Wie moderne Konzepte klassischem Fantasy guttun können

Klassisches Fantasy, das ist oft untrennbar mit dem Mittelalter oder vielmehr einer bestimmten Vorstellung davon verbunden. Könige, Ritter, Heldenreise. Das ist schade, denn das Genre gibt sehr viel mehr her.


Denn obwohl ich Drachen, Elfen und den Kampf gegen ein uraltes Böse genauso mag wie jeder andere Fantasy-Fan, vermisse ich von Zeit zu Zeit ein wenig Innovation in diesem Punkt. Denn bricht man Fantasy auf einen sehr groben und abstrakten Nenner herunter, hat es wohl denselben Reiz wie Science Fiction: Es erzählt Geschichten über das Unglaubliche und vollkommen Fremde. Das betrifft sowohl das Setting als auch die Figuren. Ob unwahrscheinlicher und ungewollter Weltretter wie Frodo in „Der Herr der Ringe“ oder überdurchschnittlicher Krieger mit magischen Fähigkeiten wie Geralt in „The Witcher“: Alle beide stellen eine Ausnahme dar und sind etwas Besonderes.

Fantasy und die Skepsis gegenüber Monarchien

Da wirkt es auf mich immer wieder etwas merkwürdig, dass in einem Genre, das so sehr vom Ungewöhnlichen lebt, sich so viele Autoren bei vollkommen fiktionalen Welten an immer wieder ähnliche Ideen vom westeuropäischen Mittelalter als Vorlage für ihr Setting klammern. Was hat diese Epoche, das klassisches Fantasy unbedingt braucht? Könige? Ritter? Adelige? Nein, es gibt inzwischen genug prominente Beispiele, die Geschichten erzählen, in denen diese Instanzen versagt haben oder dabei sind, zu versagen. In „The Witcher 3“ und „Skyrim“ versinken die Schauplätze gerade im Krieg, in „Das Lied des Blutes“ beginnt ein erfahrener Krieger zu begreifen, dass er nur ein Spielball der Mächtigen ist, und selbst Beispiele wie „Long May She Reign“, das als Jugendbuch eine sehr junge Zielgruppe hat, erzählen immer wieder davon, wie Monarchie und Adel dabei sind, zu versagen, und werfen für ihre Protagonisten sogar Fragen auf, die innerhalb ihrer Welt wohl Hochverrat wären.

Sieht man sich im zeitgenössischem Fantasy einmal um, dann scheint ein sehr kritischer Blick auf Monarchie und Aristokratie vorzuherrschen. Durch alle Medien hindurch finden sich Unmengen an adeligen Schurken, die ihre Untergebenen betrügen oder ideologisch so verblendet sind, dass sie aus ihrer privilegierten Position heraus die dem Leser, Spieler oder Zuschauer offensichtlichen Probleme nicht mehr erkennen. Und anders als bei anderen Themen wie z.B. Krieg ist die Schärfe des Urteils darüber in vielen Fällen weniger eine Frage von High oder Dark Fantasy und der damit verbundenen Romantisierung oder Verdüsterung eines populären Mittelalterbilds, sondern schlicht eine Art Grundpfeiler des Genres.

Tolkiens langer Schatten

Das ist insofern interessant, als dass in vielen Fantasy-Erzählungen gleichzeitig der allgegenwärtige Tolkien-Schatten bestehen bleibt. Sobald Fantasy einen eigenen Weltenbau jenseits unserer realen Erde präsentiert und sich nicht wie Urban Fantasy an tatsächlich existierenden Orten und Ereignissen bedient, d.h. sich eher in eher traditionellen Gefilden des Genres bewegt, wird gerne auf Genrekonventionen zurück gegriffen, wie sie seit Tolkiens Mittelerde allgemein bekannt sind. Mittelalter, Könige, Elfen und Drachen. In vielen Fällen fehlt zwar der Tiefgang eines „Herr der Ringe“, der auf sehr vielen Ebenen mehr als der eigentlichen Handlung stattfindet, aber die grundsätzlichen Elemente werden auch heute noch gerne übernommen, während aber der Blickwinkel auf Monarchie und Adel gemäß der Orientierung an mittelalterlicher Epik und der klassischen Heldenreise bei Tolkien sehr viel positiver ausfällt als z.B. in einem „Dragon Age“.

Daraus ergibt sich eine merkwürdige Spannung, die vor allem deshalb so paradox erscheint, weil sie die Frage aufwirft, warum Konzepte wie Demokratie in vielen Fällen eigentlich nur im Funny Fantasy vorkommen, das, wie der Name vermuten lässt, eher eine Parodie auf seine ernsten Cousins ist. Und das, obwohl es genau diese Themen wären, die zwar selbstverständlich keinen frischen Wind in klassisches Fantasy bringen müssen, aber sehr können. Modernere Ideen, die z.B. das typische Mittelalterbild hinter sich lassen oder sich z.B. LGBTQ+-Themen anzunehmen, können außerdem auch dann interessante Welten und Geschichten hervorbringen, wenn sie sich auf ernste Weise damit beschäftigen.

„Divinity: Dragon Commander“ und das geschickte Verweben moderner Ideen

Wie gut das funktionieren kann, kann man sehr schön z.B. an „Divinity: Dragon Commander“ beobachten. Das Spiel verbindet sowohl spielmechanisch als auch inhaltlich verschiedene Genres zu einer ganz eigenen Mischung, die sich allerdings trotzdem in vielen Bereichen noch immer am klassischen Fantasy orientiert. Protagonist darin ist der namensgebende Drachenkommandant, der uneheliche Sohn des verstorbenen Kaisers von Rivellon und eines Drachen in Menschengestalt, der nun den Thron seines Vaters besteigt und sich gegenüber seinen Halbgeschwistern in einem blutigen Bürgerkrieg durchsetzen muss. Die grundsätzliche Idee könnte dabei klassischer kaum sein: Ein unehelicher Prinz, der der politische Heilsbringer für sein Heimatland darstellt, ein Krieg und selbstverständlich Drachen. Das klingt wie ein Paradebeispiel für High Fantasy und in weiten Teilen ist es das auch, gleichzeitig bricht das Spiel erzählerisch auch immer und immer wieder mit Genretraditionen und genau das ist es auch, was den Weltenbau so interessant macht.

Divinity: Dragon Commander Berater

Denn „Divinity: Dragon Commander“ wirft praktisch nur so um sich mit aktuellen gesellschaftspolitischen Parallelen. Ob Gender Pay Gap, religiöser Fanatismus, Pressefreiheit oder der Ehe für alle: Das Spiel greift zum Teil sehr unterschiedliche Themen auf und bietet zudem dem Spieler auch noch den Raum, frei zu entscheiden, wie er mit diesen Themen umgeht. Das macht es nicht nur in seinem Umgang mit fiktionaler Politik und der spielerischen Umsetzung interessant, über die ich mich bereits für meinen GASTSPIELER-Beitrag auf SPIELKRITIK.com ausgelassen habe, sondern wird auf diese Weise auch immer wieder mit den Erwartungen des Publikums gespielt. Gerade weil „Divinity: Dragon Commander“ scheinbar so traditionell daher kommt, aber dann viele Genrekonventionen neu interpretiert oder mit Ideen aus anderen Genres verbindet, zeichnet es mit sehr wenigen Mitteln eine erstaunlich komplexe und vielseitige Welt, die genau in diesem Abweichen von der Norm so interessant ist.

Die tatsächliche Umsetzung vieler Konzepte und politischer Strömungen ist vielleicht eher simpel, aber auch so wird mit dem Weltenbau ein spannender Spagat zwischen High Fantasy mit seinen Drachen, Elfen und Zauberern, Urban Fantasy und seiner modernen Welt und Politik und Steam Punk mit seiner Technisierung hingelegt. Rivellon ist schlicht bis oben hin gefüllt mit aktuellen Themen, ohne sie dabei automatisch als Witz zu benutzen, und das Ergebnis ist weder als Handlung noch spielerisch übermäßig besonders, dafür aber umso mehr als Welt und Konzept. Wo mittelalterlich inspiriertes Fantasy einige Themen oft unter einer falschen historischen Korrektheit stumm schaltet, ignoriert „Divinity: Dragon Commander“ viele Traditionen und fühlt sich genau deshalb so erfrischend neu an. Und das ist etwas, wovon ich gern mehr hätte.

Artikelbild: „Fête médiévale « Des Vikings à Rieux ! »“ von „melisa launay“ (https://www.flickr.com/photos/151072996@N08/) (CC BY-ND 2.0)

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2 Kommentare

  1. Sehr spannender Beitrag 🙂 Ich lese (und spiele) ja wenig bis gar nicht im Fantasy-Genre, aber trotzdem hätte ich mal richtig Lust, selbst etwas in diese Richtung zu schreiben. Ich hab das bis jetzt nicht verfolgt, weil ich eben der Meinung war, nicht „genug Ahnung“ vom Genre zu haben. Ich möchte nämlich meine Geschichte eigentlich nicht in einer mittelalterlichen Welt ansiedeln, weil ich davon keine Ahnung habe. Deswegen finde ich deinen Beitrag grade sehr spannend und befreiend und da werde ich bestimmt bei Gelegenheit mal drauf zurückkommen 🙂

    • Sehr gern 🙂 Wirklich, Fantasy wie Divinity: Dragon Commander würde ich mir viel öfter wünschen. So sehr ich dieses Mittelalter-Flair auch mag: Das braucht es nicht immer und eine Abweichung davon kann sehr interessante Einflüsse ergeben. (Abgesehen davon sollte die Mittelalter-Vorlage niemanden davon abhalten, Fantasy zu schreiben. Nicht bei einem Genre, das so viele Freiheiten bietet. <3)

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