliche Hetero-Pärchen sehr viel besser repräsentiert fühlen als durch die Figuren in Queer as Folk. Das mag für dich am Thema vorbei gehen, aber mir ist der Punkt wichtig: Was wir überhaupt wahrnehmen und was wir danach gut finden, hat mit unseren jeweiligen akuten Lebensumständen zu tun.
      Dementsprechend ist dieses Baiting kaum zu vermeiden, sobald man sich darauf einlässt, dass es eben kein bewusst negatives Verhalten ist, sondern die beiden Figuren auf eine Art und Weise verbunden sind, zu der lange schmachtende Blicke gehören. Dann ist es kein Bleiben in der Uneindeutigkeit mehr, dann ist es sehr eindeutiges Verhalten. Aber eben eins, in dem man sich selbst womöglich nicht repräsentiert fühlt. Und eines, das keine Geheimniskrämerei andeutet, weil kein Geheimnis existiert, sondern in dem Fall Sexualität einfach nicht das Thema ist.

      Was die Codierungen angeht, müssen wir uns fragen, ob der Schurke Elemente queerer Figuren trägt, die notwendig auf queer hinweisen oder ob sie kontingent sind. Diese Zuschreibungen von Eigenschaften sind natürlich ein massives Problem und das fängt schon damit an, wenn meine Kollegin mich dafür lobt, den Unterschied zwischen „schwarz“ und „anthrazit“ zu kennen, obwohl Männer den ja bekanntermaßen nicht kennen. Das Problem kann man aber nicht lösen, indem man kritisiert, dass der Schurke queere Merkmale zeigt. Da dreht sich das Ganze sogar: Letzten Endes doch heterosexuelle Männer, die Verhalten zeigen, die du als Queerbaiting markierst, eröffnen damit das Spielfeld auf der nicht-queeren Seite, indem es solche Verhaltensweisen akzeptabel macht und normalisiert. Das macht die Partnersuche womöglich anstrengender, wenn man sich auf gewohnte Codes und Signale nicht mehr verlassen kann, würde aber deutlich machen, dass unsere Verhaltensweisen in den allermeisten Fällen kontingent sind. Ums auf den Punkt zu bringen: Am besten wäre es, wenn man eine sehr hetero-männlich codierte Figur wie John McClane (Stirb Langsam) in nen Fummel stecken würde (ohne das als Gelegenheit für einen Witz zu nehmen).

      Das würde dann auch das Problem des „schwulen Schurken“ lösen. Wobei ich mit dem psychologischen Argument vorsichtig wäre, sonst müsste man sich fragen, warum die ganzen machtbesessenen Schurken bei James Bond, in Superhelden-Comics und was weiß ich wo, es bis heute nicht geschafft haben, Machtstreben zu diskreditieren, obwohl sehr eindeutig, Schurkerei und Machtstreben gemeinsam codiert werden.
      Das könnte damit zusammen hängen, dass die Vorstellung, der Mensch denke linear und in Kategorien, zu kurz greift.
      Zur Ehrenrettung schwuler Schurken muss man zudem sagen: Hey, immerhin kann man auch Männer lieben und trotzdem ein eiskaltes Monster sein. Das erweitert das Repertoire an möglichen Rollen immens. Jetzt müssen wir nur noch dran arbeiten, dass Marvel Iceman einen eigenen Film spendiert, um so richtig Schwung in die Bude des möglichen Rollen-Repertoires zu bringen …

  5. Pingback: Mehr Uneindeutigkeit wagen – Zeilenendes Sammelsurium

  6. Hui. Das war unterhaltsam. Vielen Dank erst einmal für den Gast-Beitrag. Du hast da einen Mechanismus offen gelegt, der mich beunruhigt, auf den ich aber bislang nicht den Finger legen konnte, aber es ist ja eigentlich ganz einfach: Das permanente Unterstellen von Subtext. Genauer: Eines kategorisierenden Subtext.
    Sry, dass das länger wird … Ich glaub, ich muss daraus auch noch nen eigenen Beitrag basteln. Aber du hast mich eben auf einen Gedanken gebracht.

    Sherlock und Watson sind ein schönes Beispiel dafür. Natürlich stecken die beiden in einer Beziehung. Das ist keine Kollegen-Beziehung, das ist auch keine „bloße“ Freundschaft, die beiden sind aber auch keine klassische Schicksalsgemeinschaft wie in einem anständigen Helden-Epos. Frecherweise ist das zwischen Sherlock und Watson zumindest in meinen Augen nicht einmal eine klassische Bromance. Wie lassen sich die beiden also einordnen?
    Man kann es sich „leicht“ machen und Sherlock wie Watson pathologisieren. Sherlock kann man unterstellen, seine Gefühle nicht ausdrücken zu können, Watson ist in einem ärztlich bedingten Helfersyndrom gefangen und übersieht, dass Sherlock ihn liebt. Das würde die Beziehung der Beiden zueinander erklären – Klarheit schaffen.
    Man kann es sich ebenso leicht machen und sagen: Zwischen den Beiden passiert nur etwas jenseits des Drehbuches. Wenn die Kamera nicht dabei ist und/oder die Autoren schweigen. Weil sie nicht den Mut haben, die beiden in eine Beziehung zu setzen.
    Das Problem ist in meinen Augen aber genau das: Warum muss man die Beziehung der Beiden zueinander erklären und auflösen? Warum muss sie einer bekannten Kategorie entsprechen – in dem Fall „verhinderte romantische Liebe“? Warum darf es nicht sein, dass die beiden eine emotionale Beziehung zueinander haben, die sich eindeutigen Zuschreibungen entzieht? Nur, weil der Zuschauer das nicht ertragen kann? Oder weil er der Meinung ist, dass Sherlock und Watson eine gesellschaftspolitische Botschaft ans Publikum richten müssen, am Besten zusätzlich mit Durchbrechen der vierten Wand und Publikumsansprache – in bester Tradition epischen Theaters?
    Okay, das waren ein paar rhetorische Fragen zu viel, ich bitte um Pardon dafür. Ich finde dieses Bedürfnis nach Eindeutigkeit und Zuschreibbarmachungen verstörend. Und nicht nur deshalb, weil Repräsentation nicht durch Küsse geschieht. Obwohl das ein wichtiger Punkt ist. Statt Eindeutigkeit einzuklagen und queere Figuren zu feiern, als habe die Welt beschlossen, sämtliche Atomwaffen nun endlich doch zu vernichten (und zwar nicht, indem sie sich gegenseitig damit bombardieren, sondern sie ganz üblich zu verschrotten), könnte „der Zuschauer“ auch einfach Spannungen aushalten und es ertragen, dass es eben mannigfaltige Lebensformen gibt, deren Schönheit darin besteht, sie nicht kategorisieren zu müssen. Oder man überlässt es seiner Phantasie: Es gibt in der Literatur zahlreiche Figuren, die sich interpretieren lassen. Nimm Harry Potter: Der Status der allermeisten Figuren ist uneindeutig. Es kann genau so gut sein, dass ein Charakter irgendwie queer ist oder nicht. In meiner Vorstellung heiraten Dean Thomas und Seamus Finnegan irgendwann in der Zukunft auch. Ganz ohne Queerbaiting oder Botschaft der Autorin.
    Wo will ich eigentlich hin? Das Problem ist, auf den Punkt gebracht, dieses: Ich wünsche mir eine Rezeptionshaltung, die weniger Eindeutigkeit und mehr Vielfalt aushalten kann. Das Kernproblem an der Heteronormativität unserer Gesellschaft ist nicht der Hetero-Teil. Das Kernproblem ist das Normative. Normativität basiert aber darauf, dass man Dinge fein säuberlich voneinander abgrenzen und eindeutig zuordnen kann. Dagegen sollte man sich auflehnen. Das tut man aber nicht, wenn man krampfhaft Repräsentation einfordert, statt es wie Turk und JD in Scrubs zu halten:
    https://www.youtube.com/watch?v=lL4L4Uv5rf0

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