Beschreib mir deine Realität und ich zeige dir deinen Realismus

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Irgendwann im Verlauf der letzten Jahre schein „Realismus“ zu einer merkwürdig unumstößlichen Maxime des Erzählens geworden zu sein, die regelmäßig angepriesen und eingefordert wird. Dabei ist ein allgemeingültiger Realismus vor allem eins: Ein Mythos.

Die Idee, mit der eigenen Geschichte so nah an „die“ Realität wie möglich zu kommen, ist eine Art Heiliger Gral moderner Erzähltechnik. Autorenratgeber erklären, wie man möglichst detailgetreu jeden noch so kleinen Fehler ausmerzen und stattdessen „richtig“ schreiben kann, Fans jubeln über den komplexen Realismus ihrer Lieblingsgeschichten und auch Autor*innen wie George R.R. Martin werden immer wieder nicht müde, zu betonen, dass sie ja diese und jene Sache im Gegensatz zu ihren Kolleg*innen so detailgetreu wie nie recherchiert haben.

Und tatsächlich birgt diese Anspruch nicht nur Schlechtes: Gute Recherche von Schreibenden zu verlangen führt unter anderem dazu, dass Lesende Autor*innen immer öfter für uninformierte oder ignorante Tropes zur Rechenschaft ziehen, die z.B. Rassismus oder Sexismus verherrlichen. Gleichzeitig leben wir in Zeiten, in denen besonders gritty realism, also eine düstere Form von Realismus, und alle Abstufungen desselben weiterhin in Mode bleiben. Erst wenn das Blut so richtig spritzt, die zehnte voyeuristische Vergewaltigung gezeigt wird und erst wenn in einer Art trashiger Hamlet-Manier alle tot am Boden liegen, scheint echter Realismus erreicht zu sein.

Effekhascherei, aber in „realistisch“

Was mal als Tabubruch begann, ist spätestens seit „Game of Thrones“ und dem Einfluss der Serie wie der Bücher auf die Popkulturlandschaft zur effekthascherischen Farce geworden. Das wäre auch nicht einmal etwas wirklich Schlimmes, denn manchmal sind es eben die Bilder und Stimmungen, die an einer Geschichte faszinieren, selbst wenn die Handlung allein durch diesen Stil schon vorhersehbar ist – Wäre „Realismus“ nicht mit dem Aufschwung von gritty realism scheinbar zu einer unumstößlichen Maxime des Erzählens geworden. Und wäre die Deutungshoheit über diesen „Realismus“ nicht eine, die fest in den Händen von Personen zu sein scheint, die kein Problem darin zu sehen scheinen, dass häufig zu allererst Frauen und marginalisierte Personen Opfer dieses Realismus sind.

Dabei bringt nichts davon zwingend irgendetwas näher an „die“ Realität, sondern ist nur eine weitere Linse von vielen, noch dazu eine, die in erster Linie auf privilegierten Perspektiven fußt. Denn natürlich kann z.B. eine Frau großes Leid erfahren, aber wenn eine Strömung von Fiktion Vergewaltigungen und Leid im allgemeinen oft als einzige mögliche Motivation für ein aktives Handeln von Frauen zulässt, während männliche Figuren eine Vielzahl von Gründen an die Hand bekommen, dann ist das faules und im schlimmsten Fall schädliches Storytelling.

Die „Game of Thrones“-Serie ist ein Paradebeispiel dafür: Sowohl Cersei als auch Sansa und Daenerys sind Frauenfiguren, die ursprünglich im Nachteil waren. Alle drei werden jung verheiratet, alle drei ohne ihre Männer groß zu können und alle drei führen Ehen, in denen sie vergewaltigt werden. Daenerys ist die Einzige, die sich in ihren Mann dann doch verliebt bevor er stirbt, während sowohl Cersei als auch Sansa auf die eine oder andere Weise Rache nehmen. Alle drei haben sie damit gewaltvolle Hintergrundgeschichten bevor sie zu aktiven und scheinbar „badass“ Figuren werden. Und alle drei wachsen über die Gewalt, die sie erlebt haben, hinaus, indem sie selbst noch brutaler werden. Das alles geschieht onscreen dann noch mit einem Voyeurismus, der schon fast peinlich, aber eben einem düsteren Realismusanspruch entspricht.

Realismus ist ein Mythos

Tatsächlich ist die Realität jeder einzelnen Person sowohl in Fiktion als auch im realen Leben von Perspektiven geprägt und nur mehr Gewalt unter zu bringen, macht noch nichts „realistischer“, sondern höchstens einer einzelnen Vorstellung von Realität näher. (Noch dazu einer relativ langweiligen und vorhersehbaren, weil sie in den letzten Jahren so ausgiebig genutzt wurde, dass wir alle daran gewöhnt sind.) Eine Vorstellung und Perspektive, zu der es tausend Alternativen gäbe, die erst einmal legitim wären. Damit ist „Realismus“ also ein Mythos, ein Geist, den irgendwie alle zu jagen scheinen, während es ihn aber tatsächlich nicht einmal wirklich in dieser konstruierten Allgemeingültigkeit gibt. Oder auch: Beschreib mir deine Realität und ich zeige dir deinen Realismus.

Artikelbild: Alfons Morales via Unsplash

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5 Kommentare

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  4. Admiral Ahmose

    Ja, das mit dem angeblichen Realismus ist so eine Sache. Heutzutage muss eben alles „realistisch“ sein, d.h. irgendwie kaputt, düster und brutal. Ich denke die Realität im Mittelalter sah nicht so aus.

    Ehrlich gesagt habe ich nichts gegen die alten Heldengeschichten. Realismus in Geschichten, Filmen und Spielen brauche ich nicht.

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