Mein Schönstes Scheitern: Schwindelndes Fallen durch Portal – aus Prinzip, nicht aus Spaß

Mein Schönstes Scheitern Portal
Ich mag Computerspiele, seit ich denken kann. Mit dem ersten Zugang zum Familiencomputer, damals noch mit piepsendem Modem, kamen die ersten Spiele, dann ging es mit einem NintendoDS weiter. Und dann schnell mit Restriktion durch die Eltern, weil das ja alles „böse“ ist und „aggressiv“ macht. Wie das mit der allgemeinen Beeinflussung von Mädchen in der Gesellschaft dann so ist, ging auch das Interesse irgendwann zurück – nicht zuletzt durch starke Überwachung und durch fehlende Hardware. Als die Begeisterung dann zurückkam, war ich 18 und hatte meine erste Beziehung. Und stolperte langsam in Kreise von Nerds rein, in denen es cool war, sich für so etwas zu interessieren. Und schnell landete Portal auf meinem Laptop.

Ja, auf meinem Laptop – denn der war auch ein abgegebenes Modell aus der Verwandtschaft und ziemlich outdated, aber mein Ersatz für einen Desktop-PC, den ich ohnehin nicht haben sollte. Der Vorteil war, dass ich überall spielen konnte, auch bei meinem Freund auf dem Sofa, der Nachteil stockende Abläufe und Standbilder. Aber ich lernte schnell, damit umzugehen (und auch damit, dass ich dadurch noch ein paar Mal öfter starb als ohnehin schon, denn ich war die Steuerung natürlich viel weniger gewohnt als meine ganze Umgebung). Portal war nach den ersten drei Teilen der Assassin’s-Creed-Reihe eines meiner ersten First-Person-Spiele. Und es war schwer – auch abseits der unbekannten Steuerung und den Standbildern. Doch das gestand ich mir lange nicht ein.

Denn es war ja dieses tolle Spiel, das alle in meiner neuen Umgebung liebten. Das sie alle schon vor Jahren durchgespielt hatten und das sie jetzt sehnsüchtig betrachteten, denn ich war ja noch im ersten Durchgang und hatte alle Überraschungen in der Story noch vor mir. Ich war ja noch dabei, die Steuerung zu lernen und endlich ein Gefühl dafür zu bekommen, ich war noch dabei, das Interesse an Puzzle-Elementen zu entwickeln… Dass die Internetkultur und der Sprachcode in diesen Gruppen mir inzwischen alles gespoilert hatte, was es zu spoilern gab, merkte lange niemand, einschließlich mir selbst. Und dass ich vielleicht auch gar kein so typischer Nerd war wie diese ganze Umgebung und Puzzles wirklich schwer für mich waren, weil sie mir einfach nicht liegen und weil ich anderes denke und mental strukturiere, merkten wir auch alle nicht.

Ich hörte auf, mit meinem Freund zu spielen, und saß nachts allein vor dem Laptop, um weiterzukommen. Immer, wenn ich ein oder zwei Speicherpunkte weiter war, spielte ich dann wieder etwas in seiner Gegenwart, um Rückmeldung zu seiner Begeisterung zu geben. Und irgendwann spielte ich Nächte durch, weil ich einfach nicht scheitern wollte und weiterkommen musste. Ich ignorierte, dass mein Körper Schlaf brauchte. Und ich ignorierte, dass mir von diesem Spiel und dieser gottverdammten Kameraführung durch die Portale auch einfach übel wurde (und bei vergleichbaren Spielen immer noch wird). Es machte mich krank, besonders nachts in all meinem Elan. Und ich machte weiter.

Irgendwann blieb ich wirklich hängen, ungefähr auf der Hälfte des Spiels. Ich schob es zunächst auf die Steuerung – und dann wurde mir irgendwann klar, dass ich tatsächlich auf ein Rätsel gestoßen war, das ich ohne Hilfe nicht lösen würde. Ich fing an, das Spiel zu vermeiden, und erzählte meinem Freund etwas davon, dass ich gerade zu wenig Zeit hätte. Ich fing an, mich endlich wieder an Sachen zu versuchen, die tatsächlich Spaß machten. Und irgendwann dabei fiel mir auf, dass ich dieses Spiel gar nicht schaffen wollte. Ich wollte dazugehören und ich wollte Anerkennung. Und vergaß dabei, dass diese Anerkennung nie auch nur ansatzweise in einem Verhältnis dazu stehen würde, wie viel ich in dieses Spiel bereits investiert hatte. Ich hatte mich völlig in ein Ziel hineingesteigert, dass mir selbst kaum Genugtuung bringen würde, würde ich es schaffen.

Ich habe es meinem Freund irgendwann gesagt – Monate später. Und das tat gut. Und bis heute versuche ich, mehr darauf zu achten, weshalb ich eigentlich etwas tue, das nicht das Level an Spaß mit sich bringt, das ich eigentlich gern hätte oder erwartet habe. Denn wir sollten einfach niemanden von außen bestimmen lassen, womit wir unsere Freizeit verbringen – oder uns gar, besonders als Frauen im Gaming, vorschreiben lassen, was Spaß machen soll.

Artikelbild via Unsplash.

Über die Autorin

Anna studiert Literatur und hat ihren Blog Ravenclaw Library schon länger von Büchern auf Filme und Serien ausgeweitet – ansonsten spielt sie immer wieder Assassin’s Creed II und ignoriert Typen, die ihr das eigene Interesse an Games und ihrer Spielweise ausreden wollen.

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