Das Lied des Blutes: Character Development auf hohem Niveau

Das Lied des Blutes Anthony Ryan
Vaelin al Sorna, ein erprobter Krieger, soll im Auftrag des Kaisers hingerichtet werden, nachdem er im Krieg für seinen König Janus den Thronfolger und Hoffnungsträger des Kaiserreichs getötet hat. Für die Menschen ist er der „Hoffnungstöter“, ein Mörder, aber auf seiner letzten Schiffreise zu dem Kampf, der sein Ende sein soll, erzählt Vaelin einem Chronisten seine Geschichte. Von den Anfängen im Dienst des sechsten Ordens zu Hause, in dessen Obhut er seit seiner Kindheit aufgewachsen ist und ausgebildet wurde, über die langen Jahre des Kriegs für den König bis zur Gegenwart.
Die Geschichte eines ganzen Lebens.

Auf den ersten Blick kommt Anthony Ryan mit „Das Lied des Blutes“ mit eigentlich sehr traditionellem High Fantasy daher. Eine mittelalterlich wirkende Welt, ein rauer Krieger, der jung gealtert ist, und ein Hauch Weltgeschichte-Flair, indem dieser Krieger einem Chronisten seine Geschichte erzählt. Die handelt dann von einem angeblich verrückten König, sehr viel Krieg und natürlich Vaelin selbst, der sich da mittendrin bewegt.  Gut, das ist jetzt alles nicht unglaublich ungewöhnlich. Das haben alles „Game of Thrones“ und so viele andere Bücher und Filme aus dem Genre ganz genauso. Nur die als ausgefallenen konzipierten Völker fehlen. Wer Elfen und Orks sucht, wird hier nicht fündig werden. Trotzdem oder vielleicht auch gerade deswegen ist dem Autor mit der Geschichte ein sehr solides Epos mit einigen wirklich interessanten und schönen Elementen gelungen.

Dabei ist der größte und wohl offensichtlichste Kniff der, dass die gesamte Handlung im Grunde vom Ende her aufgerollt wird. Auch das ist natürlich schonmal da gewesen, trotzdem gefällt mir die Idee, Vaelin sein Leben auf dem Weg zu seiner eigenen Hinrichtung erzählen zu lassen. Denn während er zu Beginn noch einfach als der „Hoffnungstöter“ und Bluthund eines irren Königs eingeführt wird, verwandelt sich die Figur automatisch mit dem Perspektivenwechsel zu Vaelin selbst mehr und mehr in einen Mann, der zwar noch immer ein grausames und von Gewalt erfülltes Leben geführt hat, der aber vor allem das Ergebnis dieses Lebens ist, das er sich so nicht ausgesucht hat.

Ein guter Teil seiner Taten ist fremdbestimmt oder nur die Reaktion auf die Handlungen anderer: Das beginnt schon bei seiner Ausbildung im sechsten Orden, wo er als Kind von seinem Vater nach dem Tod seiner Mutter mehr oder weniger „abgegeben“ und zu einem Krieger erzogen wird. Er wird in die Gemeinschaft des Ordens hinein geworfen, findet dort zwar auch eine ganz eigene und besondere Familie, kommt aber auch nie wieder aus diesem System heraus. Von diesem Augenblick an ist sein Schicksal eigentlich besiegelt und so haben alle Sympathiepunkte, die Vaelin als Protagonist sammelt, immer einen bitteren Beigeschmack, weil ich als Leserin (bzw. Zuhörerin, denn ich habe „Das Lied des Blutes“ genau genommen als Hörbuch gehört) ganz genau weiß, wohin ihn dieser Weg führen wird. Es ist nur noch eine Frage des „wie“ und das setzt der Autor sehr geschickt um.

Dabei ist der gesamte Erzählstil mit einer Zeitspanne über drei Jahrzehnte natürlich tendenziell gemächlich und langsam, aber das fand ich gar nicht einmal schlecht, weil ein grundsätzlicher Spannungsbogen, in den sich die einzelnen Handlungsblöcke einfügen, erhalten bleibt. Anthony Ryan lässt sich Zeit, um seine Figuren zu entwickeln, sie zu formen und zu modellieren. Mit dem Ergebnis, dass man am Ende das Gefühl hat, jeden einzelnen komplett zu kennen. Das gilt auch für Vaelin selbst, der für mich dauerhaft zwischen einem Helden und Anti-Helden changiert. Mal erscheint er mir komplett nobel und bewundernswert, dann frage ich mich schon wieder, warum er nicht versucht, aus seinem Leben auszubrechen. Gleichzeitig entwickelt er sich immer weiter, die Figur bleibt – getreu der langen Zeitspanne – nie an einem Punkt stehen, sondern viel mehr zeigt der Autor einen langen und aufwändigen Prozess vom Jungen zum Mann, zum Krieger und zum Anführer. Er beweist, dass er seine eigenen Figuren sehr gut kennt – und dass er auch in punkto Character Development eine Menge drauf hat. Da macht es dann auch nichts, dass die eigentliche Geschichte manchmal so langsam voran schreitet. Denn insgesamt hatte ich ohnehin das Gefühl, dass die eigentliche Geschichte die fast zweitrangige Ebene des Buchs ist und die Figuren den wahren Kern darstellen. Denn das ist es auch, was „Das Lied des Blutes“ für mich von seinen Genrekollegen abhebt.

Insgesamt kann man „Das Lied des Blutes“ getrost als ein solides Fantasy-Epos mit einem interessanten Fokus auf die Figuren bezeichnen. Eine runde Sache, die einer Fantasy-Liebhaberin wie mir sehr viel Spaß gemacht hat und die auch mit dem Hörbuch schön umgesetzt wurde. Detlef Bierstedt hat als Sprecher eine angenehme, passende Stimme, auch wenn ich den Kniff der Regie, den erwachsenen Vaelin künstlich rau und heiser sprechen zu lassen – auch wenn das im Text so ähnlich beschrieben wird – ein wenig überzogen fand.
Trotzdem: Ein wunderbares Buch und auch ein wunderbares Hörbuch, das ich jederzeit weiterempfehlen würde.

„Das Lied des Blutes (Rabenschatten 1)“ (Hörbuch) auf der Verlagswebsite.

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