Es gibt keine “historische Korrektheit” von Popkultur

Historische Korrektheit und Popkultur-Debatten, Symbolbild. – Bild: Ausschnitt eines Holzschnitts der brennenden Burg Aschhausen 1523 von Hans Wandereisen. Original: Staatsbibliothek Bamberg (RB.H.bell.f.1).

“Historische Korrektheit” von Popkultur ist eines der Dinge, dessen Faszination für viele Menschen scheinbar nie vollständig schwindet. Das ist irgendwo verständlich, aber trotzdem fehlgeleitet. “Historische Korrektheit” gibt es nicht. Und trotzdem ist es wichtig, zu verstehen, worum es hier wirklich geht.

Ein Baugefühl von der Vergangenheit

Egal wie oft in den letzten Jahren über “historische Korrektheit” und darüber diskutiert wurde, ob dieses oder jenes Detail in irgendeinem Popkultur-Werk wirklich so war: Eigentlich interessiert sich niemand für historische Korrektheit, jedenfalls nicht wirklich. Diskussionen darüber, ob ein Element z.B. in einem Spiel denn auch wirklich “historisch korrekt” oder “realistisch” sei, fragen eigentlich danach, ob dieses Element auch wirklich in das Spiel passt oder ob es die Illusion eines stimmigen Weltenbaus zerstört. Ein historischer Roman, in dem der Himmel plötzlich neongrün ist, kann in den meisten Fällen noch so gut geschrieben sein, seine Leser*innen werden trotzdem fragen, was um alles in der Welt dieser grüne Himmel da zu suchen hatte.

Das ist natürlich ein überspitztes Beispiel, verdeutlicht aber, wofür sich die meisten Menschen eigentlich interessieren, wenn sie über “historische Korrektheit” diskutieren: Sie interessieren sich für Authentizität. Das tun wir alle. Sowohl in den Popkultur-Werken, die wir rezipieren, als auch in der Art, in der wir darüber diskutieren. Wenn zum Beispiel im Internet eine besonders hitzige Debatte über Korrektheit ausbricht, dann verlangt normalerweise kaum jemand einen Beleg für die Dinge, die jemand anderes behauptet. Ganz im Gegenteil: Sie müssen sich nur “richtig” anhören. Sie müssen stimmig wirken und unserer persönlichen Vorstellung von einer Vergangenheit wenigstens nicht zu sehr widersprechen. Sie müssen schlicht authentisch sein.

Das ist im Prinzip nicht überraschend, denn so funktioniert historische Authentizität, es ist aber trotzdem wichtig. Nicht nur die Inhalte von z.B. digitalen Spielen leben von historischer Authentizität, sondern auch die Diskussionen darüber. Wir akzeptieren auch in diversen Debatten online und offline zuallererst einmal, was auf uns historisch stimmig wirkt. Und historisch stimmig kann vieles wirken, vollkommen unabhängig von einem aktuellen Forschungsstand.

Kann Popkultur überhaupt “historisch korrekt” sein?

Wir müssen also, wenn wir über Geschichte und Popkultur sprechen, Authentizität von Akkuratesse scharf trennen, wobei Korrektheit als solche normalerweise maximal für Details gelten kann. Ich kann fragen, ob es Belege für eine bestimmte Waffe oder eine Bauform zu einem bestimmten Zeitpunkt gibt und damit also im Grunde abfragen, ob so ein Detail in einem Spiel oder einem Roman “historisch korrekt” ist, aber spätestens in dem Moment, in dem ich versuche, Korrektheit einem ganzen Werk zu attestieren, begebe ich mich in gefährliche Gewässer.

Die Gründe dafür sind vielfältig: Zunächst einmal liegt es in der Natur von Geschichte, dass wir selten etwas wirklich lückenlos rekonstruieren können. Für Historiker*innen ist oft schon die Information wichtig, dass sich etwas nicht genau sagen lässt, weil sich so wenigstens die Existenz einer Lücke und damit eine Grenze dessen benennen lässt, was sich seriös z.B. über ein Ereignis aussagen lässt. Überspitzt formuliert: Wenigstens weiß ich dann zum einen, dass ich keine Antwort auf meine Frage habe, und gebe es zum anderen auch offen zu.

Diese Möglichkeit der Benennung von Lücken ist allerdings ein Luxus, den Künstler*innen nicht haben, wenn sie eine Welt und ihre Geschichten entwickeln. Selbst wenn ich mich darum bemühe, möglichst genau zu recherchieren und tausend Expert*innen zu konsultieren, die dann auch noch entgegen jeder Wahrscheinlichkeit dieselbe Meinung haben, dann werde ich immer an die Grenzen dessen stoßen, was diese Expert*innen als gesichert erachten. Das ist schlicht unvermeidlich und damit als Phänomen weder überraschend noch etwas Besonderes. Aber wieder: Es ist wichtig, sich dessen bewusst zu sein, denn daraus folgt auch, dass ganz egal, über welches fiktionale Werk mit einem in irgendeiner Form historisch inspirierten Setting wir sprechen, Teile davon automatisch solche Lücken mit dem gefüllt haben, was ihren Schöpfer*innen schlicht passend vorkam.

Alles eine Frage der Interpretation

Hier findet also eine Interpretation statt, die vielleicht noch so sehr auf dem Wissen beruht, das jemand vorher recherchiert hat, aber trotzdem eine Interpretation bzw. Manipulation und damit subjektiv ist. Auch das ist eigentlich recht unspektakulär, denn auch Historiker*innen machen mit ihrer Forschung nichts anderes, als Quellen zu interpretieren, aber zum einen ersetzt hier ein*e Künstler*in das Fehlen von Quellen mit Fiktion und zum anderen wird in vielen Popkultur-Debatten über Geschichte noch immer gerne so getan als wäre Geschichte selbst messbar. Und genau das ist sie nicht.

Geschichte ist ein Konstrukt. Ein Vorschlag, wie jemand annimmt, dass etwas gewesen sein könnte. Im Idealfall ist dieser Vorschlag entsprechend fundiert und basiert auf zeitgenössischen Quellen, steht aber auch ständig zur Diskussion und ist niemals statisch. Ganz im Gegenteil: Jeder Text – egal, ob Forschung oder Quelle – ist perspektivisch. Kein*e Autor*in kann sich ganz von ihrer Zeit lösen und wollte das vielleicht auch gar nicht. Das bedeutet, dass zum einen Quellen immer auch kritisch darauf gelesen werden müssen, wer etwas warum schreibt (oder auch nicht), während zum anderen aber auch Forschung selbst einer ähnlichen Kritik unterworfen werden kann und muss. Das soll also heißen: Auch Forschung kann überholt sein. Und auch Historiker*innen können sich in ihren Schwerpunkten und Perspektiven stark unterscheiden. Um es noch einmal klar zu wiederholen: Geschichte und Wissenschaft sind weder messbar noch statisch.

Schlammlevel, Frauenbilder und “Realismus”

Ein schönes und sehr simples Beispiel für all das im Kontext von Popkultur ist z.B. George R.R. Martin, der gerne mal angibt, dass seine Fantasy-Welt Westeros und ihre Geschichten von mittelalterlicher Geschichte inspiriert ist. Das stimmt auch und z.B. die Referenzen auf Ereignisse aus den Rosenkriegen sind einer von vielen Gründen, warum sowohl “Das Lied von Eis und Feuer” als auch die Serien-Adaption “Game of Thrones” so beliebt geworden sind. Martin selbst betont auch immer mal wieder gerne, dass er sich darum bemühen würde, keine “Disneyland Middle Ages” zu erzählen, sondern sich an dem zu orientieren, was er als das “echte” Mittelalter sieht. Der Punkt ist: Martins Bücher basieren zwar vielleicht auf Geschichte, aber veralteter Geschichte.

Tatsächlich will ich an dieser Stelle gar nicht zu sehr auf dem Beispiel von “Game of Thrones” herumreiten, es verdeutlicht aber die komplizierte Beziehung zwischen Geschichte, Kunst bzw. ihren Künstler*innen und Rezipient*innen. “Game of Thrones” ist schlicht immer wieder auf eine Weise u.a. mit seinen Frauenfiguren umgegangen, die viele weibliche Fantasy-Fans schmerzhaft daran erinnert hat, dass Leute wie sie hier vor allem wahlweise als Schockmittel oder Sexobjekt existieren durften. Das ist im Fall der Serie nicht nur, aber auch eine Folge von Martins Büchern und dass dieser Umgang mit den Frauen von Westeros immer und immer wieder mit Geschichte und “dem Mittelalter” gerechtfertigt wurde, ganz genauso.

Gleichzeitig hat es sehr wenig mit irgendwelchen historischen Realitäten – was auch immer man nun als solche ansieht – zu tun, dass es kaum eine prominente Frauenfigur der Serie gibt, die nicht an einem Punkt vergewaltigt wurde. Genauso wenig hat es etwas mit “dem Mittelalter” zu tun, dass die Inszenierung der Serie in vielen Fällen diese Vergewaltigungen als kurze Schockmomente abgetan oder sogar gar nicht als Vergewaltigung behandelt hat. Und dass Martin in die Falle getappt ist, dem eine Rechtfertigung zu geben, indem er den Geschichtsbezug der Bücher betont hat, hat auch nichts mit dem 15. Jahrhundert und sehr viel mehr mit dem 21. Jahrhundert zu tun.

“Game of Thrones” hat – genauso wie viele andere beliebte Filme, Serien und Spiele der letzten Jahre und Jahrzehnte – eine Vorstellung des Mittelalters vertreten, die im Grunde zutiefst pessimistisch ist. Das Mittelalter wird hier zur Dystopie, in der das Gesetz des Stärkeren gilt, Frauen per se unterdrückt werden und kaum Handlungsspielraum haben oder ihn sich durch eine langwierige Leidensgeschichte erkämpfen müssen, während gleichzeitig ständig Krieg, Chaos und Zerstörung vor der eigenen Haustür steht. Diese Mittelalterentwürfe sind dunkel, blutig und je dichter die Figuren mit Schlamm bedeckt sind, umso höher ist vermutlich der eigene Realismusanspruch dieser Entwürfe.

Dagegen ist im Grunde erst einmal nichts einzuwenden, aber dieser Erzählstil ist auch nur genau das, ein Erzählstil. Mehr oder weniger Schlamm sagt erst einmal noch nichts über Realismus aus, wenn man “Realismus” als “einer historischen Wahrheit nahe” versteht. (Was auch immer “Wahrheit” in diesem Kontext dann jeweils bedeuten soll.) “Game of Thrones” hat vor allem eine Vorstellung vom Mittelalter aufgemacht, die stark von gritty realism geprägt war. Das ist natürlich valide, hat aber wenig mit irgendwelchen Zwängen zu tun, die sich aus dem Mittelalter historische Vorlage ergeben.

Und auch wenn ich all das gerade an “Game of Thrones” kurz umrissen habe, sind weder die Serie noch die Bücher damit allein, sie eignen sich nur sehr gut, um das Problem zu erklären, weil Martin zum einen seine eigene historische Inspiration öffentlich gemacht hat und weil zum anderen sowohl die Bücher als auch die Serie so bekannt sind. Tatsächlich ließe sich das auf ähnliche Weise auch anhand der “Witcher”-Spiele erklären, die ebenfalls ein massives Problem mit Frauenfeindlichkeit hatten und auch eher in das Spektrum düsterer Mittelalterentwürfe fallen. Genauso ließen sich auch mit “The Last Kingdom” oder “Vikings” Beispiele nennen, bei denen es sich nicht um Fantasy-, sondern Historienserien handelt. Und dann bewegen wir uns immer noch stilistisch nur grob im Bereich von Mittelalterimaginationen, die auf einer recht fatalistischen und düsteren Prämisse aufbauen. Ganz davon zu schweigen, dass diese Beispiele alle sowohl ein europäisch inspiriertes Mittelalter abbilden als auch besonders für einen westlichen Markt entwickelt wurden.

“People assume time is a strict progression of cause to effect, but it’s more like a big ball of wibbly wobbly timey wimey stuff.”

Drei Dinge sind also bis hierher erst einmal zentral: Erstens, sind fiktionale Werke als Ganzes ohnehin niemals historisch korrekt, was Forderungen danach als solche eigentlich schon absurd macht. Was mit diesen Forderungen tatsächlich eingefordert wird ist, ein Bauchgefühl von Geschichte und Vergangenheit basierend auf den eigenen Sehgewohnheiten und Vorstellungen und damit historische Authentizität.

Zweitens, ist Geschichte an sich ein Konstrukt und häufig stark perspektivisch, was einen Ansatz, der versucht, abzufragen, ob dies oder das in einem Roman, einem Film oder einem Spiel auch “wirklich” so war, ohnehin der Komplexität dieses Konstrukts nicht gewachsen ist. Soll heißen: Das, was wir unter “Geschichte” verstehen, ist eine Sammlung von Interpretationen, die niemals in Stein gemeißelt sind, sondern jederzeit verworfen werden können, weil sie aus diesen und jenen Gründen überholt sind. Dazu gehört auch, dass auch Geschichtsschreibung und Forschung ihre Zeit (und die Ansichten ihrer Autor*innen) mal stärker, mal schwächer in sich trägt und damit sowohl Quellen als auch Forschung perspektivisch sind. Um hier einmal Doctor Who zu zitieren: “People assume time is a strict progression of cause to effect, but actually, from a non-linear, non-subjective viewpoint, it’s more like a big ball of wibbly wobbly timey wimey stuff.”

Drittens, transportieren auch fiktionale Werke, die von einer historischen Vorlage inspiriert sind, nur eine bestimmte Vorstellung einer Epoche, die an sich nie neutral sein kann, selbst wenn sie weit verbreitet ist. Das gilt nicht nur für Phantastik, sondern auch für Historien-Filme, -Serien, -Romane, -Spiele und mehr. All diese Geschichten und ihre Welten orientieren sich u.a. an den Sehgewohnheiten ihrer Zielgruppe und inszenieren ihre eigene Handlung u.a. deshalb auf die eine oder andere Weise. All das hat wenig damit zu tun, was sich über irgendeine vergangene Epoche aufgrund von Quellen halbwegs sicher sagen lässt, sondern sehr viel mehr damit, wie wir in unserer Gegenwart über diese Vergangenheit diskutieren und sie uns (popkulturell) vorstellen.

Realismus, Korrektheit, Authentizität

Damit ließe sich das Thema von historischer Korrektheit und Authentizität an dieser Stelle wunderbar beenden, aber mit den Fragen, was Akkuratesse und Authentizität eigentlich sind und warum das eine unmöglich und das andere sehr subjektiv ist, kratzen wir hier gerade erst an der Oberfläche. Denn wenn schon Geschichte als solche zu jedem gegebenen Zeitpunkt zutiefst politisch ist, dann sind es Befindlichkeiten davon erst recht.

Sieht man sich an, wann in den letzten Jahren am schärfsten über historische Korrektheit und Popkultur diskutiert wurde, dann sind diese Diskussionen sehr ähnlich zu solchen über “Realismus” im Allgemeinen. Das ergibt natürlich irgendwo auch Sinn, denn auch wenn in vielen Internetdebatten über “historische Korrektheit” eigentlich historische Authentizität gemeint ist, sind sich doch Authentizität und “Realismus” als Kategorie, die eine möglichst große Nähe zur “Wirklichkeit” – erneut: Was auch immer das ist – sucht.

Die Spannung ist also grundsätzlich einmal eine Ähnliche: Die Diskutierenden gehen davon aus, dass es eine halbwegs messbare Wahrheit gibt, die dementsprechend auch in Bezug auf Fiktion eingefordert und mehr oder weniger gut umgesetzt werden kann. Im Grunde trennen nur feine Unterschiede die diversen Diskussionen darüber, ob es realistisch ist, dass Rey in “Star Wars” zu diesem und jenen Zeitpunkt dies oder das kann, oder ob es denn die Welt von “The Witcher 3” noch “historisch korrekt” sein kann, wenn seine Frauen weniger sexualisiert werden. In beiden Fällen wird mit Bauchgefühlen operiert, was einzelnen Leuten oder ganzen Gruppen stimmig erscheint, im Fall von “Star Wars” als Space Opera gibt es nur keinen historischen Referenzrahmen, an dem man sich orientieren kann.

Diese historische Vorlage ist gleichzeitig aber eben nichts, das selbst tatsächlich messbar wäre oder in einem luftleeren Raum existiert, ganz im Gegenteil: Vorstellungen von Vergangenheit sind immer politisch. Sie transportieren nicht nur einfach Interpretationen von irgendwelchen Quellen, sondern auch immer bestimmte Thesen und Narrative, mit denen diese Interpretationen auf eine verständliche Art und Weise geordnet werden. Das bedeutet: Gerade fiktionale Werke, die alle auf die eine oder andere Weise eine Handlung erzählen, haben immer eine ganze Bandbreite an Möglichkeiten, wie sie die Vergangenheit erzählen. Und jede einzelne davon ist politisch und keine einzige in irgendeiner Art “neutral” oder “unpolitisch”.

Keep your politics out of my history

Und damit sind wir wieder dabei, wann und wo Forderungen nach “historischer Korrektheit” besonders laut und besonders vehement geäußert werden. Auch das passiert nie in einem luftleeren Raum und ist zum einen nicht von den Geschichtsbildern, die hier verteidigt werden sollen, aber zum anderen auch nicht von Diskussionen wie denen um Rey in “Star Wars” zu trennen. Hier wird immer verhandelt, was und wer in einem Weltenbau als passend angesehen werden soll und darf und was und wer nicht. Das geht nicht nur Hand in Hand mit dem, was wir als Individuen in unserer Umgebung wahrnehmen, sondern auch damit, was wir von einem Medium, einem Genre oder einem Weltenbau gewohnt sind und was für Informationen überhaupt aktiv erzählt werden.

Aus meiner eigenen Lebensrealität heraus ergibt die Beschreibung, dass Gras grün ist, ohne weitere Erklärung Sinn, genauso habe ich aber auch durch meine eigenen Sehgewohnheiten beim Wort “Drache” wahrscheinlich ein recht klares Bild im Kopf und muss nicht zwingend erklärt bekommen, warum es Drachen in einer mittelalterlich inspirierten Fantasy-Welt geben kann. Aus denselben Genretraditionen und meinen Sehgewohnheiten heraus kann es aber passieren, dass bestimmte Rezipient*innen instinktiv z.B. unabhängige Frauenfiguren sehr viel schneller zum Problem erklären als einen Mann, der eine Heldenreise vom Tellerwäscher zum Millionär hinlegt.

Und selbst diese Begründung geht erst einmal noch davon aus, dass so eine Problematisierung nicht aus einem bösen Willen, sondern nur aus einem unreflektierten Authentizitätsbedürfnis heraus geschieht. Was dagegen tatsächlich sehr viel öfter passiert, ist, dass so eine Problematisierung auch aus ganz klar diskriminierenden Motiven heraus geschieht. Dass dieselben Leute, die eine Politisierung von Spielen in genau dem Moment beklagen, in dem z.B. Frauen prominent vorkommen, auch ganz besonders gerne behaupten, dass Marginalisierte in historischen Settings nicht realistisch seien, ist kein Zufall.

Wer “Keep your politics out of my games” schreit und sich vehement der Tatsache verweigert, dass Kunst immer politisch ist, der kommt auch schnell bei “Keep your politics out of my history” heraus und auch in diesem Fall ist die Forderung nicht weniger absurd. Es ist nicht “neutral”, sich das Mittelalter als rein oder primär weiße und cis-männliche Epoche vorzustellen. Es ist sogar heillos vereinfachend und verdeutlicht auch einen Unwillen, sich mit Kategorien von Race und Gender als komplexe soziale Gebilde aus Identitäten und Machtstrukturen auseinander zu setzen.

Niemand braucht historische Korrektheit

Jetzt kann man natürlich fairerweise einwenden, dass gerade diese Komplexität etwas ist, womit sich nicht jede*r automatisch auskennt. Wie soll ich anerkennen, dass es medienkritisch und historisch vereinfachend ist, wenn ich einfach annehme, dass Frauen per se keinen Handlungsspielraum in einem mittelalterlich inspirierten Setting haben können, wenn ich es nicht besser weiß? Nicht jede*r kann doch jederzeit über Gegenbelege informiert sein, um Argumenten, hinter denen schlicht böser Wille steht, den Wind aus den Segeln nehmen zu können?

Der Einwand ist erst einmal richtig, allerdings im Grunde auch fast irrelevant. Wie ich eingangs erwähnt habe, interessiert sich niemand wirklich dafür, ob etwas historisch korrekt ist, wir wollen alle, dass etwas authentisch ist. Deshalb kann auch eine tiefe Kluft zwischen den Authentizitätsvorstellungen verschiedener Personen klaffen, die wiederum entschieden davon geprägt sind, wie sich diese Personen die Vergangenheit vorstellen. Sieht man sich mit diesem Wissen Internet-Debatten z.B. in den Kommentarspalten großer Gaming-Magazine oder auf Social Media an, fällt auf, dass sehr oft selbst Leute, die sich für Diversity z.B. in historisch inspirierter Phantastik einsetzen wollen, auf Basis der Annahme argumentieren, dass z.B. unabhängige oder mächtige Frauen in einer mittelalterlich inspirierten Welt nicht passend sind.

Damit lassen sich selbst progressive Menschen auf diskriminierende Narrative ein, die im Kontext von Fiktion theoretisch gar nicht übernommen werden müssten. Selbst wenn ich jetzt davon ausgehe, dass mittelalterliche Frauen nichts anderes getan hätten als zu beten und Kinder zu hüten: Was hält mich dann davon ab, das in einem fiktionalen Werk einfach nicht oder nicht vollständig zu übernehmen? Wir sind so gewöhnt an vollkommen unwahrscheinliche Geschichten über cis Männer, aber bei einer Frau ist das plötzlich unmöglich?

Und damit nähern wir uns langsam dem Kern der Sache: Während historische Korrektheit oder Realismus hier vordergründig an ein diffuses Gefühl von Geschichte geknüpft wird, in dem z.B. Frauen keinen oder nur sehr begrenzt Platz haben, geht es hier doch eigentlich um Macht und Deutungshoheit. In Zeiten, in denen die Repräsentation Marginalisierter in Popkultur langsam, aber sicher häufiger vorkommt, wird hektisch versucht, sich auf eine angeblich in Stein gemeißelte historische Wahrheit zurückzuziehen, die diese Repräsentation verbietet.

Das ist ein Spiel, das diejenigen, die sich z.B. für Diversity in Popkultur einsetzen wollen, eigentlich nur verlieren können. Denn wenn sie versuchen, gegen die Aussage “Das war eben so! Frauen waren halt unterdrückt!” zu argumentieren, laufen sie Gefahr, zu wirken als ob sie diejenigen wären, die sich Fakten und Wissenschaft verweigern. Das ist ein Mechanismus, auf dem man nur ausbrechen kann, indem man klar benennt, was hier passiert: Es wird ein bestimmtes Geschichtsbild als scheinbar neutral und unumstößlich vorgeschoben, während es aber gleichzeitig a) keinen echten Grund gibt, warum sich Fiktion mit all ihren medialen und stilistischen Besonderheiten dem unterwerfen müsste, und b) selbst dieses Geschichtsbild nicht das Einzige ist, das man an dieser Stelle entwerfen könnte.

“Kingdom Come: Deliverance” und das Land, in dem die weißen Kerle wohnen

Ein Paradebeispiel für all das liefert das Spiel “Kingdom Come: Deliverance”, dessen Entwickler*innen vor Release 2018 stark damit geworben haben, ein möglichst realistisches Mittelalter zu präsentieren. Schon vor der Veröffentlichung kam scharfe Kritik sowohl am Studio und vor allem dem mindestens rechtsoffenen Chefentwickler des Spiels als auch an der (deutschen) Presse auf, die genau das wenig bis gar nicht problematisiert hat. Beides war mehr als berechtigt und auch schon vor der Veröffentlichung war es recht offensichtlich, dass “Kingdom Come” ein nationalromantisch verklärtes und eindimensionales Mittelalterbild transportieren würde, was sich später im Großen und Ganzen auch nur bestätigt hat.

Es gibt also viel Kritik, die man am Mittelalterbild von “Kingdom Come” anbringen kann und die selbst unter dem ideologischen Aspekt der Frage nach einem rechten Mittelalterbild sich recht vielfältig äußern kann. Um an dieser Stelle einmal kurz das Frauenbild des Spiels als Beispiel heranzuziehen: “Kingdom Come” präsentiert insgesamt schlicht eine Zeit, in der weiße cis Männer Dinge getan haben, während weißen cis Frauen Dinge passiert sind. Sein Frauenbild ist im besten Fall eindimensional und im schlimmsten Fall schlicht frauenfeindlich, in keinen von beiden Fällen lässt sich das aber mit “Das war halt so!” begründen. Ein Kameraschwenk auf Theresas Hintern hier, der nur noch lächerliche Buff “Alpha Male” da – “Kingdom Come” inszeniert und erzählt seine Frauen sehr klar nur in Relation zu den Männern der Welt. Sogar noch mehr: Sie existieren fast nur als Love Interests, Mütter oder Schwesterfiguren.

Das alles ist aus feministischer Perspektive frustrierend und ein eigenes Thema, der Punkt ist aber der: Das ist Teil der zeitgenössischen Inszenierung der Spielwelt und ihrer Geschichten. Keine geschichtswissenschaftliche Interpretation zwingt Spieleentwickler*innen dazu, einen Bonus mit dem Namen “Alpha Male” einzubauen, den ein Protagonist immer dann erhält, wenn er Sex (natürlich mit Frauen) hatte. Genauso wie keine geschichtswissenschaftliche Interpretation die Schöpfer*innen von “Game of Thrones” dazu gezwungen hat, die Vergewaltigungen der Serie so voyeuristisch darzustellen, wie sie es getan haben. Das sind bewusste Entscheidungen zur Inszenierung.

Im Falle von Warhorse Studios und “Kingdom Come” wird aber auch die ideologische Dimension des scheinbar endlosen Streit um historische Korrektheit und Authentizität gleich auf doppelter Ebene deutlich. Zum einen hat das Studio sein Spiel stark mit Versprechen von Authentizität und einem “interaktiven Museum” beworben und damit natürlich impliziert, dass hier Spieler*innen die Gelegenheit bekommen, das Mittelalter so zu erleben “wie es wirklich war”. Das ist angesichts des Spiels und seinem oft vereinfachenden Verständnis der Zeit, die es abbilden will, natürlich mindestens unehrlich, wenn nicht sogar bewusst irreführend, und zum anderen hat das Studio so auch indirekt eine Deutungshoheit beansprucht, die bei einem so weißen und so männlichen Mittelalterentwurf in einer langen rechten Tradition schlicht gefährlich ist. Dazu passt im übrigen auch die Inszenierung des Spiels als eine Art Denkmal an eine vergessene tschechische Geschichte, wie Daniel Vávra selbst behauptet hat, obwohl das tschechische bzw. böhmische Mittelalter tatsächlich sehr gut erforscht ist. Mit anderen Worten: Ein mindestens rechtsoffener Entwickler will mit seinem Spiel, das ein zumindest nationalromantisches und frauenfeindliches Geschichtsbild propagiert, ein nationalromantisches Denkmal setzen. Das kann er natürlich machen, aber es ist wichtig, diese ideologische Dimension zu benennen. Denn sie spiegelt sich direkt in den Debatten über die Authentizität des Spiels.

Denn “Kingdom Come: Deliverance” ist eine der neverending stories wenn es um digitale Spiele, historische Authentizität und die politische Dimension von beidem geht. Nicht nur Vávra selbst hat deutlich gemacht, dass er mit “Kingdom Come” auch eine identitätspolitische Intention hatte, sondern auch die Fans des Spiels werden es nicht müde, den Realismus des Spiels zu verteidigen. Das haben sie schon vor Release des Spiels getan und das tun sie noch immer. Ich habe im September 2018 und damit zu einem Zeitpunkt, an dem das meiste zu dem Spiel längst gesagt war, eine vergleichsweise harmlose Kritik am Spiel geschrieben und ich bekomme auch noch fast zwei Jahre später immer mal wieder Hasskommentare oder -Mails dafür. Beides landet jedes Mal direkt in meinem Papierkorb, auch weil ich meine Kommentare entsprechend moderiere und keine Drohungen und Beleidigungen gegen mich selbst veröffentliche, und ich blogge schon zu lange, um mich davon beeindrucken zu lassen, aber dieser lange Atem von wütenden Fans verdeutlicht, wie sehr es einigen an die Nieren zu gehen scheint, wenn eine kleine Bloggerin eine feministische Medienkritik an einem Videospiel anbringt. Ich habe keine Macht, “Kingdom Come” zu verbieten und würde es auch nicht wollen, aber es spielt auch keine Rolle, denn die heftigen Reaktionen auf Kritik am Spiel und seinem Geschichtsbild verdeutlichen auch, dass es hier um Identität geht. Sowohl für mich, die ich die Darstellung der Frauen in “Kingdom Come” kritisiere, als auch für die wütenden Kommentarschreiber*innen, deren Authentizitätsvorstellungen dadurch gestört werden.

Nichts “war halt so”

Um es also noch einmal zu wiederholen: Geschichte ist politisch und die Forderung nach “historischer Korrektheit” oder einer bestimmten Vorstellung von historischer Authentizität ist es ganz genauso. Das könnte eine Binsenweisheit sein, aber nachdem in Popkultur-Debatten gerne so getan wird als wäre die Forderung nach einer Nicht-Existenz oder nur sehr eng abgesteckter Existenz Marginalisierter vollkommen logisch und unproblematisch, weil sie ja auf “Geschichte” basiert, muss beides immer wieder betont werden. “Historisch korrekte” Popkultur gibt es im Grunde nicht oder wenn dann nur in einem sehr begrenzten Maße, trotzdem einzufordern, dass Popkultur Geschichte so darstellen so “wie es wirklich war”, ist also immer problematisch und sehr oft schlicht ideologisch auf eine Weise begründet, die auf die Diskriminierung Marginalisierter abzielt.

Egal, wie man es dreht und wendet: Progressive Stimmen in Popkultur-Diskursen müssen sich bewusst sein, wem sie in den schier endlosen Debatten um historische Korrektheit das Feld überlassen, wenn sie sich auf eine der tausend Varianten von “Das war halt so” einlassen. Nicht nur ist es erstmal fraglich, ob das überhaupt auch nur ansatzweise stimmt, es lässt außerdem außer Acht, dass unsere Wahrnehmung von historischer Authentizität sehr subjektiv und z.B. auch durch unsere Sozialisation bestimmt ist. Authentizität ist nicht messbar. Geschichte ist nicht messbar. Und etwas anderes zu behaupten, um die Diskriminierung ganzer Personengruppen zu begründen, ist nichts anderes als böser Wille.

Dieser Artikel ist eine Neuauflage eines älteren Posts von 2017 und ein anderes Essay über historische Korrektheit, Authentizität und im Speziellen Phantastik von mir ist übrigens auch im Zuge von „Roll Inclusive“ erschienen. Hier geht es zum Buch.

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