Peaky Blinders: Tolle Bilder und eine mittelmäßige Story

Peaky Blinders Serie

Foto: „Katja Jakob“ / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by) http://creativecommons.org/licenses/by/3.0/deed.de

Birmingham 1919: Ein Mann reitet eine heruntergekommene Straße entlang, Menschen weichen ihm hektisch aus, alles nimmt die Beine in die Hand und flieht in die Häuser oder ein sicheres Versteck. Er reitet ruhig weiter, lässt sie verschwinden, während er hoch oben auf dem schwarzen Pferd thront. Diese Gegend, das ist sein Reich, seine Welt, in der der Name „Shelby“ als Drohung reicht und Schiebermützen, wie er sie trägt, die schlimmste Waffe sind.

Die „Peaky Blinders“ sind 1919 eine Gang in Birmingham, angeführt von Tommy Shelby (Cillian Murphy) und seiner Familie, die ihren Namen ihren Schiebermützen mit eingenähten Rasierklingen verdanken. Eigentlich sind sie aber trotzdem noch kein wirklich großer Fisch, erst recht nicht außerhalb von Birmingham. Wettbetrug, Schutzgeld, selbst innerhalb ihrer eigenen Straßen müssen sie noch aufpassen, nicht zu viele Leute oder rivalisierende Banden vor den Kopf zu stoßen. Aber Tommy ist ehrgeizig, er will mehr. Und als skrupelloser Patriarch der Shelbys räumt er auch fast alles und jeden aus dem Weg, der sich ihm in den Weg stellt. Als die Peaky Blinders aus Versehen eine Kiste mit Maschinengewehren klauen, ruft das allerdings u.a. Chief Inspector Campbell (Sam Neill) im Auftrag von Winston Churchill persönlich auf den Plan, der es sich zum Ziel setzt, der Bande das Handwerk zu legen und dafür seinen Schützling Grace (Annabelle Wallis), auf die er nebenbei gesagt auch ein Auge geworfen hat, undercover direkt in die Höhle des Löwen und als Kellnerin in den Pub der Peaky Blinders schickt. Als sich aber nach und nach abzeichnet, dass nicht nur Campbell, sondern auch Tommy sich für Grace interessiert, wird die Sache komplizierter als ursprünglich gedacht.

Was braucht es eigentlich, um „gut“ oder „böse“ zu sein?

„Peaky Blinders“ ist die erste Serie seit langem, die ich nicht für ihre Geschichte gut finde. Denn die eigentliche Handlung hat zwar auch ihre spannenden Elemente, wie den Handlungsstrang, der sich um die einzige Shelby-Schwester Ada (Sophie Rundle) und ihren Unabhängigkeitskampf von ihrer Familie dreht, aber im Grunde ist die eigentliche Story nichts Besonderes. Sie dreht sich viel mehr irgendwo im Kreis zwischen Betonungen, wie kalt und rücksichtslos ihr (Anti-)Held Tommy doch ist, der Kritik seiner Familie daran und seinem Hunger danach, die armen Arbeiterviertel seiner Vergangenheit hinter sich zu lassen und reich zu werden, vielleicht um so auch ein Stück vom Kuchen der schimmernden Welt der goldenen Zwanziger abzubekommen. Gerade die erste Staffel kreist immer wieder um dieses Thema und darum, was es bedeutet, „gut“ oder „böse“ zu sein. In einer bezeichnenden Szene direkt zu Beginn reden z.B. Tommy und sein (ehemaliger) Freund Freddie, der als Kommunist gerade versucht, Streiks unter den Arbeitern zu organisieren, genau darüber. Freddie macht Tommy indirekt Vorwürfe, indem er ihn fragt, auf was für einer Liste denn die Namen eines Kommunisten und eines Buchmachers nebeneinander passen würden, woraufhin Tommy erwidert: „Perhaps it’s a list of men who give false hope to the poor.“

Wie für eine Antiheldenmotivik dieser Art irgendwo auch typisch, stellt die Serie innerhalb ihrer Handlung immer wieder solche Fragen, die darauf abziehlen, irgendwo zu definieren, wann jemand eigentlich sich als rechtschaffend oder gar als Held bezeichnen kann. Interessant ist da auch, wie Tommy und Campbell gegeneinander ausgespielt werden: Tommy war im ersten Weltkrieg in Frankreich und hat im Zuge des Krieges Auszeichnungen erhalten, Campbell hat nicht im Krieg gekämpft und lechzt einer Ehrenmedaille hinterher. Gleichzeitig ist Tommy aber zweifelsohne ein krimineller Gangster, brutal, manchmal auch grausam und eindeutig gefährlich, während Campbell versucht, genau diese Kriminalität, für die Tommy steht, zu bekämpfen. Allerdings ist Tommy zwar kriminell, aber beherrscht und kontrolliert, irgendwo geradlinig, weil er weiß, wer und was er ist und es nicht nötig hat, sich hinter Moral zu verstecken, während Campbell zwar seine weiße Weste betont, tatsächlich aber natürlich auch nicht so unschuldig ist.

Bleibt man bei dieser Metaebene, wird auch noch Grace spannend: Sie symbolisiert irgendwo alles, wonach Tommy sich sehnt. Reichtum, Frieden und wahrscheinlich auch eine gewisse Unschuld im Sinne eines legal geführten Lebens. Für Campbell wäre sie auf dieselbe Weise die Bestätigung dessen, wofür er gerne gehalten werden würde, aber gleichzeitig fällt zumindest für ihn und phasenweise auch für Tommy unter den Tisch, dass auch Grace ihre dunkleren Seiten hat. Allerdings sind diese Art von Details auf der Metaebene eben auch nichts anderes als das: Details. Mit einem gröberen Blick auf die Handlung bleibt sie beständig durchschnittlich. Die Beziehung zwischen Grace und Tommy ist vorhersehbar.Äähnlich auch, dass Campbell gegen den Protagonisten der Serie den Kürzeren ziehen wird, fast schon ziehen muss, oder dass am Ende des Tages die Peaky Blinders schon irgendwie aus den meisten noch so brenzligen Situationen rauskommen. Nicht schlecht, aber auch nicht so überragend wie der Rest.

Eine Inszenierung, die sich sehen lassen kann

Das Geniale ist nicht das „was“, sondern das „wie“: Die Inszenierung. Denn hier passt alles. Von den Kulissen über die Kostüme bis hin zur Farbgebung der Bilder bis hin zur Musik. „Peaky Blinders“ lebt in erster Linie von seinen Bildern. Die grauen Straßen Birminghams, aufsteigender Rauch, Stichflammen, das alles malt eine absolute übertriebene, dafür aber umso drastischere und stimmungsvollere Szenerie eines Industrieviertels dieser Zeit. Wenn hier die Peaky Blinders zu den Waffen greifen, präsentiert sich eine ganz eigene, oft düstere Ästhetik, die etwas Fesselndes und Faszinierendes an sich hat. Ganz egal, wie gut oder schlecht die entsprechende Szene gerade von der Handlung her ist.

Das betrifft nicht nur die inhaltlich bedeutungsvollen Teile und Szenen, sondern beginnt schon bei den Details. Rote Blutflecken oder schlicht die kalten, blassblauen Augen Cilian Murhys als Tommy Shelby, die vor einem sonst eher matt gehaltenen Hintergrund hervorstechen und so ganz entscheidend zu der Modellierung von Figuren und Szenerie beitragen. Mein liebstes Beispiel dafür ist diese Szene, die allerdings aus den letzten Minuten der 2. Staffel ist, (Der Ausschnitt auf Youtube, der ohnehin kürzer als 1 Minute ist, sollte zwar eigentlich ohne den Kontext nicht wirklich etwas verraten, aber you have been warned.) aber auch direkt die Anfangsszene der Serie, die schon z.B. in Form von rotem Pulver, das ein Mädchen von seiner Hand bläst, sehr stark mit solchen Akzentuierungen spielt, ist ein Beispiel dafür. (Hier könnt ihr die Szene sehen, die Stelle, die ich meine, beginnt etwa ab 1:26.)

Nimmt man dazu noch die oft düster wirkende Musik, dann kann „Peaky Blinders“ manchmal so eine gekonnte Atmosphäre schaffen, dass man zeitweise die Haupthandlung fast vergessen könnte. Und je weiter die Geschichte voran geht, desto mehr Sinn ergibt es plötzlich, wenn Nick Cave im Titelsong der Serie von einem großen Mann mit der „Red Right Hand“ singt.

Und ein Antiheld mit einer Ausstrahlung, die alles verschluckt

In einem weiteren Schritt kommt dazu dann noch die Besetzung. Cillian Murphy, der mir zwar zu Beginn vage bekannt vorkam, aber vorher z.B. in „In Time“ keinen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen hat, fasziniert als Gangsterboss Tommy Shelby dagegen ungemein. Zum einen verkörpert er eben (auch Dank der bereits beschriebenen Inszenierung der Details) perfekt die Kälte, die Tommy immer umgibt, und hat einfach eine sehr passende Ausstrahlung, zum anderen sind die Szenen, in denen er manchmal fast am besten ist, gleichzeitig auch oft die, in denen die nicht zwingend weicheren, aber doch komplexeren oder widersprüchlicheren Seiten der Figur gezeigt werden. (Auch hier verweise ich wieder auf diesen Ausschnitt aus meiner Lieblingsszene der Serie, der allerdings evtl. Spoiler enthält.)

Diese mehr oder weniger weichen Seiten finde ich im Übrigen innerhalb der sonst ja wie gesagt eher durchschnittlichen Story ganz besonders spannend, auch weil da ein paar interessante Themen wie z.B. Kriegstraumata der Heimkehrer aus dem ersten Weltkrieg angerissen werden, wobei es da andererseits schon wieder schade ist, dass kaum eine der anderen Figuren so einen zweiten Modellierungsschritt erfährt. Campbell bekommt zwar noch ein paar mehr Schattierungen, die allerdings mehr dahin gehen, ihn aus der Rolle des „Guten“ in die des Antagonisten hinüber zu ziehen, was auch ganz ähnlich bei Polly, der Tante der Shelby-Geschwister, ist, die im Laufe der zweiten Staffel bis dahin ungekannt verletzliche Facetten bekommt, aber abgesehen davon bleibt man als Zuschauer eigentlich immer in der reinen Beobachterperspektive und bekommt kaum einen Blick in die Köpfe der Figuren erhascht. Auch oder gerade Grace, aus der man sehr viel mehr hätte rausholen können, bleibt da eher Staffage für Tommy, der schon wieder so charismatisch und auffällig ist, dass seine Ausstrahlung alles andere verschluckt.

Das und meine übrigen Kritikpunkte sind unterm Strich zwar nicht so schlimm bzw. konnte für mich die Inszenierung bisher alles rausreißen, allerdings hinterlassen diese Defizite den bitten Beigeschmack einer Ahnung, wie grandios „Peaky Blinders“ sein könnte, wenn diese Defizite eben vermieden worden wären. Und trotzdem: Wenn ihr irgendetwas mit Serien oder Filmen dieser Art anfangen könnt und „Peaky Blinders“ noch nicht gesehen habt, holt das nach. Es lohnt sich. (Besonders im Original, auch wenn, je nachdem, wie gut euer Englisch ist, die im Dialekt eingefärbte Sprache anstrengend sein kann.)
Die Serie ist keine, die eine besonders grandiose oder realistische Geschichte erzählt, das, was wirklich passiert, ist mehr okay als herausragend, aber dafür ist sie eine Serie, die mit einem wunderbaren Gespür für Details in ihrer Optik und Atmosphäre besticht. Damit ist sie nicht immer auf dieselbe Weise inhaltlich interessant, aber im Fall der Fälle immer noch einfach cool anzusehen. Eine Serie mit Schwächen, aber auch eine, deren Stärken voll ausgekostet wurden.

 

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