Herzenswelten: Im Namen des Mondes… Warum ich Sailor Moon heute so viel mehr liebe

Sailor Moon Herzenswelten Titelbild
Es war einmal ein kleines Mädchen… das rannte jeden Nachmittag eilig nach der Schule nach Hause, warf den Schulranzen in die Ecke, versuchte eilig die Kindersicherung zu knacken oder das versteckte Fernsehkabel ausfindig zu machen. Das alles bis 14.30 Uhr, dann stand nämlich das Pflichtprogramm auf RTL II an: „Sailor Moon“!

'Herzenswelten'? Was ist das?
Wir alle kennen diese Welten, die uns nie ganz loslassen. Ein Film, an dem Kindheitserinnerungen hängen, ein Spiel, in dem wir fast schon peinlich viele Stunden versenkt haben, ein Buch, das vom vielen Lesen schon fast auseinander fällt. Manchmal entdecken wir eine Geschichte und vergessen sie nie wieder. In der Gastpostreihe „Herzenswelten“ auf Geekgeflüster haben bereits 2017 12 Blogger ihre persönlichen Geschichten zu ihren Lieblingsgeschichten und -franchises erzählt. 2018 wird diese Aktion fortgeführt, nur dieses Mal erzählt ein neuer Schwung Autoren von Figuren aus Büchern, Spielen, Filmen oder Serien, die sie lieben. Alle Posts der Reihe findet ihr hier und eine Gesamtübersicht mit weiteren Informationen hier.

Das kleine Mädchen bin natürlich ich, obwohl meine kleine „Schilderung“ wohl auch auf viele andere meiner Altersgenossinnen zutreffen dürfte. Egal. Einer muss es ja schreiben: Sailor Moon ist meine große (Kindheits)Heldin und wird es auch immer bleiben. Mittlerweile renne ich zwar nicht mehr jeden Nachmittag zum Fernseher. Die Schule besuche ich auch schon lange nicht mehr und Streaming-Dienste erleichtern mir. Aber Sailor Moon liebe ich immer noch genauso. Vielleicht sogar heut noch viel mehr als noch vor knapp 20 Jahren.

Im Namen des Mondes… werde ich dich bestrafen!

Seien wir mal ehrlich: Wer kennt sie denn nicht? Das Mädchen mit den zwei Knödeln auf dem Kopf, die große Heulsuse im Kampf um Gerechtigkeit. Und wer hat in seiner Kindheit nicht wenigstens einmal versucht „Macht der Mondnebel – Macht auf!“ zu rufen und dann in einem knappen Matrosenkostüm bekleidet gegen Monster zu kämpfen. Ich würde jedenfalls lügen, wenn ich behaupten würde, es nur einmal probiert zu haben.

Über Jahre habe ich versucht, Szenen aus der Serie im Kinderzimmer nachzuspielen; habe mir ausgemalt, wie es wohl wäre selbst als Sailor-Kriegerin für Liebe und Gerechtigkeit zu kämpfen und dadurch das ein oder andere Mal dem langweiligen Schulalltag zu entkommen. Und wenn ich nach einem erneuten „Macht der Mondnebel“ mal wieder enttäuscht keine Veränderung feststellen konnte, so hatte ich mit 11 Jahren zumindest die Hoffnung, einfach noch zu jung zu sein. Jetzt weiß ich, dass der Zug längst abgefahren ist.

Faszination Magical Girls

Für all die unglücklichen, die jetzt nicht wissen wovon ich rede oder es sich zumindest einfach nicht eingestehen wollen: Sailor Moon ist eine Manga- und Anime-Serie aus den frühen 90ern. Im Zentrum des Geschehens steht die anfangs 14-jährige Usagi (in der deutschen Fassung „Bunny“ genannt) Tsukino, ein ganz normales Mädchen – bis sie eines Tages auf die sprechende Katze Luna trifft und fortan mit ihren Mitstreiterinnen als Sailor-Kriegerin die Erde gegen dunkle Mächten beschützen muss.

Kam euch der Plot bekannt vor? Dann müsst ihr euch eingestehen, entweder Sailor Moon oder zumindest eine von Sailor Moons Nachfolgerinnen gesehen zu haben: „Pretty Cure“, „Card Captor Sakura“, „Tokyo Mew Mew“, „Wedding Peach“, „Kamikaze Kaito Jeanne“, „DoReMi“ – heute gibt es nahezu unzählige der sogenannten „Magical Girl“-Serien und sie alle folgen Erfolgsrezept: Ein normales Mädchen, das durch einen magischen Gegenstand besondere Fähigkeiten erlangt und fortan gegen dunkle Mächte kämpfen muss.

Und obwohl es so viel erfolgreiche Konkurrenz gibt, obwohl die Heulsuse mit den Knoten im Haar im Grunde nicht viel anders macht als alle anderen seiner Art – „Sailor Moon“ ist einfach Kult und wird es für mich auch immer bleiben.

Gender Studies für Kinder oder was wir von Sailor Moon heute noch lernen können

Aber was macht Sailor Moon so besonders, wenn sich das Mädchen mit den Zauberkräften doch eigentlich gar nicht so von anderen unterscheidet?
Nichts und irgendwie doch alles – und damit auch alles, was Usagis Charakter auszeichnet: Eigentlich ist die Titelheldin alles andere als überdurchschnittlich begabt. Sie ist weder sonderlich gut in der Schule, etwas verweint und furchtbar ungeschickt – für so ein junges Mädchen wie mich damals also der perfekte Bezugspunkt. Wenn sich so jemand zur wohlgemerkt stärksten Kriegerin der Galaxie mausern kann, warum kann ich dann nicht auch ein wenig nach den Sternen greifen?

Was Usagi allerdings besonders macht – und diesen Charakterzug habe ich eigentlich erst in der letzten Zeit wirklich schätzen gelernt: Sie kann sich mit nahezu jedem anfreunden, ohne auch nur einen Gedanken darüber zu verschwenden, wen sie da vor sich hat, was andere denken könnten oder was irgendwie „normal“ sein sollte.

Und genau davon profitiert auch die gesamte Serie. Ich kenne kaum einen anderen Manga (schon gar nicht aus den 90ern), in der so viele unterschiedliche Charaktere auftreten und gemeinsam als Team agieren. In der es vollkommen egal ist, welche Interessen, Neigungen oder welches Geschlecht eine Figur besitzt. Vor allem kenne aber, kenn keine Anime- oder Manga-Serie, in der Themen wie Homosexualität, Transsexualität oder Hermaphroditen so selbstverständlich dargestellt werden, dass ein Kind gar nicht mehr auf die Idee kommen könnte, sie für seltsam zu halten. (Eines der schönsten Paare der gesamten Manga- und Animegeschichte sind für mich immer noch Sailor Uranus und Sailor Neptun.)

Knapp 20 Jahre sind nun vergangen, seit ich das erste Mal auf Sailor Moon gestoßen bin. Und obwohl ich damals vor allem von den ganzen Kostümen und Verwandlungssequenzen begeistert war, weiß ich jetzt, dass mich Sailor Moon noch ganz andere Dinge gelehrt hat: wie wichtig Freundschaft ist, dass Frauen mindestens genauso stark wie Männer sind, dass das Geschlecht eigentlich sowieso keine Rolle spielt und dass am Ende jeder einfach so ist wie er ist.

Ich glaube, dass ich durch dich zu einem viel offeneren Menschen geworden bin und dafür danke ich dir, Sailor Moon.

Über die Autorin

Cäcilia lebt in Leipzig und promoviert gerade an der Universität Leipzig zum Thema Audio Games. Seit 2015 führt sie gemeinsam mit ihrem Freund Thilo den Literatur- und Videospielblog schraeglesen.de, auf dem sich die beiden vor allem zu allen möglichen Formen des experimentellen Erzählens, aber auch Themen wie Videospielmusik oder Hör-Spielen austoben.

4 Kommentare

  1. Pingback: Blogophilie April-September 2018 | Miss Booleana

  2. Wahre Worte 😀 Sailor Moon hat meine Kindheit und Jugend auch sehr stark geprägt und v.A. mein Bild von Liebe und Gerechtigkeit – und das meine ich ernst, nicht nur als Wortspiel 😉
    Leider finde ich die Neuauflage Sailor Moon Crystal etwas blutleer … aber in die alten Folgen/Songs schaue/höre ich heute noch rein 🙂

  3. Hi,
    ein wirklich tolles Thema für ein Artikel. Ich war früher auch ein Sailor Moon Fan. Meine Freundinnen und ich haben uns alle nachmittags getroffen und uns zusammen Sailor Moon angeschaut. Ich habe auch fleißig mein Taschengeld gespart, um mir die neusten Mangas zu kaufen. Nur die neue Sailor Moon Serie “ Sailor Moon Crystal “ möchte ich leider garnicht. Die war mir viel zu animiert und die Sprüche haben mir nicht gefallen. Hast du dir das auch mal angesehen?

    Gruß

  4. Hallo!
    Ein wirklich toller Artikel, der mir meine eigene Kindheit wieder zurück gebracht hat. Auch ich liebte Sailor Moon und tue das heute noch. Ich sammle mittlerweile sogar die haltlos teuren Boxen, um wieder ein bisschen Kind zu sein.

    Liebe Grüße!
    Gabriela

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