Eine verschrobene Liebeserklärung ans Bloggen

Liebeserklärung ans Bloggen
In den letzten Wochen und Monaten habe ich für meine Verhältnisse ungewöhnlich viel über das Bloggen nachgedacht. Wahrscheinlich hat es schon mit der letzten heftigeren „Buchblogger vs. Feuilleton“-Debatte im letzten Mai angefangen, aber spätestens seit Miras und schließlich auch meinem eigenen Post über die Privatsphäre beim Bloggen, stelle ich mir regelmäßig eine sehr simple Frage: Warum blogge ich eigentlich? Was ist es, das mich dazu antreibt, bereitwillig meine Privatsphäre  zu riskieren, jeden Monat unzählige Stunden und z.T. auch Nerven und Geld in eine virtuelle Präsenz zu stecken und selbst für vermutlich klickarme Posts einen gewissen Aufwand zu betreiben?

Um den Hintergrund dazu verstehen zu können, muss man vielleicht wissen, wie ich mit dem Bloggen angefangen habe: Ich bin keine Journalistin o.ä., die sich mit einem Blog eine digitale Visitenkarte geschaffen hat. Ich war ein Teenie, vielleicht 14 oder 15, als ich meinen ersten Blog aufgemacht und herzlich naiv und ohne wirklich Sinn und Verstand einfach drauflos geschrieben habe. Thema? Das war eigentlich egal, ich bin über ein Schreibforum auf die Idee gekommen, da haben damals gefühlt sehr viele Bücherblogs aufgemacht, das lag nahe, war aber auch nicht zwingend so. Die Themen der drei Mädels aus besagtem Forum, die etwa zur selben Zeit wie ich angefangen und deren Blogs ich in dieser Zeit verfolgt habe bzw. es auch noch immer tue, waren und sind noch immer sehr breit gestreut. Myri schreibt meistens über Webdesign, früher mit einem sehr klaren Fokus auf Google Blogger, Mara macht nach wie vor DIY, Lifestyle und ab und zu eine Rezension und Timotheas Blog gehört zu der aussterbenden Art der spartenlosen bzw. sehr persönlichen Blogs.

In diesem Jahr werde ich 20 und schon, wenn man nur die verschiedenen „Zahlen“ meines Alters vergleicht, kann man ganz gut sehen, wie lange ich mich schon auf die eine oder andere Art in der Bloggerwelt herumtreibe. Das Bloggen bzw. gerade Buchblogging und seine Entwicklung hat mich in den letzten Jahren sehr geprägt und mir viel gegeben. Es gibt bestimmt Leute, die in kürzerer Zeit professioneller geworden sind, aber ich habe eine ganze Weile die Buchbloggerwelt beobachtet. Früher sporadischer und ohne Vernetzung, inzwischen immer intensiver. Dazu kommt, dass ich ohne einen Blog wahrscheinlich nie meine Liebe zu HTML, CSS bzw. Webdesign entdeckt und nie auf die Idee gekommen wäre, Digital Humanities, mein Nebenfach im Studium, zu studieren. Jetzt lerne ich Programmieren bzw. (weitere, denn genau genommen habe ich damit schon vorher ein bisschen angefangen) Programmiersprachen und habe eines Tages vermutlich auch ganz andere berufliche Perspektiven als mit einem rein geisteswissenschaftlichen Studium, das sonst bei mir naheliegend gewesen wäre bzw. ist.

Buchblogging hat mir viel gegeben oder viel mehr habe ich viel daraus gezogen und tue es noch immer mit jedem Blogger-Template, das ich neu schreibe, mit jeder kleinen Hilfestellung, die ich anderen bei ihren Designs gebe, wenn etwas nicht so klappt wie sie sich das wünschen, mit jedem Post und jeder Buchmesse. Ich schreibe mit Absicht von Buchblogging, auch wenn ich schon länger nicht mehr so wirklich eine klassische Buchbloggerin bin, weil das die „Szene“ ist, in der ich mich nach wie vor am festesten verwurzelt fühle. Da komme ich bloggermäßig her und da treibe ich mich viel herum.

Wenn ich mich frage, warum ich eigentlich blogge, dann ist aber bei mir nach wie vor nicht, wie es bei vielen anderen zu sein scheint, die Antwort, dass ich mich über Bücher austauschen will. Nicht einmal, wenn man alle anderen Themen, die hier so auf Geekgeflüster vertreten sind, ergänzen würde. Das heißt, nicht ganz: Ich mag es auch, mich mit anderen auszutauschen, aber das ist nichts, das speziell mit meinem Blog zu tun hat. Wenn ich nicht bloggen würde, würde ich noch immer eine ganze Menge über meine Hobbys reden, nur eben im analogen Leben oder in Foren, Facebook-Gruppen u.ä.

Ähnliches gilt auch für die Menschen, die ich übers Bloggen sowohl nur digital als auch im „realen“ Leben kennengelernt habe: Es ist toll, sich mit Autoren, Bloggern, Buchhändlern oder was auch immer für wundervoll geeky Leuten auszutauschen, aber unterm Strich denke ich immer auch, dass ich den Kontakt zu solchen Menschen auch dann suchen würde, wenn ich z.B. nur Blogs lesen würde. Und mit der Community, der „Szene“ gerade im Bereich der Buchblogger hadere ich ohnehin in letzter Zeit ein wenig. Da war gerade im Kontext verschiedener größerer und kleinerer „Skandale“ wie dem (wie ich fand eigentlich gar nicht mal so schlechten, wenn auch etwas oberflächlich offensichtlichen) ZEIT-Artikel über Literaturblogs ein gutes Stück zu viel Gekreische und hysterisches Gezeter hinter den Kulissen los, für das mir oft die Nerven fehlen. Ich bin niemand, der Dinge schönreden will. Ganz im Gegenteil: Ist etwas scheiße, sage ich das auch oder versuche zumindest stumm etwas daran zu ändern, genauso wie ich aber auch nicht an Dingen herumkriteln will, die eigentlich gut laufen, aber so glitzer-shiny wie manche Leute es gern hätten, die gerne von einem scheinbar mächtigen, aber doch sehr diffusen „wir“ einer (oft auch reichlich fiktiven) Bloggergemeinschaft gegen „die“ (bösen) Journalisten reden, ganz so superduperwunderbar ist die Welt dann doch nicht. Der ZEIT-Artikel war z.B. kein „Hetz-Artikel“ wie ich in Bloggergruppen auf Facebook gelesen habe, sondern (wenn man ihn schon negativ sehen will) maximal etwas verschnupftes Gejammer einer traditionellen Journalistin über die angebliche Konkurrenz aus den Netz. In diesem Kontext bereue ich also eher, dass ich mich im letzten Mai zu genau so einem „wir“-Gefühl-geladenen Post in dieser Debatte habe hinreißen lassen, den ich glaube ich nicht noch einmal so schreiben würde, was nicht zuletzt an meinem Gehader mit der Community als diffuses Ganzes (nicht mit einzelnen Personen und bei weitem nicht mit jedem einzelnen Buchblogger) liegt.

Das alles abgezogen bleibt also nicht mehr viel, das eine Motivation zum Bloggen sein kann. Für mich bleibt genau genommen nur noch eins: Das Schreiben, so banal das auch klingen mag.
Ich bin jemand, der Sprache liebt. Sprache ist für mich das, das meine Welt ordnet, sortiert und ihr Schattierungen gibt. Bei nichts werde ich mir so gut über meinen eigenen Standpunkt klar wie beim Schreiben eines Texts und im Laufe der Jahre hat es unzählige Texte gegeben, die ich aus dem einen oder anderen Grund nie veröffentlicht habe, die es aber für mich gebraucht hat, um mir meiner selbst bewusst zu werden. Mich abzureagieren, meine Liebe zu etwas zu gestehen oder einfach nur, um möglichst viele Bandwurmsätze über fünf Zeilen aneinander zu reihen. Für mich ist es ein unglaublicher Unterschied, ob ich einen Nebensatz mit „wobei“ einleite oder einen neuen Satz aufmache und auf seltsame Art macht mich weniges so aggressiv wie mehrfache Ausrufezeichen. (Deshalb müsste ich wohl auch in meiner persönlichen Hölle, den ganzen Tag Facebookposts voller Rechtschreib-, Grammatik- und Zeichenfehler korrigieren. ;))
Wenn ich schreibe, geht es mir besser. Egal, ob es um die Arbeit an einem Roman oder einen Blogpost geht. Ein wenig ist das vielleicht mit gesundem Essen zu vergleichen: Natürlich kann ich mich auch nur von Fastfood ernähren, aber das tut mir nicht gut, genauso wie es mir nicht guttut, wenn ich länger nicht zum Schreiben komme. Oder um Tasmin von Tasmetu (zwar aus einem etwas anderen Kontext, aber das macht die Worte nicht weniger wahr) zu zitieren: „Schreiben heilt mich.“

Und das klingt jetzt wahrscheinlich albern, kitschig, komplett überzogen und im schlimmsten Fall sogar arrogant für jeden anderen, dem es nicht so geht, aber ironischer Weise kann ich es nicht anders formulieren. Ironischer Weise ist das, was ich mitunter am schlechtesten in Worte fassen kann, eines der Dinge, die mich am meisten antreiben. Beim Bloggen, beim Reden (ich liebe es z.B. „de facto“ oder „weird“ zu sagen, weil ich finde, dass diese Wörter/Worte nur sehr blöd oder nicht vollständig auf Deutsch übersetzen zu wären) oder in der Uni. Und deshalb brauche ich das Schreiben. Deshalb brauche ich das Bloggen.

Deshalb ist das hier auch so etwas wie ein verspäteter Neujahrsvorsatz, nur eben erst Mitte Februar. Denn gerade weil ich wie gesagt in letzter Zeit trotz tollen Blogs und Leuten mit einem Teil der Buchblogger-Community hadere, will ich mich in Zukunft wieder mehr auf das besinnen, was ich am Bloggen liebe, und mehr Posts schreiben, weil ich Bock darauf habe, mich ausführlich mit etwas auseinander zu setzen, und weniger, weil ich das Gefühl habe, z.B. mal wieder eine Rezension veröffentlichen zu müssen, um dem Status Buchblog wenigstens in Resten zu entsprechen. Immer wird das selbstverständlich nicht funktionieren und im Grunde bin ich auch ganz zufrieden, so, wie es mit „Geekgeflüster“ im Augenblick läuft, aber ein wenig will ich mir das auch noch einmal aktiv bewusst machen. Meine gerade erst gestartete Reihe über einzelne Figuren ist da so ein Anfang. Diese Art von Posts sind sehr speziell und haben bisher auch nur wenige, wenn auch vielleicht etwas intensivere Interaktion z.B. in den Kommentaren provoziert, aber sie machen mir unglaublich Spaß. Weil sie mich herausfordern und mir relativ viel Arbeit abverlangen.  Weil sie anders sind.

Und das macht auch diesen gesamten Text im Grunde doch trotz dem Ziehen im Bauch, das ich in letzter Zeit immer mal wieder hatte, zu einer verqueren Liebeserklärung ans Bloggen. Ans Schreiben und ans Veröffentlichen meiner Gedanken. Ich erhebe keinen Anspruch, dass irgendetwas von dem, das ich hier schreibe, maßgeblich ist. Das ist etwas anderes, das schön am Bloggen ist: Mit jedem Wort, das ich poste, ist klar oder sollte zumindest klar sein, dass ich hier zu jeder Zeit nur aus meiner persönlichen Perspektive schreibe. Ich bin weder allwissend noch repräsentativ und ich habe ehrlich gesagt auch keine Motivation, weder das eine noch das andere zu sein. Und damit passe ich schon wieder in Frau Michels Definition von Literaturbloggern: „Ich, ich, ich“. Ja, hier geht es um mich oder vielmehr um meine Gedanken, Thesen, Vermutungen. Die können sich ändern, revidiert oder vielleicht sogar ganz gelöscht werden, aber sie sind untrennbar mit mir verknüpft.

Und so schreibe ich hier also genauso verschroben und seltsam, wie ich selber vielleicht sein kann, in Bandwurmsätzen statt dem Rant, der mir bei der Diskussion um den ZEIT-Artikel schon in den Fingern gejuckt hat, eben doch eine genauso verschrobene Liebeserklärung. Ans Bloggen, ans Schreiben und ein bisschen auch an diesen Blog hier als solchen. Als mein Hobby voller Liebe, Schweiß und Herzblut.

Nehmt es hin oder lasst es bleiben. Denn eins hat sich nicht geändert: „My blog, my party“ und das ist auch gut so.

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