Horizon: Zero Dawn – Stell dir vor, eine Frau rettet die Welt

Horizon: Zero Dawn Approach
Es gibt wohl wenig, dass noch nicht über „Horizon: Zero Dawn“ geschrieben wurde. Trotzdem will ich versuchen, meine Gedanken über diese offene Welt und ihre Heldin Aloy in Worte zu fassen. Ganz einfach, weil ich muss.

Über die Gastautorin dieses Textes

Etwa 1.000 Jahre nach dem Untergang unserer Zivilisation wächst die junge Aloy als Ausgestoßene im Heiligen Land des Nora-Stammes auf. Aufgezogen wird sie von Rost, einem alten Stammeskrieger, der ebenfalls ausgestoßen ist. Warum, das verrät er allerdings nicht. Auch kann er Aloy nicht sagen, wer ihre Mutter war und woher sie stammt. Das können nur die Stammesmütter der Nora – und das auch nur, wenn Aloy sich bei der Erprobung, einem Initiationsritus des Stammes, als würdig erweist. Ihre ganze Kindheit trainiert Aloy für diesen Tag. Doch dann entwickelt sich alles anders, als sie gedacht hat.

Damit beginnt die Reise in die Welt von „Horizon: Zero Dawn“

Schon während des ersten Teils kam mir die Karte, die es zu erschließen galt, als unsagbar groß und üppig vor. Zwar bietet das Spiel einem die Möglichkeit, mittels Reittier oder Schnellreise rasant von einem Ende zum anderen zu springen, doch weil die Landschaften so detailliert und liebevoll gestaltet waren, nahm ich mir gerne die Zeit, die Karte „zu Fuß“ zu erschließen.

Insgesamt ist das Genre des Primal Punks nichts Neues. Allein durch das letzte „Far Cry“ hat diese spezielle Abteilung der Science-Fiction mehr Sichtbarkeit bekommen. Das Genre besitzt aber auch dank Pen-&-Paper-Rollenspiele wie „Degenesis“ längst eine Fangemeinde. Die Entwickler von „Horizon: Zero Dawn“ standen also vor der Aufgabe, ein bekanntes Setting – in diesem Fall eine steinzeitlich organisierte Zivilisation in der Zukunft – neu zu inszenieren. Dabei haben sie das Rad zwar nicht neu erfunden (Pun intended), machten aber doch vieles richtig. Ganz einfach, in dem sie Erzählstrukturen aufgegriffen haben, die universal sind. So ist weder Aloys persönliche Geschichte, noch die der einzelnen Völker besonders einzigartig, funktionieren im Zusammenspiel aber dennoch wunderbar und geben dem Spieler eine gute Mischung aus Vertrautem und Neuem an die Hand. Der Primal Punk verliert damit ein Stück weit seinen Punk, wird als Genre aber für ein viel größeres Publikum interessant. Das kann man schlecht finden; ich persönlich fand daran großen Gefallen.

So streifte ich also durch die weiten Landschaften, die durch ihre besondere Mischung aus bildgewaltiger Flora und technologisierter Fauna bestechen, und war erst einmal platt. Dieser Schauwert allein macht die Welt von „Horizon: Zero Dawn“ allerdings nicht aus. Die Landschaften wurden mit einem reichen Weltenbau unterfüttert, der die Streifzüge durch die Wildnis erst richtig interessant macht.

Da wären einmal die Nora, die als matriarchalischer Stamm das wohl ursprünglichste der Völker ist. Das Carja-Königreich mit seinem Sonnenkönig steht ihm als wunderbarer Kontrast gegenüber. Und auch die Stämme der Banuk und Oseram erweitern die Welt um eine Komponente, die in der klassischen Fantasy wohl den Zwergen oder ähnlichen Völkern entsprochen hätte. Sie alle haben ihre eigene Geschichte und Haltung, die sich zum Teil ergänzt, aber auch an den nötigen Stellen voneinander absetzt. Das gibt Aloy (und mit ihr dem Spieler oder der Spielerin) die Gelegenheit, eine sehr reichhaltige Welt voller kleiner Storylines zu erkunden. Denn Aloys Geschichte spielt sich zwischen alledem ab. Sie findet Berührungspunkte mit allen Völkern, fühlt ich jedoch keinem zugehörig und lebt damit eine Freiheit aus, wie man sie sich im wahren Leben gerne wünscht.

Aloy, eine ungewöhnliche Heldin

Mit Aloy hat sicherlich eine ganz neue Heldin das Reich der Games betreten. Ähnlich wie Lara Croft oder Zelda hat auch sie das Zeug dazu, eine große Ikone ihrer Zeit zu werden. Doch im Vergleich zu diesen beiden repräsentiert Aloy einen neuen Typ Heldin. Sie ist weder Prinzessin noch Draufgängerin. Sie ist ein Kind ihrer Welt, eine Jägerin und Sucherin. Nur selten und eher gegen ihren Willen wird sie zur Kriegerin. Doch sie ist keine starke Frau, weil der Plot das so haben will. Ihre Fähigkeiten sind in ihrer Welt wirklich nützlich, ihre Einstellung gegenüber ihren Mitmenschen in ihrer eigenen Herkunftsgeschichte begründet. Und genau das macht Aloy sehr authentisch.

Horizon: Zero Dawn Aloy

Nun muss ich zugeben, dass die Ausgestaltung von Aloys Charakter natürlich auch ein Stück weit in der Hand des Spielers oder der Spielerin liegt. In kleinen Rollenspiel-Elementen, die in den Dialogszenen zum Tragen kommen, kann man über Aloys Reaktionen entscheiden. So ist sie mal mitfühlend, mal eingeschnappt und das kann wiederum hin und wieder zu einem Bruch mit der vorgeschriebenen Narrative der Haupthandlung führen. Die entwirft eine Aloy, die sich wenig gefallen lässt und ihren eigenen Willen hat. Von den gesellschaftlichen Regeln ihres Stammes, den Nora, hält sie nicht viel. Sie hilft den NPCs, denen sie begegnet, gerne weiter, straft jedoch jeden ab, der sie auszunutzen versucht. Das alles ergibt das Bild einer tollen, starken Frauenfigur, das mir persönlich sehr gefällt. Nur in kurzen Augenblicken kamen mir Aloys Reaktionen etwas herzlos oder übertrieben vor und in gewissen Situationen beweist sie ihre eigene Art von Engstirnigkeit. Das macht sie vielleicht nicht zum bequemsten Charakter, aber auf jeden Fall zu einem realistischen.

Alles in allem ist Aloy eine Figur, mit der man gerne Zeit verbringt und je länger man spielt, desto mehr bekommt man das Gefühl, mit ihr gemeinsam zu wachsen. Auch das macht für mich den Reiz von „Horizon: Zero Dawn“ aus. Aloys Heldenreise ist genauso episch wie die vieler ihrer Vorgänger, doch besitzt sie auch das richtige Setting, den passenden Plot und ein gutes Pacing, wodurch sich diese Reise ganz natürlich und großartig anfühlt. Wenn man am Ende steht und auf all das zurückblickt, was man mit Aloy erlebt hat, kann man kaum glauben, wie viel man geschafft hat. Für mich war dieses Gefühl eine große Belohnung. Doch wenn ich sagen müsste, welcher Moment mir am meisten in Erinnerung geblieben ist, war dieser denkbar unspektakulär.

Ein Sieg für Vielfalt und Gleichberechtigung

In Meridian trifft man auf einen Priester, der Aloy bittet, drei Heiligtümer zu besuchen und diese vom Bösen, das dort herrscht, zu befreien. Vor einem der Schreine steht ein Oseram, der von den Priestern vor Ort nicht ins Heiligtum vorgelassen wird. Dabei will er einfach nur eine Statue sehen, die von seinem Ehemann gefertigt wurde, eher dieser starb, um sich ihm noch einmal nahe zu fühlen.

Ein sehr kleiner Moment, der ganz viel in mir ausgelöst hat. Gar nicht mal, weil die Figur offensichtlich schwul war. Vielmehr war es die Tatsache, dass seine Homosexualität nicht überdramatisiert wurde. Sie war schlichtweg normal. Diese absolute Gleichberechtigung hat mich sehr glücklich gemacht.

Aber nicht nur bei der sexuellen Orientierung erlaubt sich „Horizon: Zero Dawn“ Freiheiten für die Charaktere. Es gibt auch kaum Unterscheidungen nach Geschlechtern. Es gibt die Stammesmütter und den Sonnenkönig. Es gibt Erfinderinnen und Näher. Es gibt Töchter, die ihre Väter rächen, und Söhne, die an der Seite ihrer Mütter kämpfen.

Natürlich: Auf den ersten Blick sind die Frauenfiguren etwas prominent und fallen ins Auge. Doch nach genauerer Betrachtung merkt man, dass in dieser neuen Welt nach dem Untergang nicht mehr nach Gender unterschieden wird. Die Spielwelt erlaubt Frauen starke Rollen, aber auch Männer können Vielfalt leben. Selbst Avad, der Sonnenkönig der Carja, ist kein typisches Alphatier, sondern ein empathischer Diplomat. Früher hätte man gesagt, ein Mann wie er sei schwach. Heute ist er ein moderner Anführer, der sich um den Frieden und das Wohl seines Volkes sorgt.

Aber natürlich gibt es auch in „Horizon: Zero Dawn“ gesellschaftliche Schattenseiten. Spiritualität wird von Aloy gern als Unsinn oder Irrglaube wahrgenommen, der Menschen beschränkt und andere diskriminiert. Aus unserer heutigen Zeit heraus gesprochen ist das natürlich nicht unwahr. Religiöse Fanatiker waren schon immer Teil der Geschichte. Allerdings bleibt das Spiel hier etwas einseitig und stellt Glaube nicht als etwas da, das Menschen Kraft und Hoffnung spendet und nur von einigen wenigen missbraucht wird. Die Vorstellung des Glaubens als Fanatismus wird mit den Kriegern der Eklipse-Sekte lediglich auf die Spitze getrieben und bietet so Aloy und ihren Gefährten ein Feindbild, gegen das sie angehen müssen.

Horizon: Zero Dawn Thunderjaw

Schöner ging die Welt nie unter

Was auch immer andere von „Horizon: Zero Dawn“ halten, ich habe jede einzelne Minute genossen, die ich mit Aloy durch die Wildnis streifte. Nach dem Abspann hatte ich einen gepflegte Game-Hangover und ich konnte mich seitdem für kein anderes Spiel wirklich begeistern. Selbst das neueste „Tomb Raider“ mit meiner Kindheitsheldin Lara Croft konnte „Horizon: Zero Dawn“ nicht das Wasser reichen, obwohl es sich alle Mühe gab, eine ähnliche dichte Welt zu erschaffen.

Was natürlich unter den Fingern brennt, ist die ersehnte Antwort auf die Frage, wie es weitergeht, nachdem die Geheimnisse von „Zero Dawn“ enthüllt wurden. Bis es soweit ist, werden wir Fans uns leider noch ein paar Jahre gedulden müssen. Kein Wunder also, dass ich angefangen habe, das Spiel noch einmal von vorne zu spielen. So lässt sich auch die Wartezeit auf „The Frozen Wilds“, den ersten DLC, etwas leichter ertragen. Und auch beim zweiten Durchgang ist das Spiel so hervorragend wie beim ersten Mal.

2 Kommentare

  1. Ich habe seit einem Monat meine PS4 nicht mehr angerührt, weil ich lieber Serien geschaut oder Bücher gelesen habe. Aber ich vermisse Aloy die ganze Zeit und will wieder in die Welt eintauchen. Ich bin zwar immer noch ziemlich am Anfang der Geschichte, weil ich meine Zeit mit Erkundungstouren und Nebenquests vertrödle, aber es macht wahnsinnig viel Spass. Am liebsten erkunde ich alles zu Fuss, und wenns mal schnell gehen muss hüpf ich eben auf eine Maschine und reite los. Aber selbst dann mache ich Umwege, um alles genau anzuschauen.
    Ich bin noch ein Neuling in der Gamer Szene, was wohl auch daran liegt dass ich meine PS4 erst seit zwei oder drei Monaten besitze. Nach schon 30 Minuten Spielzeit bekomme ich immer starke Kopfschmerzen und muss dann notgedrungen aufhören. 🙁
    Aber ich werd wohl heute meine PS4 wieder starten und mit Aloy die Welt erkunden, dein Beitrag macht mir wieder klar wie sehr ich die Welt vermisse. Also danke dafür <3
    Liebe Grüsse
    Julia

    • Hallo Julia,
      meine PS4 habe ich mir auch erst wegen Horizon: Zero Dawn geholt. Aber es gibt ja keine Medallierne für denjenigen/diejenige, die zuerst die neueste Technik zuhaus hat. Zum Glück. 😉
      Mir geht’s ähnlich wie dir, ich vertrödele meine Zeit immer gerne in dieser Welt. Ich hoffe, du hast mit Aloy noch jede Menge Spaß. Das Ende ist es wirklich wert, sich durch alles „durchzukämpfen“. Ich freue mich jedenfalls, wenn ich dich zum Weiterspielen inspirieren konnte ^^

      Liebe Grüße
      Katharina

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