Herzenswelten: It goes on – Turtles All the Way Down

Herzenswelten Turtles all the way down Cover
Triggerwarnung: Erwähnung von Zwangsstörungen, keine explizite Beschreibung

Verliebt sein ist nicht leicht.

„Er liebt mich, er liebt mich nicht“, die typischen To-Gos in Jugendbüchern. Die Unsicherheit, ob man den anderen auf ein Date einladen soll, das vermutlich größte Problem. Doch während ich meine Ansprüche an Liebesgeschichten schon deutlich heruntergeschraubt hatte, schaffte es John Green mich zum weinen zu bringen, weil ich mich nie so echt gefühlt habe. „Turtles all the way down“ hat lange auf sich warten lassen. John Green ist einer meiner liebsten Autoren, das ist nichts Neues, auch seinen Podcast konsumiere ich regelmäßig, verpasse selten eine Episode. Die Brüder Green geben mir das Gefühl, dass meine Ängste und meine Sorgen okay sind. Und das tut auch Aza. Als eine der ersten Buchcharaktere überhaupt. Aza ist die 16 jährige Protagonistin des Buches „Turles all the way down“. Eine Geschichte um Liebe, Geld und die Jugend. Doch auch über Ängste, Panik, Zwangsstörungen und viel mehr. Jung sein ist nicht nur Schulprobleme, ein bisschen verknallt sein und beste Zeit des Lebens. Für viele ist die Schulzeit die schlimmste Zeit von allen. So war es auch für mich. Und dann ist da auch noch das Problem mit dem ersten Mal verliebt sein. Und wie gehen eigentlich Beziehungen? Anstatt dem Leser ein klassisches „Es passiert einfach und dann ist es gut“-Gefühl zu geben, zeigt Green diesmal auf brutale, aber ehrliche Art und Weise, wie scheiße verliebt sein, Liebe und Beziehungen sind, wenn man psychisch krank ist.

Aza hat eine Zwangsstörung. Bei ihr sieht das so aus, dass sie sich überdurchschnittlich viel die Hände wäscht, weil sie das Gefühl des Dreck nicht ab zu bekommen. Der Gedanke an Bakterien macht sie fertig, bringt sie an den Rand des Wahnsinns. Was viele nicht wissen, John Green verarbeitet an dieser Stelle seine eigenen Neigungen zur Phobie vor Bakterien, seiner Angst und Abneigung krank zu werden. Was die Geschichte direkt handfester macht. Man spürt ihn durch die Seiten durch. Aza steht nun vor dem Problem, dass sie einen Jungen mag und er sie auch. Klingt nicht nach einem Problem? Oh doch. Denn Aza kann nicht abschalten, ihre Zwangsgedanken pochen hinter ihrer Stirn, sie weiß nicht wie sie mit ihren Ängsten umgehen soll, bekommt es nicht unter Kontrolle und kann den Gedanken nicht bewältigen David anzufassen. Und da kann der Partner noch so verständnisvoll ist, kann man bestimmte Probleme einfach nicht umgehen. Auch, wenn man verliebt ist. Und das zerbricht Menschen. Auch ich stand kurz davor daran zu zerbrechen und selten kam ein Buch zeitlich so passend in mein Leben. Nicht alle Probleme lassen sich durch „Augen zu und durch“ lösen.

Und dann fühlst du dich allein. Verlassen. Und es ist alles deine Schuld. Weil DU dir alles versaut hast.

„I would never slay the dragon, because the dragon is also me“

Es gibt selten Dinge, die ein Ritter in glänzender Rüstung auf einem weißen Pferd nicht lösen kann. Wenige Dinge können nicht vergessen werden, wenn man sich ganz plötzlich in seinen Armen befindet. Wenige Sorgen lösen sich nicht in Luft auf. Dementsprechend unangenehm liest sich „Turtles all the way down“. Denn hier gibt es keine Lösung. Wenig fühlt sich so echt an, wie der Verlust des Realitätsbezug. Bin ich noch echt? Wer in sich geht und diese Fragen zulässt, wenn man sich bereits in einer Abwärtsspirale befindet, fühlt sich von Sekunde zu Sekunde unechter, weiter weg von allem. Dem Tag, den anderen und vor allen Dingen sich selbst.

„You are as real as anyone, and your doubts make you more real, not less“

Meine Mutter hat mir mal gesagt: „Die Intelligenten sind die, die hinterfragen, die wissen wollen und die, die zweifeln.“ Denn Zweifel sind erkannte Schwachstellen in Systemen, gesellschaftlichen und sozialen Konstrukten. Und plötzlich passt du nicht mehr rein. Dann wird nicht das System angezweifelt, sondern du selbst. Von dir. Denn alle anderen funktionieren ja.

„Worrying is the correct world view, life is worrisome“

So traurig alles klingt, so ausweglos alles scheinen mag, Aza erzählt uns auch, wie sie an sich glaubt. Dass sie trotz ihrer Probleme Liebe verdient und diese irgendwann bekommen wird. Dass sie die Sorgen und Ängste überwinden kann. Da sie sich selbst überwinden kann.

„There is hope, even when your brain tells you there isn’t“

Und genau das ist es, was Jugendbücher uns mitgeben sollten. Das Leben ist manchmal scheiße. Und nicht alles wird wieder gut. Manches bleibt schlecht. Manches bleibt, aber manches geht. Ängste, Menschen, das ist das Leben, das gehört dazu. Und nur, weil gerade alles aussichtslos erscheint, ist das nicht das Ende.

„I, a singular proper noun, would go on, if always in a conditional tense“

Warum die Geschichte von Aza eine Herzenswelt für mich ist? Weil ich nicht mehr an meinem Leben zweifeln mag, wenn nicht alles nach Plan läuft. Weil ich die Schnauze voll habe von Geschichten ohne Makel. Weil ich nicht nur in Bücher flüchten will und tief fallen möchte, wenn ich wieder heraus komme. Weil auch ich mich manchmal nicht echt fühle und mir „Turtles All The Way Down“ das Gefühl gibt echt zu sein. Dass meine Ängste echt sind, meine Sorgen und meine Wünsche. Dass es verdammt hart ist verliebt zu sein, zu lieben und, dass Beziehungen nicht „einfach passieren“ und, dass manchmal nicht alles wieder gut wird. Aber es kann gut werden. Auch, wenn ich mich selbst oft genug daran erinnern muss.

Über die Autorin

Caro Autorenfoto
Caro ist 23, studiert Journalismus und schreibt in ihrer Freizeit, wenn sie nicht gerade Videospiele spielt, Sport macht, Musik macht oder allgemein viel zu viele Dinge macht.

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