Mein Schönstes Scheitern: Warum ich es nie schaffe, böse Figuren durchzuspielen


Ob Film, Buch oder Computerspiel: Villains faszinieren mich. Wie gern würde ich selbst einmal in die Rolle des Bösewichts schlüpfen und mich in Age of Wonders mit den Finstersten der Finsteren verbünden! Wenn da nur nicht die Sache mit dem schlechten Gewissen wäre …

Meine dunkle Seite? Hm. Mir wird eine gewisse Arroganz nachgesagt, die manchmal einfach Schüchternheit ist. Aber das war’s dann auch schon weitgehend. Ich bin nicht herzlich, aber harmlos. Ich habe noch nie in meinem Leben etwas geklaut, warte an den meisten roten Ampeln und erkläre auch dann noch freundlich den Weg, wenn ich eigentlich schon viel zu spät für den Bus dran bin. Würde ich in einer Fantasywelt leben, ich wäre vermutlich Priesterin irgendeiner nicht allzu zornigen Luftgöttin. Ein bisschen auf andere herabsehen, gleichzeitig aber auch Regen in Dürregebiete senden oder ein Unwetter herabgehen lassen, je nachdem, was halt gerade angemessen ist. Ansonsten im Tempel chillen, den eigenen Studien und Glaubenskrisen hingeben, ab und zu auf ein Stadtfest gehen … ja, das klingt nach einem Leben für mich.

Das Ding ist nur: In einem Game wäre so eine Figur doch strunzlangweilig, oder? Viel spannender sind die Assassinen und Dämonenbeschwörer, die Schwarzmagier und Hack’n’Slayer. Ich hatte immer ein Herz für die Villains und dachte beispielsweise, wenn mal alle bisschen netter zu Scar gewesen wären, hätte es nicht so weit kommen müssen mit der Büffelherde, Hyänen etc. pp. Später fand ich Fantasy mit Antihelden spannend, empfand Raistlin als die coolste Socke auf Krynn und Forgotten Realms hatte durch die Drow einen deutlichen Pluspunkt gegenüber Drachenlanze. Außerdem habe ich mir oft ausgemalt, wie freaking cool es doch wäre, als Dieb über Dächer zu hüpfen, Zeug zu stehlen und die Moral mal außen vor zu lassen.

Nun, für die Realität erschien mir das doch etwas unpraktikabel, aber wozu gibt es Rollenspiele? Mit Pen&Paper wurde ich nur bedingt warm, dafür habe ich bald mein Herz für Games entdeckt – auch wenn ich inzwischen nur noch dieselben fünf Reihen rauf und runter spiele.

Bei Untoten fangen die Probleme an

Mein unangefochtener Favorit ist die Age of Wonders-Reihe, eine rundenbasierte Kreuzung aus Strategie und Fantasy-Rollenspiel, die ich seit 2005 quasi ununterbrochen spiele. Eingestiegen bin ich damals mit Shadow Magic, einem unabhängigen Add-On zu Age of Wonders 2. Meine Lieblingsfigur darin war Meandor, ein schwarzhumoriger Dunkelelf. Überhaupt sind die Dunkelelfen dort mein Lieblingsvolk. Offiziell sind sie zwar klar dem Bösen zugeordnet, aber eigentlich eher ein bisschen irre, melancholisch und halt die Emos des AoW. Auch die meisten meiner selbstkreierten Figuren waren Dunkelelfen.

Ein Volk, das ich dagegen fast nie gespielt habe, waren die Untoten. Ebenso habe ich die Todesmagie nie als Spezialisierung meiner Figuren gewählt. Zu beidem gibt es eigentlich sehr spannende Einheiten: Als Heerführer der Untoten kann man beispielsweise Vampire oder Geister ausbilden, als Todesmagier Knochendrachen oder Schwarze Engel beschwören. Aber damit ist man halt echt evil-evil und es bleibt einem als Spieler keine Wahl mehr – wenn man auf „gute“ Wesen wie Einhörner oder Feen trifft, muss man die killen, wenn man nicht selbst aufgespießt werden möchte.

Also, damit hatte ich halt doch ein Problem. So nett anzusehen Schwarze Engel auch sind, irgendwie hatte ich ein moralisches Problem damit, die Welt mit Tod und Verderben zu überziehen. War also nix mit dem „im Spiel kann man die Moral mal gerade sein lassen“. Ganz ähnlich ging es mir beispielsweise auch in GTA. Einem kleinen, gemeinen Teil von mir hat es echt Spaß gemacht, da einfach mal durch die Straßen zu brettern, ohne sich Gedanken darum zu machen, was man anrichtet. Das Ding war nur: Ich habe mir darum Gedanken gemacht. Selbst abends im Bett hatte ich noch ein schlechtes Gewissen, wenn ich jemanden umgefahren hatte, und das war halt doof.

Es wäre so schön, Melenis zu sein

Aber zurück zu Age of Wonders. Der dritte Teil erschien 2014 und machte vieles anders. Beispielsweise gab es nun keine Einteilungen mehr in „gut“, „neutral“ oder „böse“, weder bei den Völkern noch durch die Spezialisierungen. Allein die Taten sollten nun darüber entscheiden, auf welcher Seite man steht, und es gab jeweils eine „lichte“ und eine „dunkle“ Variante, um die Kampagnen abzuschließen. Das war eigentlich eine ziemlich vielversprechende Neuerung, bedeutete allerdings auch, dass meine geliebten Dunkelelfen nicht mehr existierten. Sie waren ebenso wie die Waldelfen durch „Hochelfen“ ersetzt worden – auch hier sollte die eigene Spielart darüber entscheiden, in welche Richtung sich das Volk nun entwickelte.

Dann kam aber Eternal Lords, das zweite Add-On mit eigener Kampagne. Eternal Lords bot nicht nur die Rückkehr zweier Völker aus den vorangegangenen Age of Wonders-Teilen (Frostlinge und Tigraner), sondern auch eine alte Bekannte sollte auf die Bühne zurückkehren: Melenis, ihres Zeichens eine Vertraute von Meandor, und in den vorangegangenen Teilen noch eine „normale“ Dunkelelf-Heldin, die man für die eigenen Truppen anwerben konnte. Als ich herausfand, dass Melenis in einigen Szenarios der Kampagne spielbar sein würde, war ich maximal gehypt. Ich wusste zwar, dass sie als Nekromantin auftauchen sollte, aber das war kein Problem – selbst die Untoten waren nun nicht mehr automatisch böse. Nur weil man tot ist, muss das ja nicht heißen, dass man seine Moral über Bord wirft.

Leider stellte sich schnell heraus: Um Melenis spielen zu können, musste ich die „dunkle“ Variante der Kampagne spielen. Und nee, das ging einfach nicht. Man kommt in Age of Wonders nicht drum herum, ein paar Monster zu slashen, und auch ohne Kriegsführung ist das Spiel eher sinnfrei. Aber es gibt einige Handlungen, die für mich einfach nicht in Frage kommen. Dazu gehört, ganze Völker auszurotten oder die eigenen Freunde zu verraten. Genau das hätte ich aber tun müssen, um Melenis spielen oder mein Ziel verfolgen zu können, alle Kampagnen in beiden Varianten durchzuspielen.

Freunde verraten? Stillos!

Wisst ihr, ich hab’s versucht. Ich habe es schweren Herzens getan und meine Freunde verraten, sie sogar ermordet, den dunklen Pfad betreten. Aber danach hatte ich so ein schlechtes Gewissen, dass ich den Spielstand gelöscht habe. Auch die „lichte“ Variante dieser Kampagne konnte ich aber nicht spielen – denn dann hätte ich Melenis bekämpfen müssen und nach der guten Zeit, die wir in den vorangegangenen Teilen miteinander hatten, war das für mich ebenfalls keine Option. Insofern bin ich spielmäßig maximal gescheitert und habe Eternal Lords nicht abgeschlossen.

Bis heute habe ich keine der „dunklen“ Varianten gespielt, weder in der Hauptkampagne noch in den Add-Ons. Ich habe auch kein einziges Mal Melenis gespielt. In den unabhängigen Szenarien könnte ich sie zwar als „Gute“ spielen, aber irgendwie ist mein Verhältnis zu ihr nun gestört.

Stattdessen ist meine Lieblingsfigur derzeit eine selbst kreierte Hohepriesterin namens Aslatys, die sich auf Wasser- und Heilmagie spezialisiert hat, sich für den Frieden zwischen allen Völkern einsetzt, ein besonderes Herz für Goblins hat und selbst Dämonen nicht nachsetzt, wenn sie fliehen. Stattdessen erforscht sie vorwiegend Ruinen und erledigt Aufträge für unabhängige Städte. Klingt langweilig? Nö, macht Spaß.

Über die Autorin

Alessandra (@FragmentAnsicht) arbeitet als Medienproduzentin und Autorin. In ihrer Freiheit treibt sie sich gerne im Wald rum, spielt „Age of Wonders“ oder bloggt auf FragmentAnsichten.

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