„Historische Korrektheit“ von Fantasy-Welten ist Quatsch

Historische Korrektheit Fantasy
Wann immer eine neue Staffel „Game of Thrones“ startet, dann dauert es nicht lange bis dieselbe alte Kontroverse erneut aufflammt: Ist die Serie in ihrer Darstellung von Gewalt gegen Frauen sexistisch? Ist das fiktionale Westeros nur eine grausame Welt oder doch eine voyeuristische Fantasie, die ihre weiblichen Figuren herabwertet? Und wann immer diese Fragen mit „Ja“ beantwortet werden, dauert es auch nicht lange bis jemand mit einem scheinbar unumstößlichen Gegenargument kommt: Das Mittelalter war eben so. Es war finster, es war düster und eine denkbar schlechte Zeit, um als Frau geboren zu werden. Ja, Westeros ist grausam, aber es ist auch angesichts seiner mittelalterlichen Vorlage realistisch. Die Serie erfüllt schlicht eine „historische Korrektheit“.

Und tatsächlich erscheint das Argument durchaus einleuchtend, dass ein bestimmtes Motiv aufgrund des mittelalterlich inspirierten Settings nun einmal ist, wie es ist. Zur menschlichen Geschichte gehören Themen wie Sexismus und Rassismus genauso wie Wissenschaft und Kunst. Warum diese Dinge also nicht darstellen? Die Fakten geben den Autoren doch recht und „historische Korrektheit“ kann sehr einfach als ein Totschlagargument für jede Kritik an problematischen Klischees genutzt werden. Das Problem: Ganz so einfach ist es nicht.

Ist „historische Korrektheit“ in Fiktion überhaupt möglich?

Etwas, das ich an meinem Studium und Geschichte als Fach im Allgemeinen absolut liebe, ist das: Geschichte ist kompliziert. Es gibt viele Ecken und Enden, an denen die Perspektive entscheidet, was richtig und was falsch ist, weniges ist linear und das meiste ist nicht so einfach oder klar wie es auf den ersten Blick vielleicht erscheint. Manchmal fühlt sie sich – um Doctor Who zu zitieren – auch nur noch nach einem „big ball of wibbly-wobbly timey-wimey… stuff“ an, der in seiner Komplexität Studenten in den Wahnsinn treiben kann. Unser Bild und damit die Ordnung von Geschichte beginnt deshalb eigentlich erst bei der Interpretation von Quellen, dem (im besten Fall zeitgenössischen) Originalmaterial, und ist damit immer kritisier- und hinterfragbar. Schon allein weil die Person, die eine Quelle interpretiert, selbst in einer eigenen Zeit lebt und schreibt. Sie hat ganz eigene politische und gesellschaftliche Prägungen, die vielleicht erst drei Generationen später im Kontext einer anderen Zeit richtig deutlich werden. Der Pool an unumstößlichen Wahrheiten ist dabei schon allein durch diesen „Faktor Mensch“ begrenzt. Auch, vielleicht sogar ganz besonders, wenn wir über das Mittelalter sprechen, das gerne mal als Inspiration für High Fantasy dienen soll.

Die Idee, dass es eine „historische Korrektheit“ für Fantasy-Welten geben könnte, geht dem vollkommen entgegen. In dem Genre bedienen sich Autoren gerne mal an historischer Vorlagen, meistens in ihren gesellschaftlichen und politischen Entwürfen oder dem technischen Fortschritt einer Zeit. Um vor diesem Hintergrund auf das Ergebnis dieser Inspiration ein Argument von „historischer Korrektheit“ anwenden zu können, braucht es die grundlegende Annahme, dass es irgendwo eine historische Wahrheit geben muss. Fakten, die unumstößlich, unumstritten und schlicht „richtig“ sind. Eine Basis, auf die alle vertrauen können und bei der es nur und wirklich nur „Ja“ oder „Nein“ gibt.

Tatsächlich hat niemand von uns im Mittelalter gelebt und gerade für alltagsgeschichtliche Themen lassen sich oft nur schwer so detaillierte und klare Aussagen treffen wie ein Autor sie allein für einen historischen Roman bräuchte. Und ein Roman ist wahrscheinlich noch der einfachste Fall, denn darin kann noch mehr ausgelassen oder hinten angestellt werden als in visuellen Medien wie Filmen oder Videospielen. Und wenn doch, ist die Debatte manchmal so unübersichtlich, dass es Leute mit ganzen Karrieren basierend auf diesen Fragen gibt und die Informationen oft für Fachfremde schlecht zugänglich sind. Ganz zu schweigen davon, dass auch Quellen oft perspektivisch und immer an ihren Autor gekoppelt sind, der wiederum auch nur aus seinem eigenen Kopf und seiner Zeit heraus schreiben kann. Und dann sprechen wir noch nicht einmal über Manipulation oder gesellschaftliche Narrative, die sich aus ihrer Zeit heraus beispielsweise gegen Minderheiten richten können. Klare Fakten oder einfach nur mit „Ja“ oder „Nein“ beantwortbare Fragen werden immer seltener je weiter die Epoche zurück liegt, für die sich ein Autor oder Videospielentwickler vielleicht interessiert.

Selbst wenn jemand unter der berechtigten Entscheidung von künstlerischer Freiheit manche Dinge einfach in Ermangelung von Informationen oder einfachen Antworten dann darstellt wie sie richtig erscheinen, wird es schwer auf eine noch so gut recherchierte Erzählung das Label „Auf jeden Fall und zu 100% historisch korrekt!“ zu kleben. Schlicht weil das eine Garantie ist, die oft nur schwer gegeben werden kann, und offenbar von vielen Autoren auch nicht gegeben werden will, wenn man sich zum Beispiel Banalitäten wie die Namensgebung mancher Römer in Romanen und anderen Erzählungen mit antikem Setting ansieht.

Mehr Walter Scott als Thietmar von Merseburg

Aber bleiben wir direkt dabei, dass ein Autor oft auch eine Entscheidung treffen muss, was denn nun vielleicht einfach richtig oder glaubwürdig erscheint, selbst wenn er keine Informationen zu seiner Frage auftreiben kann. An dieser Stelle wird es – gerade wenn wir über High Fantasy mit seiner beliebten Mittelalter-Vorlage sprechen – wichtig, sich zu verdeutlichen, was uns denn vielleicht überhaupt „richtig“ erscheinen könnte.

Das Mittelalter war lang. Periodisierung ist immer etwas Relatives, denn natürlich ist keine Epoche jemals punktuell mit einem Stichtag zu Ende gegangen, aber je nach Definition und Blickwinkel könnte man lose die Zeit von 500 bis 1500 dafür veranschlagen. Gerade die Grenze zur Antike ist sicher diskutabel, aber hier geht es im Moment einfach einmal um einen groben Richtwert zur Verdeutlichung. Von 500 bis 1500 nach Christus – Das sind tausend Jahre, in denen sich in den unterschiedlichsten Bereichen menschlichen Lebens sehr viel auf sehr verschiedene Weise getan hat. Dinge wie Mehrfachehe, die im Frühmittelalter durchaus vorkamen, wurden so beispielweise mit der Verbreitung und Festigung der Kirche in Europa mehr und mehr geächtet, politische Machtverhältnisse verschoben sich und auch religiös gesehen war „das Mittelalter“ nicht so statisch wie es gerne mal dargestellt wird. Diese lange Zeitspanne mit ihren vielfältigen Entwicklungen ist kompliziert genug und vor allem eins: Sie ist nicht gleichbedeutend mit dem, was viele spontan mit „dem Mittelalter“ verbinden, was wiederum ja die Basis für die Glaubwürdigkeit eines historischen Settings in Fiktion ist.

Ein simples Beispiel: Viele Menschen denken beim Mittelalter sicher schnell an Burgen und davon ausgehend genauso schnell an Kriege, Belagerungen, Burgfräulein und Ritter. Das ist auch ein Stück weit richtig, aber nur ein Teil. Burgen waren mittelalterliche Wehrbauten, die auch zur Verteidigung dienten, aber nicht nur. Es gab verschiedene Arten von Burgen, von großen Komplexen bis hin zu kleinen Anlagen, die zu ganz unterschiedlichen Zwecken und an unterschiedlichen Orten errichtet werden konnten. Je nach europäischer Region konnten sich Aussehen, Besatzung und Nutzung stark unterscheiden. Eine Burg konnte ein Verwaltungszentrum, Rückzucksort für feindliche Angriffe oder adeliges Machtzentrum sein. Es gab sogar „Mehrfamilienburgen“, genauer gesagt Ganerbenburgen, auf denen mehrere Familien lebten und Nutzung wie Kosten vertraglich gemeinsam regelten. Nicht jede Burg wurde ständig belagert oder gewaltsam zerstört und ganz sicher saß nicht auf jeder Burg ein ehrenhafter Ritter samt züchtigem Burgfräulein. Von Geheimgängen oder Schlossgespenstern ganz zu schweigen. Das ist ein Bild, das ganz unserer modernen Mittelalter-Romantik seit dem 18. Jahrhundert entspricht, während es aber gerade unter den kleineren Burgen genug Anlagen gab, die nie eine Schlacht gesehen haben und manchmal sogar nur aus Holz statt aus Stein waren. Trotzdem kann ein Roman über eine Burg, die regelmäßig Schauplatz militärischer Konflikte und Seelendramen zwischen Rittern und Burgfräulein ist, richtig wirken und ist für einen durchschnittlichen Leser vielleicht sogar glaubwürdiger als eine Geschichte, in der diese Burg einfach „nur“ ein herrschaftlicher Knotenpunkt ist. Historisch gesehen wäre beides möglich, für Aspekte des Storytellings wird allerdings auch die Vorstellung der Zielgruppe plötzlich sehr wichtig.

Nichts ist wahr, alles ist erlaubt. – Oder: Illusion geht über Realität

Im mittelalterlich inspirierten Fantasy werden dabei meistens zwei grobe Richtungen der Vorstellungen von Mittelalter bedient: Eine romantisiert verklärende Tendenz und eine Düstere, beides auch bekannt als High und Dark Fantasy. Erstere steht meistens stark in einer Tolkien-Tradition und versucht legendenhafte Heldengeschichten zu erzählen, in denen der gute Ritter eben den bösen Drachen erschlägt und die Prinzessin bekommt, während letztere bewusst das Gegenteil versucht und sich auf die Abgründe konzentriert.

Das Thema „historische Korrektheit“ kommt meistens eher bei Dark Fantasy auf, dem man einen gewissen Realismus nachsagt, allerdings gilt das entscheidende Problem bei dieser Argumentation für beide Tendenzen. Beide bedienen sie eine bestimmte Vorstellung von einer Epoche. Klassisches High Fantasy ist oft – auch in den Erzählstrukturen – an mittelalterlicher Epik oder Sagen wie der von Artus und den Rittern der Tafelrunde angelehnt, Dark Fantasy bedient dagegen eher ein Bild von Krieg, Seuchen und Hexenverbrennungen. Dass die tatsächlichen Hexenverbrennungen in Zentraleuropa ihren blutigen Höhepunkt erst im 16./17. Jahrhundert hatten, ist dafür zum Beispiel in einem „The Witcher 3“ eher zweitrangig, deutlich wichtiger sind die Erwartungen der Zielgruppe, die bestimmte Vorstellungen und Erzählmuster gewohnt ist und die es zu unterhalten und überraschen gilt. Das, was sich dahinter eigentlich verbirgt, sind keine historischen Fakten, sondern ein diffuses Gefühl einer Zeit. Egal, ob jetzt verklärend oder bewusst nicht romantisierend, vielleicht sogar dramatisierend.

Oder auch: Selbst für einen historischen Roman kann eine Art historische Wahrheit zweitrangig sein, die Glaubwürdigkeit der eigenen historischen Illusion und damit der Immersion der eigenen Welt dagegen ist zentral. Das ist auch vollkommen legitim, allerdings wird es unter dem Blickpunkt schwierig, „historische Korrektheit“ zu verlangen oder damit zu argumentieren. Historische Fakten und die Illusion davon in einem fiktionalen Werk sind unterschiedliche Angelegenheiten, die Hand in Hand gehen können, es aber sicher nicht müssen. (Und es gerade in vielen Fantasy-Werken unabhängig vom Medium auch nicht tun. Egal, ob die sich eigentlich an „der“ mittelalterlichen Gesellschaft orientieren wollen oder nicht.)

„Historische Korrektheit“ gibt es nicht

Damit sollten zwei Dinge klar sein: Erst einmal ist „historische Korrektheit“ schon außerhalb jeder Fiktion ein manchmal schwieriges Thema und das wird nicht besser, wenn wir über eine Erzählung mit historischem Setting sprechen. Außerdem ist das, was von Konsumenten bei fiktionalen Werken als „historischen Korrektheit“ gerne mal eingefordert wird, weniger eine historische Wahrheit, sondern mehr die Illusion, dass etwas unter einer bestimmten Vorstellung von einer Epoche wahr sein könnte, also schlicht glaubwürdig ist. Verabschieden wir uns also von dem Begriff der „historischen Korrektheit“ und sehen uns dasselbe Thema unter passenderem Namen an, nämlich der historischen Illusion.

Eine historische Illusion ist formbar

Das, was wir also eigentlich diskutieren, ist die Frage, ob eine mittelalterlich inspirierte Fantasy-Welt noch glaubwürdig sein kann, wenn sie zum Beispiel Themen wie Sexismus streicht oder vielleicht sogar Frauen in Machtpositionen darstellt. Nun könnte man legitimer Weise sagen, dass eine allgemein verbreitete historische Illusion in Bezug auf das Mittelalter im Kopf vieler Konsumenten nun einmal eine Düstere ist. Das „finstere Mittelalter“ eben. Eine Zeit, in der Frauen nichts zu melden hatten, die Kirche alles und jeden als Ketzer verbrannte und hinter jeder Ecke Krieg und Zerstörung wartete. So weit, so gut. Nur ist es trotzdem nicht ganz so einfach, was wohl am besten an einem Beispiel deutlich wird.

Das eingangs erwähnte „Game of Thrones“ genauso wie die Vorlage, George R. R. Martins „A song of ice and fire“-Romane, sind für ihr Frauenbild immer wieder umstritten. Zu inflationär werden Vergewaltigungen als „plot device“ zum Zweck verwendet, zu voyeuristisch stellt besonders die Serie Gewalt gegen Frauen dar, zu häufig werden Frauen ganz offensichtlich nur zum Schock des Zuschauers gequält. Ähnliches lässt sich auch an anderen Werken und ihren Welten wie „The Witcher 3“ kritisieren, ich nehme „Game of Thrones“ als Beispiel, weil sich hier der Autor der Romanvorlage persönlich zu der Kritik geäußert hat und sein Werk mit einer gewissen „historischen Korrektheit“, also eigentlich der Illusion davon, verteidigt.

„I wanted my books to be strongly grounded in history and to show what medieval society was like, and I was also reacting to a lot of fantasy fiction. Most stories depict what I call the ‚Disneyland Middle Ages’—there are princes and princesses and knights in shining armor, but they didn’t want to show what those societies meant and how they functioned.“ – „George R.R. Martin explains why there’s violence against women on ‚Game of Thrones'“

Martins Argument ist simpel: Er hat sich für seine Bücher eng am europäischen Mittelalter und dessen patriarchalischen Gesellschaft orientiert, deshalb kann er Themen wie Gewalt gegen Frauen nicht aussparen, sondern muss sie sogar darstellen. Das ist legitim und schlägt in die bereits erwähnte Dark Fantasy-Kerbe, die versucht, die Abgründe einer Vorstellung von einer Epoche zu betonen. Nur ist es genauso legitim, in die entgegen gesetzte Kerbe zu schlagen und eine verklärte Vorstellung zu bedienen. Beide Varianten sind von einer künstlerischen Intention geprägt. In Martins Fall, dass er bewusst kein „Disneyland-Mittelalter“ darstellen will, im Fall von zum Beispiel einem „Dragon Age: Inquisition“, dass mit den Traditionen des Genres gebrochen wird und plötzlich bewusst relativ viele Frauen in Machtpositionen vorkommen. Sowohl das eine als auch das andere ist möglich und Thedas ist genauso wie Westeros vom mittelalterlichen Europa inspiriert. Es werden nur unterschiedliche Ideen und Erwartungen bedient und verkehrt. Beides funktioniert und beides hat seine Daseinsberechtigung, beide Welten sind glaubwürdig, schlicht weil ihre Illusion jeweils aufgeht.

Faktisch dagegen ist auch jenseits von Magie und Drachen keine von beiden, aber sie verdeutlichen in ihrem Zustand der funktionierenden Immersion vor allem eins: Eine historische Illusion ist formbar, ganz besonders im Fantasy. In welche Richtung auf der Skala von High bis Dark Fantasy ein Werk ausschlägt hängt von einer Prämisse, einer künstlerischen Intention, ab und nicht von angeblichen historischen Fakten.

„Historische Korrektheit“ ist kein Totschlagargument

Dieser Unterschied ist wichtig. Denn daraus ergibt sich ein wichtiger Punkt im Streit um angebliche „historische Korrektheit“, den ich meistens in Diskussionen um Sexismus oder Rassismus in Fantasy-Welten sehe: Was glaubwürdig ist oder auch nicht, bestimmt der Weltenbauer. Wer beschließt, eine Geschichte in einer Welt mit einer patriarchalischen Gesellschaft wie der in Westeros zu erzählen, kann das tun, genauso wie Fantasy aber auch die Freiheit bietet, die Geschichte einer Magierin aus armen Verhältnissen zu erzählen, die zu einer der mächtigsten Figuren ihrer Welt aufsteigt wie Sonea in Trudi Canavans „Die Gilde der schwarzen Magier“. Das sind schlicht künstlerische Entscheidungen und keine historisch begründeten.

Dazu kommt, dass eine Serie wie „Game of Thrones“ natürlich besonders voyeuristisch in ihrer Gewaltdarstellung sein kann, um so beispielsweise eine möglichst grausame Welt zu illustrieren und so die eigene Prämisse zu bedienen, gleichzeitig sich aber auch Kritik an dieser Prämisse gefallen lassen muss. Oder anders formuliert: Es steht jedem frei, besonders grausame und düstere Geschichten zu erzählen, genauso steht es aber auch allen anderen frei, zu fragen, ob man denn überhaupt Fantasy auf diese Art und Weise erzählen sollte oder es diesen speziellen Stil braucht, um die Grausamkeit einer Welt zu vermitteln.

Das ist eine Diskussion, die sich auch mit Kunstkritik beschäftigt und damit nicht unter dem Deckmantel der „historischen Korrektheit“ stumm geschaltet werden kann. Erst recht nicht, wenn in derselben Diskussion gerne mal auch das „Kunst darf alles!“-Argument in Kombination mit dem Vorwurf aufkommt, Kritik an problematischen Motiven würde eine Zensur fordern. Entweder darf Kunst alles und es gibt eine kritische Auseinandersetzung mit ihren Inhalten oder Kunst darf nur manches und wir können über angebliche „historische Korrektheit“ sprechen. Nicht beides.

Sexismus des 21. statt des 14. Jahrhunderts

Im Falle von „Game of Thrones“, „The Witcher 3“ und vielen anderen gerade im Zusammenhang mit Sexismus kritisch diskutierten Welten erübrigt sich das angebliche Totschlagargument „historischer Korrektheit“ außerdem noch auf einer weiteren Ebene, die rein gar nichts mit dem Sexismus vergangener Zeiten, sondern dem von heute zu tun hat. (Das Prinzip gilt übrigens auch für andere Kontroversen, bei Sexismus wird es nur besonders klar deutlich.) High Fantasy galt lange als ein Genre, das vor allem von Männern konsumiert wird, was sich bis heute noch äußert. Nicht nur leben viele Geschichten von einer Heldenromantik, die sich oft an Männer richten soll und so vermarktet wird, sondern in Videospielen und Filmen ist auch gerne mal der sogenannte „männliche Blick“ sehr präsent, der weibliche Figuren auf ein Objektes der Begierde des angenommen männlichen und heterosexuellen Spielers oder Zuschauers reduziert. Ein Kameraschwenk hier, ein freizügiges Outfit da, eine Frau als Figur wird – vielleicht auch nur für einen Moment – unwichtig, ganz im Gegensatz zu ihren Brüsten oder ihrem Hintern.

Dieses Prinzip ist ein Teil der Inszenierung einer Geschichte und damit im besten Fall eine künstlerische Entscheidung und nichts, das automatisch mit dem Weltenbau und der historischen Vorlage dazu begründbar wäre. Diese Dinge richten sich an den Rezipienten in unserer realen Welt und ist damit keine Darstellung von Sexismus in einer fiktiven, frauenfeindlichen Gesellschaft, sondern schlicht Sexismus im 21. Jahrhundert. Egal ob „historische Korrektheit“ oder historische Illusion: Keines von beidem hat etwas damit zu tun.

Fantasy bedeutet Freiheit

Last but not least: Fantasy gehört zu den Genres, die beim Weltenbau die größte Freiheit bieten, und dafür liebe ich es auch. Unbekannte Welten, in der Realität unmögliche Phänomene und Geschichten über außergewöhnliche Personen – Kurz: Das ultimative Fremde – hat eine ganz eigene Faszination. Ob auf sehr düstere oder sehr verklärende Weise ist Geschmackssache, aber in jedem Fall kann bei Fantasy-Weltenbau mit allem gebrochen werden, das wir kennen. Drachen? Cool! Epische Schlachten? Her damit! Verrückte Könige? Immer doch!

Das ist alles im Bereich des Möglichen und eine rein künstlerische Entscheidung, die mit Genre-Traditionen brechen oder sie bedienen kann. Einen besonders einfachen Weg, der zum Beispiel durch Provokation Aufmerksamkeit erregt, damit zu begründen, man hätte auf „historische Korrektheit“ geachtet, ist allerdings faul. Dahinter stehen keine historischen Fakten, sondern im besten Fall eine bewusste Entscheidung, mit den großen Strömungen des Genres nicht zu brechen, und im schlimmsten Fall fehlende Kreativität oder das unreflektierte Bedienen derselben Schablonen wie eh und je.

Das ist alles legitim und kann zu einer guten und unterhaltsamen Erzählung führen – Es hat nur rein gar nichts mit Geschichte zu tun. Lassen wir also diese Diskussion und akzeptieren, dass „historische Korrektheit“ von Fantasy-Welten ist nur eines ist: Quatsch.

Artikelbild: Walters Art Museum Illuminated Manuscripts (flickr). Zum Originalbild.

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14 Kommentare

  1. Danke. Tausendmal danke! Ich bin genau derselben Meinung wie du und damit schon so unglaublich oft angeeckt, dass es mich langsam einfach nur noch nervt. Gerade, weil ich selbst z.B. historisch inspirierte Fantasy schreibe, aber auch Queer-Romance-Elemente in meine Werke einbaue, bekomme ich immer wieder dieses Genöle über „historische Korrektheit“ zu hören und … rahhhh. Es ist so unglaublich frustrierend. Dein Post war eine nette Abwechslung dazu, vielen Dank dafür.

  2. Pingback: Was momentan so los ist | Update - Tasmetu

  3. Sehr schöner und ausführlicher Artikel 🙂
    Interessant finde ich, wie du die Dauer des Mittelalters eingrenzt, das hat mich immer bei GoT gestört, also wie lang bei denen das „Mittelalter“ geht, quasi ohne Fortschritt. 10.000 Jahre oder so und die haben noch nicht mal Dampfmaschinen und sowas. Aber vielleicht sind die langen Winter Schuld.

    Und ja, historische Korrektheit ist Quatsch, stimme ich dir zu. GoT zeigt direkt auf den ersten Seiten, was es ist, nämlich Fantasy. Dann kommen allerdings ein paar tausend Seiten praktisch ohne „übernatürliches“, da vergisst man das dann vielleicht und glaubt, sich in einer Mittelalter-Doku wiederzufinden. Die Magie, die Drachen und alles waren weg, weshalb Westeros schon sehr real sein konnte. Dinge wie die Wall, die Others, Leuten, die von den Toten auferstehen und so sprechen natürlich eine andere Sprache und sagen ganz deutlich „hier ist im Grunde alles möglich“.

    • Danke 🙂
      Das mit diesem ellenangen GoT-„Mittelalter“ ist mir gar nicht so sehr aufgefallen/bewusst gewesen, stimmt aber natürlich. Vielleicht werden auch einfach regelmäßig Wissenschaftler von Drachen gegrillt, wer weiß? 😀

      • Ein spannender Artikel und ich sehe das ebenso: Es bleibt dem Autor/der Autorin überlassen, welche Prämisse für die Welt angesetzt wird. Mir fällt da etwa auch Guy Gavriel Kay ein, der bewusst bestimmte historische Epochen/Ereignisse/Personen als Vorbild nimmt und in eine Fantasywelt transportiert. Dass er da eine gewisse „historische Korrektheit“ anstrebt, ist klar, aber man kann auch einen gänzlich anderen Zugang haben.
        Und ich finde es auch zu einfach gedacht, wenn man Rassismus, Sexismus, etc. in einer Fantasywelt schlicht mit einem „so war das eben“ abtut.

        Das mit dem langen Mittelalter kann ich so aber nicht nachvollziehen. „Jetzt“ ist in Westeros eben spätes Mittelalter. Vor ein paar tausend Jahren stelle ich mir eher etwas vergleichbar mit der Bronzezeit vor und auch das, was man in den Büchern so von vergangenen Zeiten erfährt, lässt mich eher an Antike bzw. Frühe Hochkulturen denken (und wenn man die Pharaonenzeit in Ägypten rückblickend nur oberflächlich betrachtet, könnte man auch den Eindruck bekommen, hier hätte sich 2500 Jahre lang nicht viel geändert).
        Dass manche Dynastien oder ähnliches sehr lang angesetzt ist, das stimmt sicher. Aber ansonsten sehe ich keine Indizien dafür, dass in Westeros seit Jahrtausenden Mittelalter herrscht.

        • Erstmal danke für deinen Kommentar. 🙂 Grundsätzlich bin ich der Ansicht, dass historische Inspirationen für Fiktion im Zweifelsfall egal sind. Dass unser reales Mittelalter grob in die Zeit zwischen 500 und 1500 eingeteilt werden kann, hat nichts mit GoT o.ä. zu tun. Spielst du auf eine 1:1-Übertragung unserer Epochenbegriffe auf das historische Gedächtnis der Leute innerhalb des ASOIF-Universums an, würde ich da direkt wieder die Finger davon lassen, genau wegen den Dingen, die ich in meinem Text geschrieben habe. Westeros ist mittelalterlich inspiriert und nicht in die Epochenbegriffe unserer realen Welt einteilbar. Allerdings hat Westeros tatsächlich (oder wenigstens hätte ich es so aufgefasst) in seiner Geschichte eine ganze Reihe von Zeitspannen, in denen sich wenig verändert oder zu verändern scheint, die im Vergleich mit der Menschheitsgeschichte unserer Welt sehr viel länger und „nicht realistisch“ sind. Zum Teil sind die sicher auch einfach symbolisch (das hat ja Tolkien in Mittelerde auch schon en masse gemacht) und zum Teil hat Martin damit eben bestimmte Kulturen und Traditionen (die auch nicht immer zentraleuropäisch inspiriert sind, woher Begriffe wie das Mittelalter ja kommen) aufgebaut. Schon allein deshalb wäre ich da mit Vergleichen zur realen Menschheitsgeschichte vorsichtig. Ja, die letzten 10.000 Jahre vor der Handlung von ASOIF lassen sich mittelalterlich interpretieren, aber Westeros hat eine fiktionale Geschichte, die (egal was Martin sagt) nur sehr lose und punktuell von Ereignissen und Strukturen aus dem Mittelalter inspiriert ist. Ob Westeros überhaupt je eine Antike hatte, ist eine Interpretationsfrage, deshalb wäre ich sehr vorsichtig mit jedem Versuch, Fantasy in historische Epochen einzuteilen. (Dem Bildband über die Welt nach zu urteilen, hat sich in den letzten paar tausend Jahren von ASOIF gesellschaftlich und technisch eben nicht umwerfend viel getan, deshalb würde ich dem eben eine besonders lange mittelalterlich inspirierte Zeitspanne nachsagen/da rein interpretieren. Aber wie gesagt: Die hat auch Mittelerde, macht ja Westeros nicht schlechter, und es ist eben eine Interpretation.)

          • Was ich damit ausdrücken wollte: Wenn man die Vergangenheit unserer Welt so oberflächlich betrachtet, wie wir es bei den meisten Fantasywelten machen können, dann könnte man auch den Eindruck bekommen, dass sich von der Bronzezeit bis zum Mittelalter kein weltbewegenden Veränderungen ergeben haben. Dampfmaschinen wurden in der Zeit auch keine entwickelt.
            Allerdings habe ich den Bildband (noch) nicht gelesen. Wenn darin der Eindruck entsteht, dass sich in Westeros die Gesellschaft und Technik in den letzten paar tausend Jahren nicht geändert hat, dann ist das was anderes. In den Romanen hatte ich diesen Eindruck bislang nicht (da kam mir die ferne Vergangenheit nicht sehr mittelalterlich vor).

            Wenn man aber die irdischen Begebenheiten völlig als Bezugspunkt wegnimmt, dann könnte man umgekehrt auch argumentieren, dass wir die technischen Fortschritte, die wir aus unserer Welt kennen (und da auch nur aus bestimmten Regionen und Kulturen – anderswo haben gewisse Erfindungen/Fortschritte bis zur Kolonialisierung schließlich nicht stattgefunden), auch nicht auf Fantasywelten umlegen können. 😉

            Und natürlich sieht man genau an diesem Gespräch auch, wie theoretisch solche Vergleiche bei Fantasywelten sind.

          • Achso, gut, aber dann bewegst du dich ohnehin auf sehr theoretischem Eis, weil unklar wäre, wie viel innerhalb von Westeros evtl. durch mündliche Überlieferung, Sagen und Legenden „verfälscht“ worden wäre usw. Das ist schon in nicht-fiktionalen Szenarien verdammt schwierig und bei Fantasy sicher nicht möglich.

            Aber das ohne irdischen/historisch realen Bezugspunkt ist genau das, was ich im Text meine (und schätze): Kreative, die an Fantasy-Welten arbeiten, sollten diese potentielle Freiheit nutzen und sich von was auch immer inspirieren lassen anstatt sich an dieselben (europäischen) historische Prämissen wie eh und je zu klammern. Die sind – genau wie du schreibst – sehr abstrakt und theoretisch, führen zu nichts und stellen nur Regeln auf, wo keine sind. Fantasy hat mich Geschichte nur so viel zu tun als dass sich AutorInnen von Ideen, Vorstellungen und Strukturen inspirieren lassen können. Und that’s it.

  4. Zu aller erst: wahnsinnig toller Artikel!
    Ich habe, als ich ihn angeklickt habe, nicht mit einem so ausführlichem Beitrag gerechnet, der wirklich interessant zu lesen war (vor allem, weil ich mich gerade selbst auch mit Mediävistik umher schlage).

    Manche sehen vor lauter Bäumen den Wald kaum. Dabei ist es doch ziemlich offensichtlich, dass es sich bei Fantasy und eben Fantasy handelt. Stünde dahinter wirklich historische Korrektheit, dann wäre es ein Historien-Roman (oder ein anderes beliebiges Medium). Es kann vom „wahren“ Mittelalter inspiriert sein, aber das macht es doch nicht historisch korrekt?

    Beim Beispiel „Game of Thrones“ ist mir auch vermehrt die Gewaltdarstellung übel aufgestoßen. Ich meine gezielt die Serie, nicht die Buchvorlage, weil ich mir beim Lesen mein eigenes Szenario vorstellen kann. Aber die Darstellungen der Serie waren für mich oft viel zu heftig, dass ich wegsehen musste und ich mich fragte: muss das wirklich sein? Hätte ein Andeuten nicht gereicht?

    • Erstmal vielen Dank für das Lob. 🙂
      Ja, GoT finde ich auch immer grenzwertig, auch weil es anders geht und es da auch sehr oft nur noch um Schock zu gehen scheint. (Das zeigen ja auch einige Änderungen von Situationen und Szenen im Vergleich zu den Büchern, die in diesem neuen Kontext nochmal deutlich krasser waren als ursprünglich angelegt.) Irgendwann wird Gewalt etc. da auch einfach so bedeutungslos, dass sie nur noch um ihrer selbst willen vorkommt und da ist dann auch für mich immer der Punkt erreicht, an dem ich nicht mehr so richtig Lust habe, weiter zu gucken.

      • Ja, am Anfang habe ich es noch echt gerne geguckt und danach auch relativ schnell mit den Büchern angefangen (und dann auch nach vier deutschen Büchern wieder aufgegeben, weil die Serie immer schneller war). Aber bei der Serie bin ich auch kurz vorm Aufhören. Einzig, dass es so ein soziales Ding bei uns ist, dass wir uns zusammen hinsetzen und die neueste Folge GoT gucken, „hindert“ mich daran. (Ich rege mich mittlerweile auch viel zu sehr über die Story an sich auf.)

  5. Sehr schöner Artikel, vielen Dank.

    Ich stimme dir durchgehend zu, die Prämisse der Welt, die sich der Autor setzt, ist immer voll und ganz seine Entscheidung. Meistens will der Autor eine ganz bestimmte Atmosphäre durch seine Welten erzeugen, und wie du selbst schriebst: düstere Mitterlalter-Fantasy ist mittlerweile so salonfähig, dass es einfach ist, den Leser in eine solche Welt hineinzuziehen. Er kennt die Prämissen solcher Welten aus anderen Werken und findet sich schnell darin zurecht. Das macht es relativ leicht, eine Geschichte zu erzählen, ohne die Welt zu ausschweifend erklären zu müssen.

    Entscheidend ist, finde ich, immer: Welche Geschichte will ich erzählen? Eine Geschichte von Gewalt, Rassismus und Glaubenskriegen? Dann komme ich um eine brutale Welt vermutlich nicht drum herum. Will ich eine Geschichte über Intrigen, Verrat und Geheimnisse erzählen, sieht es schon anders aus. Und wenn ich über Liebe, Abenteuer und Heldenmut erzähle, bewege ich mich vielleicht eher im märchenhaft-verklärten Bereich. Finde ich alles total legitim. Aber ich gebe dir völlig recht: Das mit historischer Korrektheit zu erklären, ist Quatsch. 😉

    LG Elea

    • Erstmal danke, freut mich, wenn dir der Text gefallen hat. Und was du schreibst sehe ich übrigens genauso und die Kritik z.B. an düsteren Welten sollte ja auch nur dann kommen, wenn die Grenze zwischen der Darstellung oder Thematisierung z.B. von Sexismus und tatsächlich sexistischen Motiven überschritten wird. Sowohl düserte wie auch verklärende Fantasy-Welten können interessant sein. Genauso wie ein blutiger Thriller einem Krimi-Fan genauso gefallen kann wie eine Dorfkrimi-Geschichte wie die Eberhofer-Romane, beides sind schlicht unterschiedliche künstlerische Ansätze und beide sind okay. 🙂
      LG
      Aurelia

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