Helden sind tot: Wie Fatalismus als Realismus verkauft wird

Wir leben in Zeiten, in denen Fiktion im Allgemeinen immer wieder so realistisch wie möglich sein soll. Alles braucht eine Erklärung und jede Tat soll möglichst brutale Konsequenzen haben. Aber entgegen der Bezeichnung hat Realismus nur begrenzt etwas mit der Realität zu tun.

Sex, Mord und Intrigen

„Crusader Kings 2“ ist wahrscheinlich aktuell der größte und interessanteste Vertreter für mittelalterlich inspirierte Globalstrategiespiele. Vom Frühmittelalter bis zum Fall Konstantinopels 1453 können Spieler darin die Kontrolle über eine einzelne Adelsfamilie übernehmen und versuchen, in den Jahrhunderten, die folgen, möglichst nicht auszusterben und im Idealfall dabei auch noch ein möglichst großes Reich aufzubauen. Dabei grätscht dann durchaus auch einmal die eigene Familie in diese Pläne, deren Mitglieder alle eigene Charaktereigenschaften und Zu- wie Abneigungen entwickeln und damit auch gerne mal ihr eigenes Dynastieoberhaupt und dessen Pläne untergraben.

So können sowohl Herrscher als auch NPCs die Eigenschaft „wahnsinnig“ (im Original „lunatic“) entwickeln und damit für ordentlich Unruhe sorgen. Figuren mit dieser Eigenschaft verhalten sich merkwürdig und unlogisch, noch dazu in einer Weise, die den Spieler oft genug vollkommen machtlos zurück lässt. Je nach Event ernennt er einfach sein Lieblingspferd zum Kanzler, reißt sich vor dem Hofstaat die Kleider vom Leib, um den Mond anzuheulen, oder erlässt sinnlose Gesetze, die sämtliche Vasallen vor den Kopf stoßen, ohne dass man die Gelegenheit hätte, dem entgegen zu steuern. Ich mag diese Eigenschaft, weil sie ein paar absurdere Episoden in der Geschichte einer Dynastie ermöglicht und sogar erzwingt. Das ist deshalb etwas Gutes, weil es gleichzeitig immer wieder dem Herrscherbild eines bösen Masterminds entgegen geht, das das Spiel sonst gerne propagiert. „Crusader Kings 2“ ist im Grunde ein spielgewordenes „Game of Thrones“. Gefälschte Rechtsansprüche, Zwangsheirat, Intrigen, Mord und zur Not eben Krieg, wenn sonst nichts mehr hilft. Nicht umsonst ist der passende Westeros-Mod mit einer der beliebtesten unter Fans des Spiels und nicht umsonst gibt es ein Achievement sowohl für Inzest als auch für die Ermordung des eigenen Ehepartners.

Pferd Kanzler Crusader Kings 2

Das alles ist typisch für eine bestimmte Idee von Realismus. Unter der Prämisse eines finsteren Mittelalters im Stil von „Game of Thrones“ lässt sich munter durch die Gegend intrigieren und morden bis auch der letzte Vasall spurt. Untermalt wird das alles mit Wikipedia-Verlinkungen im Profil von historischen Persönlichkeiten, was eine gewisse Illusion von historischer Korrektheit vermittelt, die aber in der Realität – wie zu erwarten und zum Glück – zu Gunsten des Spiels zurückstecken muss. „Crusader Kings 2“ transportiert so zum Beispiel Ideen zentralistisch organisierter Nationalstaaten, die es auch braucht, damit das Spiel gemäß seinen Regeln funktionieren kann, allerdings sind Fragen von Korrektheit an dieser Stelle längst nicht mehr relevant. Ohnehin ist „Crusader Kings 2“ vermutlich dann am besten, wenn das Spiel sich von seiner Vorlage löst und durch Zufall oder Spielerintervention eigene Geschichten erzählt, aber die Idee von zynischen Machtmenschen, die ihre Freunde klein und ihre Feinde kleiner halten, bleibt. Und genau darin offenbart sich eine weitere Ebene von Echtheitsbestrebungen, die fast nichts mehr mit dem Wunsch nach einer faktischen Korrektheit oder – bei einem historischen Setting wie „Crusader Kings 2“ – zu tun hat, sondern viel mehr mit der Art, wie inzwischen sehr oft „Realismus“ konzipiert wird.

Westeros statt Disneyland

George R.R. Martin hat mal in einem Interview abfällig von „Disneyland Middle Ages“ gesprochen, was auf eine idealisierende Form von Fantasy gemünzt war, das er mit seinen Büchern nicht bedienen wollte. Stattdessen ließ er in diesem Interview durchblicken, dass er eine Art Echtheitsanspruch in Bezug auf seine Welt hätte. Dieser Anspruch ist grundsätzlich einmal eng mit Vorstellungen von Authentizität und dem „Finsteren Mittelalter“ verbunden, aber auch mit einer Idee von Realismus, die weit über Fantasy oder historisch inspirierte Geschichten hinaus geht.

Moderner Realismus wird – zumindest in phantastischen und historisch inspirierten Genres der Popkultur – oft anhand von Brutalität gemessen. Die Serie „Vikings“ wird immer mal wieder als realistische Wikinger-Geschichte genannt, weil darin eine blutige Kampfszene die nächste jagt, „Game of Thrones“ steckt schon lange in einer nicht enden wollenden Spirale aus sich selbst übertrumpfen wollender Brutalität, die genau dadurch jede Bedeutung verliert und damit Martins Realitätsanspruch vielleicht ursprünglich mal zu bedienen versucht hat, aber inzwischen vollkommen überdreht, und selbst ursprünglich einmal von Grund auf idealistisch angelegte Geschichten und Figuren wie Superhelden benutzen inzwischen Gewalt und Misstrauen, um einen gewissen Echtheitsanspruch zu vermitteln und innerhalb ihrer Genres realistischer als andere zu wirken.

Das ist eigentlich paradox, denn tatsächlich bildet Realismus natürlich nie eine tatsächliche Realität ab, sondern tauscht im Grunde nur die Linse aus, durch die Fiktion einem Rezipienten präsentiert wird. Konsequenzen, die ganz offensichtlich eintreten müssten, aber für eine schön erzählte Geschichte oder ein angenehm spielbares Spiel von den entsprechenden Machern gerne mal ignoriert werden, treten plötzlich ein. Von einem Moment auf den anderen werden Helden, an denen vielleicht sonst alles abgeprallt wäre, mit einer Idee von Realität konfrontiert, der sie plötzlich machtlos gegenüber stehen. Die Idee des klassischen Helden wird in die Tonne getreten, denn Helden zeichnen sich dadurch aus, dass sie außergewöhnlich sind, und mit dieser Machtlosigkeit werden sie plötzlich fehlbarer und menschlicher.

Von den Konsequenzen eingeholt

Ned Stark benimmt sich genauso wie jede heldenhafte Ritterfigur vor ihm: Er hat moralische erhabene Werte und Motivationen, glaubt an Recht, Ordnung und seinen König und will ein Unrecht aufdecken. Dabei benimmt er sich sogar so anständig, dass er seine Feinde vorwarnt, weil er Mitleid mit ihnen und ganz besonders mit Cerseis Kindern hat. Diese Art von moralisch erhabenen Helden gab und gibt es in Fantasy und allgemein mittelalterlich inspirierter Fiktion ohne Ende. Sie glauben an die richtigen Dinge und stehen für das Richtige ein, kurz: Man könnte ihnen auch einfach einen riesigen „Good Guy“-Stempel auf die Stirn drücken. Und weil sie die Guten sind, gewinnen sie. Das ist nicht logisch, sondern eine erzählerische Konvention, die auf ein glückliches Ende zusteuern will. George R.R. Martins Realismus äußert sich im Plot eigentlich nur darin, dass er diese Konvention nimmt und statt sie zu bedienen, sie mit den für alle eigentlich ganz offensichtlichen Konsequenzen praktisch zu Konfetti verarbeitet. Es war nie logisch, dass eine Figur wie Cersei Lannister, die so sehr als skrupelloser, machthungriger Bösewicht gezeichnet wurde, einfach tatenlos zusieht, wie Ned ihr Leben ruiniert, aber die Konvention, dass die Guten im Allgemeinen eben gewinnen, machte es wahrscheinlich.

So ein Spiel mit Konsequenzen ist vor allem deshalb interessant, weil es die eigene Zielgruppe aufs Glatteis führen und damit geschickt überraschen kann. Niemand erwartet, dass der Drache den Helden einfach bei erster Gelegenheit auffrisst und die Prinzessin im Hort gefangen bleibt. Zum einen, weil damit der grundlegende Konflikt der Geschichte nicht gelöst worden wäre, und zum anderen, weil wir daran gewöhnt sind, dass der Held in dieser Geschichte gewinnt. Vielleicht könnte er sogar nackt vor dem Drachen stehen, für ein klassisches Happy End muss er gewinnen. Das offensichtliche Problem, dass der Drache groß und gefährlich ist, und die daraus folgende Konsequenz, dass unser Held vielleicht am besten nicht allein antreten sollte, wenn er nicht zum Mitternachtssnack werden möchte, werden zu Gunsten einer schönen Geschichte, in der am Ende alles gut wird, ignoriert. Der Bruch mit dieser Art von Traditionen ist das, was Westeros im Allgemeinen so interessant gemacht hat. Denn wenn ich mich auf meine Erwartungen und Genregewohnheiten nicht mehr verlassen kann, dann kann eigentlich alles nur überraschend kommen.

Der springende Punkt ist allerdings der: Diese Art von Realismus bringt Fiktion nicht zwingend näher an die Realität, sondern streut nur ein paar mehr Konsequenzen oder Tabubrüche mit ein. Das ist im Übrigen auch etwas, das man den entsprechenden Künstlern nicht vorwerfen kann, denn die Realität erzählt keine guten Geschichten. Die Realität ist chaotisch, komplex und immer wieder von bedeutungslosen Zufällen geprägt, die keinerlei Stringenz ergeben. Der brutale Realismusanspruch von „Game of Thrones“, „Crusader Kings“ oder auch Serien wie „Vikings“ tauscht dabei im Grunde nur eine überzeichnete Idee gegen eine andere. In diesem Fall die eines romantisierten Mittelalters, in dem die Welt sozusagen noch in Ordnung war, gegen die einer finsteren Version der Epoche voller Mord, Intrigen und Hexenverbrennungen. (Wovon letzteres übrigens nach wie vor nicht in diese Epoche gehört.)

Keine Annäherung, sondern eine Entfernung von einer Realität

Nur ist dieser Realismus nicht auf mittelalterlich inspirierte Szenarien beschränkt. Ob „Jessica Jones“, „Godless“, „Peaky Blinders“ oder wahlweise einfach irgendeine Geschichte der letzten paar Jahre, die entscheidend von einer gewissen Brutalität und vielleicht auch brutalen Ästhetik lebt oder es zumindest versucht. Dahinter steht tatsächlich nur ein gewisser Fatalismus, der davon ausgeht, dass im Zweifelsfall nichts besser, sondern alles schlimmer wird. Die Figuren sind selbstsüchtig und tun wenig bis nichts, wenn es ihnen persönlich nicht direkt etwas bringt, was so weit geht, dass selbst Superman, der doch eigentlich ein Inbegriff für selbstlose Rettungen ist, in den Filmen eigentlich sich fast nur wie ein Held benimmt, weil er seine Freundin retten will.

Dazu kommt, dass dieser Fatalismus mit Realitätsanspruch gleichzeitig interessanter Weise sich stilistisch mehr und mehr von der Realität entfernt. Wo die Figuren und ihre Motivationen für eine Annäherung an eine Realität eigentlich komplexer werden müssten, wird in diesem Realismus auch wieder nur vereinfacht, nur mit dem Unterschied, dass dieses Mal nicht alles gut, sondern alles schlecht ist. Jessica Jones trinkt nicht nur zu viel und kämpft mit ihren eigenen Dämonen, sondern will auch eigentlich gar keine Heldin sein. Tommy Shelby sehnt sich zwar nach einem respektablen, ruhigen Leben, aber genau dieses Ziel wird immer wieder dadurch verhindert, dass er schlicht und ergreifend ein machthungriger, skrupelloser Gangster ist. Und die „Game of Thrones“-Serie verliert sich ohnehin darin, dass alle Figuren immer grausamer werden und wird genau dafür noch immer gefeiert.

Helden sind tot

Und nicht nur düster angelegte Szenarien werden davon geprägt. Modernes Fantasy kennt auf ganzer Bandbreite praktisch keinerlei Vertrauen in mehr oder weniger staatliche Strukturen. Die „Dragon Age“-Reihe hat so zum Beispiel eigentlich einen sehr positiven Grundtenor von ehrenhaften Heldentum, Freundschaft und Weltenrettung, ist aber gleichzeitig eigentlich eine Aneinanderreihung von Episoden, in denen die Strukturen versagen, die die Allgemeinheit schützen sollten. Könige, Generäle, Wächter, Templer, Magier, Kirche. Welche Organisation auch in den Fokus der Geschichte rückt, sie stellt sich erst einmal als korrupt und kaputt heraus und kann im besten Fall durch den entsprechenden Helden erneuert werden.

Szenarien, in denen es entsprechend des Stils und der Genrekonvention vollkommen legitim wäre, ein Bild von guten Königen und selbstlosen Rittern zu zeichnen, sind davon weitgehend abgekommen und nutzen nur noch einzelne Vertreter dieser Gruppen als positive Gegenbeispiele und Ausnahmen. Das ist deshalb interessant, weil es verdeutlicht, dass der eben angesprochene Realismus nicht nur ein Phänomen ist, dass sich auf düstere Geschichten beschränkt. Es verdeutlicht: Irgendwie sind wir an einem Punkt angelangt, an dem eine fatalistische Linse scheinbar mehr Realität in eine Geschichte bringen soll.

Trotzdem bildet dieser Realismus immer noch nicht die Realität ab und das ist gut so. Realität erzählt keine guten Geschichten. „Nach einer wahren Begebenheit“ ist nur deshalb interessant, weil das „nach“ Teil dieser Floskel ist und es bedeutet, dass Teile der Realität so verändert wurden, dass sie in eine stringente Form passen und eben doch eine gute Geschichte ergeben. Das bedeutet auch, dass Realismus im Allgemeinen und auch in einer fatalistischen Ausprägung nicht alternativlos ist. Und auch das ist eigentlich ganz gut so.

Artikelbild: „Action Figure“ (https://www.flickr.com/photos/enerva/16319019095/) von „Sonny Abesamis“ (https://www.flickr.com/photos/enerva/, CC BY 2.0)

10 Kommentare

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  4. Hi Aurelia,
    ich verstehe, was du mit „fatalistischer Linse“ meinst, und dass das auch nichts mit „Realismus“ zu tun hat.
    Im Falle von A Song of Ice and Fire würde ich aber vor allem Martins Aussage betonen, er wolle zeigen, „what those societies meant and how they functioned.“ (also die dargestellten mittelalterlichen Gesellschaften). Ich bin der Meinung, er wollte psychologische Komplexität ins High Fantasy-Genre bringen, und ich finde, das ist auch seine größte Lesitung. Bei Herr der Ringe sind alle Charakter entweder gut oder böse. Bei A Song of Ice and Fire haben alle Charaktere bis vielleicht auf zwei Graustufen. Niemand ist nur gut oder nur böse, jeder hat seine Fehler, auch Ned ist nicht moralisch nur erhaben. Er ist eigentlich mehr der naive Trottel, der einem nur Leid tut, weil er sehenden Auges ins offene Messer rennt.
    Und was die Gewalt angeht: In den Büchern hat sie erstens nicht so einen Selbstzweck wie in der Serie. Und zweitens war es glaube ich Martins Ziel, die Folgen von Krieg für das normale Volk darzustellen und die waren nunmal grausam. Da wurde vergewaltigt und geplündert und was weiß ich. Also ich glaube, es ging ihm nicht darum zu zeigen: „Es geht eh alles den Bach runter“ im Sinne von Fatalismus, nur um des Fatalismus willen, sondern die wirklichen Folgen von Krieg aufzuzeigen, wie sie auch heute noch vorkommen.Man könnte die ganze Handlung auch ins 18. Jahrhundert versetzen oder ins 20 Jahrhundert.
    Bei Jessica Jones hab ich jetzt mehr die Anlehnung ans Film noir-Genre gesehen, wo es ja auch immer einen alkoholkranken Protagonisten gibt, der an sich zweifelt. 😉
    Sehr gut überlegter Artikel, jedenfalls! Hab ihn sehr gern gelesen!
    LG, Sabine

    • Hi Sabine, erstmal danke für deinen Kommentar 🙂
      Zu Martin und A Song of Ice and Fire: Der springende Punkt ist, dass wenn Martin sagt, dass er nicht „Disneyland“ darstellen will, sondern zeigen will, wie mittelalterliche Gesellschaften (oder sei es auch nur die der Rosenkriege in England, von denen er sich ja inhaltlich mehrmals hat inspirieren lassen) funktioniert hätten, dann erhebt er einen Authentizitätsanspruch, der genau in die Realismuskerbe schlägt, die ich in meinem Text anspreche. Das ist im Grunde das Pendant zu historischer Korrektheit o.ä. aus dem Histo-Genre, nur dass Fantasy eben nicht direkt aus historischen Ereignissen schöpft und damit sich normalerweise nur an gesellschaftlichen Phänomenen statt an Jahreszahlen bedient. Das mit der psychologischen Komplexität mag stimmen, hat aber wenig mit Martins Authentizitätsanspruch auf gesellschaftlicher Ebene zu tun. Und auch wenn Ned im Buch komplexer ist als in der Serie, erfüllt er eben doch den Helden-Trope, auf den ich mit der Beschreibung von moralisch erhaben etc. in erster Linie anspiele, von dem man es immer gewöhnt war, dass der den Tag rettet und gewinnt. (Oder zumindest nicht nach dem ersten Spannungsbogen stirbt.) Die Gewalt dagegen war tatsächlich auf die Serie bezogen und wie die meiner Ansicht nach Martins Realismusanspruch interpretiert und als pure Effekthascherei überdreht. (Das sieht man soweit ich das überblicke oft am besten an den Abweichungen von der Buchvorlage wie bei dieser unglaublich merkwürdigen Szene an Joffreys Leiche, die im Buch durch eine veränderte Chronologie anders angelegt war.)
      Abgesehen davon denke ich auch nicht, dass Martin seinen Realismus als fatalistisch angesehen hat, als er sich an die Bücher gesetzt hat, sondern dass wir heutzutage aufgrund unserer Erzählgewohnheiten Realismus allgemein auf eine fatalistische Weise definieren. Eine Geschichte wird heutzutage sehr viel schneller als realistisch angesehen, wenn alles schrecklich ist und umgekehrt gilt häufig als unrealistisch, was einen positiven Grundton zu bewahren versucht. Das bemerkte man finde ich sehr schön daran, wie z.B. „Supergirl“ und „Jessica Jones“ gegeneinander „ausgespielt“ wurden. Keine Serie von beiden ist wirklich nah an einer Form der Realität, aber „Jessica Jones“ ist eben sehr düster gehalten und Jessica selbst hat eine ganze Liste von äußeren wie inneren Problemen, während „Supergirl“ sich mehr darauf konzentriert, zu erzählen, wie Kara eine Heldin sein will und wie wichtig ihre Liebsten ihr sind. (Besonders deutlich wird das im Vergleich der Beziehungen zu den Adoptivschwestern, die beide haben. Sowohl Kara als auch Jessica stehen ihrer Schwester je im Grunde nahe, aber während in Karas Fall eine im Grunde harmonische Beziehung erzählt wird, geht es bei Jessica ständig darum, wie sie alle von sich stößt. Und das z.B. liegt finde ich nicht an einer tatsächlichen Nähe zur Realität, sondern an dem sehr düsteren bzw. sehr idealistischen Stil der jeweiligen Serie.)

  5. Jominathor

    Interessante Perspektive und schöner Text! Besonders die Verbindung zwischen dem scheinbar wachsendem Wunsch eines Realismus-/Authentizitätsanspruches und der steigenden Gewalt und den beinahe schon unbarmherzigen Darstellungen, welche am Ende vielleicht selbst wieder auf ihre Art überzeichnet wirken, habe ich so tatsächlich noch gar nicht betrachtet.

    Beim Beispiel von Game of Thrones muss ich zugeben, dass ich die Serie nie mit einer „Realismus“-Brille geschaut habe, sondern Abschnitte wie das Schicksal von Ned oder die Red Wedding eher als Dekonstruktionen festgefahrener Genre-Konventionen interpretiert habe. Vielleicht ist es bei manchen Stoffen ja auch wichtig, unseren Realismus von einem Realismus innerhalb der gezeichneten Welt des Werkes zu trennen? Eins steht auf jeden Fall fest: Das Thema scheint unerschöpflich zu sein ^^

    • Erstmal danke für den Kommentar und das Kompliment! 🙂 Ich muss auch sagen, dass der Hintergrund für die Realismus-Perspektive auf Game of Thrones u.a. die Authentizitätsdebatte um Kingdom Come u.ä. ist, weil ich immer wieder feststelle, dass viele beim Mittelalter denken, dass mehr Brutalität, Krieg und Gewalt etwas realistischer machen bzw. näher an die „wahre“ Epoche bringen würde. (Begegnet mir übrigens auch außerhalb jeder Fiktion selbst in der Uni im Gespräch mit Kommilitonen, die eigentlich selbst Geschichte studieren, immer wieder.) Diese Idee ist einfach sehr tief in unseren Köpfen verwurzelt und nachdem ich wusste, dass George R.R. Martin die Brutalität seiner Romane (und u.a. Gewalt gegen Frauen) mit einem „echten“ Mittelalter begründet, hat sich für mich da gedanklich einfach ein Kreis geschlossen. Tatsächlich macht er damit denke ich nichts realistischer im Sinne von „der Realität nahe“, sondern dekonstruiert eben wie du auch schreibst, bekannte Tropes und Konventionen. Ich finde es nur interessant, wie da jemand ausgerechnet ins Fantasy den Anspruch rein bringt, ein Vorbild in irgendeiner Form möglichst genau abzubilden und dann bei Brutalität rauskommt. (Was nach allem, was ich so gehört habe, sich dann auch wieder in Kingdom Come wiederfindet.)

  6. „Die Realität ist chaotisch, komplex und immer wieder von bedeutungslosen Zufällen geprägt, die keinerlei Stringenz ergeben.“ Das hast du sehr schön geschrieben und ich könnte dem nicht mehr zustimmen. Im Allgemeinen denke ich einfach, dass der Realismus (wie du auch schon gesagt hast) einfach bedeutet, dass die Geschichten mehr (unkobentionelle) Konsequenzen für den Helden hat und man deshalb mit einer brutaleren/gefährlicheren Geschichte zu rechnen hat.

    Noch eine Anmerkung:
    Ich mal gelesen (leider weiß ich nicht mehr wo, sonst würde ich dir einen Link posten), dass Fantasy oft dafür benutzt wurde um den Unwillen mit den „weltlichen Systemen“, z.B. Religion, Regierung, aber auch Rassissmus und anderes Unrecht etc, zu verlautbaren ohne die Probleme direkt ansprechen zu müssen.
    Und gerade die „realistische“ Fantasy, die brutaler und voller Konsequenzen ist und vor wahnsinnigen Herrschern nur so wimmelt, passt doch ziemlich gut in unsere Welt in der Trump, Erdogan und fragwürdige Personen, den Glauben in die „Herrscher“ des Landes erschüttern.

    • Puh, das Thema mit der politischen Ebene ist schwierig und denke ich nicht allgemein zu beantworten, weil Fantasy ohnehin eine ganz eigene Geschichte mit politischen Strömungen und Faschismus hat. „Der Herr der Ringe“ ist ja z.B. wohl unter anderem unter dem Einfluss von Tolkiens Weltkriegserfahrungen entstanden bzw. gibt es durchaus diese Lesart der Romane, während aber gleichzeitig Fantasy auch nach wie vor Tropes hat wie z.B. von der wilden, von außen einfallenden Barbaren-/Orkhorde, die ein christlich-zentraleuropäisch inspiriertes Königreich bedroht. (Überhaupt kann Verarbeitung von Mittelalterbildern im Allgemeinen ein einziger, nicht enden wollender Sumpf der gefühlten Wahrheit und rechter Strömungen sein.) Was tatsächlich wie gesagt auffällig ist, ist, dass im modernen Fantasy die Herrschenden wie gesagt fast immer korrupt, wahnsinnig, intrigant o.ä. sind. Ob man das so allgemein auf eine Reaktion auf das gegenwärtige politische Klima interpretieren kann, weiß ich nicht bzw. wäre ich da vorsichtig, weil sowohl Autoren als auch sonstwie im Fantasy-Literaturbertrieb beteiligte und Leser keine so homogene Gruppe sind. Und obendrein könnte man theoretisch auch immer als Erklärung anführen, dass sich daraus einfach auch gute Heldengeschichten stricken lassen. Ich weiß nicht, ob du „Dragon Age: Origins“ je gespielt hast, aber das ist für mich in dem Punkt ein Paradebeispiel. Das Spiel beginnt, indem alles schief geht und in der dunkelsten Stunde, in der alle theoretisch zuständigen Personen (Könige, Adelige, Kirche, whatsoever) meinen, nichts tun zu müssen oder zu können, erhebt sich halt die Spielerfigur als Held, um alle zu retten. (Klingt jetzt übrigens kitschiger als es sich spielt. :D) Das kann auch ein Kniff sein, um den Heldenmut eines Protagonisten noch besser zu kontrastieren, auch wenn ich nicht denke, dass das die einzige Erklärung für das Motiv ist, sondern eine von mehreren, die da reinspielt. (Wobei das Thema echt mal spannend wäre :D)

      • Natürlich muss man mit solchen politischen Vergleichen immer vorsichtig sein, aber es ist generell eine interessante Sichtweise da parallelen zwischen der „richtigen“ Welt und der fantasy Welt zu ziehen.

        Dragon Age habe ich mal gespielt, habe es aber irgendwann frustriert weggelegt, weil ich vergessen habe zu speichern (zugegebenermaßen meine Schuld) und ich dann 4 Stunden Fortschritt verloren habe und danach habe ich das Spiel nicht mehr angefasst, weil ich zu frustriert war 😀

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