Über die Paradoxie von Young Adult-Dystopien

Katniss Paradoxie YA Dystopien

Bild: „Katniss Everdeeen“ von „Cor-Sa“ (CC BY-SA 3.0) ; Quelle: http://cor-sa.deviantart.com/art/Katniss-Everdeen-290964596

In einer Welt, in der Sequelism, also der Hang zur unendlichen Fortsetzung, alle Bereiche von Fiktion fest in seiner Hand hält und so gut wie jede Young Adult-Dystopie mindestens eine Trilogie ist, die dann später in vier Filmen und/oder einer 2+ Staffel-Serie auf der Leinwand landet, sollte sich eigentlich jeder an die Erfolgsformel dieser Geschichten gewöhnt haben. Eine (angeblich) starke Heldin, ein Love Interest mit mehr Muskeln als Hirn, irgendeine böse Gesellschaft und die grundsätzliche Annahme, dass nur eine 16-Jährige Auserwählte auf die Idee kommen kann, irgendetwas in die Richtung einer Revolution anzuzetteln. Genau genommen kann man ja auch nichts dagegen sagen, denn diese Geschichten verkaufen sich ja, oder?
Doch, kann man. Und zwar eine ganze Menge.

Dystopien, deren Bezeichnung ja sowieso nur das Gegenstück der absolut positiven Zukunftsvision der Utopie vermitteln soll, haben, wie alles im Sci-Fi-Bereich, das Potential, unglaublich mächtigen Weltenbau zu betreiben und subtil sehr mächtiges Unbehagen wecken zu können. Dave Eggers „Circle“ beweist so etwas auf brilliante Weise, indem hier unsere Social Media-Welt auf eine gar nicht einmal so entfernte Stufe gehoben wird, George Orwells „1984“ macht dasselbe aus seiner eigenen Zeit heraus und selbst eher postapokalyptisch orientiertes Sci-Fi wie „Die Tribute von Panem“ oder „Seelen“ kann nach diesem Prinzip funktionieren. Die Grundannahme dieses gesamten großen Genres ist die, dass die großen Probleme unserer Zeit bzw. der des Autors zwar lösbar sind, aber die Lösung immer neue Probleme schaffen wird und muss. Die Menschheit ist also eine Art perpetuum mobile der Probleme.

Vom Drachenkampf zur Revolution

Dabei spielt es keine Rolle, dass gerade viel von dem, das im Bereich der Jugendromane als Dystopie verkauft wird, genau genommen mehr postapokalyptisches Sci-Fi ist, das Grundprinzip bleibt: Die Welt ist scheinbar fehlerlos und entpuppt sich in ihrer Perfektion als Lüge und/oder große Bedrohung. Die Art Bedrohung, der sich der/die HeldIn auf die eine oder andere Weise stellen muss. Was im High Fantasy der Drachenkampf ist, wird hier zur Revolution gegen das System. Auf einer psychologischen Ebene interessant daran ist übrigens auch, dass dabei meistens die bloße Existenz der Protagonisten oder ihrer Gefühle innerhalb desselben Systems problematisiert wird. Schließlich geht es also in weiten Teilen auch darum, nur der zu sein, der man ist, aber das Ergebnis und die Ausführung dieses Grundplots machen beides gleichzeitig so problematisch.

Denn die meisten YA-Dystopien bedienen eine seltsame Paradoxie: Der lange ausgebildete, männliche Held in glänzender Rüstung ist durch eine denkbar gegensätzliche Version, nämlich ein meistens herzlich normales Mädchen, ersetzt worden, die an den Dingen, die sie nun (oft auch unfreiwillig) leisten muss, wächst und so zu einer starken Erwachsenen wird, aber gleichzeitig kenne ich keine einzige YA-Dystopie ohne erdrückend präsenter Liebesgeschichte. (Von der Heteronormativität dieser Lovestories ganz zu schweigen.)

Gegen die Liebesgeschichte als solche ist in ihrer Existenz auch nicht viel zu sagen, das Problem beginnt bei dem verqueren Beziehungsbild, das viel zu viele Jugendromane vermitteln: Zuerst einmal ist die eigentlich spannende Heldin sehr oft emotional komplett von ihrem Partner abhängig. Im besten Fall, weil der der einzige Mensch auf Erden ist, der ihr über ihr psychisches Trauma hinweg helfen kann, im Schlechtesten, weil sie einfach sooooooo verliebt ist. Und als wäre das noch nicht genug, braucht sie auch in dem Kampf, der ihrer sein sollte, fast ständig ihre (angeblich bessere) Hälfte, um aus brenzligen Situationen heraus zu kommen oder auch nur zu begreifen, dass sie in so einer Situation steckt. Das ist nicht nur aus einer feministischen Perspektive frustrierend, sondern schwächt schlicht die Macht der Erzählung, unabhängig vom Geschlecht der Figuren. Denn damit wird die Heldin nicht nur zu einer Art Puppe degradiert, die nur auf den ersten Blick die Dinge schafft, die sie schafft, sondern auch der männliche Part des YA-Heldenteams wird auf einen Stereotyp zurecht gestutzt, der Jungs und Männern genauso schlecht schmecken sollte wie Frauen und Mädchen die „damsel in distress“-Momente. Denn während die Heldin von ihrem Freund abhängig ist, kann der wiederum Dank der Abhängigkeitsformel keine Entwicklung über einen Haufen Muskeln und romantische Worte hinaus machen. So wie sie oft in einem kaum kaschierten Jungfer in Nöten-Zustand feststeckt, steckt er in der Rolle des heißen Retters fest.

„Die Bestimmung“: Irgendwo zwischen damsel in distress und knight in shining armor

Ein schönes Beispiel dafür sind die Filme zur „Die Bestimmung“-Reihe von Veronica Roth: Die Protagonistin Tris ist eigentlich ein normales Mädchen – auch wieder ein Klischee für sich, aber okay, darum geht es hier nicht – bis sie herausfindet, dass sie eine Unbestimmte ist, die damit, weil sie in keine der fünf Fraktionen ihrer Welt passt, außerhalb der Gesellschaft steht, in die sie geboren wurde. Sie versteckt diesen Umstand und schließt sich den Ferox an, die man am einfachsten als eine Art Kriegerkaste bezeichnen könnte, wo sie auf Four trifft und sich – Oh, Wunder! – in ihn verliebt. Soweit, so gut. Der Punkt, in dem die Paradoxie des Genres so deutlich wird, ist der, dass Tris bei den Ferox zu einer Kriegerin ausgebildet wird, sie also, obwohl sie nicht einmal die Beste innerhalb ihrer Fraktion ist, ganz eindeutig kämpfen und sich verteidigen kann, aber gleichzeitig im Laufe der Filme immer und immer wieder Four braucht, um sie aus brenzligen Situationen zu retten, in denen es auch vollkommen realistisch sein könnte, dass irgendwer anders oder sogar sie selbst einen Weg hinaus findet. Obwohl sie buchstäblich als Kämpferin angelegt ist und obwohl sie auch noch andere Freunde bei den Ferox und sonst wo hat, die ihr genauso helfen könnten, bekommt im Zweifelsfall ihr Freund nur den hundersten „Ritter in glänzender Rüstung“-Moment. Und wirklich mehr ist Four im Übrigen auch allgemein nicht.
Eigenständige Persönlichkeit? Fehlanzeige.

Das hat nicht nur das „Jungfer in Nöten“-Klischee zur Folge, sondern auch, dass die beiden Helden wie aufgepappt wirken und scheinbar die Tiefe eines Wasserglases haben. Elemente, die die beiden definieren müssten, wie z.B. Fours von Gewalt geprägte Kindheit und seine mindestens widersprüchliche Beziehung zu seinen Eltern, wird so gut wie gar nicht thematisiert. Und auch wenn man das natürlich dem Medium Film zuschreiben kann, ist und bleibt es doch auffällig, dass die Fokussierung, zu der eine Filmadaption schon aufgrund des bloßen Umfangs von vielleicht zwei Stunden im Gegensatz zu 300 oder mehr Buchseiten gezwungen ist, ganz klar auf die Figuren als Paar und nicht als einzelne Charaktere geschieht. Selbst diese Fokussierung, die natürlich auch nicht aus dem Nichts kommt, ist schlicht eine Folge der bereits erwähnten Paradoxie: Theoretisch soll erzählt werden, dass die Heldin Tris ihren Four schlicht liebt und umgekehrt, aber gleichzeitig steht in der Gewichtung innerhalb der Geschichte diese Liebe über den Figuren als solchen und damit den Gründen dafür. Und als wäre das nicht schon merkwürdig genug soll das dann durch stereotype Bedrohung-Rettung-Situationen ausgeglichen werden. Denn, you know, kaum jemand lässt sich gerne beinahe umbringen und Dankbarkeit ist die perfekte Basis für jede Beziehung?

„Shatter me“: Große Kräfte, aber keine große Heldin

Und „Die Bestimmung“ ist damit nicht einmal allein: Die „Shatter me“-Reihe von Tahereh Mafi, von der ich den ersten Band nicht einmal schlecht fand, leidet unter demselben Problem, wenn auch auf andere Art und Weise. Juliette hat geradezu magische Fähigkeiten, die bei anderen schwere Schmerzen verursachen, ist also wirklich verdammt mächtig, scheut sich aber aus moralischen Gründen davor bzw. hat sie im Grunde Angst vor sich selbst und der Möglichkeit, dass sie andere verletzen oder töten könnte. Dazu kommt, dass sie fast ihr gesamtes Leben eingesperrt war, was sie – vorsichtig formuliert – mindestens labil macht. Aus dieser Situation holt sie Adam, ein Soldat des Reestablishments. Auf diese Rettung wird später noch eins oben drauf gesetzt, als er sie aus den Fängen seines Chefs befreit, für den er sie eigentllich beim ersten Mal aus dem Gefängnis geholt hat, der sie aber für seine eigenen Zwecke und gegen ihren Willen dazu bringen will, ihre Kräfte zu benutzen. Auf der einen Seite liegen diese Rettungen natürlich nahe, denn Juliette ist mit ihrer Hintergrundgeschichte zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um sich zu retten, egal, wie viel Macht sie besitzt, aber genau das ist auch der Grund, weshalb sich die YA-Paradoxie doppelt äußert. Es ergibt Sinn, dass sie sich in ihrer verletzlichen Position an Adam, dem ersten Menschen, den sie berühren kann, emotional festkrallt, ja. Gleichzeitig bleibt es aber auch dabei, dass die Beziehung der beiden darüber definiert wird, dass sie ständig auf die eine oder andere Weise bedroht werden. (Das Fass mit dem problematischen Subtext in Bezug auf psychische Probleme/Krankheiten mache ich an diese Stelle gar nicht erst auf, auch wenn ich da genauso schreiend im Kreis rennen könnte.)

Zugegeben, hier ist nicht nur Juliette diejenige, die gerettet werden muss, aber das Prinzip bleibt, dass in einer Geschichte, deren Grundplot eigentlich einen großen Schwerpunkt auf Einzelpersonen (hier in Form von auf übernatürlicher Weise begabten Menschen) gelegt hat, die Individuen zu Gunsten einer Liebesgeschichte zurücktreten müssen und Dank ihrer gegenseitigen Abhängigkeit herzlich konturlos werden. Die Begründung für Juliettes Liebe ist ihre Verletzlichkeit und die für Adams Liebe zu ihr bleibt im Grunde ein Rätsel.

Und es bleibt doch ein Drachenkampf

Das ließe sich noch eine Weile so weiterspinnen. „Cassia & Ky“, „Selection“ und wie sie alle heißen. Die Beispiele sind schier endlos.
Dabei haben die meisten dieser Geschichten eine eigentlich ganz spannende Prämisse: Das Fraktionensystem aus „Die Bestimmung“ z.B. hat die schlicht sehr konsequente Idee, Menschen nach ihren Fähigkeiten zu beurteilen und im Grunde auch eine spannende Utopie, weil es genauso beinhaltet, dass es nur noch Fraktionen zur Unterscheidung der Menschen gibt. Geschlecht, Hautfarbe, Nationalität o.ä. sind irrelevant. Dasselbe gilt auch für „Cassia & Ky“, deren Welt so perfekt strukturiert ist, dass Cassia eine ganze Weile braucht, um überhaupt den goldenen Käfig zu bemerken, in dem sie sitzt. Selbst „Shatter me“, das deutlich düsterer angelegt ist, weil Juliette von Anfang an nicht in das System ihrer Welt passt, beinhaltet die eigentlich interessante Idee von Menschen mit besonderen Fähigkeiten.

Und bei allen drei Beispielen leiden Plot wie die Intensität der Erzählung unter der Kitsch-Paradoxie und der Paar-Abhängigkeit der Protagonistin und ihres Freunds, an deren Ende beide in einem Klischee hängen bleiben, aus dem sie nie wieder rauskommen.
Aber hey, immerhin gibt das die Gelegenheit für eine Oben-ohne-Knutschszene im Film. (Er oben ohne versteht sich, das Ding soll ja ab 12 freigegeben werden.)

Und was bleibt? Eine Heldin, die ständig durch ihren eigenen Plot geschwächt wird, weil sie Schwierigkeiten bekommt, die sie nicht überwindet, sondern überwunden bekommt, und ein Held, der nur ein schöner Körper mit einem Maschinengewehr ist. Also doch wieder ein Ritter, der auszieht, um seine Ehre zu retten und den Drachen zu erschlagen, der seine Prinzessin entführt hat. Nur ist die Prinzessin irgendwann zur Protagonistin geworden.

Artikelbild: „Katniss Everdeeen“ von „Cor-Sa“ (CC BY-SA 3.0) ; Quelle: http://cor-sa.deviantart.com/art/Katniss-Everdeen-290964596

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Über uns Geekgeflüster

Ich bin Aurelia und blogge seit 2012 über Gaming, Bücher, Filme, Serien und mehr. Kurz: Das hier ist mein Geekgeflüster.

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