Grüße aus Alexandria – „Assassin’s Creed: Origins“ und der Fotomodus

Grüße aus Alexandria! - In "Assassin's Creed: Origins" mutiere ich Dank Fotomodus zur Klischee-Touristin (Quelle: Assassin Creed: Origins, Ubisoft)

Grüße aus Alexandria! – In „Assassin’s Creed: Origins“ mutiere ich Dank Fotomodus zur Klischee-Touristin (Quelle: Assassin Creed: Origins, Ubisoft)

Ein heißer Sommertag, eine Kamera und eine Stadt im Süden – Klingt eigentlich wie der Anfang eines Berichts über meinen letzten Sommerurlaub. Nur haben wir 48 v. Chr., die Stadt ist Alexandria und die Kamera eigentlich ein Fotomodus in „Assassin’s Creed: Origins“. Das mit dem Urlaub stimmt dennoch ein wenig. Und es ist der Grund, warum ich an dem neusten Teil der „Assassin’s Creed“-Reihe bei aller Kritik plötzlich so viel Spaß wie schon lange nicht mehr habe.

Denn jenseits aller nüchterner Betrachtungen, ob oder was an „Assassin’s Creed: Origins“ denn nun gut oder schlecht ist, habe ich das Gefühl, dass Ubisoft mit dem Spiel mich oder Spieler wie mich verstanden hat. Schon seit „Assassin’s Creed: Unity“ laufe ich in erster Linie wie eine Touristin durch die digitalen Welten der Reihe, screenshotte was das Zeug hält und klettere auch noch auf den letzten Turm, den ich finden kann, nur um dann dort oben einen Moment zu verweilen und nur die Aussicht zu genießen.

Denn auch wenn mich auf narrativer Ebene schon seit „Assassin’s Creed 3“ keines der Spiele so richtig überzeugt hat: Die wunderschönen Welten, besonders von „Unity“ und „Syndicate“, haben mich dann eben doch gefesselt. Ich wollte immer möglichst viel sehen, viel erkunden, die Szenerie genießen. Wenn das bedeutet hat, auch noch ein paar Templer erledigen zu müssen, weil die eben meinen jeweiligen Helden gerade angegriffen haben, als ich kurz davor war, das perfekte Foto zu schießen, dann sollte das eben so sein.

Die Abwesenheit von jeder Schwierigkeit ist etwas Gutes

Betrete ich eine Spielwelt, dann bin ich Touristin. Die Spiele, die ich in den letzten Jahren am liebsten und oft auch intensivsten gespielt habe, haben mich fast alle über ihre Welt und die Erkundungsmöglichkeiten zu fassen bekommen. „No Man’s Sky“, „Dishonored 2“ – selbst „Dragon Age: Inquisition“, das bei mir eigentlich mehr auf erzählerischer Ebene einen Nerv trifft, fällt bis zu einem gewissen Grad in diese Kategorie. Das Gefühl, tief in eine fremde Welt einzutauchen, ihre Schönheit oder Hässlichkeit von möglichst allen Seiten zu betrachten, war bei allen da. Und damit einher geht auch ein Gefühl, das mir in so ziemlich jeder Debatte um die Frage, was ein Spiel gut oder schlecht macht, genauso wie in den meisten Diskussionen um Schwierigkeitsgrade fehlt: Die Abwesenheit von jeder Schwierigkeit.

Das bisher Interessanteste an „Assassin’s Creed: Origins“ sind für mich keinerlei Fragen nach dem Gameplay oder wie spannend und herausfordernd es sich spielt, nicht einmal Fragen nach der Qualität der Geschichte, was mich sonst an vielen Spielen reizt, sondern die Möglichkeit, tatsächlich fast schon als Touristin durch das Alte Ägypten zu streifen, Fotos zu schießen und einfach nichts zu tun, so sehr das vielleicht auch jeder Logik des Prinzip „Spiels“ widersprechen mag. Das bedeutet nicht, dass ich versuchen würde, in irgendeiner Form das Fehlen jeder Herausforderung zu einem ultimativen Ideal jedes Spiels stilisieren zu wollen, dennoch ist das etwas, das einen eigenen Reiz an einem Spiel ausüben kann.

Ob dreckige Wäsche, spielende Kinder oder eine Färberei auf dem Dach: Oft sind die alltäglichen Szenen in Alexandria die, die am meisten faszinieren (Quelle: Assassin Creed: Origins, Ubisoft)

Ob dreckige Wäsche, spielende Kinder oder eine Färberei auf dem Dach: Oft sind die alltäglichen Szenen in Alexandria die, die am meisten faszinieren (Quelle: Assassin Creed: Origins, Ubisoft)

Mit dem Alten Ägypten liegt mir eine riesige und auch grafisch schlicht wunderschöne, fremde Welt zu Füßen. Eine Welt, die so fern und fremd von meiner eigenen ist, dass ich schlicht nicht anders kann als sie zu erkunden. Orte wie Alexandria mit seinen engen Gassen und regem Alltagsleben genauso wie Oasen in der Wüste mit ihren wilden Tieren laden dazu ein, auch immer wieder ein paar Momente stehen zu bleiben und die Umgebung einfach nur zu beobachten.

Gestatten? Urlauberin im Alten Ägypten

Der Reiz an der gesamten „Assassin’s Creed“-Reihe war für mich immer das Gefühl, eine mehr oder weniger historische Welt zu betreten und so eine Art interaktiven historischen Roman zu spielen. Ich erinnere mich gut an das Gefühl, mit Ezio über die roten Dächer von Florenz zu rennen, oder daran, mit Evie hoch über der Themse die vielen Schornsteine des industrialisierten London zu betrachten. Ich erinnere mich auch gut an den Anblick der weiten karibischen See, durch die ich mit Edward Kenway gesegelt bin, kann mich aber oft nicht einmal mehr an die Namen der Schurken in den entsprechenden Geschichten erinnern.

Der Fotomodus von „Assassin’s Creed: Origins“ ist da schlicht ein Geschenk, auch wenn seine Möglichkeiten etwas besser sein könnten. Ganz besonders bei einer Reihe, die auf erzählerischer Ebene schon lange nichts mehr wirklich Gutes vorweisen konnte. Etwas, das eigentlich schon lange klar ist, wird damit greifbar: Ich bin in diesen Spielen eine Urlauberin auf Sightseeingtour. Nicht mehr und nicht weniger. Also gebt mir meine Kamera, dann mache ich ein paar Fotos und bin schon zufrieden.

Denn Spiele wie „Assassin’s Creed: Origins“ sind im Grunde dafür gemacht, einfach nur schön zu sein. Und eigentlich warte ich jetzt nur noch auf den nächsten Schritt: Den einer wunderschönen Open World, in der ich tatsächlich nur Besucherin bin. Keine Gewalt, keinen Kampf, nur ein Spaziergang durch faszinierende Orte. Und dieser Schritt wird auch auf die eine oder andere Art und Weise irgendwann kommen. Vielleicht nicht direkt als klassisches Spiel, sondern als Lernprogramm z.B. in einem Museum, aber selbst das wäre ein Anfang. Denn dann bin ich wirklich eine virtuelle Touristin.

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