Geek Quest #6: Helden sind langweilig

Geek Quest Antagonist
Antagonisten sind schlicht toll. Punkt. Nicht nur, weil sie überhaupt erst den nötigen Konflikt in eine Geschichte bringen, sondern auch, weil sie, wenn sie denn gut geschrieben sind, sehr viel interessanter sein können als der dazugehörige Protagonist. Deshalb konnte ich schlicht nicht widerstehen, mit diesem Post bei der aktuellen Aufgabe der Geek Quest von Fried Phoenix mitzumachen, in der es genau darum geht. Denn für mich sind diese Figuren nicht immer, aber oft eine Art Feuerprobe, die Königsdisziplin, in der sich oft entscheidet, ob ich eine Geschichte nur mag oder liebe, selbst wenn der Held langweilig ist. Ein Held kann nur so komplex sein wie sein Gegenspieler, der wiederum kann auch wenn der Protagonist einfach gut ist, weil er es eben sein muss, in seiner eigenen Vielschichtigkeit eine gesamte Geschichte retten.

Helden? Pah, langweilig!

Das beste Beispiel dafür sind die Thor-Filme von Marvel: Darin tritt mit Thor ein für mich vollkommen austauschbarer und langweiliger Held auf, der in etwa die Tiefe eines Wasserglases hat und für mich kaum uninteressanter sein könnte. Sein Bruder und Gegenspieler Loki dagegen ist in seinem Neid deutlich spannender und war auch der Grund, warum ich mich durch beide Filme gequält habe. Der entscheidende Punkt ist der: Loki tut moralisch das Falsche und arbeitet in seiner Rolle als villain gegen seinen Helden, aber als Zuschauerin kann ich ihn verstehen. Seine Taten ergeben innerhalb des Universums, in dem er sich bewegt, einen Sinn. Sie sind nachvollziehbar und Loki hat als Antagonist das, was ich an solchen Figuren liebe. Seine Motivation ist klar und seine Rolle als Bösewicht wirkt damit fast unausweichlich, er ist einfach die andere Hälfte einer Geschichte, die ich genauso verstehen kann wie die des Helden, vielleicht sogar noch besser, denn der Held ist ja einfach nur gut, weil er … äh … Odins leiblicher Sohn ist?

Ein villain ist für mich immer dann am interessantesten, wenn ich ihn oder sie verstehen kann. Egal ob Marvels Loki oder Delilah aus den „Dishonored“-Spielen – verstehe ich die „Bösen“, liebe ich sie meistens auch. Besonders schön ist es dann, wenn eine Geschichte aus diesem Mechanismus des Verstehens heraus mit dieser Rollenverteilung spielt, und so plötzlich – wie in „Peaky Blinders“ – sowohl Protagonist als auch Antagonist Dreck am Stecken haben oder – wie in „Nimona“ – der hauptberufliche Bösewicht zum Helden gemacht wird. Denn sobald ein Antagonist für den Leser, Zuschauer oder Spieler verständlich wird, ist gleichzeitig auch klar, dass der Bösewicht dieser Geschichte auch der Protagonist seiner eigenen ist.

Her mit den Grauzonen!

In den meisten Erzählungen gibt es eine gewisse Balance zwischen ihren Stärken und Schwächen, ganz besonders in der Beziehung zwischen Antagonist und Protagonist. In Dumas‘ „Die drei Musketiere“ sind z.B. sowohl der Kardinal als auch Milady einfach Antagonisten und damit „böse“, weil die Geschichte den Konflikt mit ihnen braucht, um voran zu kommen. Das macht beide nicht nur begrenzt interessant und relativ vorhersehbar, aber gleichzeitig liegt die große Stärke des Romans auch nicht in der Komplexität seiner Antagonisten, sondern in Bereichen wie Humor oder dem Freundschaftsmotiv der Musketiere. Dasselbe lässt sich auch an vielen High Fantasy-Geschichten wie „Der Herr der Ringe“ oder auch „Dragon Age: Inquisition“ festmachen, das ohnehin stark in einer Tolkien-Tradition steht. Sauron, Saruman oder Corypheus sind nicht gerade vielschichtige Bösewichte, dafür lässt es sich gut mit den Helden und ihren Freunden mitfiebern. Je komplexer Protagonist und Antagonist als Figuren entwickelt werden, desto mehr bewegen sie sich auch in Grauzonen jenseits der simplen Kategorien „gut“ und „böse“.

In diesen Grauzone sind für mich allerdings gerade moderne villains oft am stärksten. Jeweils ein schönes Beispiel dafür sind zwei meiner Lieblingsantagonistinnen: Cersei Lannister aus „Game of Thrones“ und Stahma Tarr aus „Defiance“, die beide auf dieselbe Art und Weise funktionieren. Beide werden sie als kluge, ehrgeizige und loyale Frauen präsentiert, die allerdings in eine Gesellschaft geboren wurden, die von Männern dominiert ist. Beide sind sie in ein enges Korsett an Regeln und Normen gezwungen, die sie kleiner halten als sie sind, und beide brechen sie diese Regeln immer wieder mit List, während sie gleichzeitig versuchen, halbwegs dem Bild zu entsprechen, das ihre Umgebung von ihnen erwartet. Damit erfüllen sie beide die Rolle einer grausamen und skrupellosen Giftmörderin, die sich den moralisch positiver besetzten Helden entgegen stellt, und sind so z.B. Milady gar nicht unähnlich, aber als Antagonistinnen in dem bereits erwähnten Grauzonen-Bereich steckt hinter diesen Figuren eben mehr als bloße Intriganz. Beide versuchen sie ihre Familien und sich selbst zu verteidigen, beide führen sie dabei einen Kampf gegen Windmühlen und beide scheitern sie im Grunde immer und immer wieder daran. Es steckt mehr in diesen Figuren als das Klischee der Giftmischerin.

Und die Erfolgsformel? Character Development!

Die besten Bösewichte zeichnen sich für mich also schlicht durch etwas sehr simples aus: Character Development. Mit Betonung auf „Development“, also „Entwicklung“. Ein toller Bösewicht macht – genauso wie ein Held – eine Entwicklung durch und ist am Ende einer Geschichte nicht mehr derselbe wie am Anfang, selbst wenn das nur daran liegt, dass ich als Konsumentin der Geschichte eine andere Perspektive auf diese Figur eröffnet bekommen habe. Gebt mir Antagonisten, die ich verstehe und die sich so in dem diffusen Bereich zwischen den Extremen „gut“ und „böse“ bewegen und ich bin glücklich. Gebt mir tragische Figuren, die vielleicht auch etwas widerwillig zum Gegenspieler geworden sind, gebt gut modellierte Bösewichte. Stärken und Schwächen inklusive.

Dann verzeihe ich einer Geschichte sogar einen Helden wie Thor.

 

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Über uns Geekgeflüster

Ich bin Aurelia und blogge seit 2012 über Gaming, Bücher, Filme, Serien und mehr. Kurz: Das hier ist mein Geekgeflüster.

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