Entscheidet euch einfach

Buchblogger Professionalität
An meinen schlechten Tagen, da bin ich eine Idealistin. Da hüpfe ich mit einer rosaroten Brille auf der Nase durch die Gegend und finde vielleicht nicht alles, aber doch sehr viel superdupertoll und könnte die halbe Welt knutschen. Das ist auch – oder viel mehr ganz besonders – beim Bloggen nicht anders. An manchen Tagen lese ich lauter spannende, kreative Posts von tollen Leuten und weiß warum ich im Grunde meines Herzens der Ansicht bin, dass gerade im Kulturbereich das Modell Blog ein sehr Gutes ist. Da tauchen manchmal so kluge oder schöne Texte in meinem Feed auf, dass mir das Herz aufgeht. Das sind die Texte, für die ich (Blogs) lese und bei denen ich hoffe, dass es mir ab und zu vielleicht auch mal gelingt, so ein Gefühl mit meinen eigenen Posts bei einem Leser auszulösen. Und dann rauscht die Leipziger Buchmesse (auf der ich dieses Jahr nicht war) vorbei und hinterlässt einen Haufen aufgescheuchter Hühner, die alle wild über ein einziges Thema diskutieren: Geld.

Die Verwechslung von Professionalisierung und Kommerzialisierung

Die Aufregung hat sich im Kern an einer wunderbaren Keynote von Karla Paul und einer Podiumsdiskussion auf der LBM hochgeschaukelt, die man auch als Daheimgebliebener als Podcast online nachhören kann. Wie immer, wenn es ein Aufregerthema gibt, hagelte es über einschlägige Facebook-Gruppen etc. danach nicht nur die üblichen Messeberichte, sondern auch diverse „Ich lasse mich nicht kaufen“-Posts, die die gesamte Diskussion auf potentiell bezahlte Rezensionen reduzierten und die Debatte ziemlich schnell sehr einseitig und damit ermüdend gemacht haben. Ich will an dieser Stelle gar nicht diese Sache im Speziellen noch einmal aufwärmen, mir geht es um etwas anderes, das mir genau genommen schon eine Weile unter den Nägeln brennt und zu dem schon ein paar unveröffentlichte Postentwürfe auf meiner Festplatte Anfang und Ende gefunden haben: Professionalität.

Und das meine ich jetzt nicht in der Weise, die in der kuschelig gemütlichen Buchbloggersphäre gerne für Aufregung sorgt, weil viele das mit „Kommerzialisierung“ gleichzusetzen scheinen. Ich meine das als eine Form von erwachsenem, reifen Verhalten. Ich meine Verantwortung.

Stöbere ich einmal ohne großartiges Ziel und komplett wahllos durch die Links in meinen üblichen Facebook-Gruppen, dann lande ich sehr oft auf der Art Blog, die es gefühlt nur noch mit Büchern gibt. Blogs mit Herzblut, Liebe und einer kuscheligen Atmosphäre, die noch sehr stark an die Anfangszeiten von Blogs als digitale Tagebücher erinnert. Da werden die Leser mit „Hallo, meine Lieben!“ angesprochen und irgendwie ist es ganz nett, da zu stöbern und die verschiedenen Geschichten zu lesen, aber unterm Strich weiß ich bei diesen Blogs auch, woher die Klischees des Buchbloggings kommen. Kurze Texte, auffällig gute Bewertungen für Jugendromane, die ich persönlich zwar nicht (mehr) mag, weil sie mir deutlich zu kitschig sind und für mich zu sehr wie vom Band wirken, unübersichtliche Seiten und z.T. grauenhafte Templates (oft auch ohne mobile Ansicht, was mich am meisten wundert), aber was soll’s.

Im Grunde ist das alles okay. Wer so einen Hobbyblog machen will, soll das tun. Wenn es Leser dafür gibt, dann ist dagegen eigentlich auch nichts einzuwenden. Your blog, your party. Die Bauchschmerzen bekomme ich bei anderen Dingen.

Es sind nämlich genau diese Blogger, die ganz besonders laut sich selbst und ihren Status in der gesamten Branche feiern, ihre eigene Liebe zum Buch und zum Bloggen betonen, aber gleichzeitig auf Instagram Bilder mit „Post vom XY-Verlag <3“-Beschreibungen veröffentlichen, später bei der Rezension aber keine Silbe davon mehr erwähnen, dass sie dieses Buch zugeschickt bekommen haben. Es sind diese Blogger, die öffentlich verkünden, sie schreiben keine negativen Rezensionen oder die sich bestimmt auch mal von einer Agentur in Bezug auf ein Honorar für Posts und die fehlende Kennzeichnung „weil unsere Kunden das vorziehen würden“ über den Tisch ziehen lassen. In diesem Kontext hat Karla Paul übrigens recht, wenn sie die fehlende Professionalität von Buchblogs anprangert. Denn da ist Unwissenheit dein schlimmster Feind. Funfact: Nur weil man einfach kein Impressum veröffentlicht, bedeutet das noch lange nicht, dass man keins bräuchte.

Das sind die Momente, in denen mir die Galle hochkommt. Nicht, weil mir die Inhalte nicht gefallen oder ich den Stil der Texte schlecht finde, das ist eine rein subjektive Entscheidung, sondern weil das Handwerkszeug nicht stimmt. Im besten Fall aus Naivität, im schlimmsten Fall aus Ignoranz, aber unterm Strich ändert das nichts. Die Bloggerwelt ist in den letzten Jahren kommerzieller geworden, ist gewachsen, hat an Bedeutung gewonnen. Und noch immer werden Verlage, also kommerzielle Unternehmen, bis zum Gehtnichtmehr romantisiert als jemand, der einem Blogger nur aus Nettigkeit und Liebe zum Lesen ein Rezensionsexemplar gibt. Newsflash: Blogger sind Werbung. Nicht mehr und nicht weniger.

Frei nach Spiderman: Aus großem Einfluss folgt große Verantwortung – Also entscheidet euch!

Die Welt ist an den meisten Tagen ohnehin schon kompliziert genug. Und das Problem mit den korrekten Kennzeichnungen ist keines das nur Blogger oder Buchblogger im Speziellen betrifft, deutlich prominenter waren solche Diskussionen eigentlich in den letzten 2 Jahren anhand von Youtubern zu beobachten. Es geht um Transparenz, um Reife und um Ehrlichkeit. Und immer bleibt ein Kern: Jeder Blogger muss sich entscheiden.

Will ich mit meinem Blog Geld verdienen? Einem Pressestatus gerecht werden? Einen gewissen Qualitätsanspruch erfüllen? Oder will ich einfach nur ein Hobby ausleben und auf den Rest scheißen, because I can?

Entscheidet euch einfach nur. Denn sobald ihr euch ein verdammtes Rezensionsexemplar zuschicken lasst, dann habt ihr eine journalistische Verantwortung. Gegenüber dem Verlag, gegenüber euren Lesern und euch selbst. Dann ist es vorbei mit reinem „Herzblut“ oder Luft und Liebe, denn dann habt ihr den Schritt in die Buchbranche gemacht, ihr seid Teil eines Systems, in dem es zwar auch um Kunst, aber in erster Linie einmal um Geld geht. Sobald ihr euch auf den Buchmessen als Blogger akkreditieren lasst, habt ihr zugesagt, dass ihr als Pressevertreter da seid, als Influencer, der seiner Community über die Messe und ihre Events berichten kann, darf und soll. Sobald ihr auf einem Bloggerevent eines Verlags aufschlagt und evtl. auch ein Interview mit einem Autor führt, betreibt ihr eine Form von Journalismus. Und Journalismus verpflichtet, egal welcher stilistischen oder redaktionellen Qualität. Das gilt für eine Schülerzeitung genauso wie für ein großes Medium wie z.B. die ZEIT, das gilt für einen kleinen Blogger genauso wie für den Online-Redakteur besagter Zeitungen.

Also entscheidet euch. Wollt ihr diese journalistische Verantwortung auf euch nehmen und in welchem Grad wollt ihr das tun oder wollt ihr es nicht? Wollt ihr an der Branche teilhaben und euch dementsprechend erwachsen und professionell verhalten (egal, ob ihr daraus Geld schlagt oder nicht) oder wollt ihr einen reinen Feelgood-Blog ohne all das machen? Entscheidet euch nur. Und kennzeichnet euren Scheiß.

 

Übrigens:
Caro von Time and Tea (ein toller Nerd-/Geekblog, just sayin‘) hat übrigens kurz nach mir auch einen Post zu dem Thema veröffentlicht (klickt euch mal hier dazu durch) und spricht im Kern so ziemlich dasselbe an wie ich an, bringt aber den größeren Kontext von Youtube & Co, den ich offenbar für etwas zu selbstverständlich bekannt gehalten habe, noch etwas besser auf den Punkt. Schaut mal bei ihr vorbei, der Text ist ihr wirklich gut gelungen.

 

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Über uns Geekgeflüster

Ich bin Aurelia und blogge seit 2012 über Gaming, Bücher, Filme, Serien und mehr. Kurz: Das hier ist mein Geekgeflüster.

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