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Long May She Reign: Kreatives Young Adult ohne Bullshit

16. April 2017

Long May She Reign Rhiannon Thomas
Freya hätte nie damit gerechnet Königin zu werden. Sie ist zwar adelig, steht aber weit hinten in der Thronfolge. So weit, dass weder sie noch sonst irgendwer je auch nur daran gedacht hat, sie könnte eines Tages den Thron Eprias besteigen. Dann werden allerdings der König und ein Großteil seines Hofes vergiftet und mit einem Mal ist es an ihr zu herrschen. Sie, die sie eigentlich immer nur in ihrem Labor forschen und eines Tages ihre Heimat verlassen und in anderen Ländern weiterlernen wollte. Nur jetzt hat sie keine Wahl mehr und muss sich plötzlich in einer Welt zurecht finden, die ihr immer fremd war, ohne zu wissen, wem sie wirklich trauen kann.

Wenn ich ehrlich bin, dann habe ich Young Adult-Romane im Fantasy-Bereich weitgehend aufgegeben. Zu viel macht mich zu oft wütend, wenn ich lese, wie eine Protagonistin, die als „starke Frau“ vermarktet werden soll, vollständig über eine mittelmäßig geplottete und heillos vorhersehbare Liebesgeschichte definiert wird. Romance sells, auch wenn es noch so billig gemacht wird. Eins direkt zu Beginn: „Long May She Reign“ bricht mit diesem Klischee. Und das auch noch auf sehr erfrischende Weise.

Eine unerwartete Königin auf einem korrupten Thron

Das beginnt schon bei den Figuren, ganz besonders bei der Protagonistin des Romans, Freya. Sie steht nicht nur so weit hinten in der Thronfolge, dass sie nie auf den Fall ihrer Regentschaft vorbereitet wurde, sondern passt auch persönlich denkbar schlecht in die Rolle der Königin, die sie plötzlich sein soll oder wenigstens glaubt, sein zu sollen. Sie ist zwar gebildet, schlau und zumindest grob mit dem Leben bei Hofe vertraut, aber gleichzeitig auch sehr introvertiert und schlecht im Umgang mit den anderen Adeligen. Sie stolpert geradezu unter die Krone und in feine Gewänder, ohne richtig zu wissen, was sie da tut. Sie kämpft mit einer großen Unsicherheit in der Gegenwart von Menschenmengen, wobei gerade zu Beginn des Romans nicht ganz klar ist, ob damit vielleicht etwas in die Richtung von Panikattacken angedeutet werden soll, und braucht eine ganze Weile, um mit diesen Schwächen zu leben und ihre Stärken stattdessen auszuspielen.

Steuern, Intrigen und Mordanschläge

Hilfe dabei erhält sie im Übrigen – und das ist einer von vielen Klischee-Brüchen – nicht in erster Linie vom Love Interest des Romans, sondern durch ihre Freunde und Berater. Gerade durch letztere geht es in der Handlung entsprechend politisch zu. Denn auch wenn „Long May She Reign“ mit der Ermordung eines Großteils des Hofes recht düster beginnt, liest sich die Geschichte danach doch relativ leicht als ein Roman über das Erwachsenwerden einer jungen Frau, die sich zwischen höfischen Intrigen, einer leeren Staatskasse und ihrem eigenen Gewissen zurecht finden muss. Wer einen Liebesroman sucht, wird enttäuscht werden. Wer sich dagegen auf eine Geschichte politischer Winkelzüge und einen ganz eigenen Weltenbau einlassen kann und will, wird in „Long May She Reign“ vieles finden, das interessant ist. Zensur, die Andeutung einer sozialistischen Bewegung in einer Fantasy-Welt und natürlich viel Prunk und Protz, mit allem muss sich Freya beschäftigen und zu allem findet sie ihre ganz eigenen Antworten.

Dadurch gewinnt die Handlung zwar erst langsam an Fahrt, wirkt allerdings am Ende auch genauso durchdacht und erfrischend kreativ umgesetzt. In „Long May She Reign“ liefert die Rhiannon Thomas lange nur Splitter der Geschichte, die Freya im Zuge ihrer eigenen Entwicklung in die Hände fallen, aber erst zum Schluss ergeben diese Teile ein Gesamtbild. Das erzeugt lange wenig Spannung, wird aber gleichzeitig im Gesamtbild so schön ausgenutzt, dass es wieder wunderbar passend ist.

Leicht zu lesen und gut durchdacht

Damit ist „Long May She Reign“ der beste Young Adult-Roman, den ich in den letzten Jahren gelesen habe. Für das Genre typisch stilistisch nicht zwingend etwas Besonderes, aber schön durchdacht und sowohl mit einer gut modellierten Protagonistin als auch glaubwürdigen Nebenfiguren. Eine leichte Geschichte voller Politik, Wissenschaft, Intrigen und der bei diesem Genre obligatorischen Prise Romantik.

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  • Geekgeflüster
    1. November 2017 at 21:30

    Ich bin auch nur darüber gestolpert, weil die Autorin auch noch einen feministischen Blog über Popkultur betreibt und ich neugierig war, was die dann aus dem Genre und dem Thema macht. Aber freut mich sehr, wenn meine Rezension dir Lust auf das Buch gemacht hat. 🙂

  • juliawunderland
    1. November 2017 at 20:32

    Ich habe das Buch vor ein paar Wochen auf Goodreads entdeckt und es weckte mein Interesse. Allerdings dachte ich mir, dass es sowieso wieder so ein klischeebeladenes YA ist, dass ich es nicht lesen muss. Zumindest hätte es nicht oberste Priorität. Aber deine Rezension hat mich jetzt wirklich neugierig gemacht. Mist. 😀
    Liebe Grüsse
    Julia

  • Geekgeflüster
    28. April 2017 at 14:36

    Freut mich, wenn dir der Post gefallen hat. 🙂 Ich liebe Fantasy eigentlich sehr, aber im YA-Bereich bin ich da inzwischen ein wenig ein gebranntes Kind. „Long May She Reign“ ist da wirklich eine Ausnahme.

  • Irina Vérène
    28. April 2017 at 14:10

    Klingt nach einem sehr interessanten Werk und nach einer Prota nach meinem Geschmack! Danke, dass du mit diesem Blogeintrag darauf aufmerksam gemacht hast. Vielleicht gebe ich ja mal wieder einem Fantasy-Buch eine Chance – obwohl ich, wie du auch, einen Großteil dieses Genres ja schon fast aufgegeben hatte, zumal Fantasy-Welten mich leider nur selten wirklich packen. War auf jeden Fall eine sehr aufschlussreiche Kritik von deiner Seite her.

  • Geekgeflüster
    20. April 2017 at 16:25

    Freut mich und ich kann es wie gesagt nur empfehlen 😀

  • Jessi
    20. April 2017 at 13:01

    Über „Long May She Reign“ bin ich erst heute auf Amazon gestolpert. Werde ich mir nach deiner Rezension vielleicht doch nochmal genauer ansehen. 🙂

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Über mich und diesen Blog

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Aurelia Brandenburg - Historikerin und Bloggerin. Ich beschäftige mich meisten mit Mittelalter, Digital Humanities und Game Studies, nicht zwingend immer in dieser Reihenfolge. Auf Geekgeflüster schreibe ich seit 2012 über Popkultur, inzwischen oft aus einer feministischen Perspektive und manchmal auch über Popkultur und Geschichte, insbesondere Popkultur und Mittelalterrezeption. Außerdem schreibe ich auch für Language at Play. Auf Twitter findet man mich als @hekabeohnename.


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