Fantasy und Eskapismus: Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu interpretieren!

Phantastische Literatur – von klassischem Fantasy bis zur Postapokalypse – steht immer wieder in dem Ruf, literarisch weniger bedeutend zu sein, weil sie ja im Grunde nichts anderes als Eskapismus sei. Der Vorwurf hält sich beständig, nur ist er zu kurz gedacht.

Entschuldigung, ist dieser Roman „eskapistisch“?

Anfang November war ich in München Gast auf einer Podiumsdiskussion über Eskapismus. Der Abend selbst war interessant, aber was mir sowohl während der Diskussion als auch in den Gesprächen danach immer wieder aufgefallen ist, ist eine bestimmte Verwendung des Adjektivs „eskapistisch“ als eine Art allgemein gültige Beschreibung für eine Geschichte oder sogar ein ganzes Genre. Gerade so als wäre es überhaupt möglich, eine Frage wie „Sind Fantasy-Romane eskapistisch?“ einfach so zu stellen und mit einer – wenn auch vielleicht etwas vereinfachten – Antwort allgemein zu klären.

Diese Art von Fragen sind deshalb interessant und haben mich auch deshalb stutzig gemacht, weil sie voraussetzen würden, dass Eskapismus etwas wäre, das auf jeden Leser eines bestimmten Buchs, Zuschauer eines bestimmten Films oder Spieler eines bestimmten Spiels zutreffen würde oder eben nicht. Einer Geschichte die Eigenschaft „eskapistisch“ zu zu weisen, würde bedeuten, dass Eskapismus messbar und für jede Person, die sich mit dieser Geschichte befasst, in gleicher Weise zutreffen könnte, während Eskapismus tatsächlich selbstverständlich etwas zutiefst Persönliches ist.

Realitätsflucht ist etwas Persönliches

Versteht man Eskapismus als Realitätsflucht durch Fiktion, dann wird schon durch diese Umschreibung klar, dass Eskapismus als solcher nur vielschichtig funktionieren kann. Fiktion als allgemeiner Begriff für narrative Medien lässt sich schon allein in diese Medien, also klassischer Weise Roman, Film und Spiel, aufteilen und innerhalb dessen werden ihre meisten Konsumenten sich noch einmal auf verschiedene Genres verteilen. Die Frage „Sind Fantasy-Romane eskapistisch?“ wäre also schon falsch gestellt, weil die Ergänzung „für Fantasy-Leser“ fehlt. Jemand mit einer Vorliebe für Krimis und einer Abneigung zur fantastischen Heldengeschichten, wird bei allem Eskapismus-Potential von „Der Herr der Ringe“ wahrscheinlich andere Bücher zur Realitätsflucht nutzen.

Dazu kommt, dass selbst „Fantasy-Fans“ keine homogene Gruppe sind, nicht einmal wenn man versucht, Fantasy auf das klassische historisierende Mittelalter-Fantasy im Stil von Tolkien zu begrenzen. Ich kenne viele Menschen, die sich in den schier unendlichen Weiten von „The Witcher 3“ verlieren können, womit man dem Spiel vielleicht einen „eskapistisch“-Stempel aufzudrücken versuchen könnte, während mich – und damit bin ich kein Einzelfall – die Welt Geralts von Riva kaum zu packen bekommen hat. Dasselbe lässt sich mit vielen anderen Geschichten und Universen durchgehen, denn Eskapismus ist etwas Emotionales. Womit ich mich wegträumen kann und will, hängt von mir persönlich ab. Davon, wovor ich „fliehen“ und weshalb ich mich gerade entspannen und meinen persönlichen Alltag, meine Realität, vergessen möchte.

Damit erreichen wir auch den Punkt, der mit „eskapistisch“ in dieser Verwendung eigentlich gemeint ist: Ein eskapistischer Roman, der ist realitätsfremd, vermutlich sogar unpolitisch und auf eine diffuse Weise weniger wert, weil er eine potentielle Leserschaft hat, die ihn nur zur Unterhaltung ohne Kunstanspruch liest. Dass Phantastik nicht per se unpolitisch ist – genau genommen wie jede Kunstform das wohl nicht einmal sein kann – und auch die Diskussion darum durchaus politisch aufgeladen ist, dürfte den meisten Phantastik-Fans klar sein, auch wenn es vielleicht nicht allen gefällt. Ohne politischen Kontext wäre jede Diskussion um z.B. bikini armor, rapefiction oder diversity, wie sie immer wieder auftauchen, ohne jeden Sinn.

Der Unterschied ist schlicht der, dass je abstrakter Phantastik wird und je weiter sich ein Vertreter dieser Genres von unserer Realität entfernt, desto breiter gefächert können die Interpretationsmöglichkeiten werden. Tolkiens „Der Herr der Ringe“ ist wahrscheinlich im Laufe seiner langen Geschichte auf genauso viele verschiedene Varianten als ein Werk mit vielschichtigen tiefergreifenden Botschaften aufgefasst worden wie als eines, hinter dem außer einer hübschen Geschichte voller magischer Helden und Mittelalterromantik nicht mehr steht. Und die „Harry Potter“-Bücher leben zu einem guten Teil auch davon, dass sie oberflächlich mit Blick auf die Kinder innerhalb der Zielgruppe einfach „nur“ fantastisch und magisch aufgefasst werden können, während gleichzeitig z.B. die viel zitierten antirassistischen Untertöne weitere Interpretationsmöglichkeiten bieten. Sogar so weit, dass es bereits Überlegungen gibt, ob und wie „Harry Potter“ das politische Verständnis der Generation geprägt hat, die mit den Büchern und Filmen aufgewachsen ist. Denn Eskapismus hängt vom Rezipienten ab, das sollte keine Überraschung sein, ist aber wichtig, wenn wir weiter darüber reden.

Eskapismus ist nicht automatisch schlimm

Einer der Gründe, weshalb ich die potentielle Ächtung von Eskapismus immer etwas kritisch sehe, ist der, dass Eskapismus als solcher nicht zwingend etwas Schlimmes ist. Denn dieser Vorgang der Realitätsflucht bedeutet auf einer sehr einfachen Ebene doch eigentlich nur, dass ich als Leserin von einem Roman so gefesselt bin, dass ich ihn in einem ersten Schritt kaum noch aus der Hand legen kann und in einem zweiten Schritt vielleicht sogar den Drang verspüre, immer wieder zu dieser Geschichte und ihrer Welt zurück zu kehren. Weder das eine noch das andere ist automatisch schlecht und beides würde so mancher Autor wahrscheinlich auch als Kompliment an seine Arbeit auffassen. Der springende Punkt ist und bleibt der Grad und ob durch diesen Eskapismus das Leben eines Lesers leidet. Anders formuliert: Auch Don Quijote wird nur deshalb durch das Lesen von Ritterromanen verrückt, weil er den Bezug zu seiner tatsächlichen Realität verliert.

Dazu kommt, dass mit einem Eskapismus-Vorwurf gerne auch einmal ein etwas scheinbar erwachsenerer Unterton von oben mitschwingt, mit dem angeblich kindische Phänomene wie Fandom oder Fanfictions abgewertet werden, was ich für zu kurz gedacht halte. Auch die aktuelle Fantasy-Fankultur rund um Bücher sehe ich in Teilen kritisch, aber das liegt weniger an einer Form von Eskapismus, sondern an einer Art toxischen Identität, die sich hierdurch bildet. Und selbst das ist nicht auf die Phantastik begrenzt, sondern in meinen Augen auch ein Phänomen unserer Zeit und Kommunikation.

Phantastik per se als „eskapistisch“ zu sehen, halte ich nicht nur für falsch formuliert, sondern auch für zu kurz gedacht und zu einfach. Eskapismus als solcher richtet nicht zwingend einen Schaden an, auch wenn es natürlich außer Frage steht, dass er das Potential dazu hat. Nur lässt sich das auch über die meisten anderen Genres sagen, was Eskapismus als einen explizit an Fantasy gerichteten Vorwurf recht albern macht.

Artikelbild: „Open book“ von Magda K (https://www.flickr.com/photos/krecimag/, CC BY 2.0)

9 Kommentare

  1. Tatsächlich versuche ich nun nach und während des Lesens die ganze Zeit für mich herauszufinden, ob ich „eskapistisch“ lese. Ob ich dieses Gefühl, durch verschiedenste Medien der Realität für einen kurzen Moment zu entfliehen, teilen kann. Aber ich glaube, so ist das bei mir gar nicht. Ich liebe zum Beispiel Sci-Fi, aber für mich muss es gleichzeitig möglichst realistisch gehalten sein, dass man sich denkt „ja, so könnte es in der Zukunft wirklich sein“ und nicht die Möglichkeiten voll ausschöpft, nun allerlei Erfindungen und technische Wunder herbeizuzaubern. Aber mehr, weil ich selbst ein großes Interesse an unserer Zukunft und dem Weltall als etwas Unbekanntes habe, nicht, weil ich meinem Alltag oder meiner Realität entkommen will.

    Ich kenne natürlich die ablenkende Wirkung von Medien, dass ich weiß, dass ich für den Moment alles um mich herum vergessen kann. Aber konsumiere nicht mit der Absicht und würde es nicht als eskapistisch einstufen.

    • So ähnlich würde ich das bei mir auch einstufen. Ich lese, sehe oder spiele meistens irgendetwas, um mich entweder kurzfristig ein wenig abzulenken (dann achte ich aber z.B. bei Serien gar nicht so sehr auf die Handlung und scrolle nebenher z.B. durch Twitter) oder weil da eine Idee drinsteckt, die meine Neugier weckt, aber dann bin ich auch voll da und konzentriere mich wirklich drauf, reflektiere aber meistens auch darüber ohne irgendeinen Wegträum-Anspruch. Sci-Fi ist da ein schönes Beispiel, weil ich mich eben bei sowas auch automatisch frage, wie realistisch diese Zukunftsvision ist, was wirklich so passieren könnte oder auch nicht etc. „Eskapismus“ hat oft eben auch den Beiklang des Realitätsverlusts und nur dass etwas kurzzeitig fesselt, entspricht dem finde ich auch nicht zu 100%.

  2. Pingback: [Die Sonntagsleserin] Januar 2018 | Phantásienreisen

  3. Pingback: Die eskapistischen Links der Woche 4/2018 | nerdlicht.net

  4. Wenn ich ganz ehrlich bin, muss ich sagen, dass Eskapismus manchmal gerade das ist, was ich an Fantasy-Romanen schätze. Wenn mir die reale Welt zu viel wird, wenn ich, und wenn auch nur für ein paar Stunden, in eine perfektere Welt fliehen will, in eine Welt, in der sich alle Probleme lösen lassen, in der man ein*e Held*in sein kann, in der alles möglich ist.
    Davon unabhängig hast du Recht: Auch Fantasy-Romane können Gesellschaftskritik transportieren. Können Diversität repräsentieren und zu Diskussionen anregen. Und damit wieder einen sehr realen Bezug haben.

    Liebe Grüße,
    Dana

  5. Ein wirklich toller Artikel. Die Diskussion war mir gar nicht so bewusst. Ich kann Dir nur zustimmen. Eskapismus habe ich nie als etwas Schlechtes empfunden. Im Gegenteil: Ein Fantasy-Roman, der mich so packt, dass ich um mich herum alles ausblenden kann und die Zeit nur so verfliegt, ist ein Geschenk.

    Passiert leider viel zu selten 😉 Vielleicht lese ich aber einfach nur nicht die richtigen Bücher. Ich verstehe auch nicht, warum Eskapismus gleichgesetzt wird mit Realitätsflucht. Ich lese doch kein Buch, oder spiele ein Videospiel, um der Realität zu entfliehen, sondern des Erlebnisses willen.

    • Zuerst einmal: Danke für deinen Kommentar und das Lob 🙂 – Ich habe das Gefühl, dass diese Eskapismus-Debatte auch so ein bisschen als eine Art alte Wunde vor allem im Literaturbetrieb schwielt. Im Kontext der im Text erwähnten Podiumsdiskussion habe ich auch erfahren, dass Michael Ende solche Vorwürfe sich offenbar auch für „Momo“ anhören musste, wo ich beim besten Willen nicht wirklich nachvollziehen kann, wie ausgerechnet das Buch als unpolitisch und rein „eskapistisch“ aufgefasst werden kann. (Abgesehen von Kindern, die das vielleicht lesen oder vorgelesen bekommen, aber Kinder fassen Kunst wohl nie politisch auf.) Und selbst bei „echtem“ Eskapismus bzw. Realitätsflucht kann ich die Aufregung auch nur begrenzt verstehen. Denn Entspannung und ein wenig Rauskommen ist grundsätzlich einmal etwas Gutes, das auch jeder Mensch von Zeit zu Zeit braucht. Das muss ja nicht bedeuten, dass man auf der Stelle den Bezug zu jeder Realität verliert 😀

  6. Schöner Artikel!
    Mein Lieblings-Lese-Genre ist Fantasy und mir wird immer wieder gesagt, dass das ja kein „richtiges“ Genre ist. Dass das ja nur Leute lesen, die mit der echten Welt nicht zurecht kommen…
    Und ja, fremde Welten haben natürlich immer einen Anklang von „Eskapismus“, aber das ist in meiner Erfahrung nicht notwendigerweise der Hauptgrund, warm Leute Fantasy lesen.

    Hach, ich weiß gar nicht worauf ich mit diesem Kommentar hinaus wollte 😀
    Egal! Toller Artikel, er hat eindeutig einen Nerv getroffen!

    • Erstmal danke für deinen Kommentar, freut mich, wenn dir der Text gefallen hat 🙂 Mir ist der Eskapismus-Vorwurf v.a. zu einfach, weil damit komplett außer acht gelassen wird, wie komplex Werke aus Phantastik-Bereich und die gesamte Kultur darum sein kann. Es steckt wie gesagt schon eine gewisse Wahrheit darin, aber diese Wahrheit ist nicht zwingend z.B. an Fantasy gekoppelt, deshalb stößt mir der Vorwurf eben immer ein bisschen sauer auf.

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