Herzenswelten: Zuko – Vom wandelnden Konflikt zur Selbsterlösung

Herzenswelten Zuko redemption arc
Die Welt in Schwarz oder Weiß zu malen funktioniert selten, ohne dass eine solche einfache Sichtweise genutzt wird, um Hass zu schüren. Auf vielen Ebenen wird dies in der Serie Avatar dargestellt und gelingt am eindrucksvollsten mit dem anfänglichen Antagonisten Zuko, der sich tatsächlich zum (Anti-)Helden wandelt. Dieser junge Prinz ist durch die Hölle gegangen, wurde verletzt und gequält, zu einem zornigen, unausgeglichen Jugendlichen geformt, bis er schließlich begreift, dass nicht alles so ist, wie es scheint und er Schmied seines eigenen Schicksals sein kann. Und genau das macht seine Geschichte meiner Ansicht nach zur eindrucksvollsten Wandlung in der gesamten Serie (und auch darüber hinaus).

'Herzenswelten'? Was ist das?

Für alle, die nicht ganz firm mit der Serie Avatar sind: Es geht um eine Welt, in denen vier Nationen bislang in Frieden miteinander lebten. Diese Nationen sind benannt nach ihren Fähigkeiten: Die Luftnomaden können gemeinhin Luft beeinflussen bzw. bändigen, die Erdnation eben Erde, Stein etc., der Wasserstamm Wasser und ja, man ahnt es, die Feuernation eben Feuer. Letztere sind jedoch plötzlich davon beseelt, allen anderen Völkern ihre Herrschaft aufzudrängen. Einzig der Avatar, der alle vier Elemente beherrschen kann, könnte dem Einhalt gebieten, doch er verschwindet. Um die 100 Jahre später finden Katara und ihr Bruder Sokka den Avatar, ein kleiner Junge namens Aang und gemeinsam machen sie sich auf den Weg, Frieden herzustellen. Gejagt werden sie dabei hauptsächlich vom Kronprinzen Zuko, der von seinem Vater verbannt wurde und den Avatar zurückbringen soll, um seine Ehre wiederherstellen zu können.

Streng genommen ist Zukos Geschichte nicht nur ein verflixt guter redemption arc, sondern auch eine in Sachen coming of age, die genialerweise mit der von Avatar Aang verwoben wird. Beide sind auf ihre Weise neu in der Welt: Aang war 100 Jahre in einem Eisberg eingefroren, Zuko lebt erst seit zwei Jahren mit seinem Onkel Iroh in Verbannung und benötigt immer noch Unterweisung im Feuerbändigen, Taktik, Selbstdisziplin und Genügsamkeit auf der entbehrungsreichen Exilreise. Beide sind noch „unfertig“, gerade Zuko glaubt jedoch an festgeschriebene Rollen und an ein Schicksal, dass ihm sein Vater aufgedrängt hat. Ähnlich wie Aang, hat er selbst noch nicht ganz heraus, was er selbst wirklich will vom Leben.

Sanfter Geist vergiftet

Der verbannte Prinz ist bereits mit nur 13 Jahren für das eingestanden, was er für richtig hielt und hat das Leben unschuldiger Männer vor einem General verteidigt. Weil sein Vater, der Feuerlord Ozai, dies jedoch als respektlos ansah, verpflichtete er beide zu einem Feuerduell, dem Agni Kai. Doch anstelle des Generals trat Ozai an. Als Zuko abermals tat, was er für richtig hielt und sich weigerte, gegen seinen eigenen Vater zu kämpfen, entstellte Ozai sein Gesicht mit Brandwunden und verbannte ihn für seine „Feigheit“. Statt die unnötige Grausamkeit in dem Umgang seines Vaters zu sehen, war Zuko fortan auf der Suche nach dem Avatar, voller Hass auf einen Unbekannten, der sich ihm zwei Jahre erfolgreich entzog.

An diesem Punkt wird erkennbar, dass Zukos Umfeld ihm kaum guttat. Mittels Rückblenden erfährt man, dass seine Mutter und sein Onkel eine sehr gute Verbindung zum Kronprinzen hatten. Die Sanftheit, die seinem Vater nicht passte, die Wertschätzung von Leben allgemein – Mutter und Onkel zeichnen da verantwortlich, doch sein Vater und auch seine Schwester Azula vergifteten nach und nach seinen Geist mit dem Erfolg ihrer grausamen, unberechenbaren Aktionen innerhalb der Familie und gegen andere Völker. Fast kann man Zuko seine Wutausbrüche, seine bisweilen respektlose Art gegenüber seinem Onkel und anderen Menschen nicht übelnehmen, zumindest in ihren Grundzügen eben sogar nachvollziehen. Aber genau sein Umfeld im Exil (nicht im Palast) macht es unter Umständen jedoch schwer möglich, sein Verhalten weiter hinzunehmen. Immer wieder werden jedoch Andeutungen gemacht, die darauf hinweise, dass mehr in dem Prinzen schlummert, als bloß Zorn: Als er beispielsweise sein Schiff wissentlich in einen Sturm steuern lässt, um den Avatar verfolgen zu können und alle in Gefahr bringt, ignoriert er die Wut und die Angst der Besatzung, weil er seine Aufgabe für wichtiger hält. Erst als der Sturm allen zusetzt, packt er mit an, um alles zu sichern und gibt den Befehl, aus dem Sturm zu fahren, auch wenn das zugleich bedeutet, die Spur des Avatars zu verlieren. Solche Andeutungen sind natürlich die kleinen Hoffnungsschimmer dafür, dass Zuko bald aufwacht und wahre Erlösung findet. Aber Gott sei Dank wurde eben das nicht so klassisch geradlinig abgehandelt, wie es sonst bisweilen der Fall sein kann.

Wandelnder Konflikt

Betrachtet man Feuerlord Ozai, seine machthungrige Tochter Azula, benannt nach dem grausamen Großvater Feuerlord Azulon, dessen Vater Sosin wiederum den ganzen Eroberungswahnsinn anzettelte, so könnte man meinen, dass alle Mitglieder der königlichen Familie sehr, sehr böse Menschen sind, die auf nichts und niemanden Rücksicht nehmen wollen. Zumindest meinen es die anderen Völker so – wie könnten sie es auch anders sehen? Zuko dagegen steht in der Mitte dessen, was um ihn herum von guten und schlechten Menschen getan wird, hat eine freundliche Mutter, einen grausamen Vater, ist das Gegenteil seiner Schwester Azula. Zuko trägt den Konflikt zweier sich bekämpfender Welten, Haltungen, Sichtweisen auf seinen Schultern aus, ohne es zu merken. Einzig Iroh, sein Onkel erkennt diesen Konflikt in ihm.

„Evil and Good are always at war inside you, Zuko. It is your nature, your legacy… born in you, with all the strife, is the power to restore the balance to the world.“

Dies sagt Iroh ihm, als Zuko erfahren hat, dass er nicht nur der Urenkel des Feuerlords ist, der Tod und Verderben über die vier Nationen brachte, sondern auch des Avatars – zumindest der Reinkarnation vor Aang. An diesem Punkt kommt zusammen, was wunderbarerweise noch nicht vorher passiert ist: Ein redemption arc, in dem ein Vorfall genügt, um alles ins Lot zu bringen, ist ausgelutscht und wenig spannend in meinen Augen. Zuko hatte aber bereits die Chance, seine eigene Ehre, unabhängig von seinem Vater, wiederherzustellen, indem er das richtige tut und dem Avatar hilft. Doch er schloss sich Azula an, die ihm versprach, dass ihr Vater ihn wieder mit allen Ehren aufnehmen würde. Trotz aller schlimmen Dinge, die er die Feuernation hat tun sehen, schien er immer noch zu glauben, dass nur sein Vater ihm seine Ehre zurückgeben könne. Und an dem Punkt, wo er mit allen Ehren wieder aufgenommen worden ist (weil Azula behauptet hatte, dass er den Avatar tötete), an dem Punkt, wo er Aufmerksamkeit und Reichtum hat, erkennt er, dass er wieder das Richtige tun will, wie damals, als er die Männer verteidigte – dieses Mal im vollem Bewusstsein darüber, dass er seinen Vater und seine Schwester bekämpfen muss.

Der Weg und seine Begleiter

Zuko ist eine Figur, die sich selbst erlöst, obwohl er Erlösung zu Beginn bei jemand anderes sucht. Der Weg dorthin zu erkennen, dass er selbst so handeln kann, ist von guten und schlechten Erlebnissen gespickt, die aber stets eng verknüpft sind mit seiner Familie. Iroh spielt da die wichtigste Rolle, die Zuko zumindest in der dritten und letzten Staffel begreift: „My uncle, he was more of a father to me… and I really let him down“, kommentiert er da seinen inneren Kampf, sein Hinwenden zu Azula und Ozai und damit dem Verrat an seinem Onkel. Während sein biologischer Vater seinen Sohn einengt, ihm alles vorschreibt, ihn misshandelt und fortjagt, brilliert Iroh mit Ratschlägen, Trost und bewundernswerter Langmut, wenn Zuko im Exil seine Wut an ihm ausließ. Als Zuko zeitweise sogar beschließt, sich von Iroh zu trennen und alleine zu reisen, will Iroh ihn nicht überreden, ihm nichts vorschreiben, sondern gibt ihm sogar noch sein Reittier. Stellt man sich vor, dass Zuko wie ein Sohn für ihn sein muss, zeigt sich immer wieder Irohs Größe: Selbst, wenn er verletzte wurde, selbst wenn er sich sorgte, versuchte er stets, Zuko den Raum zu geben, den er benötigt, um sich selbst zu finden. Iroh ist das Gegenteil eines Ozai, der Menschen, sogar seine eigenen Kinder, nur formen will, aber niemals schätzen kann, für das, was sie sind.

Azula, Zukos verrückte, machthungrige Schwester, ist ebenso manipulativ wie ihr Vater und war lange eifersüchtig auf das Mehr an Aufmerksamkeit, das ihr Bruder von ihrer Mutter bekam. Sie kennt Zukos Schwächen, ehemals eben die Überzeugung, nur durch das Wohlwollen des Vaters gerettet werden zu können. Obwohl Zuko immer schon wusste, dass Azula grausam und intrigant war, fällt er auf ihr Locken herein und verrät dafür sogar seinen Onkel. Ohne sie würde der ganze redemption arc nicht einmal existieren, denn durch sie und seine eigene Fehlentscheidung, Azula zu folgen, lernt Zuko, was er wirklich will, was er braucht, um selbst seine Ehre wiederherzustellen.

„I’m realizing, I had to go to through all tis to learn the truth… Noone can give you your honor, it is something you earn for yourself by choosing what is right.“

Selbsterlösung als heldenhaft?

Ozai und Azula werden schlussendlich besiegt, Zuko wird zum Feuerlord gekörnt und verspricht Frieden und Wohlstand. Am Ende dieser Serie war ich selbst ziemlich baff, denn ich konnte kaum noch unterscheiden: Ist Zukos redemption arc nicht eigentlich vielmehr eine Heldenreise, wie sie auf Aang hätte passen sollen? Dann wiederum aber wurde ihrer beider Geschichten so parallel stellenweise erzählt, dass man zu dem Schluss kommen kann, dass der Held eben nicht immer der strahlende sein muss, der von Anfang an die Rolle zugewiesen bekommen hat, ebenso wie der „Bösewicht“. Zukos Selbsterlösung macht ihn zum Helden seiner eigenen Geschichte und zugleich ist es die Erlösung aller Völker, die unter der Feuernation zu leiden hatten. Ein weiterer Grund für mich, Zukos Wandlung grandios zu finden: Held, so wird hier wunderbar verwoben dargestellt, ist nicht nur der, der das Böse mit Namen und Gesicht bekämpft, sondern auch der, der einen gesichtslosen Konflikt in sich austragen muss, ausgelöst von den Menschen, die einen eigentlich lieben, beschützen und fördern sollen. Held ist nicht nur der, der alle anderen rettet und sich dabei fast selbst vergisst, sondern auch sich selbst befreit – und damit automatisch auch die um ihn herum, die seine Liebe in ihr Leben lassen wollen.

Über die Autorin

Steffi, 30 Jahre, ist Studentin und Fotografin aus Münster. Normalerweise bloggt sie darüber, dass da ein Buch in ihrem Kopf ist, das sie nicht loslässt. Auf Fieberherz und Twitter (@fieberherz) könnt ihr ihr unter anderem bei der Entstehung ihres Science Fantasy-Romans „SAINT BLAKE“ über die Schulter gucken.

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