Mein Schönstes Scheitern: Als Kind war alles Dark Souls

Schönstes Scheitern Scheitern als Kind Titelbild
Sekiro, Bloodborne, Dark Souls, alles schön und gut… Aber habt ihr mal Zelda: Ocarina of Time als Kind gespielt? Wer seit Jahren regelmäßig spielt, vergisst schnell, wie unzugänglich das Medium Spiel eigentlich ist – damals noch mehr als heute.

Jeder hat dieses eine ältere Familienmitglied, das sich bei Mario Kart mit vollem Körpereinsatz in die Kurve legt. Trotz aller Anstrengung und ehrlicher Bemühung reicht es nie für einen Platz auf dem Siegertreppchen. Immerhin kommt bei Mario Kart aber jeder irgendwie ins Ziel.

Mein Vater hat mit Videospielen bis heute nicht viel am Hut. Doch es gab eine Zeit, da musste er mir zeigen, wie ich in Pokémon Rot – meinem ersten Videospiel überhaupt – aus dem eigenen Haus in Alabastia entkomme. Es konnte doch keiner ahnen, dass dieser wenige Pixel große Teppich gleichzeitig die Haustür war.

Noch am selben Abend zeigte meine Mutter mir, wie ich mein erstes Pokémon bekomme. Brav, wie ich war, bin ich nämlich dem Befehl der NPCs gefolgt, nicht ins hohe Gras zu gehen; unwissend, dass mich dort eine geskriptete Begegnung mit Professor Eich erwartete. An dieser Stelle wurde es mir zum Verhängnis, dass ich schon mit sechs Jahren flüssig lesen konnte.

Einige Wochen und dutzende Stolpersteine nach der ersten Begegnung mit Professor Eich brauchte ich gar den Vater eines entfernten Freundes (stellt euch das mal heute vor), um in der Safarizone die VM03 Surfer zu finden. Ich, sechs Jahre alt, ausgerüstet mit dem offiziellen Spieleberater, konnte dieses Labyrinth partout nicht durchdringen.

Aber immerhin konnte ich Pokémon Rot überhaupt genießen. Meine erste Berührung mit Zelda: Ocarina of Time – blind ausgeliehen aus der Videothek – endete auf der zweiten Etage des Deku-Baums, dem ersten Dungeon des Spiels. Eine gewaltige Riesenspinne sank vor mir von der Decke. Ich, mittlerweile sieben Jahre alt, stolperte beinah auf mein N64 und betätigte nicht nur den Aus-Schalter, sondern zog gleich den Stecker.

Dieser Moment hat sich bis heute in mein Gedächtnis eingebrannt. In meiner kindischen magischen Denkweise baumelte die riesige Spinne natürlich nicht nur von der Decke des Deku-Baums, sondern rannte auf mich zu! Ein Jahr später wagte ich mich nochmal an Ocarina of Time. Ich war völlig verdutzt, dass die Realität des Spiels nicht mit meiner vor Schock verzerrten Erinnerung übereinstimmte.

Zelda Skulltula im Deku-Baum

Zu diesem Zeitpunkt besaß ich bereits mein eigenes Exemplar von Ocarina of Time. Schließlich war ich nun noch ein Jahr älter und dadurch automatisch mutiger. Dennoch reichte mein Mut nicht, um das Spiel jemals ohne meinen besten Freund aus der Nachbarschaft zu spielen. Selbst zwei Köpfe reichten allerdings nicht aus, um Ocarina of Time innerhalb eines Jahres zu beenden.

Eigentlich waren mein Freund und ich ein eingespieltes Team. Wir spielten einige PC-Spiele wie GTA2 (völlig altersgerecht) sogar mit vier Händen an einer Tastatur, weil uns simultanes Laufen und Zielen überforderte. Aber der finale Kampf gegen Ganondorf in Ocarina of Time? Der kostete uns Wochen.

Ein kurzer Auffrischer für diejenigen, die Ocarina of Time nie (durch)gespielt haben: Der finale Kampf gegen Ganondorf ist ein glorifiziertes Tennisduell. Ganondorf schmeißt einen Energieball auf Link; Link schleudert den Ball im richtigen Moment mit dem Schwert zurück. Nach einigen Paraden geht Ganondorf zu Boden, Link attackiert und das Ganze beginnt von vorn.

Eine rationale erwachsene Person würde nun versuchen, Ganondorfs Projektil gezielt im relativ großzügigen Zeitfenster zurückzuschleudern. Was machen zwei panische Kinder ohne jedes Gefühl für akkurates Timing? Wir verbanden uns die Augen, hämmerten wild auf den B-Knopf und hofften, dass Link den Energieball fünfmal in Folge treffen würde. Spoiler: Selbst als wir angefangen haben, beim Button-Mashing für unseren Sieg zu beten, hat diese Strategie nicht funktioniert.

Zelda Ganondorf Projektil

Im Jahr 2015 traf ich mich mit einigen Freunden, um Ocarina of Time in einer einzigen Nacht durchzuspielen. Das Ergebnis? Keine Probleme. Zwölf Stunden und einige koffeinhaltige Getränke nach Beginn des Spiels scrollte der Abspann über meinen Bildschirm. Wenige Monate später wiederholten wir dieselbe Marathon-Prozedur mit Super Mario 64.

Ziemlich mutig, wenn man bedenkt, dass ich als Siebenjähriger mehrere Jahre gebraucht habe, um allein den ersten Stern des Spiels zu entdecken. Rückblickend kann ich mir nicht ganz erklären, wie diese Mario-Odyssee zustande kam. Dann wiederum kann sich mein Vater auch nicht erklären, wieso ich bei The Last of Us immer weiß, wo das nächste Ziel ist.

Erfahrene SpielerInnen erkennen das Einmaleins der visuellen Wegmarker: Beleuchtung, Soundeffekte sowie andere Charaktere leiten unsere Augen und Spielfiguren unbemerkt durch die Areale. Doch auch diesen Grad an Spielkompetenz (oder game literacy) mussten wir erst durch Konditionierung erlernen, um besagtes Geisterhandholding derart zu verinnerlichen.

The Last of Us Beispiel Beleuchtung als Wegmarker

2014 setzte ich meinen Vater mit Controller vor The Last of Us. Mit Bewegung und Kamerasteuerung kam er überraschend gut zurecht. Er schaffte es aber, sich selbst in den linearsten Schlauchpassagen zu verlaufen. Vielleicht hat er sich einfach zu viele Gedanken gemacht und den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen. Aus zweiter Hand lassen sich solche Startschwierigkeiten mit dem Medium nur bedingt nachvollziehen.

Vergleiche ich meine frühen Spielerfahrungen auf Nintendo 64 und Game Boy Color mit heutigen Spielen, wäre mein erster Impuls, zu behaupten, heute fiele mir der Einstieg ins Medium weniger schwer. Aber wie sicher kann ich mir da sein?

Letztendlich kann ich wahrscheinlich nur froh sein, nicht in der kryptischen und beinharten NES-Ära aufgewachsen zu sein… Auch wenn mir dann immerhin Memory Cards erspart geblieben wären. Doch die Geschichte, wie ich monatelang eine Playstation 1 benutzte, ohne zu wissen, dass Memory Cards existieren, ist eine Tragödie des Scheiterns für einen anderen Tag. Heute weiß ich, wieso ich Crash Bandicoot jedes Mal von vorne beginnen musste.

Was sind eure glorreichsten Erinnerungen ans Scheitern als Kind? Habt ihr Erfahrung mit Neueinsteigern, welche in den letzten Jahren ihren Einstieg ins Medium Spiel gewagt haben? Was glaubt ihr, könnten Spiele tun, um zukünftigen Neueinsteigern noch mehr entgegenzukommen? Verratet es uns in den Kommentaren!

Über den Autor

Pascal studiert Geistenwissenschaften und schreibt in seiner Freizeit (exzessiv subjektiv) über Spiele und andere Medien – unter anderem auf Spielkritik.com sowie seinem eigenen Blog Kritischer Treffer.

1 Kommentare

  1. Meine eingebrannte Kindheits-Erfahrung hierzu war das Spielen von Super Mario Land auf dem monochromen GameBoy. Für mich gab es für Ewigkeiten im Spiel nur 2 Welten. Der Seepferdchen-Boss hat mich immer umgebracht. Theoretisch wusste ich, dass mehr im Spiel steckte, dank dem Nintendo-Magazin sah ich immerhin Artwork zu mehr Gegnern und Bossen. Doch ich kam immer nur zum Ende der zweiten Welt und hatte da mein Game Over. Das hat mir nie was ausgemacht.

    Irgendwann dann, wahrscheinlich mindestens ein Jahr des beständigen Spielens später, hab ich das Seepferdchen in sein nasses Grab gebracht… und konnte es gar nicht richtig fassen, weil ich nie damit gerechnet hätte, es schlicht so gewohnt war, dort das Ende des Spieles gesetzt zu bekommen. Ab da an hat es mich nie große Mühe gekostet bis in die finale Welt 4 zu kommen. Den Endboss habe ich aber dennoch als Kind nie erlegt.

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