„King Arthur: Legend of the Sword“ ist alles, was Mittelalter-Phantastik problematisch macht

King Arthur Legend of the Sword Filmposter
„King Arthur: Legend of the Sword“ könnte unterhaltsame Popcorn-Phantastik sein – Wenn der Film einfach nur seine Misogynie zu Hause gelassen hätte und damit nicht zu einem Paradebeispiel dafür geworden wäre, was mit mittelalterlich inspirierter Phantastik nicht stimmt.

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CN: Bodyshaming, Gewalt gegen Frauen

„King Arthur“ enthält Szenen, in denen bodyshaming zur Konstruktion von Monstrosität betrieben wird, sowie verschiedene Beispiele für Gewalt gegen Frauen. Beides wird im folgenden Text erwähnt, wobei auf ersteres ausführlicher eingegangen wird.

Es hätte so schön sein können

„King Arthur: Legend of the Sword“ von Guy Ritchie könnte ein wunderbar unterhaltsames Fantasyfest sein. Die Bilder stimmen, der Soundtrack ist top und auch die Besetzung ist halbwegs stimmig. Eigentlich die perfekten Voraussetzungen, um über einen etwas dünnen oder sogar löchrigen Plot hinwegsehen zu können, denn Fantasy ist manchmal eben Fantasy und darin sind die Antagonisten manchmal einfach die Antagonisten und die Helden eben die Helden. Ignoriert man dann auch noch die lose Inspiration durch den Stoff der Artus-Sage und nimmt die Handlung einfach als die neuste Ausgabe des generischsten Kampfes von Gut gegen Böse im Fantasy-Gewand ohne echten Bezug zu Vorlage, könnte man ganz gut unterhalten werden. Und trotzdem: „King Arthur“ ist ein Mikrokosmos der Probleme, die ein großer Teil mittelalterlich inspirierter Phantastik hat – Inklusive ihrer geradezu genreimmanenter Frauenfeindlichkeit.

Das beginnt schon dabei, dass es keine zehn Minuten dauert bis sowohl Arthurs Mutter als auch seine Tante geopfert werden. Beide dienen auf unterschiedliche Weise einzig und allein dazu, Katalysatoren für die Handlungsstränge von Held und Bösewicht zu sein. Der Tod seiner Eltern bringt Arthur auf den Weg des Underdog-Helden, der seinem Schicksal folgen und den Thron seines Vaters zurückerobern muss, die Ermordung seiner Frau gibt Arthurs Onkel Vortigern Zugang zur Macht der Sirenen. Beide verschwinden genauso schnell wie sie aufgetreten sind und ihre Figuren werden schlicht als bedeutungsloses Beiwerk benutzt, deren Namen man weder kennen muss noch soll. Sowohl sie als auch alle anderen Frauen existieren nur, um als männliche Projektionsfläche zu enden. Sie sind Mütter, Ehefrauen, Love Interests oder Monster aber nie eigenständige Figuren und selbst Excalibur wird im Film von einem Mann geschmiedet und von der Herrin im See nur an Uther übergeben.

Frau, Monster oder beides?

Wie sehr „King Arthur“ Tropes bedient, die im Grunde nichts anderes tun als Weiblichkeit entweder zu dämonisieren oder zur Dekoration zu degradieren, zeigt sich auch sehr deutlich an den Sirenen, den drei Monstern, die eine der Stützen von Vortigerns Macht darstellen. Körperlich sind sie alle drei Hybridgestalten bestehend aus dem Oberkörper einer Frau und den langen Tentakeln eines Tintenfischs als Unterkörper, wobei die Oberkörper von zweien von ihnen die von betont jungen und schönen Frauen sind, während der der letzten nicht nur der einer älteren und dickeren Frau, sondern auch betont verformt ist. In einer seltsamen Mischung aus eye candy und body horror bedienen sie damit also gleich zwei frauenfeindliche Erzählmuster, die gerade in Vertretern visueller Medien der Phantastik nach wie vor beliebt sind. Auf der einen Seite gleiten die beiden sexualisierten Sirenen die gesamte Zeit, in der Vortigern mit den Monstern spricht, zu seinen Füßen betont lasziv flüsternd durch das Wasser, während die letzte Sirene unbewegt in einer Ecke liegt und die einzige ist, die laut und dröhnend spricht und die Gegensätze, die damit mit jeder Sekunde der Szene aufgemacht werden, sind ausgesprochen entlarvend.

Die einzige Frau, die wirklich mit Vortigern spricht und ihm einen Rat erteilt, ist die, die am deutlichsten daran erinnert, dass die Sirenen Monster und gefährlich sind. Sie hat eine dröhnende Stimme, formuliert ihre Sätze sehr direkt und ohne Rücksicht auf Vortigerns Rang als König, hat strähnige Haare, fleckige Haut, scheinbar nur einen Arm und ist so dick, dass sie sich nur liegend über Wasser halten kann und von einem ihrer eigenen, massiven Tentakel gestützt werden muss. Alles an ihr soll ihre Monstrosität verdeutlichen und Monstrosität wird hier über ein ungepflegtes Aussehen, Körpergewicht und Unfreundlichkeit kommuniziert. Die beiden anderen Sirenen dagegen kommunizieren durch ihre Position zu seinen Füßen buchstäblich nur von unten mit Vortigern, hauchen jedes Wort geradezu lasziv und wiederholen oder ergänzen im Grunde auch inhaltlich nur das, was die dritte Sirene sagt. Die Monstrosität, die von ihnen ausgeht, ist eine, die auf Verführung beruht. Sie sind vielleicht schön, aber auch zweifelsohne gefährlich. Beide Entwürfe bedienen Extreme von Weiblichkeit, die kaum frauenfeindlicher sein könnten. Entspricht eine Frau nicht gängigen Schönheitsidealen und verhält sich außerdem auch nicht unterwürfig, ist sie abstoßend. Entspricht sie diesen Idealen und verhält sich in einer stark sexualisierten Weise, ist sie eine Verführerin, die eine Gefahr für den Mann im Raum darstellt.

Tropes von der Stange

Mit beiden Erzählmustern ist „King Arthur“ alles andere als ein Einzelfall und gerade Videospiele wie „The Witcher 3“, „Dragon Age: Origins“ oder „Devil May Cry“ sind berühmt-berüchtigt für diese Elemente, allerdings ist die Intensität der Verwendung dieser Tropes doch ein wenig verblüffend und damit ein schönes Beispiel, wie „King Arthur“ im Grunde nur das bedient, was in gewissen Bereichen der Phantastik sowieso Gang und Gäbe ist, und es in einer konzentrierten Form auf die Leinwand bringt. Monstrosität, die durch die bloße Existenz von weiblich gelesenen Eigenschaften verdeutlich wird? Vollkommen gängig. Frauen, die nur als Monster, Love Interest oder Mutter in Relation zu einer der männlichen Figuren existieren? Ebenso typisch. Überhaupt, Frauenfiguren, die keine eigene Agenda bekommen außer die des männlichen Protagonisten oder Antagonisten zu unterstützen? Auch nicht ungewöhnlich.

Und es geht noch weiter: Vortigerns Handlungsstrang beginnt mit der Ermordung seiner Frau, Arthurs dagegen damit, dass er von Prostituierten großgezogen wird und sie, sobald er alt genug ist, vor gewalttätigen Männern beschützt. Vortigern behandelt Maggie, eine offenbar niederadelige Dienerin an seinem Hof, von oben herab und unterschätzt sie, Arthur arbeitet mit ihr zusammen, um gegen seinen Onkel zu rebellieren. Vortigern verfolgt die Magier, Arthurs Love Interest ist eine Magierin, die allerdings ironischer Weise im Film nicht einmal bei ihrem Namen angesprochen wird und dazu verdammt ist, „die Magierin, die Arthur hilft“ zu sein. Vortigern regiert das Land mit eiserner Hand, wobei darin – der betonten Einheitlichkeit der Uniformierung seiner Gefolgsleute und einem an den Hitlergruß erinnernden Gruß zwischen Vortigern und seinen Soldaten nach zu urteilen – scheinbar auch noch eine billige Faschismus-Allegorie versteckt zu sein scheint, Arthur sammelt in erster Linie Kriminelle, Prostituierte und Straßenkinder um sich. Und im Promomaterial liegen über einem Bild von Vortigern die Worte „Temptation blackens the heart“, während das Gegenstück zu Arthur die Worte „From nothing comes a king“ trägt, was nicht nur die Sirenen als Verführung und gleichzeitig Monstrosität sehr ironisch macht, sondern direkt auch das Nachgeben dieser Verführung von Macht als zentrales Motiv Vortigerns im Gegensatz zu Arthurs Weg aus scheinbar eigener Kraft betont. Kurz: Alles scheint darauf ausgelegt zu sein, Vortigern und Arthur als Gegensätze zu kontrastieren und das meiste geht auf Kosten der Frauen und People of Color des Films.

Nichts Besonderes und noch immer problematisch

Dabei ist „King Arthur“ schlicht eine Kreation, die geradezu getrieben ist von Mittelalter-Klischees und Ideen von Männlichkeit, die nach wie vor typisch für weite Teile von Phantastik in ähnlichen Settings sind. Beides ist stärker konzentriert als es selbst in den meisten Videospielen vorkommt, trotzdem ändert das nichts daran, dass die meisten Motive eigentlich nur vollkommen durchschnittlich sind. Der Film ist sicher kein rechtes Machwerk, verdeutlicht allerdings das Problem dessen, was passiert, wenn diese Art Entwürfe von Männlichkeit und „dem Mittelalter“ offenbar unreflektiert reproduziert werden: Ein Film, der auffällig weiß und auffällig männlich zu Ungunsten aller anderen ist. Schauspielerinnen wie Annabelle Wallis oder Katie McGrath, die beide sehr viel mehr könnten als ihre Rollen hergeben, werden als Dekoration verheizt, während Arthur als Held inszeniert wird, weil er keine Frauen schlägt oder ermordet. Ein klareres Beispiel dafür, wie männliches Privileg im Kontext von Mittelalter-Phantastik aussehen kann, kann man kaum finden. Männer sind aktiv, Frauen passiv oder höchstens Unterstützung.

Das ist bitter, das ist typisch und ein weiterer Grund, warum Leute, die Phantastik egal welches Mediums schreiben, einen kritischen Blick auf Gender in ihrer eigenen Arbeit werfen sollten. Denn „King Arthur: Legend of the Sword“ ist allerhöchstens ein deutliches, aber im Grunde kein sonderlich extremes Beispiel. Die Tropes des Films sind überall. Sie schaden Rezipient*innen, die sich austauschen wollen, genauso wie Autor*innen. Sie sind frauenfeindlich, abgedroschen und bedienen Strömungen von Branche und Szene, die aktiv und passiv daran arbeiten, Leute, die keine weißen Männer sind, kleinzuhalten. Und vielleicht, nur vielleicht, könnten wir uns daran erinnern, wenn die nächste Fantasy-Sau durchs Dorf getrieben wird, die exakt dieselben Tropes bedient und es nur besser versteckt.

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1 Kommentare

  1. Liebe Aurelia,

    wir haben den Film ja zusammen gesehen und du weißt, dass ich dir nur zustimmen kann. Allerdings ist es nicht nur die enorme Frauenfeindlichkeit und der Rassismus, der diesen Film so unerträglich schlecht macht, sondern auch das extreme Maß an toxischer Männlichkeit. Die Männer sind Krieger, Helden oder DAS Böse, sie sind immer mächtig und haben eigentlich keine Emotionen. Einen Love Interest gibt es eigentlich gar nicht, denn dazu bräuchten die Männer Gefühle, stattdessen kämpfen sie lieber. Selbst als das Baby Arthur seine Mutter sterben sieht, weint er nicht, er zeigt nicht ein einziges Mal „Schwäche“ (alias Menschlichkeit), genauso wie alle anderen Männer des Films. Die Genderklischees sind auf beiden Seiten enorm, es gibt keine Grauzone. Es gibt auch keinerlei Verbindungen zwischen irgendwelchen Charakteren, alles ist nur auf epische Visual Effects und guter Musik aufgebaut und dafür werden so hervorragende Schauspieler*innen einfach verbrannt, wie du schon sagtest.
    So viel Potenzial und dann so ein grauenvoll mieser Film… eine Schande, aber keine Überraschung.

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