„Crash Override“ von Zoë Quinn: Online Abuse verschwindet nicht durch Ignorieren

"Crash Override" von Zoë Quinn Cover
Eine Frau oder marginalisierte Person im Internet zu sein, ist regelmäßig alles andere als lustig, das wissen wahrscheinlich wenige Leute so gut wie Zoë Quinn. Und genau deshalb ist ihr Buch, „Crash Override: How Gamergate (Nearly) Destroyed My Life, and How We Can Win the Fight Against Online Hate“ so wichtig.

„I’m from the internet myself, so when I started out, I wanted to believe that the architects of my home would make things bettwer if they just knew how. After nearly two years of working closely with tech companies, that illusion has been shattered.“ – „Crash Override“, „Chapter Six: All My Exes Live in .Txts“ von Zoë Quinn (Kindle eBook)

Wer verstehen will, wie z.B. rechte Trolle online gegen Feminist*innen vorgehen, der muss sich früher oder später mit dem Thema GamerGate auseinander setzen. Was 2014 als Hashtag begann und immer wieder als eine angebliche Kritikbewegung an der Spielepresse verkauft wurde und wird, war und ist im Grunde nichts anderes als eine Hassbewegung, die sich besonders gegen Frauen, Marginalisierte und die angeblich rein linke Presse richtete. Ihren Ursprung hatte die Bewegung in einer Trennung der Videospiel-Entwicklerin Zoë Quinn, deren Ex-Freund im August 2014 in einem Blogpost ihre Beziehung samt einer Reihe von Vorwürfen ausbreitete. Teil dieser Vorwürfe war die Angabe, Quinn habe ihn mehrfach betrogen, unter anderem mit einem Journalisten, der daraufhin ihr Spiel positiv bewertet hätte. Es folgte eine Missbrauchswelle in ungekannten Ausmaßen, unter deren Folgen Quinn und andere wie auch die feministische Medienkritikerin Anita Sarkeesian bis heute leiden. („Crash Override“ wurde so z.B. zur Erscheinung auf Goodreads direkt gereviewbombt.)

„This patchwork of Thanksgiving-ruining racist uncles might look and sound like a bad joke, but they became a real force behind giving Donald Trump the keys to the White House.“ – „Crash Override“, „Introduction“ von Zoë Quinn (Kindle eBook)

In ihrem Buch „Crash Override“, das im September 2017 erschien, arbeitet Quinn ihre eigenen Erfahrungen im Auge des Sturms sowie als Entwicklerin und später Aktivistin auf. Dabei geht sie nicht nur die Ereignisse 2014 durch, sondern spricht auch über die Mechanismen, die hinter ihren eigenen Erfahrungen mit gezielten Hasskampagnen stehen und sie ermöglichen. Sie kritisiert so z.B. die Moderation von Netzgiganten wie Twitter, Facebook, aber auch der Spieleplattform Steam, legt immer wieder ihren Finger in die Wunde der politischen Dimension der Bewegung, die nicht ohne Grund als ein Faktor des Wahlsiegs von Donald Trump gesehen wird oder erklärt detailliert, warum Online Abuse eben schlicht Missbrauch ist, der nach Mechanismen funktioniert, die viel mehr mit Macht als mit den vordergründigen Strohmanndiskussionen zu tun hat.

„The term ‚online abuse‘ is far more accurate because it perpetuates the dynamics of reallife abusive situations. Silence in the face of abuse is not a solution; it’s what abusers want.“ – „Crash Override“, „Chapter Three: An Eternal Flame in a Taco Bell Dumpster“ von Zoë Quinn (Kindle eBook)

Auffällig ist auch, wie bewusst und oft präzise sie sprachlich ist. Ihr missbräuchlicher Ex-Freund wird im gesamten Buch nur als „The Ex“ bezeichnet, um ihm nicht namentlich noch mehr Raum zu gewähren als er zwangsweise einnimmt, während sie gleichzeitig immer wieder ganz unverblümt schlicht ausspricht, was für sie auf der Hand liegt und dadurch sehr oft sehr präzise die Themen und Probleme anspricht, die sie diskutiert. Ihre Beschreibungen sind klug, genau beobachtet und differenziert, während sie gleichzeitig auch in einem bei dem Thema fast merkwürdig humorvollen Stil schreibt.

Denn auch wenn „Crash Override“ im Grunde in erster Linie ein Buch ist, das schlicht beschreibt, wie gefährlich es sein kann, eine Frau im Internet zu sein, und dementsprechend schnell frustrieren und deprimieren kann – Es macht auch Mut. Die Mechanismen hinter Bewegungen wie GamerGate sowie ihre Methoden haben ihre eigenen Strukturen, die sich erforschen und verstehen lassen. Und gerade weil Quinn einen Teil davon so verständlich anhand ihres eigenen Beispiels erklärt ist „Crash Override“ schlicht eine Pflichtlektüre im Kontext von Online Abuse, gerade gegen Frauen und marginalisierte Personen, aber auch zum Verstehen, wie es sein kann, dass jemand wie Donald Trump gewählt werden konnte, oder warum auch hierzulande z.B. die AfD mit ausgerechnet dieser Bewegung kokettiert.

Wenn ihr nur ein einziges Buch zu diesen Themen lesen könnt: Lest „Crash Override“.

Dieser Text erschien ursprünglich auf Feminismus oder Schlägerei im Januar 2019, als ich noch Teil des Blogprojektes war.

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