Bromance und Urban Fantasy: Ist das Fetisch oder kann das weg?

Bromance Urban Fantasy Supernatural
Männerfreundschaften in fiktionalen Werken sind wohl ein Motiv, das es gibt seit Menschen sich Geschichten erzählen. Von Artus und seinen Rittern über Don Carlos und Marquis von Posa bis zu Frodo und Sam: Die „Bromance“, also die brüderliche Liebe zwischen zwei männlichen Figuren, ist eigentlich schon ein uralter Hut. Manchmal gibt es vielleicht mehr, manchmal weniger Raum für Spekulationen, wie viel „brother“ und wie viel „romance“ in dieser Beziehung steckt, aber mit oder ohne Romantik stehen sich in jedem Fall die beiden Teile dieser Bromance schlicht nahe. Trotzdem: Mit „Supernatural“, „Vampire Diaries“, „Shadowhunters“ und mehr Serien hat in den letzten Jahren eine ganz eigene Form der Männerfreundschaft zwischen Brüdern Aufschwung erhalten. Und die sind besonders in Serien sicher Vieles von spannend bis dramatisch, aber ganz sicher immer auch das Material, aus dem Fanfictions gemacht sind.

Spoilerhinweis

Bruderliebe, Parabatai und „family buisness“

„Saving people, hunting things, the family buisness“ ist wohl eines der bekanntesten Zitate aus „Supernatural“, dicht gefolgt von „Dad’s on a hunting trip and he hasn’t been home for a few days“. Beides sagt Dean zu seinem jüngeren Bruder Sam im Laufe der ersten Staffel und beides ist typisch für die schier nicht enden wollende Geschichte der Winchesters. Sam und Dean sind nicht nur biologische Brüder, sie sind auch im Gedanken verbunden, dass man seinen Bruder eben nicht im Stich lässt. Selbiges gilt für vergleichbare Brüderpaare wie Stefan und Damon Salvatore in „Vampire Diaries“, wo eine ganze Weile der gesamte Plot ihrer Beziehung daraus besteht, dass der eine den anderen retten muss, weil sie eben Brüder sind. Dieselbe Idee hält übrigens auch die Handlung in „Supernatural“ seit mindestens fünf Staffeln am Leben. Und damit nicht genug: Auch „Shadowhunters“, das eine deutlich jüngere Serie ist, bedient dieses Prinzip. Die beiden Dämonenjäger Alec und Jace sind zwar keine leiblichen Brüder, stehen sich aber so nahe und sind obendrein Parabatai, was innerhalb der Serie eigentlich nur das übernatürliche Symbol ihrer Bromance ist, die über simple Blutsverwandtschaft hinaus geht.

Die große Ironie an dieser sehr intensiv gepflegten Bruder-Beziehung ist, dass alle drei Brüderpaare abgesehen voneinander eher verkorkste Beziehungen zu ihrer Familie führen, ganz besonders zu ihren Eltern. Für Alec und Jace ist es ein zentrales Plotmittel, dass sie beide große Probleme mit ihren biologischen Eltern haben. Jace, weil sein Vater der Bösewicht ist und seine Mutter ihn töten will, und Alec, weil ganz besonders seine Mutter will, dass er Karriere unter den Shadowhuntern macht, wofür er, der er schwul ist, aber ein Mädchen aus einer günstigen Familie heiraten müsste. Bei Stefan und Damon ist der Konflikt ein anderer, führt aber zum selben Ergebnis: Ihre Mutter ist bei Stefans Geburt gestorben und Damon, der ihr nahe stand, macht das Stefan zum Vorwurf. Und gemäß dem Erzählprinzip, dass Konflikt dazu da ist, damit die Protagonisten ihn überwinden, sehen die beiden auch hier wieder über ihre Streitereien hinweg, wenn es hart auf hart kommt. Alle drei Brüderpaare stecken volle Probleme, aber im Zweifelsfall haben sie wenigstens einander.

Magie und Drama bis dass der Tod euch scheidet

Aber gerade die Parabatai-Verbindung erfüllt innerhalb des „Shadowhunters“-Universums noch eine weitere, ganz entscheidende Rolle, die auch gleichzeitig eine weitere Eigenschaft der Bromance zwischen Jace und Alec darstellt: Die beiden könnten sich nicht einmal trennen, wenn sie es wollten. Sie sind als Parabatai für immer miteinander verbunden und offenbar beinhaltet das auch eine Art übernatürliches GPS, das Alec regelmäßig aktiviert, um seinen Bruder in Schwierigkeiten aufzutreiben. Diese Verbindung basiert auf einer bestimmten Rune, einem magischen Zeichen, mit dem sich Shadowhunters tätowieren, und ist damit stärker als jede rein emotionale Beziehung es sein könnte. Ganz davon zu schweigen, dass sie unumkehrbar zu sein scheint. Die Bromance zwischen Jace und Alec hat damit tatsächlich eine lebenslange Laufzeit. Sollte einer der beiden heiraten, könnte er sich scheiden lassen. Seinen Parabatai dagegen wird er nicht mehr los.

In „Shadowhunters“ ist diese Art von magischer Absicherung gegen eventuellen Krach im Brüder-Paradies vielleicht offensichtlich, aber nicht einzigartig. „Supernatural“ zaubert im Laufe des Apokalypsen-Plots der dritten bis fünften Staffel die Erklärung aus dem Hut, dass Sam und Dean von Kain und Abel abstammen sollen. Das wiederum macht sie zu den perfekten „Gefäßen“ für die Engelsbrüder Luzifer und Michael, die vorhaben, in den Körpern der Jungs das Ende der Welt zu umkämpfen. Tatsächlich trennen sich die Winchesters im Laufe dieses Konflikts, aber direkt im Anschluss wird Dean eine Zukunftsversion präsentiert, in der er mit eigenen Augen beobachten kann, wie seinen kleinen Bruder diese Entscheidung in Luzifers Arme treibt. Und wieder dient eine übernatürliche Verbindung als großes Stoppschild bevor die beiden Teile der Bromance auseinander gehen könnten. „Vampire Diaries“ wirkt dagegen schon unspektakulär. Hier ist es nur die gemeinsame Verwandlung in Vampire gekoppelt an ein paar Schuldgefühle auf Stefans und Wut auf Damons Seite, die diese Verbindung darstellt, aber sie lässt sich auch in Mystic Falls wiederfinden.

Das kalkulierte Fandom

Das lässt sich natürlich auch alles – unabhängig von der Bromance – der vielleicht etwas kitschgeladenen, aber natürlich legitimen Dramatik zuschreiben, von der diese Serien leben. Zum Beispiel „Supernatural“ parodiert auch innerhalb der Haupthandlung gerne Phänomene aus dem eigenen Fandom. Auch oder gerade wenn es um Ships geht, also romantische Beziehungen zwischen zwei Figuren, die sich (nur) die Fans wünschen. Die Interpretation eines (oft auch relativ fiktiven) homoerotischen Subtexts durch Fans gehört zu diesen Paaren genauso wie alles, das Teil der „offiziellen“ Handlung abseits von Fanfictions ist. Besonders „Supernatural“ und die Parodie der Auswüchse des eigenen Fandoms zeigt, dass diese Interpretationen auch einkalkuliert sind. In der 200. Folge wird sogar selbst „Wincest“ erwähnt, das sich aus den Wörtern „Winchester“ und „incest“ zusammensetzt und innerhalb des Fandoms als Bezeichnung für Sam und Dean als Paar etabliert hat. Unter Fans wurde die gesamte Folge sogar als eine Art „Okay“ für Fanfictions und mehr von Seite der Autoren gesehen.

„Supernatural“, „Vampire Diaries“, „Shadowhunters“ und noch einige Serien mehr teilen sich dabei mehr als nur ähnliche Baupläne für ihre Bromances. Sie teilen sich ihre Zielgruppe und oft genug auch tatsächlich ihre Fans. Dementsprechend wird mit Fangirling auch gerechnet, es ist sogar wichtig, weil davon die Fangemeinde lebt. Auffällig ist da, dass Bromances sich nicht nur in ihrer Struktur oder ihrem Hintergrund ähneln, sondern auch in Banalitäten wie die Rollenverteilung oder sogar nur dem Aussehen der Schauspieler. Es gibt immer einen „vernünftigeren“ und „beschützenden“ Bruder und einen, der ständig in Schwierigkeiten steckt, einen mit dunklen und einen mit helleren Haaren und im Idealfall gibt es noch irgendeine Frau, die für Konflikt zwischen beiden sorgt, aber sie selbstverständlich doch nicht auseinander bringt. Der erste Punkt kann sogar von Bruder zu Bruder wechseln, wenn einer von beiden aus seiner ursprünglichen Rolle fällt. Sowohl bei „Vampire Diaries“ als auch „Supernatural“ verschiebt sich so beispielsweise der Gefahrenfaktor von Sam zu Dean und von Damon zu Stefan.

Die Parallelen gehen im Detail oft noch weiter, gerade wenn man den Blick ein wenig aufs Umfeld der Bromance oder der Erzählmuster rund um verschiedene „Ich muss meinen Bruder retten!“-Plots ansieht, der Knackpunkt ist ein anderer: Ob biologischer Bruder oder Parabatai – Moderne Urban Fantasy-Serien haben Brüder-Männerfreundschaften auf ihre ganz eigene Weise in ihre Erfolgsformel aufgenommen. Fangirling, Fanart, Shipping. Das alles ist einkalkuliert, damit wird gerechnet. Und mit diesen Bromances noch unterstützt. Zugegeben, in Fällen wie Inzest-Ships ist das immer wieder irritierend, gleichzeitig befeuert Fan-Freude in den sozialen Medien auch den Erfolg einer Serie. Und im Fall von „Supernatural“, der Mutter aller tumblr-Fangemeinden, ist das auch wohl der Grund für die letzten sechs Staffeln.

 

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