Mommy’s Boy und Daddy Issues: Antagonisten und Emotionen in der Popkultur

Böse um der Bosheit Willen – Die Antagonisten, die nach diesem Muster gestrickt sind, werden schon länger immer rarer. Stattdessen erleben vermenschlichte Bösewichte wie Loki, Zuko oder Kylo Ren einen Aufschwung. Und transportieren dabei ganz heimlich neue Ideen von Stärke und Männlichkeit.

„We just want to be loved!“

Ein moderner Antagonist hat oft dieselben Probleme wie ein Protagonist nur mit dem Unterschied, dass er – anders als ein Held – aus diesem inneren Konflikt heraus nichts Gutes, sondern Böses tut. Interessanter Weise ist daraus in den letzten Jahren vermehrt auch eine Reihe an romantisierten Bösewichten und Antihelden gewachsen, die zwar innerhalb ihrer Geschichten eine antagonistische Rolle einnehmen, aber vom Publikum als Neben- oder heimliche Helden gefeiert werden. Warum eigentlich?

In manchen Fällen ist diese Frage sehr leicht zu beantworten und ergibt sich schon aus der Erzählart der Einzelfälle heraus. Eine Figur wie Loki in Marvels „Thor“-Filmen wird ständig mit dem dazugehörigen Helden, Thor, verglichen. Der wiederum bietet allerdings so wenig emotionale Komplexität und damit Identifikationspotential für einen Zuschauer, dass Loki an dieser Stelle leicht gewinnt. Thor mag die Figur sein, von der erzählt wird, dass sie der „Gute“ ist, der alle rettet, aber von seinem Innenleben wird wenig erzählt. So können er und seine Geschichte noch immer unterhaltsam sein, es wird allerdings deutlich weniger klar, warum er tut, was er tut. Loki dagegen ist im Vergleich dazu ein offenes Buch: Er ist eifersüchtig auf seinen Bruder, fühlt sich ungeliebt und sehnt sich nach Anerkennung. Alles Eigenschaften, die für die meisten Menschen wohl nachvollziehbar und verständlich sind. Wo Thor Probleme hat, die sehr weit weg von einem durchschnittlichen Zuschauer sind, bietet Loki eine breite Projektionsfläche und Möglichkeit zur Identifikation.

Wer ist hier eigentlich der Antagonist?

Damit ist er nicht allein. Gerade in Phantastik mit Einflüssen von gritty realism, also einem besonders düsteren Realismusverständnis, werden solche Antagonisten immer beliebter. Die Übergänge zwischen Held und Bösewicht werden so bewusst immer schwammiger und ermöglichen so scheinbar schier unendliche moralische Grauzonen in moderne Geschichten. Ob Zuko in „Avatar“, Littlefinger in „Game of Thrones“ oder – gerade in den späteren Staffeln – Crowley in „Supernatural“ – Auch in der Popkultur wird die Nachvollziehbarkeit von Bösewichten immer wichtiger. Selbst in „Dishonored 2“, dessen Antagonistin Delilah eigentlich als abgrundtief böse gezeichnet wird, haben sich die Entwickler die Mühe gemacht, im Verhältnis recht aufwändig ihre emotionalen Beweggründe zu erklären.

Das könnte man nun einfach als Entwicklung des besagten gritty realism abtun, unter anderem durch den wir Rezipienten es mehr und mehr gewöhnt sind, die Beweggründe von Antagonisten zu erfahren, aber das greift denke ich zu kurz. Natürlich ist diese veränderte Sehgewohnheit wichtig für diese Art von immer mehr emotionalisierten und damit vermenschlichten Antagonisten, aber gleichzeitig ist auch auffällig, wie ähnlich sich einige dieser Figuren sind. Gerade als eher jugendlich gezeichnete, männliche Antagonisten wie Zuko, Loki oder Kylo Ren in „Star Wars“ sind nicht nur einfach jünger und emotionaler als andere Antagonisten, sondern haben auch ganz eigene Beziehungen zu ihren Eltern.

Väter verleihen Stärke, Mütter Intelligenz

Viele Figuren – egal ob Helden, Sidekicks oder Antagonisten – werden in Fiktion über die Beziehung zu ihren Eltern charakterisiert. Figuren, die ihren Vätern nahe stehen, „erben“ dabei häufig Eigenschaften, die Unerschütterlichkeit oder körperliche Stärke vermitteln, während solche, die ihren Müttern nahe stehen, häufig schlau und sensibel sind. Tatsächlich müssen die Elternrollen nicht von den leiblichen Eltern dieser Figur einnehmen – in „Peaky Blinders“ erfüllt so z.B. Tommys Tante Polly diese Funktion – stattdessen geht es vielmehr um die Position, die diese Personen im Leben eine Figur besetzen. Ob Arya in „Game of Thrones“ im Gegensatz zu ihrer Schwester Sansa, Harry Potter, Emily in „Dishonored 2“, Tommy im Gegensatz zu Arthur Shelby in „Peaky Blinders“, Anakin Skywalker in „Star Wars“ oder angedeutet selbst Fen’Harel in „Dragon Age“ – Die Liste lässt sich leicht erweitern. Das Muster als solches ist nicht ungewöhnlich, aber auch die Basis für Antagonisten wie Loki.

Denn Loki und sein Bruder Thor – ähnlich wie Zuko und Azula in „Avatar“ – passen sehr deutlich in dieses Muster. Loki steht seiner Mutter Frigga deutlich näher als seinem distanzierten Vater und ist entsprechend der Faustregel schlau und sensibel, wird aber weniger dadurch charakterisiert, dass er körperlich stark sei. Sein Bruder Thor wird genau umgekehrt charakterisiert: Als Erbe seines Vaters ist seine Verbindung zu Odin enger und er ist derjenige der Brüder, der als eindeutig körperlich stark gezeichnet wird.

Gleichzeitig steht Loki aber nicht nur der Mutterfigur in seinem Leben näher, sondern lehnt seinen Vater ganz eindeutig ab. Dass aus einer scheinbar zu engen Nähe zwischen Mutter und Sohn merkwürdige Figuren bis hin zu Bösewichten entstehen, ist nichts Neues und gerade in Komödien nach wie vor sehr beliebt. Zweifelhafte Witze auf Kosten von Figuren wie Howard Wolowitz in „The Big Bang Theory“ genauso wie absurde bis monströse Szenen rund um Figuren wie Oswald Cobblepot in „Gotham“ sind normal. Allerdings zeichnen diese Figuren sich oft nur dadurch aus, dass sie ein extrem enges Verhältnis zu ihrer Mutter haben, während das zu ihrem Vater entweder nicht bemerkenswert oder nicht existent ist, weil sie ihn zum Beispiel nicht kennen. Figuren wie Loki oder Zuko dagegen kombinieren diese Nähe zu ihren Müttern mit einer eindeutigen Ablehnung von kaltherzigen Vätern.

Vertauschte moralische Positionen und Emotionen

Das klingt vielleicht banal, ist aber in dem Punkt interessant, als dass hier ein moralischer Rollentausch stattfindet. Diese Figuren wenden sich direkt oder indirekt gegen emotional distanzierte oder sie enttäuschende Vaterfiguren, während erzählerisch ihre eigene Verletzbarkeit und Emotionalität betont wird. Emotionalität, was nicht ohne Grund bei vielen Figuren und ihren Geschichten als Eigenschaft positiv besetzt ist, wird hier Figuren in der Rolle des „Bösen“ zugestanden.

Und noch mehr: Emotionale Kälte, die gerne die Basis für die Skrupellosigkeit eines Antagonisten darstellt, wird als etwas abgebildet, das explizit keine Eigenschaft einer „bösen“, sondern sogar eher einer „guten“ Figur auf der Seite der Helden ist. Emotionalität ist keine Schwäche mehr, sondern das eine, das Antagonisten wie Zuko, Loki oder auch Kylo Ren dem Publikum sympathisch machen soll, was den riesigen Fandoms dieser Figuren nach zu urteilen auch gut funktioniert. Gleichzeitig wird die emotionale Distanz der zugehörigen Väter zur entscheidenden Schwäche genau dieser Figuren. Oder: War es in der originalen „Star Wars“-Trilogie noch nur einem Helden wie Luke vorbehalten, starke Emotionen zu haben und einen kalten, distanzierten Bösewicht-Vater zu bekämpfen, wird diese Verletzlichkeit in den neueren Filmen auch einem Antagonisten zugetraut.

Diese Entwicklung ist spannend. Nicht nur weil sich daran ein verändertes Verständnis von „Gut“ und „Böse“ in phantastischen Genres und Medien zeigt, sondern auch weil diese Bösewichte eine neue Art darstellen. Gerade die genannten Beispiele von Zuko, Loki oder Kylo Ren könnte man vielleicht auch einfach als brütende Teenager abtun, aber das ändert nichts daran, dass Figuren dieser Art auf eigene Art und Weise und nach einer eigenen Logik funktionieren. Sie zeichnen sich nicht mehr so stark durch körperliche Stärke oder seelische Kälte und damit Skrupellosigkeit, sondern durch Emotionalität aus. Die Botschaft, die sie senden, ist einfach wie erfrischend: Große Jungs weinen doch.

Artikelbild: „Tom Hiddleston“ von „Gage Skidmore“ (CC BY-SA 2.0)

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