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„Bridgerton“ und Zombies

3. Januar 2021

Bild: Edmund Leighton, Off (1899). (Ausschnitt)

Ende Dezember erschien „Bridgerton“, eine bonbonbunte Regency-Serie basierend auf der gleichnamigen Liebesroman-Reihe von Julia Quinn, und macht in ihrem Inhalt eigentlich sehr viel so wie vieles aus dem Spektrum der Regency-Romances. Es wird geschmachtet, getanzt, sehr viel geknickst und sehr viel über alle anderen geklatscht und getratscht. (Ärgerlicher Weise ignoriert die Serie nach etwas oberflächlichem Feminismus in der ersten Hälfte der Staffel in der zweiten Hälfte auch an einer Stelle das Konzept von Consent vollkommen, aber das sei hier nur am Rande erwähnt.) Eine Besonderheit, die gerade die deutsche Presse (z.B. hier, hier und hier) scheinbar nicht müde wird, mit leicht irritiert klingendem Erstaunen zu wiederholen, ist allerdings, dass in „Bridgerton“ auch nicht-weiße Schauspieler*innen Adelige im Regency-England spielen.

Wer Romance und Historien-Romance als Genre in den letzten Jahren auch nur am Rande verfolgt hat, sollte davon eigentlich nicht überrascht sein. Viele feministische und antirassistische Debatten über Popkultur sind in den letzten Jahren zuerst wahlweise unter Romance-Autor*innen und Leser*innen bzw. in Fandoms und unter Fans und Autor*innen von Fanfictions diskutiert worden. Das Fanfiction-Portal AO3 ist und bleibt eines der prominentesten Beispiele, wie Content Notices in Bezug auf Literatur standardisiert werden können. Grabenkämpfe über die Romantisierung von sexualisierter Gewalt u.ä., wie sie z.B. in der deutschsprachigen Buchblogszene im Kontext von YA-Romance um 2016 herum groß diskutiert wurden, waren und sind in diesen Räumen schon lange vorher Thema. Nicht alles davon ist produktiv, aber die Existenz dieser Debatten ist hier längst vollkommen normalisiert. Dass eine Verfilmung wie „Bridgerton“ sich also mit Diskussionen über Diversität und Repräsentation wenigstens auseinandersetzt, ist nicht sonderlich überraschend und irgendwo eigentlich nur zielgruppenorientiert.

Die Implikation bei dieser unterschwelligen Irritation und der an anderen Stellen recht offen lesbaren Empörung über die Existenz von nicht-weißen Schauspieler*innen in einer Serie im Regency-England ist allerdings natürlich die, dass so ein Casting nicht zu seinem historischen Setting passt. Es ist nicht historisch korrekt.

Historische Korrektheit von Popkultur als Konzept ist ganz grundsätzlich etwas, womit man sehr zielgenau schlechte Laune bei Historiker*innen auslösen kann. Historische Korrektheit im Sinne einer universellen Wahrheit von Geschichte an sich ist schon ein problematisches Konzept und in Bezug auf Popkultur erst recht, schon allein weil sie mit diesem universellen Anspruch unmöglich ist. Trotzdem ist die Debatte darum einer der Zombies, die man schlicht und ergreifend nicht loswird, wenn man sich mit Historien-Medien beschäftigt. Im besten Fall, weil es einfach ein Bedürfnis des Publikums gibt, ein durch Popkultur gewecktes Interesse für eine Epoche zu befriedigen, im sehr viel häufigeren und unangenehmeren Fall allerdings eher, weil einige Leute es nicht müde werden, „Historische Korrektheit“ als Goldstandard hochzuhalten, dem sich Popkultur angeblich zu unterwerfen hat. Dass damit eigentlich historische Authentizität gemeint ist, geschenkt. Zwischen Begrifflichkeiten wie „Realismus“, „historischer Korrektheit“ oder „Authentizität“ wird in diesen Diskussionen sowieso selten unterschieden. Die bittere Realität ist dagegen die: „Historische Korrektheit“ ist eine diskursive Waffe, die vor allem dann eingesetzt wird, wenn es darum geht, bestimmte Gruppen – insbesondere Frauen, BIPoC und queere Menschen – zum Problem zu erklären. Kein Film, kein Spiel, kein Roman oder sonst irgendein erzählendes Medium ist jemals historisch korrekt. Sei es, weil ein Detail Gegenstand einer Forschungskontroverse ist oder weil sich die Schöpfer*innen eines Werks irgendwo bewusst oder unbewusst Freiheiten genommen haben.

Doch viel ermüdender ist etwas anderes: Der nach wie vor weit verbreitete Unwille, sich damit auseinander zu setzen, dass die Einforderung von historischer Korrektheit so gut wie immer eine ideologisch-diskriminierende Dimension hat. Sie wird immer nur dann zitiert, wenn die sie einfordernden Personen ein Problem darin sehen, dass andere soziale Gruppen in einem fiktionalen Werk auftauchen. Sie ist ein Mittel, um bestimmte Leute auf einen scheinbar angestammten Platz am Rande von bestimmten Imaginationen von Geschichte zu verweisen.

Das bedeutet nicht, dass sich das Casting von „Bridgerton“ sich nicht kritisieren ließe, ganz im Gegenteil. Wie die Autorin der Bücher im Nachhinein in einem Interview klarstellte, sind die Schauspieler*innen von „Bridgerton“ tatsächlich nicht colorblind gecastet worden. Stattdessen sollte die Serie einen Entwurf eines Regency-Englands aufmachen, der ein wenig der Frage nachspüren soll, wie dieses Setting hätte aussehen können, wenn eine Schwarze Königin ihre Position und macht genutzt hätte, um andere BIPoC in den englischen Adel zu befördern. (Tatsächlich gibt es auch einen kurzen Dialog zwischen dem Duke of Hastings und Lady Danbury, der das thematisiert.) Wo dieses Gedankenspiel etwas unangenehm wird, ist, dass die Idee damit begründet wird, dass Königin Charlotte einen „African background“ gehabt haben könnte, wobei diese Bemerkung im selben Atemzug wie der Satz „It’s a highly debated point and we can’t DNA test her so I don’t think there’ll ever be a definitive answer“ fällt. Die Bemerkung offenbart schlicht eine naive Vorstellung davon, was Race als Konzept meint und eben nicht so einfach mit DNA gleichzusetzen ist. Und genauso, wie es ein valides Argument ist, dass das diverse Casting von „Bridgerton“ zur Teilhabe am Regency-Fluff nur richtig ist, genauso muss sich die Serie den Vorwurf gefallen lassen, eine Epoche durch das vollständige Ausblenden des Rassismus, auf dem diese Zeit und ihre Protagonist*innen aufbaute, so nachträglich künstlich diverser zu machen und damit zu romantisieren.

Über diese Spannung aus unterschiedlichen Blickwinkeln, so interessant sie sein kann, lässt sich aber nicht reden, ohne anzuerkennen, dass das pauschale Ablehnen und Problematisieren von BIPoC in Historien-Medien nur aufgrund von Korrektheitsforderungen längst nichts anderes als ein Strohmannargument ist. Es sind immer nur Leute, die man mehr, mal weniger von der Schablone eines weißen, cishetero Mannes abweichen, die mit diesen Forderungen als unauthentisch und nicht korrekt deklariert werden. Diese Forderungen interessieren sich nicht für die Grauzonen und Diskussionen rund um mögliche historische Realitäten, sondern nur dafür, Ideen von weißen Menschen, insbesondere von weißen Männern, als einzige oder wenigstens primäre Handlungsträger von Geschichte zu imaginieren.

Es ist ein wenig frustrierend, das hier zu schreiben, weil ich Varianten davon schon ein paar Mal über die Jahre geschrieben habe, aber: Historische Korrektheit ist kein universeller Maßstab für historisch inspirierte Medien. Das war sie nie und wir es nie sein. Sie kann ein Faktor bei der Beurteilung oder Interpretation sein, aber sie ist nie das Maß aller Dinge. Und statt immer in diesem Rahmen festzuhängen und so implizit, diskriminierende Strohmannargumente zu legitimieren, wäre es ganz schön, wenn 2021 endlich mal mehr Menschen von diesem Unsinn einmal abweichen könnten.

  • Blogophilie Januar 2021 | Miss Booleana
    11. Februar 2021 at 14:01

    […] „Bridgerton“ und Zombies Der Zombie über den Aurelia hier schreibt ist die nicht tot zu kriegende Debatte über historische Korrektheit, derer sich zwangläufig jeder Stoff ausliefert. Bridgerton pfeift drauf, kann sich aber damit leider trotzdem nicht ganz den Zombies entziehen. Auch Katlin schreibt in “ISABELLA” UND “BRIDGERTON”: ES GEHT NICHT UM HISTORISCHE AUTHENTIZITÄT über das falsche Maß der historischen Korrektheit, Erasure und was unser stetes Problem damit ist. Dass sie uns zum Beispiel vorenthalten wird … wusstet ihr, dass Alexandre Dumas schwarz war? […]

  • "Isabella" und "Bridgerton": Es geht nicht um historische Authentizität - Zeitfäden
    3. Januar 2021 at 19:51

    […] Geekgeflüster | “Bridgerton” und Zombies  […]

Über mich und diesen Blog

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Aurelia Brandenburg - Historikerin und Bloggerin. Ich beschäftige mich meisten mit Mittelalter, Digital Humanities und Game Studies, nicht zwingend immer in dieser Reihenfolge. Auf Geekgeflüster schreibe ich seit 2012 über Popkultur, inzwischen oft aus einer feministischen Perspektive und manchmal auch über Popkultur und Geschichte, insbesondere Popkultur und Mittelalterrezeption. Außerdem schreibe ich auch für Language at Play. Auf Twitter findet man mich als @hekabeohnename.


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