Herzenswelten: Elizabeth Swan – Hoist the Colors!

Herzenswelten Fluch der Karibik Elizabeth Swan
Fluch der Karibik ist einer der wenigen Filme, die während meiner Kindheit und Jugend herauskamen, die ich damals mochte und bis heute mag, auch wenn die Gründe dafür sich geändert haben. Dasselbe gilt für die beiden folgenden Filme, „Dead Man’s Chest“ und „At World’s End“, wenngleich nicht für die beiden neueren Einträge des Franchise. Einer der Gründe dafür und ein Charakter, zu dem sich meine Einstellung über die mittlerweile 15 Jahre, seit der erste Film erschien, grundlegend geändert haben, heißt Elizabeth Swan.

'Herzenswelten'? Was ist das?
Wir alle kennen diese Welten, die uns nie ganz loslassen. Ein Film, an dem Kindheitserinnerungen hängen, ein Spiel, in dem wir fast schon peinlich viele Stunden versenkt haben, ein Buch, das vom vielen Lesen schon fast auseinander fällt. Manchmal entdecken wir eine Geschichte und vergessen sie nie wieder. In der Gastpostreihe „Herzenswelten“ auf Geekgeflüster haben bereits 2017 12 Blogger ihre persönlichen Geschichten zu ihren Lieblingsgeschichten und -franchises erzählt. 2018 wird diese Aktion fortgeführt, nur dieses Mal erzählt ein neuer Schwung Autoren von Figuren aus Büchern, Spielen, Filmen oder Serien, die sie lieben. Alle Posts der Reihe findet ihr hier und eine Gesamtübersicht mit weiteren Informationen hier.

I think it’d be rather exciting to meet a pirate.

Ich war 13, als der erste Film herauskam. Es war der erste FSK 12 Film, den ich ohne einen Erwachsenen gesehen habe. Und das, obwohl ich den Film damals nicht einmal hatte sehen wollen. Ich mochte mich als Kind und Jugendliche nie gruseln und der Trailer erschien mir mit den Skelettpiraten doch sehr gruselig. Dennoch ging ich mit einer guten Freundin in den Film und war begeistert. Als wir damals aus dem Kino kamen, haben wir während wir darauf warteten vom Kino abgeholt zu werden, mit Stöcken gefochten und die Parkmauer in der Nähe des Kinos als Planke hergenommen.

Natürlich stand damals fest, wer der beste Charakter des Films war: Jack Sparrow. Barbossa und der Affe waren auch ganz cool. Alle anderen? Meh. Orlando Bloom mochte ich eh nicht, weil er mir Legolas ruiniert hatte, und Elizabeth? Das war doch voll die Mary Sue! Überhaupt, wer will überhaupt diese Liebesgrütze sehen, wenn es Piratenabenteuer gibt?

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass sich diese Einstellung zu diesen beiden Charakteren auch nicht änderte, als 2006 und 2007 die Fortsetzungen erschienen. Vor allem „At World’s End“. Oh, wie habe ich es gehasst, wie sehr Liz im Mittelpunkt stand! Ich habe damals auch furchtbar über Keira Knightley, die dafür nun gar nichts konnte, gelästert. Über diverse Dinge, die ich über die Dreharbeiten gehört hatte. Denn Fluch der Karibik war einer der ersten Filme, bei denen ich mich intensiv mit dem Entstehungsprozess eines Films, von Pre- zu Post-Production beschäftigte. Kurzum: Ich hatte nicht die beste Meinung zu diesem Charakter und wenn ich bis heute in Foren schaue, wo die Filme diskutiert werden, so war ich nicht allein.

Aber warum ist Elizabeth dann heute mein Herzenscharakter? Nun, weil sich die Dinge geändert haben.

Parlay. I invoke the right of parlay. According to the Code of the brethren, set down by the pirates Morgan and Bartholomew , you have to take me to your Captain.

Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht, was die Änderung auslöste. Vielleicht war es, dass ich begann, Johnny Depp und dadurch auch den Charakter Jack Sparrow (zumindest den Jack Sparrow, der Filme, der immer schwer für mich von Johnny Depp zu trennen war, da Schauspieler und Charakter einander so immens geprägt hatten) kritischer betrachtete. Vielleicht war es aber auch erst „On Stranger Tides“, in dem ich Elizabeth und Will schmerzlich misste.

Jedenfalls begann ich mehr und mehr damit, mich mit den verschiedenen Charakterarcs in dem drei Filmen zu beschäftigen. Mit Charaktermotivation und -entwicklung. Und ich bekam viele der geschnittenen Szenen zu sehen. Und auf einmal war ich mit Elizabeth fasziniert, denn sie ist ein faszinierender Charakter und zudem das nächste, was wir an einem POV-Charakter in den Filmen haben.

Ich schrieb damals auch einmal eine mehrseitige Abhandlung als Verteidigung des Charakters. Denn nach einigem Nachdenken erschienen mir so viele Dinge, die über sie gesagt werden, als unfair, obwohl ich lange Zeit genau dasselbe gesagt hatte. Vieles davon war falsch. Falsch, oder irrelevant. Ich denke in diesem Blog muss ich nicht erwähnen, wie albern die Forderung nach „historischer Korrektheit“ ist, speziell wenn diese an falsche oder veraltete Vorstellungen, wie Frauen in einem pseudo-historischen Setting zu sein haben, gebunden war.

But you’re Captain Jack Sparrow. You vanished from under the eyes of seven agents of the East India Company. You sacked Nassau Port without even firing a shot. Are you the pirate I’ve read about or not?

Elizabeth ist an sich eine interessanter Wish Fullfillment Charakter, nur dass sie von Mädchen und Frauen kaum als solcher angenommen wurde. Lasst mich diese Aussage als Sprungbrett (oder Planke) nehmen, um auszuführen, warum ich Elizabeths Arc so liebe und warum ihr die Filme aus ihrer Perspektive betrachtet interessanter finde, als aus jeder anderen Perspektive.

Elizabeth ist privilegiert. Sie ist aus reichem Haus. Ihr Vater ist Gouverneur. Aber ihr Vater ist auch alleinerziehend seit dem nicht näher definierten Tod ihrer Mutter in Elizabeths früher Kindheit. Da ihr Vater sie wirklich liebt und umsorgt, darf sie viel, aber gleichzeitig auch nicht. Wir sehen, dass sie sich für Schiffe und Seefahrt interessiert, eine Karriere, die ihr allerdings verwehrt ist. Und sie ist fasziniert von Piraten, wie wir in der allerersten Szene der Filme sehen. Wir wissen auch, dass sie viel über Piraten liest. Geschichten, die – wie uns die Filme zu verstehen geben – für eine junge Dame nicht als angemessen gelten.

Die Filme sind in ihrer Symbolik nicht gerade vage. Elizabeth fühlt sich von den gesellschaftlichen Erwartungen an sie gefangen, in ein Korsett gezwängt, sozusagen. Die Bücher und die Fantasie des Piratendarseins sind für sie Escapismus. Wir wissen, dass zu diesen Büchern auch Geschichten über einen gewissen Jack Sparrow gehören (laut Zusatzmaterialien hat ein Autor dessen Abenteuer in eine Art Groschenromane gefasst). In dem Moment, wo Elizabeth sich von den Erwartungen der Gesellschaft wirklich erstickt fühlt, dem Moment, als sie sich einem Leben an Land und in Ehre versprechen soll, als Norrington um ihre Hand anhält, wird Jack Sparrow, der Held dieser Geschichten auf einmal real und rettet sie wortwörtlich vor dem Ertrinken. Wie gesagt, subtil ist etwas anderes.

Von da an, passieren viele Dinge. Die Abenteuergeschichten werden auf einmal real, da sind Zombiepiraten, denen Elizabeth sich erwehren muss. Vieles ist, wie in ihren Geschichten, anderes nicht. Der Moment, den ich im ersten Film heute am meisten Liebe, ist ihre Desillusionierung mit Jack auf der Insel, als ihr klar wird, dass er wirklich nur ein Mann ist. Ein Mann, mit sehr viel Glück, aber nur ein normal sterblicher Mann.

I expect, then, that we can come to some sort of understanding. I’m here to negotiate.

Auch andere Szenen finde ich speziell aus Elizabeths Perspektive so viel interessanter. Beispielsweise den Kontrast von Elizabeth unter Piraten und Elizabeth unter der Marine. Als Elizabeth im Finale des ersten Teils zurück auf der Dauntless ist und sie dieses Mal wortwörtlich eingesperrt wird, sich dieses Mal aber selbst befreit, um ihrerseits Will zu retten, da ihre Warnungen in der Marine niemand für voll nimmt, während sie unter den Piraten, selbst als Gefangene, durchaus ernst genommen wurde. Vor allem hinterfragt niemand ihr Wissen über Schiffe und ihre Taktik – Dinge, die sie sich angelesen hat.

Elizabeth ist auch der Grund, warum ich aus heutiger Sicht anders als so viele Teil 2 und 3 weiterhin sehr mag. Die Filme erweitern ihr Charakter-Arc deutlich, machen es auch zufriedenstellender, als der erste – zumindest für mich. Ich liebe, wie sie im zweiten Teil selbst entkommt, wie sie Beckett herausfordert. Ich liebe, wie sie es schafft, durch Intelligenz nach Tortuga zu kommen. Ich liebe auch ihre Szenen mit Norrington und Jack danach.

Generell finde ich ihre Interaktionen mit den Herren in den Filmen interessant, da sie alle unterschiedliche „Leben“ für Elizabeth repräsentieren. Speziell natürlich die drei zentralen Herren: Jack, Will und James. James Norrington steht für das gesellschaftlich erwartete Leben, Jack für die Freiheit, die sie sich wünscht und ersehnt, dafür diese gesellschaftlichen Erwartungen komplett abzuwerfen, Will für ein Mittelmaß. Zumindest ist es leicht, das so zu interpretieren.

Ironischerweise ist für mich allerdings die liebste „Beziehung“ Elizabeths eine, die kaum Aufmerksamkeit bekommt. Da es keine romantische Beziehung ist und der Herr in Frage nie versucht sie zu küssen und nicht in Folge dessen stirbt: Barbossa. Ich liebe die wenigen Interaktionen, die die beiden in Teil 3 haben. Mein persönlicher Headcanon ist es, dass die beiden nach dem Ende eine Weile durch die Weltgeschichte segeln.

Then what shall we die for?

Das ich das offizielle Ende von Elizabeths Geschichte irgendwie unzufriedenstellend finde, muss ich nicht erwähnen, oder? Warum geht sie am Ende an Land? Wo geht sie überhaupt hin? Und warum? So sehr ich Teil 3 auch liebe, finde ich Elizabeths Ende etwas seltsam. Sie wird über die ganzen Filme hin selbstbewusster und sucht immer mehr ihren eigenen Weg, findet Kraft in sich selbst, genug um am Ende die Anführerin der Piraten gegen eine extreme Übermacht zu sein, um dann … Zurück nach Port Royal zu gehen und ein friedliches Leben zu leben? Das macht aus dem Charakter, der präsentiert wird heraus wenig Sinn. Natürlich hätte man so eine Geschichte erzählen können, eine Geschichte über einen Charakter, der nach Freiheit strebt und am Ende sich nach Geborgenheit sehnt, aber das war nicht Elizabeths Geschichte.

Aber bevor ich hier in einen Rant verfalle, belasse ich es dabei, um zu meinem letzten Punkt überzugehen. Nämlich den Grund, warum ich Elizabeth als Jugendliche*r nicht mochte. Denn dieser Grund ist aus heutiger Sicht mehr als klar: Internalisierte Misogynie. Ich habe die Filme als eine „Männergeschichte“ wahrgenommen und Elizabeth als einen weiblichen Charakter, der den Männern die Show stiehlt. Was Unsinn ist. Elizabeth ist zumindest ein gleichberechtigter Hauptcharakter zusammen mit Will.

Aber ja, vor allem ist sie eins. Einer meiner absoluten Herzenscharaktere. Elizabeth ist ein Charakter, der mich gelehrt hat, eine Filmreihe, die meine Jugend maßgeblich beeinflusst hat, in einem komplett anderen Licht zu sehen. Sie ist ein Charakter, der mir klargemacht hat, dass coole weibliche Charaktere auch Kleider tragen können. Sie ist ein Charakter, der mir geholfen hat, maßgeblich eigene Vorurteile zu erkennen. Vor allem aber ist sie ein Charakter, der mir bei jedem Mal immer wieder Spaß macht. Für mich ist sie einfach meine Piratenheldin. Sie gehört für mich zu Fluch der Karibik einfach dazu! Wäre sie nicht, würde ich das Franchise, das für mich nachwievor zu den liebsten gehören, weit weniger mögen. Sie ist klasse.

Über den Autor

Alex lebt in Münster, wo xier gerade den Master in Wirtschaftsinformatik macht. Zusammen mit xierem Freund hat xier gerade xieren Debütroman „Der Schleier der Welt“ herausgebracht. Wenn neben Schreiben und Uni noch etwas Zeit bleibt, schaut Alex gerne Filme, spielt Videospiele, kümmert sich um eine Horde Ratten und nerded über Mythologie.

1 Kommentare

  1. Pingback: Babsi taucht ab (September 2018) • BlueSiren

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