Das Märchen von der unpolitischen Fiktion

Artikelbild zum Märchen von unpolitischer Fiktion - Aufgeschlagenes Buch
Wenige Mythen halten sich in aktuellen Popkultur-Debatten so beständig wie die Idee, dass es so etwas wie „neutrale“ oder „unpolitische“ Geschichten gäbe. Und selbst wenn diese Annahme in keiner bösen Absicht geäußert wird, bleibt sie vor allem eins: Ein Trugschluss.

Bücher, Spiele oder Filme, die nicht in leuchtenden Lettern Aufforderungen zur Lebensänderung verkünden, werden häufig sehr schnell als etwas angesehen, das scheinbar nichts aussagt. Der daraus folgende Schluss fällt je nach Person ganz unterschiedlich aus: Mal wird deshalb etwas als zu banal oder eskapistisch gesehen, um ernst genommen zu werden, mal werden solche Geschichten und Settings als letzte Bastion der „echten“ Unterhaltung gesehen, die ihre Rezipienten nicht zu belehren versucht. In jedem Fall ist diese Annahme ein Trugschluss. Keine Geschichte – und ganz sicher kein Weltenbau irgendeiner Geschichte – ist neutral. Es gibt keine vollkommen unpolitische Fiktion – Und das ist nicht einmal eine Wertung oder etwas automatisch Gutes oder Schlechtes, sondern liegt schlicht in der Natur der Sache.

Wenn wir Geschichten erzählen, dann tun wir das nicht zufällig. Denn auch wenn wir Schreibende als Kunstschaffende und Kreative begreifen, so kann sich niemand von uns zu keinem Zeitpunkt von sich selbst, seiner Zeit und den Dingen trennen, die wir sowohl als normal als auch als ungewöhnlich ansehen. Wir können uns vielleicht durchaus bewusst sein, was wir als Individuum z.B. durch die Art, wie wir aufgewachsen sind und erzogen wurden, als „normal“ wahrnehmen, aber komplett davon lösen können wir uns nicht, weil diese Dinge schlicht unsere Realität und Weltanschauung formen. Das macht auch nichts, denn ein kreativer Schaffensprozess bedeutet ohnehin immer auf einer mal mehr, mal weniger abstrakten Ebene, über die Welt, in der wir leben, zu reflektieren und das in etwas Neues fließen zu lassen. Das kann bedeuten, dass ich versuche, meine Realität zu kopieren, genauso wie es bedeuten kann, dass ich mit allem breche, das ich kenne.

Jemand, der einen überidealisierten Liebesroman schreibt, in dem ein Paar jedes noch so große Hindernis auf wundersame Weise überwindet, schöpft genauso aus der Realität einer Vorlage, die dann verformt wird, wie ein Autor einer bewusst gesellschaftskritischen Dystopie, die bereits das Ziel hat, eine eindeutige Aussage über die Realität ihres Schöpfers zu treffen. Der Liebesroman kommentiert vielleicht nicht aktiv die aktuelle Weltpolitik, bildet allerdings trotzdem z.B. Ideale und Ideen der Gesellschaft ab, in der und für die dieser Roman entsteht. Sprache, Beleidigungen, Kosenamen, gesellschaftliche Konventionen, Normen – All das steckt selbstverständlich auch in dieser fertigen Geschichte. Sie spiegelt damit also einen Teil von Zeit und Gesellschaft, in der sie entsteht, ganz automatisch, auch wenn all das einem zeitgenössischen Leser oder Leserin vertraut sein dürfte.

Dementsprechend sind eindeutige politische Botschaften nur ein Bruchteil dessen, was man als gesellschaftlich relevante Dimension von Fiktion sehen kann und sollte. Das „Politische“ von Fiktion ist bei weitem nicht nur das, was wir bewusst wahrnehmen, weil es unserer eigenen Position eindeutig entspricht oder ihr widerspricht. Selbst die scheinbar eskapistischste Geschichte ist nicht von der Zeit zu trennen, in der sie entsteht. Die Personen, die auf sie Einfluss nehmen, lassen bewusst oder unbewusst ihre Ansichten mit einfließen und das ist nicht einmal etwas Besonderes, denn genau das liegt in der Natur einer gestalterischen Arbeit.

Wenn in „Far Cry 5“ gängige Gegner aussehen wie Patienten aus psychatrischen Einrichtungen des frühen 20. Jahrhunderts, dann ist das vielleicht ein Detail und fällt häufig nicht auf, weil der Trope der gewalttätigen psychisch Kranken popkulturell weit verbreitet ist und von vielen leichter als „normal“ aufgefasst wird, aber definitiv nicht neutral oder unpolitisch. Wenn in „Twilight“ fast alle der als absolut perfektes Ideal dargestellten Vampire weiß sind, dann ist das vielleicht durchschnittlich für ein Jugendbuch oder eine Vampirgeschichte und eventuell sogar nicht einmal eine bewusst gesetzte Botschaft der Autorin, aber trotzdem genauso wenig bedeutungslos. Selbst der bewusste Versuch, keine Botschaft zu senden und „die Politik raus zu lassen“, um z.B. gängigen Realismusansprüchen zu entsprechen, ist eine politische Entscheidung. Diese Entscheidung bricht nur eben nicht mit dem, was von vielen Einzelnen der Zielgruppe als normal wahrgenommen wird.

Denn egal, ob man es „Agenda“, „Politik“, „Zeitgeist“ oder ganz anders nennt: Diese gesellschaftliche Dimension von Fiktion ist nicht an die persönliche Wertung oder Interpretation einer einzelnen Person gekoppelt. Wer nur das in dieser Kategorie zulässt, erfasst nur einen Bruchteil des komplexen Netzes aus Erwartungen und ihrem Brechen, aus dem jede Geschichte besteht. Nur weil eine Geschichte z.B. keine offensichtliche oder eindeutig linke Botschaft in sich trägt und ihr Autor sich z.B. nicht aktiv darum bemüht, einen diversen Cast abzubilden, ist das noch lange nicht neutral, sondern bestätigt nur das, was schon oft gemacht wurde und dadurch von mehr Menschen innerhalb der zu erwartenden Zielgruppe leichter als „normal“ wahrgenommen wird. Tolkiens „Der Herr der Ringe“ hat ein wenigstens veraltetes Frauenbild, das vielleicht früher innerhalb der Phantastik vollkommen normal war – und auch heute teilweise noch immer ist – aber dadurch noch lange nicht neutraler wäre als Trudi Canavans „Die Gilde der Schwarzen Magier“-Trilogie, die unter anderem eine weibliche Protagonistin hat.

Denn die Sehnsucht nach einer universellen Neutralität irgendeines fiktionalen Werks ist schlicht eine Illusion. Ein Mythos, der immer weiter lebt, obwohl er Unsinn ist. Ich als einzelne Person kann ein Element einer Geschichte als normal oder nicht weiter bemerkenswert wahrnehmen, das betrifft allerdings auch erst einmal nur mich als eben solche einzelne Person und allerhöchstens noch den Umstand, dass mir dabei vielleicht viele andere Menschen, die ich kenne, zustimmen würden. In zwanzig Jahren ist vielleicht allgemeiner Konsens, dass dasselbe Element nie nicht bemerkenswert, sondern z.B. schon immer ein Ausdruck des Zeitgeistes des Jahres 2018 war. Vielleicht sogar ein Paradebeispiel, was in der Diskussion aber erst mit einem gewissen Abstand und einer veränderten Perspektive zum Konsens werden konnte. Genauso wie es sein kann, dass schon heute eine Person mit einer anderen Perspektive oder Weltanschauung dasselbe Element vollkommen anders wahrnimmt und es genauso eine Gruppe Menschen gibt, die dieser Person zustimmen würde. Die politische Dimension desselben Elements war trotzdem nie nicht da, selbst wenn ich persönlich es ohne groß darüber nachzudenken, akzeptiert habe. Und nur weil ich persönlich über dieses Element nicht stolpere, ist es noch lange nicht neutral oder automatisch gut oder schlecht.

Was trotzdem bleibt, ist das: Fiktion ist nie neutral oder unpolitisch. Und wir kommen in keiner Diskussion auch nur einen Millimeter weiter, wenn wir so tun als ob das anders wäre.

Artikelbild: Jonas Jacobsson via Unsplash

2 Kommentare

  1. Pingback: Level Complete: Oktober 2018 - Red Riding Rogue

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.