Herzenswelten: Dante, Shakespeare und Entenhausen

Herzenswelten Entenhausen
Ich bin mir nicht mehr sicher, wie alt ich war, als ich das erste Mal mit Dantes „Inferno“ in Berührung gekommen bin. Ich weiß nur, nur dass ich noch sehr jung war. Beim Stöbern in den Bücherregalen meiner Eltern fiel mir ein zerfleddertes Heft entgegen, an dessen dunkelgrünen Einband mein Blick spontan hängen blieb. Die Seiten waren schon leicht vergilbt, der Umschlag abgegriffen, der Buchrücken voller Rillen vom Lesen und ein paar Seiten lösten sich schon aus dem Einband. Auf die Rückseite war Werbung für Cowboy und Indianer-Actionfiguren gedruckt und auf der Vorderseite las ich in großen, geschwungenen Lettern „Le Grandi Parodie“. Darunter: Mickey Maus und Goofy.

Es war einer der italienischen Comics, die eigentlich meinem Vater gehört haben und die er bis heute nicht mehr wieder gesehen hat, weil sie irgendwann heimlich in meinen Besitz gewandert sind. Noch von 1977, das erste Heft aus einer Reihe mit verschiedenen Klassikerparodien, und einer der Comicbände die ich immer und immer wieder gelesen habe. Da war es egal, dass ich eigentlich kein Italienisch konnte, dann mussten die Bilder einfach reichen. Und das taten sie auch.

'Herzenswelten'? Was ist das?

Donald Duck, der sympathische Dauerverlierer

Asterix, Lucky Luke, Garfield, Hägar und ganz vorne weg auch das Lustige Taschenbuch, das sind die Comics, mit denen ich aufgewachsen bin. Irgendwann habe ich mich auf Entenhausen versteift, der ewig perfekte Mickey war mir im Vergleich zu dem sympathischen Verlierer Donald viel zu langweilig. Während Mickey große Rätsel löst und Abenteuer erlebt, steht Donald im Stau. Und nur über seinem Auto hängt eine finstere Gewitterwolke, aus der es wie aus Eimern gießt. Rundherum: Strahlender Sonnenschein. Bei Donald liegt es auch nur in der Natur seiner Rolle als Pechvogel, dass er sich regelmäßig im Kampf um das Herz seiner Daisy gegen seinen Vetter Gustav Gans durchsetzen muss, der im Gegensatz zu ihm immer Glück hat. Überhaupt ist wahrscheinlich die einzige Person in Entenhausen, die vielleicht noch mehr Pech als Donald hat, nur einer seiner anderen Cousins, Dussel. Und der ist eigentlich nur – wie der Name schon sagt – so tollpatschig und treudoof, dass er das nicht merkt.

Donald dagegen hat ständig Pech und er weiß es. Bei seinem Erbonkel Dagobert hat er immer Schulden, was auch selbst in den meisten Parodien gilt, die außerhalb von Entenhausen spielen, seine Daisy ist ständig sauer, weil er ihr Blumen mitbringt, die er vorher aus ihrem eigenen Blumenbeet gerupft hat, und seine drei Neffen, für die er sorgen soll, haben auch nur Blödsinn im Kopf und fressen ihm die Haare vom Kopf. Und trotzdem: Wenn er kann, dann zahlt er die Schulden ab, führt seine Freundin aus und gibt Tick, Trick und Track ihr Taschengeld. Donald hat selten Glück, aber er bleibt immer auf eine liebevolle Art sympathisch.

Entenhausen ist mehr als nur Albernheit

Dieser Sympathie für Entenhausen und Donald Duck im Allgemeinen entsprechend hießen ein paar meiner ersten Heldinnen eben auch Daisy Duck oder Gundel Gaukeley. Erstere, weil sie sich nichts gefallen lässt, und letztere, weil sie nie aufgibt. Gundel, eine Hexe mit Haus am Vesuv, versucht als Onkel Dagoberts Erzfeindin immer und immer wieder seine erste selbstverdiente Münze zu stehlen. Natürlich erfolglos, aber das ist nichts, wovon sich Gundel aufhalten ließe. Genau diese Kleinigkeiten, die sich vielleicht in der Summe der Geschichte noch so sehr wiederholen, machen Entenhausens Bewohner so liebenswert. Allem kann auf eine unangepasste Art etwas Positives abgewonnen werden.

Dazu kommt, dass so oft auch die Details der Parodien mit den Ducks stimmen. Wenn in „Duckspeares gesammelten Werken“ die „Tragische Geschichte von Don-Romeo und Julia“ erzählt wird, dann weckt Daisy (Julia) ihren Donald (Romeo) und spricht natürlich davon, dass sie eine Nachtigall gehört habe. In „Kampf der Zauberer“ heißt Donalds Drache selbstverständlich Fafnir und in „Im Dienste Ihrer Majestät“ wird der Musketier Donaldamis losgeschickt, um die Juwelen der französischen Königin aus England zu holen. Nicht alles ist wichtig oder etwas, das man immer verstehen muss, um der Geschichte zu folgen, aber am Ende gibt es eben immer wieder eine zusätzliche Dimension, die so viel Spaß macht. Für mich waren als Kind Hefte wie „Le Grandi Parodie“ oder „Mit Mantel und Degen“ auch nur Sammlungen von Geschichten mit den Figuren, die ich eben kannte, als Erwachsene verstehe ich die Anspielungen und amüsiere mich auf neue Weise darüber.

Mit den Ducks habe ich so über die Parodien viele Klassiker kennen gelernt bevor ich überhaupt die Originale kannte. Von „Die drei Musketiere“ über Dantes „Inferno“ bis hin zu Shakespeare. Ich habe meine Liebe zu der Art Figuren entdeckt, die immer ein wenig unangepasst sind und ihre Kanten haben. Aber sehr viel wichtiger: Sie haben mich seitdem nie wieder ganz losgelassen.

 

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3 Kommentare

  1. Pingback: Herzenwelten: Eine weit entfernte Galaxis – Mein Gastbeitrag für Geekgeflüster.de

  2. Sehr schöner Text, der mir aus dem Herzen spricht. 🙂

    Als ich ein Kind war, hatte ich es einmal gewagt, vor meiner Tante ein LTB auszupacken, um es zu lesen. Sie war gar nicht begeistert darüber und sagte, ich solle doch lieber ein ordentliches Buch lesen als diesen „Schund“.

    Rückblickend gesehen, ärgert es mich ein wenig, sie nicht überzeugt zu haben, dass Micky und Donald aufgrund der zahlreichen Parodien und Anspielungen mir das nötige Grundwissen über Literatur, die ich vielleicht wegen des „trockenen Stoffs“ nicht angerührt hätte, vermittelt haben. ^^“

    Ich bin auch ein großer Donald-Fan. Micky ist okay, ich mag’s lieber, wenn er als Detektiv im Trenchcoat auftritt, da ich es liebe mitzuspekulieren. Es gab da in einem LTB mal einen tollen Fall, wo Micky vergiftet worden ist und auf der Suche nach einem Gegengift ist. Erst letztes Jahr habe ich einen Film Noir-Film aus den frühen 50ern gesehen (D.O.A. – Bei Ankunft Mord) und war überrascht von der vertrauten Handlung. Und das, obwohl es schon ziemlich lang her ist, seit ich diesen Micky-Comic gelesen habe. Solche Zufälle mag ich. 🙂

    • Diese „Da war doch was“-Momente hatte ich ganz besonders, als ich angefangen habe, mich mehr mit römischer Geschichte zu beschäftigen, weil ich immer Asterix gelesen habe und da ja querbeet ALLES zitiert wird, was es irgendwie auf Latein gibt. (Manchmal ja auch Bibelzitate, die es vor Christus eindeutig nicht gegeben haben kann :D) Wenn in „Asterix und die Lorbeeren des Caesar“ die Anwälte als running gag eben immer „cetero censeo carthaginem esse delendam“ brüllen, bleibt das nun einmal hängen. (Jedenfalls bei mir^^) 😉 Und gute Parodien sind sowieso eine Kunst, deshalb mag ich auch Entenhausen-/Disney-Comics von italienischen Autoren/Zeichnern aus den 70er/80er Jahren sehr gerne, da gab es ein paar coole Parodien, auch z.B. auf Leonardo da Vinci (ich glaube sogar mit Goofy als Leonardo, wenn ich mich jetzt richtig erinnere :D).

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