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Ein ganzes halbes Jahr: Eine bittersüße Lovestory

9. Juni 2015

Ein ganzes halbes Jahr 978-3-499-26672-0
Louisa Clarks Leben ist im Grunde in Ordnung. Nicht perfekt und nicht glamourös, aber in Ordnung. Sie liebt ihren Job in einem kleinen Café in ihrer Heimatstadt, hat einen langjährigen Freund und eine Familie, die sie liebt. Aber das Geld ist knapp und als sie ihren Job verliert, stürtzt sie das erst einmal in ein tiefes Loch. Umso glücklicher sind alle, als sie fast schon zufällig einen Job als eine Art Pflegekraft bekommt. Will Traynor, der Mann, um den sie sich kümmern soll, sitzt seit einem Unfall im Rollstuhl und ohne, dass Lou es ahnen kann, ist sie die letzte Hoffnung seiner Familie. Denn Will wollte schon einmal sterben und nun soll Lou ihn davon abbringen. Aber ist sie dieser Aufgabe auch gewachsen?

“Ein ganzes halbes Jahr” ist eines der Bücher, das ich wohl nie in die Hand genommen hätte, wenn meine Tante es mir nicht komplett begeistert empfohlen hätte. Und ich kann auch nachvollziehen, warum der Roman so gehypt wurde, ich kann verstehen, was so vielen an der Liebesgeschichte von Lou und Will gefällt. Trotzdem halte ich insgesamt “Ein ganzes halbes Jahr” für überschätzt.
Aber alles der Reihe nach.

Zu allererst fällt an dem Buch vor allem eines positiv auf: Jojo Moyes weiß offenbar, was sie tut. Ihre Figuren sind nachvollziehbar und wirken sehr echt, ihre Taten fügen sich absolut logisch in die Handlung ein und es gibt keinen Punkt in der Story, an dem ich das Gefühl hatte, dass eine von ihnen für eine besonders schöne Story erzwungen irgendeinen Handlungspfad eingeschlagen hätte.
Alles ist in sich stimmig, sowohl Lous eher einfaches Umfeld aus Familie, Freunden und Nachbarn als auch Wills Vergangenheit der Reichen und Schönen.
Eine runde Sache, aber auch nichts Besonderes.

Denn um etwas Besonderes zu sein, braucht es für mich ehrlich gesagt mehr als nur die wirklich außergewöhnliche Beziehung zwischen den beiden Protagonisten. Zwar ist es rührend, wie Will Lous Stärken fördert und ihr nach und nach versucht zu zeigen, wie viel eigentlich in ihr steckt, während gleichzeitig Lou wiederum versucht, ihn daran zu erinnern, wie schön das Leben doch ist, aber um die beiden herum bewegen sich v.a. eher Stereotypen. Wills Mutter, die unterkühlte, reiche Karrierefrau, die mit der Situation nicht umzugehen weiß, Patrick, der im Grunde ein lieber Kerl, aber zu einfach gestrickt und Sportversessen ist, um zu begreifen, dass Lou ihn nicht wirklich liebt, Lous Schwester, die immer als die Klügere der beiden gehandelt wird und als einzige in der Familie trotz allem ihr Ding durchzieht. Sie verhalten sich alle logisch, ja, aber sie bleiben für mich stereotyp.

Ähnlich verhält es sich für mich auch mit der Story. Das meiste ist recht vorhersehbar oder ergab sich für mich aus der bereits erwähnten Logik der Figuren heraus schon auf die eine oder andere Weise und nur wenige Knotenpunkte der Handlung haben mich noch überraschen können.

Ich gebe zu, das kann auch ein wenig an mir liegen, die ich weder ein Fan von Romanen, die in der realen Welt spielen, noch von reinen Liebesgeschichten bin. Mir ist ein eher sanftes Dahinplätschern der Geschichte, während die Figuren langsam eine Entwicklung nach der anderen durchmachen, meistens eher zu langweilig. Das gilt auch für “Ein ganzes halbes Jahr”.

Lange Rede, kurzer Sinn: Jojo Moyes weiß eindeutig, was sie tut, wenn sie schreibt. Das beweist sie auch mit “Ein ganzes halbes Jahr” – Trotzdem würde ich den Roman vor allem Leuten empfehlen, die eine Schwäche für Liebesgeschichten und den dabei schier unvermeidlichen Kitsch haben. Jemanden, der wie ich lieber eine Prise Action in Form von Fantasy oder Sci-Fi hat, würde ich da wohl eher zu anderen Büchern raten.

“Ein ganzes halbes Jahr” auf der Verlagswebsite.

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    Über mich und diesen Blog

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    Aurelia Brandenburg - Historikerin und Bloggerin. Ich beschäftige mich meisten mit Mittelalter, Digital Humanities und Game Studies, nicht zwingend immer in dieser Reihenfolge. Auf Geekgeflüster schreibe ich seit 2012 über Popkultur, inzwischen oft aus einer feministischen Perspektive und manchmal auch über Popkultur und Geschichte, insbesondere Popkultur und Mittelalterrezeption. Außerdem schreibe ich auch für Language at Play. Auf Twitter findet man mich als @hekabeohnename.


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