Mein Schönstes Scheitern: Milliways – Von Nebenhöhlen, Menschen und Handtüchern

Gastgeflüster Mein Schönstes Scheitern Runes of Magic
Diese Geschichte vom Scheitern beginnt mit einem zwölfjährigen Florian, der in der sechsten Klasse eine seltsame Obsession mit Onlinerollenspielen entwickelte. Das ist gewissermaßen etwas seltsam, denn er wusste nicht was ein Onlinerollenspiel ist und wenn man es genau nimmt hatte er auch noch kein Rollenspiel gespielt oder wusste auch nur so genau worum es bei diesen Spielen ging. Eigentlich hatte er nur immer wieder die Werbung für den Platzhirsch der Onlinerollenspiele im Fernsehen gesehen und seit jüngster Zeit auch den bereits damals dem Untergang geweihten Videospielfernsehsender „Giga Games“ auf dem in regelmäßigen Abständen Strategieguides zu den neuesten Bossen in World of Warcraft liefen. Florian hatte keine genaue Vorstellung davon wie das alles funktionierte, aber war zu dem Zeitpunkt eifriger Verschlinger von Fantasyromanen aller Form und Art und wollte selbst ein derart episches Abenteuer erleben.

Jetzt muss man verstehen, dass World of Warcraft leider auf einem Abomodell basiert und basierte und sicher hätten die Eltern des zwölfjährigen Florian sich lieber diverse Körperteile entfernt und an anderen unpraktischeren Stellen wieder angeklebt als dass sie 12€ im Monat für ein Computerspiel ausgegeben hätten von dem sie sowieso dachten, dass es dafür sorgt, dass man zu einem Serienmörder wird. Die Alternativen waren zum Glück bereits zahlreich. Mit dem Erfolg von World of Warcraft sprossen mehr oder minder gute Free-to-play-Kopien aus dem Boden wie überambitionierter Bambus und irgendwann landete er dann bei „Runes of Magic“, einem Spiel das an vielen Stellen nicht viel dreister hätte von WoW kopieren können, sowohl mechanisch als auch in vielen Aspekten des Szenarios. Ein weiteres fundamentales Problem – neben monatlichen Kosten – das dem Genuss solcher Spiele im Weg stand, war die Tatsache, dass die Internetverbindung in dem Dorf in dem Florian lebte noch nicht durch Glasfaser oder Kupferkabel bewerkstelligt wurde, sondern durch eine sehr lange Kette von Blattschneidermeisen, denen man rote Kugeln in denen sich eine einzelne Diskette befand zum Tragen mitgab, die sie dann pflichtbewusst bis zum nächsten Internetverteiler trugen, was effektiv hieß, dass er seinen PC für 10 Tage am Stück laufen lassen musste um so ein doch für damalige Verhältnisse recht gewaltiges Spiel runterzuladen. Zu alledem kam es dann dazu, dass er das Spiel, als er es dann das erste Mal ganz runtergeladen hatte, nur einige Stunden spielen konnte bis ein seltsamer Fehler, der die Spieldateien korrumpierte, ihn dazu nötigte aufzuhören oder es nochmal ganz runterzuladen.

Das wäre das Ende der Geschichte und kein wirklich nennenswertes Scheitern, wenn selbiger Florian nicht furchtbare Probleme mit seinen Nebenhöhlen gehabt hätte und so zum Winter an einer garstigen Stirnhöhlenentzündung erkrankte, die ihn dazu zwang, zweieinhalb Wochen der Schule fernzubleiben. Kurz vorher hatte er geschafft „Runes of Magic“ doch wieder auf seinem Computer zu installieren.

Um möglichst jede Bewegung zu vermeiden, aber nicht an Langeweile zu sterben, saß er sich also halbliegend vor den Rechner, wahrscheinlich mit etwas zu viel Ibuprofen intus, immer dann leicht aufkeuchend, wenn er sich umdrehte um etwas zu trinken und das Gesocks in seinen Stirnhöhlen hin und herschwappte und erstellte einen Charakter, dessen Name aus irgendeiner Konkatenation zweier elbischer Wörter bestand, deren Einzelbedeutungen sowas wie „Krieger“ und „Stolz“ waren – das Elbischwörterbuch ist weiterhin der beste Freud des RPG Spielers von Welt. Man muss hierbei die grundlegende Progression eines solchen Spiels verstehen, die sich im Wesentlichen aus zwei Bestandteilen zusammensetzt: Einer Levelphase, in der man levelt indem man moralisch einwandfreie Aufgaben erledigt wie zum Beispiel „Töte harmlose Kaninchen und bring mir zwanzig ihrer Ohren von denen sie wahlweise null, eins oder drei haben“ und indem man harmlose Goblinstämme auslöscht, die eigentlich gerade die erste parlamentarische Demokratie im Kontext dieser Fantasywelt gründen wollten. Sobald man dann auf dem Maximallevel ist beginnt zumeist sowas wie eine Lootspirale, das heißt man haut zunehmend bedrohlicher klingenden Monstern auf die Nase, die dann aus irgendeinem Grund hübsche Hosen dabei haben. Florian schaffte es in etwa bis Level 10 als die eigentliche Geschichte des Scheiterns begann.

Man konnte ab einem festen Level für etwas Ingamewährung eine sogenannte Gilde gründen in „Runes of Magic“, das sind Zusammenschlüsse von vielen Spielern, meistens um ein gemeinsames Spiel zu organisieren, also zum Beispiel um die organisationsaufwändigen Raids zu bewerkstelligen, oft auch nur um Gleichgesinnte zu finden mit denen man sich gut unterhalten kann. Diese Ziele hatte der zwölfjährige Florian allerdings nicht im Kopf, es wäre auch vor lauter Schleim für diesen Gedankengang gar keinen Platz gewesen. Gar nicht zu viel früher hatte er nämlich zusätzlich zu all den wunderbaren Fantasyromanen eine Buchreihe entdeckt, die ihn doch noch mehr faszinierte als Elben, Orks und Ringe, deren Erstellung an sich schon keine gute Idee war: Douglas Adams‘ Magnus Opus „Per Anhalter durch die Galaxis“. Und weil Anhalteranspielungen für ihn zu dem Zeitpunkt so ungefähr das coolste der Welt waren nannte er seine Gilde „Milliways“ wie das Restaurant am Ende des (zeitlichen) Universums in Adams‘ Buchreihe. Die zehn Gildenränge mit individualisierbaren Berechtigungen wurden sofort mit weiteren Anhalteranspielungen gefüllt, auch wenn zehn Gildenränge für eine Gilde mit genau einem Mitglied womöglich nicht unbedingt notwendig waren. Danach stellte er sich mit seinem Charakter auf Level 15 von 50 in die Anfängergebiete und lud wahllos Leute in seine Gilde ein. Völlig wahllos. Wie eine seltsame junge nerdy Version der Zeugen Jehovas klingelte er jeden einzelnen Spieler an und nervte ihn mit der aufploppenden Gildeneinladung. Das könnte nun auch das Ende der Geschichte sein, denn normalerweise führt sowas im besten Fall zu keiner und im schlimmsten Fall zu einer völlig unsinnigen Gilde, in der niemand miteinander redet. In diesem Fall führte es dazu, dass der kleine Florian nach drei Tagen fast 300 Spieler um sich versammelt hatte von denen fast durchgehend zehn oder mehr im Gildenchat aktiv waren und miteinander redeten. Es führte auch dazu, dass ihn eines der Gildenmitglieder per Privatnachricht anschrieb und ihn lobte, dass er ja keines dieser Kinder sei, die sonst nur in diesen MMOs rumlaufen würden, denn ein Kind würde ja sicher nicht den Anhalter kennen.

Es entstanden gemeinsame Dungeonruns in denen ein höherleveliges Mitglied die niedrigleveligen Mitglieder durch einen sehr schwierigen Bereich zog, um sie schneller zu leveln. Es wurden teils Geschenke an den frischen Gildenleiter gemacht, der im kleinen Gildenfenster nicht als Gildenleiter, sondern Slartibartfaß referenziert wurde. Das ist im Nachhinein sogar ein wenig beschämend, da einige dieser Geschenke nur mit der für Echtgeld erwerbbaren Währung erstanden werden konnten und sicher die Gildenmitglieder auch nicht alle volljährig waren (und „Runes of Magic“ zudem wie viele dieser Spiele sogar die Möglichkeit bot via Telefonrechnung zu bezahlen, was ermöglichte, dass minderjährige Spieler sehr viel einfacher Geld in dieses Spiel stecken konnten). In etwa bis Level 25 schaffte es die beliebige Konkatenation aus „Krieger“ und „Stolz“, aber darum ging es nicht. Es ging darum, dass die Person, die hinter dieser Konkatenation stand und die in der Schule als Sonderling abgetan wurde und generell eher ein Problem damit hatte mit Menschen Kontakte zu knüpfen und diese Probleme wohl bis heute stellenweise bewahrt, es bewerkstelligt hatte mehrere hundert virtuelle Personen um sich zu sammeln, von denen die meisten wohl nicht genau verstanden, dass sie Teil dieser Gruppe waren, was aber im Verstand des jungen Florians keine großartige Rolle spielte.
Das was diese Geschichte zu einer Geschichte des Scheiterns macht ist das, was passierte als die vergessenen Höhlen der Stirn des Jungen durch einen kleinen 5-Mann Antibiotikaraid wieder gesäubert waren und er wieder zur Schule ging, das Spiel mehrere Wochen vergaß und dann aus Scham erst Monate später wieder online ging.

Das Restaurant am Ende des Universums, das im Anhalter in einer Raumzeitblase immer wieder über das zeitliche Ende des Universums und zurückgeschoben wird, lag zertrümmert da, die Blase war geplatzt, niemand von denen mit denen er sich unterhalten hatte war noch aktiv an der Gilde beteiligt, die meisten spielten vermutlich sowieso schon etwas anderes. Er schaltete das Spiel aus und begann es seitdem nicht wieder. Denn letztlich scheiterte er maßlos an dem internen Ziel des Spiels das maximale Level zu erreichen und sich in der Lootspirale bis zum Neptun zu drehen, aber auch am externen Ziel, das sicherlich viel vager war zu der Zeit und sich ihm heute auch noch nicht vollständig erschließt, aber es hat sicherlich damit zu tun, dass er sein Handtuch nicht dabei hatte.

Über den Autor

Florian ist 22, studiert Mathematik und spielt da vorallem mit Abstraktion und Theorie rum, die er als ästhetisch empfindet. Wenn er nicht über Mathe nachdenkt schreibt er komische kurze Texte, spielt Improtheater und Klavier und interessiert sich für Spiele, selbst wenn inzwischen oft die Zeit fehlt sie selbst zu konsumieren.

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